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Full text of "Jenseits Von Freiheit Und Würde"

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B. F. Skinner 

Jenseits von Freiheit 
und Würde 

Deutsch von Edwin Ortmann 

<f/^> 


Rowohlt 



Übertragen nach der bei Alfred A. Knopf, Inc., New York, 

unter dem Titel Beyond Freedom and Dignity 

erschienenen Originalausgabe 

Die halbfett gesetzten < Zwischenüberschriften» sind 

zur besseren Orientierung hinzugefügt worden 

Schutzumschlag~ und Einbandentwurf 

von Werner Rebhuhn 


i.-i j. Tausend Januar 1973 

© Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1973 

Beyond Freedom and Dignity Copyright © 1971 by B. F. Skinner 

Alle Rechte Vorbehalten 

Gesetzt aus der Linotype-Garamond- Antiqua 

Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck/Schleswig 

Werkdruckpapier von der Papierfabrik Temming AG, Glückstadt/Elbe 

Printed in Germany 

ISBN 3 498 06101 1 



Justine und ihrer Welt gewidmet 



Inhalt 


1 Eine Technologie des Verhaltens 

9 

2 Freiheit 

33 

3 Würde 

50 

4 Bestrafung 

66 

5 Alternativen zur Bestrafung 

88 

6 Werte 

106 

7 Die Evolution einer Kultur 

132 

8 Der Entwurf einer Kultur 

150 

9 Was ist der Mensch? 

188 

Danksagungen 

221 



1 

Eine Technologie 
desVerhaltens 


Versagen der Technologien. Bei dem Versuch, mit den erschrek- 
kenden Problemen fertig zu werden, denen wir in der Welt von 
heute gegenüberstehen, halten wir uns natürlich an die Dinge, die 
wir am besten beherrschen. Wir gehen von dem Bereich aus, in dem 
wir stark sind, von Wissenschaft und Technologie. Um eine Bevöl- 
kerungsexplosion einzudämmen, suchen wir nach besseren Metho- 
den der Geburtenregelung. Bedroht von einer nuklearen Massen- 
vernichtung, bauen wir immer stärkere Abs ehre ckungs waffen und 
Anti-Raketen-Systeme. Eine weltweite Hungersnot versuchen wir 
dadurch hinauszuschieben, daß wir neue Nahrungsmittel und effek- 
tivere Erzeugungsmethoden entwickeln. Eine fortschrittliche Medi- 
zin und ein verbessertes Gesundheitswesen werden, so hoffen wir, 
Krankheiten und Seuchen kontrollieren, besseres Wohn- und 
Transportwesen sollen das Problem der Slums lösen helfen; mit 
neuen Verfahren der Müllvernichtung oder -beseitigung versuchen 
wir der Umweltverschmutzung Herr zu werden. Auf all diesen Ge- 
bieten können wir bemerkenswerte Leistungen vorweisen, und so 
überrascht es niemanden, wenn wir versuchen, diese Leistungen noch 
weiter auszubauen. Doch die Lage der Dinge verschlimmert sich 
ständig, und es ist entmutigend, wenn man entdeckt, daß sogar die 
Technologie selbst immer häufiger versagt. Medizin und Gesund- 
heitswesen haben die Bevölkerungsprobleme noch schmerzhafter 
hervortreten lassen, der Krieg hat mit der Erfindung der Atomwaf- 
fe noch schrecklichere Dimensionen angenommen, und die übertrie- 
bene Jagd nach dem Glück ist großenteils für die Verschmutzung 
unserer Umwelt verantwortlich. Darlington* erklärte dazu: «Jede 

* C. D. Darlington: <The Evolution of Man and Society >. Zitiert nach 
Science (1970), S. 1332. 


9 



neue Quelle, aus der der Mensch seine Macht auf dieser Erde ver- 
stärkte, ist benutzt worden, um die Zukunftsaussichten seiner Nach- 
kommen zu beeinträchtigen. Seinen ganzen Fortschritt hat er er- 
zielt durch seiner Umwelt zugefügten Schaden, den er nicht vorher- 
sehen konnte und der nicht wiedergutzumachen ist.» 

Ob dieser Schaden vorhersehbar war oder nicht, der Mensch muß 
ihn wiedergutmachen, oder alles ist verloren. Das kann er aber nur, 
wenn er die Natur des Problems durchschaut. Allerdings wird er 
seine Schwierigkeiten nicht lösen können, wenn er sich dabei aus- 
schließlich auf die physikalischen oder biologischen Wissenschaften 
verläßt, denn die erforderlichen Lösungen müssen auf anderem Ge- 
biet gefunden werden. Bessere Empfängnisverhütungsmittel wer- 
den den Bevölkerungszuwachs nur dann kontrollieren, wenn die 
Menschen sie auch benutzen. Neue Kampfmittel können zu neuen 
Verteidigungsmethoden führen und umgekehrt, doch läßt sich eine 
atomare Massenvernichtung nur dann verhindern, wenn die Be- 
dingungen, auf deren Grund Volker einander bekriegen, geändert 
werden können. Neue Verfahren der Landwirtschaft oder der Me- 
dizin bleiben nutzlos, wenn sie nicht auch praktisch angewandt wer- 
den, und das Wohnwesen hat nicht nur mit Städten und Häusern 
zu tun, sondern auch damit, wie Menschen überhaupt leben. Bevöl- 
kerungsballungen können nur dann vermieden werden, wenn die 
Menschen dazu gebracht werden können, nicht mehr in Ballungsge- 
biete zu ziehen, und mit unserer Umwelt wird es so lange bergab 
gehen, bis man die Verschmutzungspraktiken aufgeben wird. 

Kurzum, wir müssen im Verhalt en des Mensch enjweitreichende 
Veränderungen herbeiführen, was allerdings unmöglich ist, wenn 
wir unsTazu nur der Physik oder Biologie bedienen, ganz gleich, 
wie sehr wir uns auch bemühen. (Außerdem gibt es noch andere 
Probleme, wie zum Beispiel das Versagen unseres Erziehungssy- 
stems und die Unzufriedenheit und Revolte der Jugend, zu deren 
Lösung physikalische und biologische Technologien so offensichtlich 
ungeeignet sind, daß man sie in diesem Rahmen überhaupt nicht 
ernst anzuwenden versucht hat.) Es genügt nicht, <die Technologie 
Hand in Hand mit einem tieferen Verständnis für menschliche Pro- 
bleme einzusetzen», es genügt nicht, <die Technologie in den Dienst 
der geistigen Bedürfnisse des Menschen zu stellen», und genausowe- 


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nig genügt es, Technologen anzuspornen, daß sie sich auch mit 
menschlichen Problemen befassen». Solche Formulierungen implizie- 
ren, daß dort, wo menschliches Verhalten beginnt, die Technologie 
aufhört und daß wir so weitermachen müssen wie bisher, mit dem 
nämlich, daß wir aus persönlicher Erfahrung oder aus der Ansamm- 
lung von persönlichen Erfahrungen namens Geschichte gelernt haben, 
oder auch mit jenem Extrakt aus Erfahrung, der uns in Volksweis- 
heiten und praktischen Daumenregeln begegnet. All das steht seit 
Jahrhunderten zur Verfügung; doch was es uns eingebracht hat, ist 
die Lage, in der sich die Welt heute befindet. 

Entwurf einer Verhaltenstechnologie. Was wir brauchen^ ist -eins 
Technologie des Verhaltens. Wir wären imstande, unsere Probleme 
rasch genug zu lösen, wenn sich das Wachstum der Weltbevölkerung 
genauso exakt regulieren ließe, wie wir den Kurs eines Raumschif- 
fes regulieren, oder wenn wir Landwirtschaft und Industrie mit 
der gleichen Sicherheit verbessern könnten, mit dem wir zum Bei- 
spiel Elektronen beschleunigen, oder wenn wir einer friedlichen 
Welt in der Art desjxnabläss igen F oruchritts entgegenstrebten, mit 
dem die Physik dem absoluten Nullpunkt näher gekommen ist (ob- 
gleich vermutlich beide unerreichbar bleiben werden). Doch eine 
solche Verhaltenstechnologie, die in ihrer Wirksamkeit und ihrer 
Präzision der physikalischen und biologischen Technologie vergleich- 
bar wäre, gibt es nicht. Jene, die ihre Möglichkeiten an sich nicht 
lächerlich finden, dürften von dieser Möglichkeit zudem eher er- 
schreckt als beruhigt sein. So weit entfernt sind wir also von einem 
<Verständnis für menschliche Probleme» in dem Sinn, in dem zum 
Beispiel Physik und Biologie ihren jeweiligen Fachbereich verste- 
hen; so weit entfernt sind wir also von der Verhütung der Kata- 
strophe, der die Welt unerbittlich entgegenzutreiben scheint. 

Menschliche Natur und menschliches Verhalten. Vor zweitau- 
sendfünfhundert Jahren hätte man vielleicht sagen können, daß der 
Mensch sich genausogut verstand wie jeden anderen Teil seiner 
Welt. Fleute versteht er sich selbst am wenigsten. Physik und Bio- 
logie haben einen weiten Weg hinter sich, doch eine vergleichbare 
Entwicklung einer Wissenschaft vom menschlichen Verhalten hat es 


11 



nicht gegeben. Die Physik und die Biologie der alten Griechen sind 
heute nur mehr von historischem Interesse (kein zeitgenössischer 
Physiker oder Biologe würde heute noch Rat bei Aristoteles su- 
chen), während die Dialoge von Platon immer noch von Studen- 
ten gelesen werden müssen und so zitiert werden, als verschafften 
sie uns Einblick in menschliches Verhalten. Aristoteles wäre unfähig, 
eine Seite aus einem modernen Lehrbuch der Physik oder Biologie 
zu verstehen, während Sokrates und seine Familie nur wenig Mühe 
hätten, den aktuellsten Diskussionen über menschliche Probleme 
zu folgen. Was nun die Technologie anlangt, so haben wir bei 
der Beherrschung der physikalischen und biologischen Welten ge- 
waltige Fortschritte erzielt, während wir unsere Praxis im Bereich 
des Regierens, der Erziehung und eines Großteils der Wirtschaft 
zwar äußerst unterschiedlichen Bedingungen angepaßt haben, ohne 
sie jedoch sonderlich zu verbessern. 

Dies läßt sich wohl kaum mit der Behauptung erklären, daß die 
alten Griechen alles wußten, was über menschliches Verhalten wiß- 
bar war. Gewiß, sie wußten mehr darüber als über die physikali- 
sche Welt, aber sehr viel war das trotzdem nicht. Dazu kommt noch, 
daß ihrer Art, über menschliches Verhalten nachzudenken, eine fa- 
tale Schwäche innewohnte. Während die Physik und Biologie der 
alten Griechen, auch wenn sie noch so unausgegoren gewesen sein 
mögen, schließlich zur modernen Wissenschaft geführt haben, führ- 
ten ihre Theorien über das Verhalten des Menschen nirgendwohin. 
Und wenn ihre Thesen auch heute noch gültig sind, so nicht des- 
halb, weil sie irgendeine ewige Wahrheit ausdrückten, sondern weil 
sie nicht den Keim zu irgend etwas Besserem in sich trugen. 

Natürlich läßt sich immer behaupten, das Verhalten des Men- 
schen sei ein besonders schwieriger Gegenstand. Das stimmt, und 
wir sind ganz besonders geneigt, so zu denken, eben weil wir so un- 
fähig sind, uns mit diesem Verhalten wirksam auseinanderzusetzen. 
Andererseits befassen sich die Physik und Biologie von heute höchst 
erfolgreich mit Problemen, die gewiß nicht einfacher als viele 
Aspekte des menschlichen Verhaltens sind. Der Unterschied ist, daß 
die Instrumente und Methoden, die heute von Physik und Biologie 
benutzt werden, sich durch eine angemessene Komplexität auszeich- 
nen. Die Tatsache, daß auf dem Gebiet des menschlichen Verhal- 


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tens ähnlich wirksame Instrumente und Methoden nicht verfügbar 
sind, ist keine Erklärung; sie ist nur ein Teil des Problems. War es 
tatsächlich einfacher, einen Menschen auf den Mond zu senden als 
die Erziehung in unseren Volksschulen zu verbessern? War das ein- 
facher als die Schaffung besserer Wohnbedingungen für einen jeden 
von uns? War das einfacher als es jedermann möglich zu machen, 
einem einträglichen Beruf nachzugehen und sich so eines höheren 
Lebensstandards zu erfreuen? Wir haben es hier nicht mit einer Fra- 
ge von Prioritäten zu tun; denn niemand kann allen Ernstes be- 
haupten, es sei wichtiger gewesen, auf den Mond zu gelangen, denn 
ihre Realisierbarkeit, Wissenschaft und Technologie waren an dem 
Punkt angelangt, von dem aus diese Leistung mit einer einzigen 
gewaltigen Anstrengung vollbracht werden konnte. Einen vergleich- 
baren Anreiz bei den Problemen, die das menschliche Verhalten 
aufwirft, gibt es nicht. Lösungen lassen sich hier noch nicht abse- 
hen. 

Es ist allzu einfach, daraus zu folgern, etwas am menschlichen 
Verhalten mache eine wissenschaftliche Analyse und damit eine 
wirksame Technologie unmöglich, denn was dagegen spricht, ist 
die Tatsache, daß auf diesem Gebiet noch längst nicht alle Mög- 
lichkeiten ausgeschöpft sind. In einem gewissen Sinn kann man sa- 
gen, daß wir die Methoden der Wissenschaft noch kaum auf 
menschliches Verhalten angewandt haben. Wir haben die Instru- 
mente der Wissenschaft benutzt; wir haben berechnet, gemessen und 
verglichen; doch etwas, was jeder wissenschaftlichen Praxis we- 
sentlich ist, geht fast allen aktuellen Diskussionen über menschli- 
ches Verhalten ab. Zu tun hat das mit unserer Behandlung der Ur- 
sachen von Verhalten. (Der Begriff <Ursache> ist in anspruchsvol- 
lem wissenschaftlichem Schrifttum nicht mehr allgemein gebräuch- 
lich *, doch mag er für unsere Zwecke genügen.) 


* Nicht mehr gebräuchlich ist der Kausalitätsbegriff des 19. Jahrhun- 
derts. Wird dagegen hier von Ursachen gesprochen, so sind die unabhän- 
gigen Variabein gemeint, von denen Verhalten, als abhängige Variable, 
eine Funktion ist. Vergleiche B. F. Skinner: <Science and Human Behavior>. 
New York 1953, Kap. 3. 


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Personifizierung in den Wissenschaften. Die erste Erfahrung des 
Menschen mit Ursachen ergab sich wahrscheinlich aus seinem eige- 
nen Verhalten: Dinge bewegten sich, weil er sie bewegte. Wenn 
andere Dinge sich bewegten, dann deshalb, weil sie jemand anderer 
bewegte, und wenn der sie Bewegende nicht zu sehen war, dann 
deshalb, weil er unsichtbar war. Auf diese Weise dienten die grie- 
chischen Götter als Ursache für physikalische Erscheinungen. Ge- 
wöhnlich wurden sie außerhalb der Dinge, die sich bewegten, an- 
genommen, doch konnten sie auch in diese eindringen, so daß diese 
von ihnen <besessen> * wurden. Physik und Biologie gaben Erklä- 
rungen dieser Art bald auf und wandten sich nützlicheren Ursa- 
chen zu; ein entscheidender Schritt, zu dem es jedoch auf dem Ge- 
biet des menschlichen Verhaltens nicht gekommen ist. Zwar glaubt 
heute kein intelligenter Mensch mehr, daß Menschen von Dämo- 
nen besessen sein können (was jedoch nicht hindert, daß es gelegent- 
lich noch zu Teufelsaustreibungen kommt und daß das Dämoni- 
sche in den Schriften von Psychotherapeuten seinen neuerlichen 
Einzug gehalten hat), doch schreibt man menschliches Verhalten ge- 
wöhnlich nach wie vor einem ihm innewohnenden Agens zu. So be- 
hauptet man zum Beispiel von einem jugendlichen Kriminellen, er 
leide an einer gestörten Persönlichkeit. Es wäre widersinnig, das 
zu behaupten, wenn diese Persönlichkeit nicht auf irgendeine Weise 
als unterschieden von dem Körper gesehen würde, der sich in Un- 
annehmlichkeiten gebracht hat. Diese Unterscheidung leuchtet ein, 
wenn von einem Körper behauptet wird, er enthalte mehrere Per- 
sönlichkeiten, die ihn zu verschiedenen Zeiten auf verschiedene Wei- 
se kontrollieren. Psychoanalytiker haben drei solche Persijnlichkei- 
j^jp^ausgemacht - das Ich, das Über- Ich und das Es -, und von 
den Wechselwirkungen zwischen diesen behauptet man, sie seien 
für das Verhalten des Menschen, dem diese Persönlichkeiten inne- 
wohnen, verantwortlich. 

Obgleich die Physik bald aufhörte, auf diese Weise Dinge zu per- 
sonifizieren, bediente sie sich noch lange Zeit eines Vokabulars, das 
den Eindruck vermittelt, als hätten die Dinge einen Willen, Impul- 

* Zu <Besessenheit> vgl. B. F. Skinner: <Contingencies of Reinforce- 
ment>. New York 1969, Kap. 9. 


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se, Empfindungen, Zielbewußtsein und andere fragmentarische Ei- 
genschaften eines ihnen innewohnenden Agens. Butterfield* zufol- 
ge lehrte Aristoteles, ein fallender Körper beschleunigte sich deshalb, 
weil er um so stärker frohlocke, je mehr er sich seinem Zuhause nä- 
here. Spätere Autoritäten nahmen an, ein Geschoß würde von ei- 
nem Impetus vorangetrieben, der zuweilen auch als <Impetuosität> 
bezeichnet wurde. Von all diesen Dingen kam man mit der Zeit 
ab, zum Nutzen der Naturwissenschaft ; a her die Verhaltenswis- 
seosiäften berufen sich immer noch auf ähnliche innere Zustände. 
Niemand ist heute überrascht, wenn er sagen hört, daß ein Mensch 
mit guten Nachrichten rascher geht, weil er innerlich frohlockt, daß 
ein Mensch auf Grund seiner <Impetuosität> oder seines Ungestüms 
unvorsichtig handelt oder daß ein Mensch auf Grund seiner bloßen 
Willenskraft hartnäckig an einer ganz bestimmten Handlungswei- 
se festhält. Sowohl in der Physik als auch in der Biologie findet man 
zwar gelegentlich noch den Verweis auf <Absichten>, doch die echte 
wissenschaftliche Praxis hat keinen Platz dafür; fast jeder aber 
führt menschliches Verhalten stets auf Ziele, Zwecke und Absich- 
ten zurück. Wenn es immer noch möglich ist zu fragen, ob eine 
Maschine etwas <bezweckt>, so geht aus dieser Frage hervor, 
daß die Maschine, wenn sie etwas <bezweckt>, menschenähnlicher 
wird. 

Physik und Biologie entfernen sich weiter von personifizierten 
Ursachen, als sie das Verhalten von Dingen, Substanzen, Qualitä- 
ten oder natürlichen Beschaffenheiten zuzuschreiben begannen. So 
mochte zum Beispiel ein Alchimist im Mittelalter einiger der Ei- 
genschaften eines Stoffes seiner merkurischen Essenz zuschreiben, 
während Stoffe auf Grund einer Art <Chemie der individuellen Un- 
terschiede» verglichen wurden. Newton beklagte dieses Verfahren 
bei seinen Zeitgenossen: «Wenn man uns sagt, daß jeder Gegen- 
stand mit seiner okkulten spezifischen Qualität ausgestattet ist, 
durch die er handelt und manifeste Wirkungen hervorbringt, so 
sagt uns das gar nichts.» (Okkulte Qualitäten waren ein Beispiel 
für jene Hypothesen, die Newton mit seinem Ausspruch «Hypo- 
theses non fingo» verwarf, obgleich er seiner eigenen Äußerung 

* Herbert Butterfield: <The Origins of Modern Science >. London 1957. 

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auch nicht immer gerecht wurde.) Die Biologie fuhr noch lange 
Zeit fort, sich auf die Natur von lebenden Dingen zu berufen, und 
von den sogenannten Lebenskräften kam sie erst im 20. Jahrhun- 
dert ab. Verhalten jedoch wird nach wie vor der menschlichen Na- 
tur zugeschrieben, und so verfügen wir über eine umfassende Psy- 
chologie der individuellen Unterschiede^ in der Personen miteinan- 
der verglichen und beschrieben werden: mittels Begriffen wie <Cha- 
rakterzüge>, <Talent> oder <Fähigkeiten>. 

Vorwissenschaftliche Sprache. Fast jeder, der mit menschlichen 
Angelegenheiten zu tun hat - sei er nun Politikwissenschaftler, 
Philosoph, Schriftsteller, Volkswissenschaftler, Psychologe, Sprach- 
wissenschaftler, Soziologe, Theologe, Anthropologe, Erzieher oder 
Psychotherapeut — , spricht auch heute noch in dieser vorwissen- 
schaftlichen Art über menschliches Verhalten. Jede Nummer einer 
Tageszeitung, jede Zeitschrift, jedes Fachjournal, jedes Buch - alle 
liefern Beispiele hierfür, wenn sie in irgendeiner Weise über mensch- 
liches Verhalten berichten. Um die Weltbevölkerung zu kontrol- 
lieren, müßten wir, so erklärt man uns, unsere Einstellung Kindern 
gegenüber ändern, wir müßten unseren Stolz auf eine große Fami- 
lie oder auf sexuelle Potenz überwinden, wir müßten ein gewisses 
Verantwortungsgefühl gegenüber unseren Nachkommen fördern, 
und wir müßten die Rolle, die eine große Familie für uns spielt, 
einschränken, indem wir mehr Anteilnahme für alte Menschen ent- 
wickeln. Um für den Frieden zu wirken, müssen wir uns mit dem 
Willen zur Macht oder den paranoiden Täuschungsmanövern von 
Volksführern auseinandersetzen, dürfen wir nicht vergessen, daß 
Kriege im Geist des Menschen beginnen, daß der Mensch selbst- 
mörderische Züge - vielleicht einen Todesinstinkt — sein eigen 
nennt, die zum Krieg führen, und daß der Mensch von Natur 
aggressiv ist. Um die Probleme der Armen zu lösen, müssen wir zur 
Selbstachtung ermutigen, Unternehmungsgeist wecken und Frustra- 
tionen eindämmen. Um die Unzufriedenheit der Jungen zu besänf- 
tigen, müssen wir in ihnen Zielbewußtsein wachrufen und Gefühle 
der Entfremdung oder Hoffnungslosigkeit bekämpfen. Und wenn 
wir erkennen, daß wir über keine wirksamen Mittel verfügen, um 
irgendeines dieser Ziele zu erreichen, mögen wir selbst eine Glau- 


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benskrise erleben oder an einem Vertrauensschwund leiden, beides 
Dinge, die nur ins rechte Lot gebracht werden können, wenn wir 
auf das Vertrauen in die innere Kraft des Menschen zurückgreifen. - 
Das ist der Stand der Dinge. Zweifel daran hegt fast niemand. 
Nichts dergleichen wie in einem Großteil der Biologie, und das er- 
klärt vielleicht, warum eine Wissenschaft und eine Technologie des 
Verhaltens so lange Zeit auf sich haben warten lassen. 

Geist und Körper. Gewöhnlich wird angenommen, die <behavi- 
ouristischen> Bedenken gegen Ideen, Empfindungen, Charakterzü- 
ge, Willen und so fort gälten der Substanz, aus der diese angeblich 
gemacht sind. Gewisse hartnäckige Fragen über die Natur des 
menschlichen Geistes sind mehr als zweitausendfünfhundert Jahre 
lang diskutiert worden, ohne bis heute beantwortet worden zu sein. 
Nehmen wir als Beispiel die Frage, wie der Geist den Körper be- 
wegen kann. Noch 1965 konnte Karl Popper diese Frage folgen- 
dermaßen formulieren: «Wie solche nicht-physikalischen Dinge wie 
Absichten , Überlegungen , Pläne , Entschlüsse , Theorien , Spannun- 
gen und Wertvorstellungen bei physikalischen Veränderungen in 
der physikalischen Welt eine Rolle spielen können, das ist es, was 
wir wissen wollen.»* Aber selbstverständlich wollen wir auch wis- 
sen, wo diese nicht-physikalischen Dinge herkommen. Auf diese Fra- 
ge hatten die alten Griechen eine einfache Antwort parat: von den 
Göttern. Wie Dodds** gezeigt hat, glaubten die Griechen, daß 
ein Mann sich deshalb unklug verhielte, weil ein ihm feindlich ge- 
sinnter Gott äxr] (Verblendung) in seine Brust gepflanzt hatte. Ein 
wohlgesinnter Gott dagegen mochte einen Krieger mit zusätzli- 
chem p£vo<; versehen, mit dessen Hilfe sich dieser im Kampf her- 
vortun konnte. Aristoteles glaubte, dem Denken wohne etwas Gött- 
liches inne, und Zeno meinte, der Geist sei Gott. 

Solche Erklärungen sind heute natürlich unmöglich geworden, 
und die verbreitetste Alternative besteht darin, daß man sich auf 
vorausgegangene physikalische Prozesse beruft. Die Erbanlage einer 

* Karl R. Popper: <Of Clouds and Rocks>. St. Louis 1966, S. 15. 

** Eric Robertson Dodds: <The Greeks and the Irrationah. Berkeley 
1951. 


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Persoa^Jirgebn is der Evolution der Spezies, soll wenigstens teil- 
weise geistige, Y9 r g än g e erklären; als verantwortlich für den rest- 
lichen Teil „giJjL.,di£, persönliche Entwicklungsgeschichte. So kennt 
zum Beispiel der Mensch von heute auf Grund des (körperlichen) 
Wettbewerbs im Laufe der Evolution (nicht-körperliche) Aggres- 
sionsempfindungen, die ihrerseits zu (körperlichen) Akten von 
Feindseligkeit führen. Ein weiteres Beispiel ist die (körperliche) Be- 
strafung eines kleinen Kindes, weil es sich sexuell selbst erregt hat. 
Diese Bestrafung hat (nicht-körperliche) Angstgefühle zur Folge, 
die sich auf sein späteres (körperliches) sexuelles Verhalten störend 
aus wirken. Das nicht-körperliche Stadium überbrückt offenbar 
lange Zeitperioden: Die Aggression reicht zurück in Millionen von 
Jahren der Evolutionsgeschichte, und die Angst, die der Mensch als 
Kind erwirbt, lebt fort bis ins hohe Alter hinein. 

Monistische Erklärungen. Das Problem, von einem Erscheinungs- 
zustand zum anderen wechseln zu müssen, ließe sich vermeiden, 
wenn alles entweder geistig oder körperlich wäre, und beide dieser 
Möglichkeiten sind natürlich erwogen worden. Einige Philosophen 
haben versucht, die Grenzen der geistig-seelischen Welt nicht zu 
überschreiten, indem sie argumentieren, daß nur unmittelbare Er- 
fahrung wirklich sei, und die experimentelle Psychologie begann 
als der Versuch, die Gesetze zu entdecken, die den Wechselwirkun- 
gen zwischen mentalen Elementen zugrunde liegen. Die heutigen 
<intrapsychischen> Theorien der Psychotherapie schildern, wie eine 
Empfindung zur anderen führt (wie zum Beispiel Frustration Ag- 
gression erzeugt), wie Empfindungen aufeinander einwirken und wie 
Empfindungen, die man verdrängt hat, sich ihren Weg zurück in 
unser Bewußtsein bahnen. Den hierzu komplementären Weg, nach 
dem das mentale Stadium in Wirklichkeit physischer Art sein soll, 
hat seltsamerweise Freud eingeschlagen, der glaubte, die Physiologie 
würde am Ende das Funktionieren des mentalen Apparats erklären. 
Ähnlich steht es mit vielen Vertretern der physiologischen Psycholo- 
gie, die nach wie vor völlig ungeniert über Geisteszustände, 
Empfindungen und so weiter sprechen, in dem Glauben, es sei 
nur eine Frage der Zeit, bis wir deren körperliche Natur verstehen 
lernen. 


18 



Die Dimensionen der Welt des Geistes * und das Überwechseln 
von einer Welt in die andere ziehen zwar verwirrende Probleme 
nach sich. Sie werden gewöhnlich ignoriert, was eine ausgezeichnete 
Strategie sein mag, da der wesentliche Einwand gegen den Menta- 
lismus völlig anderer Art ist. Die mentale Welt spielt alle anderen 
an die Wand. Verhalten wird nicht erkannt als ein Forschungsgegen- 
stand per se. In der Psychotherapie gilt zum Beispiel das uns ver- 
störende Tun oder Reden eines Menschen fast immer nur als Sym- 
ptom. Verglichen mit den faszinierenden Dramen, die sich in den Tie- 
fen des Geistes abspielen, scheint das Verhalten selbst in der Tat 
eine recht oberflächliche Erscheinung zu sein. In der Sprachwissen- 
schaft und in der Literaturkritik wird das, was eine Person sagt, 
fast immer für eine Äußerung von Ideen oder Empfindungen ge- 
nommen. In der Politikwissenschaft, der Technologie und der Wirt- 
schaftswissenschaft wird Verhalten gewöhnlich als das Material be- 
trachtet, aus dem man Einstellungen, Absichten, Bedürfnisse und 
so weiter herleitet. Seit mehr als zweitausendfünfhundert Jahren 
hat man sich aufmerksam mit dem geistigen Leben befaßt, während 
man sich erst seit kurzem bemüht, menschliches Verhalten als etwas 
zu untersuchen, daß mehr als ein bloßes Nebenprodukt ist. 

Die Bedingungen, die Verhalten zur Funktion haben, werden eben- 
falls vernachlässigt. Die mentale Erklärung erstickt jede Neugier- 
de im Keim. Beiläufige Gespräche veranschaulichen die Auswirkun- 
gen. Wenn wir jemand fragen: «Warum bist du ins Theater ge- 
gangen?», und wenn er antwortet: «Weil ich Lust hatte, ins Thea- 
ter zu gehen», sind wir geneigt, diese Antwort als eine Art Erklä- 
rung zu akzeptieren. Aber wesentlich wichtiger wäre doch zu erfah- 
ren, was geschah, als er früher ins Theater ging, was er über das 
Stück, das er sich nun angesehen hat, gelesen oder gehört hat und 
welche andere Dinge seiner vergangenen oder gegenwärtigen Um- 
welt ihn veranlaßt haben mögen, ins Theater zu gehen (anstatt 
etwas anderes zu tun). Statt dessen aber akzeptieren wir dieses <Weil 
ich Lust hatte> als eine Art Zusammenfassung all dieser Dinge und 
neigen dazu, uns nicht nach Einzelheiten zu erkundigen. 

* Vgl. B. F. Skinner: <Contingencies of Reinforcement>. New York 1969, 
Kap. 8. 


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William James’ Gefühlstheorie. Der professionelle Psychologe 
macht häufig am selben Punkt halt. Vor langer Zeit schon korrigier- 
te William James * eine vorherrschende Meinung über die Relation 
zwischen Empfindungen und Handlungen, indem er behauptete, daß 
wir nicht fortlaufen, weil wir Angst haben, sondern daß wir Angst 
haben, weil wir fortlaufen. Anders ausgedrückt heißt das, daß es 
unser Verhalten ist, was wir empfinden, wenn wir Angst haben - 
dasselbe Verhalten, welches der tradierten Meinung nach die Emp- 
findung aus drückt und durch sie erklärt wird. Doch wie viele unter 
jenen, die sich mit James 5 Argument befaßt haben, haben bemerkt, 
daß er in der Tat auf kein vorausgegangenes Ereignis hingewiesen 
hat? Auch dieses <Weil> sollte nicht ernst genommen werden. Es 
ist keine Erklärung darüber abgegeben worden, warum wir fort- 
laufen und Angst haben. 

Der «autonome Mensch». Ob wir uns nun als Person betrachten, 
die Empfindungen erklären oder das Verhalten, das angeblich von 
Empfindungen ausgelöst wird; wir schenken in beiden Fällen vor- 
ausgegangenen Umständen nur sehr wenig Aufmerksamkeit. Der 
Psychotherapeut erfährt vom früheren Leben seines Patienten fast 
ausschließlich durch die Erinnerungen des Patienten, von denen be- 
kannt ist, daß sie unzuverlässig sind; er mag sogar argumentieren, 
daß nicht das, was tatsächlich passiert ist, wichtig sei, sondern das, 
woran sich der Patient erinnere. In der psychoanalytischen Litera- 
tur muß es wohl für jede auf eine Episode einer Bestrafung, die 
Angst zur Folge gehabt haben mag, mindestens an die hundert Be- 
zugnahmen auf tatsächlich empfundene Angst geben. Ja, wir schei- 
nen sogar jene vorausgegangenen Entwicklungen vorzuziehen, die 
sich unserem Zugriff eindeutig entziehen. So interessiert man sich 
zum Beispiel, um menschliches Verhalten zu erklären, sehr stark für 
das, was sich während der Evolution der Spezies zugetragen haben 
muß, und wir scheinen ein ganz besonderes Selbstvertrauen an den 
Tag zu legen, eben weil man auf das, was sich da tatsächlich zuge- 
tragen hat, nur schließen kann. 

Unfähig zu begreifen, wie oder warum die Person, die wir se- 

* William James: <What is an Emotionh. In: Mind (1844), S. 188-205. 


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hen, sidi so verhält, schreiben wir ihr Verhalten einer Person zu, 
die wir nicht sehen können. Deren Verhalten können wir zwar 
ebensowenig erklären, doch sind wir in ihrem Fall nicht geneigt, 
über sie Fragen zu stellen. Wir greifen zu dieser Strategie wahr- 
scheinlich weniger aus Mangel an Kraft oder Interesse, sondern aus 
der seit altersher bestehenden Überzeugung heraus. jiaß es für einen 
großen Te il myns^iliAgn 

gibt. Die Funktion des inneren Menschen» besteht darin, daß er 
uns eine Erklärung liefert, die jedoch ihrerseits unerklärt bleibt. 
Mit dem inneren Menschen endet die Erklärung. Er ist kein Mittler 
zwischen vergangener Geschichte und gegenwärtigem Verhalten, er 
ist ein Zentrum , dem Verhalten entspringt. Er leitet ein, erzeugt 
und schafft, wobei er das bleibt, was er schon für die Griechen war 
- nämlich göttlich. Wir behaupten, er sei autonom - das aber be- 
deutet in bezug auf eine Wissenschaft des Verhaltens übernatürlich». 

Diese Position ist natürlich angreifbar. Der autonome Mensch» 
dient lediglich zur Erklärung der Dinge, die wir noch nicht auf an- 
dere Weise erklären können. Seine Existenz gründet sich auf unse- 
re Unwissenheit, so daß er natürlich immer mehr von seinem Sta- 
tus einbüßt, je mehr wir über das menschliche Verhalten in Erfah- 
rung bringen. Die Aufgabe einer .wisse jn^,gii^ft li chen_^aly^ ist es, 
zu erklären, Person als physisches System 

auf die Bedingungen bezogen ist, unter denen sich die menschliche 
Spezies entwickelte, und auf die Bedingungen, unter denen die Ein- 
zelperson lebt. Diese Dinge müssen zueinander in Bezug gesetzt 
• werden, und in der Tat bedarf es hier keiner zwischengeschalteter 
Systeme, es sei denn, es gibt tatsächlich solche launenhaften oder 
kreativen Interventionen. Die Bedingungszusammenhänge, unter 
denen der Mensch überlebt, verantwortlich für die Erbanlage, wür- 
den Neigungen, aggressiv zu handeln , jedoch nicht Gefühle der 
Aggression erzeugen. Die Bestrafung sexuellen Verhaltens verän- 
dert sexuelles Verhalten,jmd Gefühl^die daraus entstehen mögen, , 
sind höchstens Nebepprodukte. Unser Zeitalter leidet nicht unter 
der Angst, sondern unter den Unfällen73en Verbrechen, den Krie- 
gen und anderen uncT denen die 

Menschen häufig ausgesetzt sind. Junge Leute kehren der Schule den 
Rücken, weigern sich zu arbeiten und tun sich nur mit anderen 




3 


21 



Gleichaltrigen zusammen, aber nicht, weil sie sich entfremdet fühl- 
ten, sondern auf Grund einer defekten sozialen Umwelt zu Hause, 
in der Schule, in der Fabrik und anderswo. 

Die Umwelt. Wir können den Weg, den Physik und Biologie ein- 
geschlagen haben, nachvollziehen, wenn w ir uns an d ie Verbi nd un- 
gen des Verhaltens mit der Umwelt halten, dagegen geistige Zustjän- 
die, anj^^ bewußt hintansetzem Fort- 

schritte in der Physik werden nicht erzielt, weil man sich näher mit 
dem Frohlocken eines fallenden Körpers befaßte, genausowenig wie 
es mit der Biologie vorwärts ging, weil sie sich mit der Natur von 
Lebensgeistern auseinandersetzte; aus demselben Grund aber ist es 
für eine wissenschaftliche Verhaltensanalyse unnötig, herausfinden 
zu wollen, in welcher Ordnung Persönlichkeit, Geisteszustände, 
Empfindungen. Wesenszüge, Pläne, Absichten, Intentionen oder all die 
anderen Voraussetzungen des <autonomen Menschern wirksam sind. 


Selbstbeobachtung. Es gibt Gründe dafür, warum wir so lange 
gebraucht haben, um diesenT^fnEt zu erreichen. Die Dinge, welche 
die Biologie o3er die Pfiysilt erlors3rt^ w zeigen Verhalten, das sich 
von dem des Menschen sehr stark unterscheidet, so daß einem am 
Schluß das Frohlocken eines fallenden Körpers oder die dmpetuosi- 
tät> eines Geschosses ziemlich lächerlich Vorkommen; aber Menschen 
verhalten sich eben wie Menschen, und der äußere Mensch, dessen 
Verhalten erklärt werden soll, könnte jenem inneren Menschen sehr 
ähnlich sein, dessen Verhalten des erstgenannten angeblich erklärt. 
Der innere Mensch ist nach dem Bilde des äußeren geschaffen wor- 


den. 

~*"^Ein wichtiger Grund ist der, daß man den inneren Menschen 
manchmal direkt zu beobachten scheint. Das <Frohlocken> eines fallen- 
den Körpers müssen wir von etwas herleiten - doch ist es nicht so, daß 
wir unser eigenes Frohlocken fühlen können? Wir fühlen in der Tat 
Dinge innerhalb unserer eigenen Haut, aber wir fühlen nicht die 
Dinge, die erfunden worden sind, um Verhalten zu erklären. Der 
Besessene fühlt nicht den Dämon, von dem er besessen ist, und er 
kann die Existenz eines solchen sogar abstreiten. Der jugendliche 
Kriminelle fühlt nicht seine gestörte Persönlichkeit. Der intelligen- 


22 



te Mensch fühlt nicht seine Intelligenz und der Introvertierte nicht 
seine Introversion . (In der Tat behauptet man von diesen Dimen- 
sionen des Geistes oder Charakters, sie seien nur durch komplexe 
statistische Verfahren erfaßbar.) Der Sprechende fühlt nicht die 
grammatischen Regeln , derer er sich beim Bau von Sätzen bedient, 
und die Menschen folgten einer Grammatik Tausende von Jahren, 
bevor jemand entdeckte, daß es Regeln gibt. Wer einen Fragebogen 
auszufüllen hat, fühlt nicht die Einstellungen und Meinungen , die 
ihn veranlassen, die anfallenden Punkte so und nicht anders zu be- 
antworten. Wir fühlen zwar, wie gewisse Zustände unseres Körpers 
mit Verhalten verbunden sind, doch wie Freud bereits gezeigt hat, 
verhalten wir uns genauso, wenn wir diese Zustände nicht fühlen; 
sie sind Nebenprodukte und dürfen nicht mit Ursachen verwechselt 
werden. 

Selektion. Es gibt einen wesentlich wichtigeren Grund für die Tat- 
sache, daß wir so la ng e br auch ten, ^n^iadistis.qie Erüäi^ gm 
auszurangieren :^es ist sAwierig gewesen. Alternadven^zu finden. 
Wahrscheinlich müssen wir uns nach ihnen in der äußeren Umwelt 
umsehen, doch ist die Rolle, welche diese Umwelt spielt, keineswegs 
klar. Die Geschichte der Evolutionstheorie veranschaulicht dieses 
Problem. Vor dem 19. Jahrhundert erblickte man in der Umwelt 
lediglich einen passiven Rahmen, in dem viele verschiedene Arten 
von Organismus geboren wurden, sich fortpflanzten und starben. 
Niemand erkannte, daß die Umwelt für die Existenz vieler ver- 
schiedener Arten verantwortlich ist (eine Tatsache, die, und das ist 
bezeichnend, auf einen schöpferischen Geist zurückgeführt wurde). 
Das Problem bestand darin, daß die Umwelt unauffällig agiert: sie 
drängt nicht und treibt nicht, sondern sie liest aus. Tausende von 
Jahren lang fand in der Geschichte des menschlichen Geistes der 
Prozeß der natürlichen Auslese trotz seiner ungewöhnlichen Be- 
deutung keine Beachtung. Und als man ihn schließlich entdeckte, 
wurde er natürlich zum Schlüssel der Evolutionstheorie. 

Die Auswirkungen der Umwelt auf das Verhalten * blieben so- 

* Vgl. dazu B. F. Skinner: <Contingencies of Reinforcement >. New York 
1969, Kap. 1. 


23 



gar noch länger im dunkeln. Zwar sehen wir, wie Organismen auf 
die Umwelt, die sie umgibt, einwirken, wenn sie von ihr nehmen, 
was sie brauchen, und wenn sie ihre Gefahren abwehren; doch man 
erkennt nidxt so leicht, wie die Umwelt mit ihnen verfährt. Es war 
Descartes, der als erster - in seinem <Traite de Vhomme> (1662) 

- meinte, die Umwelt könne bei der Determination von Verhalten 
eine aktive Rolle spielen, doch kam er offenbar nur durch einen ent- 
scheidenden Wink darauf. Er kannte gewisse Automaten in den 
königlichen Gärten von Frankreich, die hydraulisch mit versteckten 
Ventilen betrieben wurden. Descartes beschreibt, wie die Besucher 
der Gärten «notgedrungen auf gewisse Platten oder Fliesen treten, 
die so angelegt sind, daß sie [die Besucher], wenn sie sich einer ba- 
denden Diana nähern, diese veranlassen, sich in den Rosenbüschen 
zu verstecken, und wenn sie ihr daraufhin zu folgen versuchen, be- 
wirken sie, daß ihnen ein Neptun entgegentritt, der sie mit seinem 
Dreizack bedroht». Diese Figuren waren unterhaltsam, weil sie sich 
wie Menschen verhielten, und so schien es, daß etwas, das mensch- 
lichem Verhalten sehr ähnlich war, mechanisch erklärt werden könn- 
te. Descartes verstand den Wink: Lebende Organismen könnten sich 
aus ähnlichen Gründen bewegen. (Den menschlichen Organismus 
klammert er dabei aus, vermutlich um religiöse Kontroversen zu 
vermeiden.) 

Reiz, Reaktion, Reflex. Die auslösende Handlung der Umwelt 
nannte man schließlich <Stimulus> - das lateinische Wort für <Reiz> 

- und die Auswirkung *auTeincn Organismus <Reaktion>, und zu- 
sammen bezeichnete man die beiden als <Reflex>. Reflexe wies man 
zuerst an geköpften Tieren nach, zum Beispiel an Salamandern, 
und es ist sicher aufschlußreich, daß dieses Prinzip das ganze 19. 
Jahrhundert hindurch angefochten wurde, weil es die Existenz ei- 
nes autonomen Agens (jene <Seele des Rückenmarks») zu widerle- 
gen schien, dem die Bewegung eines geköpften Körpers zugeschrie- 
ben worden war. Als Pawlow zeigte, wie neue Reflexe durch Kon- 
ditionierung erzeugt werden können, erblickte eine voll entwickel- 
te Reiz-Reaktions-Psychologie das Licht der Welt, in der nun alles 
Verhalten als Reaktion auf Reize betrachtet wurde. Ein Autor drück- 
te dies folgendermaßen aus: «Wir werden durchs Leben gestoßen 


24 



oder gepeitscht.»* Dieses Reiz-Reaktions-Modell war nie sehr über- 
zeugend, und es löste das Grundproblem auch nicht; denn wieder 
mußte eine Art von innerer Mensch oder Geist erfunden werden, 
damit ein Reiz in eine Reaktion verwandelt werden konnte. Die 
Informationstheorie geriet ins Netz desselben Problems, als ein in- 
nerer <Verarbeiter> erfunden werden mußte, um Input in Output 
umzusetzen. 

Die Wirkung eines auslösenden Reizes ist relativ einfach zu er- 
kennen, und so überrascht es nicht, daß Descartes’ Hypothese in 
der Verhaltenstheorie lange Zeit eine beherrschende Position ein- 
nahm. Doch diese Spur war falsch. Erst heute erholt sich die wissen- 
schaftliche Analyse von diesem Irrtum. Die Umwelt <stößt ocjer 
j>eitscht> nicht nur voran: sie liest aus . Ihre Rolle ähnelt der der 
natürlichen Auslese, obwohl sich die jeweiligen Zeitskalen, auf de- 
nen sich das Geschehen abspielt, stark voneinander unterscheiden. 
Und diese Rolle wurde aus demselben Grund übersehen. Es liegt 
heute auf der Hand, daß wir das, was die Umwelt mit einem Or- 
ganismus macht, nicht nur vor, sondern auch nach dessen Reaktion 
durchleuchten müssen. Jfacfa 

Jen durch seine Folgen. Wenn diese Tatsache einmal erkannt ist, 
können wir die Wechselwirkung zwischen Organismus und Umwelt 
auf wesentlich umfassendere Art formulieren. 








Was sind <Kontingenzen»? Wir verfügen nun über j f wei wichtig ^ 
Das eine betrifft die grundlegende Analyse. Verhalten^ o) / 
das auf_di^Um wel t einwirkt, um Fol gen zu erzeugen («operati- 
ves Verhalten»**), kann k untersucht werden, indem man Umwelten 1? 
arrangiert, in dene^ von eben jenem Verhalten 

JhKängig sind. Diese Abhängigkeiten oder <Kontingenzen>, die er- ^ 
forscht werden, sind ständig komplexer geworden, und nach und 
nach übernehmen sie die erklärenden Funktionen, die früher Per- 
sönlichkeiten, Geisteszuständen, Empfindungen, Wesenzügen und 
Absichten zugeschrieben worden sind. Das zweite Ergebnis ist prak- 



* E. B. Holt: < Animal Drive and the Learning Process>. New York 1931. 

** Vgl. dazu B. F. Skinner: <Science and Human Behavior>. New York 
1953, Kap. 5. 


25 


tisdier Art ^Die, Umwelt kann manipulier t werden. Es ist richtig, 
daß die Erbanlage des Menscher^ wer- 

den kann, doch haben Veränderungen in der Umwelt der Einzel- 
person rasdie und dramatische Folgen. Eine Technologie operativen 
Verhaltens ist, wie wir sehen werden, bereits stark fortgeschritten, 
und vielleicht wird sie sich als unseren Problemen gewachsen er- 
weisen.* 

Diese Möglichkeit führt jedoch zu einem weiteren Problem, das 
gelöst werden muß, wenn wir aus dem bisher Gewonnenen Vor- 
teile ziehen wollen. Wir sind weitergekommen, indem wir den au- 
tonomen Menschern seiner Rechte entkleideten, doch leistet er im- 
mer noch Widerstand. Er führt eine Art Rückzugsgefecht, in dem 
er unglücklicherweise gewaltige Unterstützung genießt. Noch im- 
mer spielt er eine wesentliche Rolle in der Politikwissenschaft, im 
Rechtswesen, in der Religion, der Wirtschaft, der Anthropologie, in 
der Soziologie, der Psychotherapie, der Philosophie, in der Ethik, 
der Geschichte, der Erziehung, in der Jugendpflege, der Linguistik, 
der Architektur, in der Stadtplanung und im Familienleben. Alle 
diese Fachgebiete besitzen ihre Fachleute, und jeder Fachmann hat 
seine Theorie, und in fast jeder Theorie ist die Autonomie des Men- 
schen unbestritten. Der <innere Mensch> ist nicht ernstlich bedroht 
durch Daten, die das Ergebnis von gelegentlichen Beobachtungen 
oder von Untersuchungen der Verhaltensstruktur sind; außerdem 
befassen sich viele dieser Gebiete lediglich mit Personengruppen, in- 
nerhalb derer statistische oder versicherungsstatistische Daten der 
Einzelpersonen nur geringfügige Beschränkungen auferlegen. Das 
Ergebnis ist eine gewaltige Bürde an tradiertem <Wissen>, das durch 
eine wissenschaftliche Analyse korrigiert oder ersetzt werden muß. 

Freiheit. Zwei Grundzüge des autonomen Menschern sind beson- 
ders störend. Der überlieferten Meinung nach ist eine Perso n fr ei. 
Sie ist frei in dem Sinne, als ihr Verhalten niffl LSmsa At^m. 
DatieTTcaim ich gemacht und kann sie 

mit Recht bestraft werden, wenn sie Unrecht tut. Diese Ansicht 

* Vgl. R. Ulrich, T. Stachnik, J. Mabry (Hg.): <Control of Human Be - 
havior > . Bd. 1 und 2. Glenview/Ill. 1966 und 1970. 

26 



muß, zusammen mit den damit verbundenen Praktiken, neu über- fg 
prüft werden, wenn eine wissenschaftliche Analyse zwischen Ver- £ 
halten und Umwelt unerwartet kontrollierende Bezüge an den Tag i- 
bringt. Ein gewisses Ausmaß an äußerer Kontrolle wird häufig tole- $ 
riert. Theologen haben die Tatsache akzeptiert, daß dem Menschen 
Handlungen vorbestimmt sind, von denen ein allwissender Gott 
weiß, daß er sie begehen wird, und die griechischen Dramatiker er- 
koren sich das unerbittliche Schicksal zu ihrem Lieblingsthema. Weis- 
sager und Astrologen behaupten häufig, das vorauszusagen, was der 
Mensch tun wird, weshalb sie schon immer gefragt waren. Biogra- 
phen und Historiker haben im Leben von Einzelpersonen und gan- 
zen Völkern nach <Einflüssen> gesucht. Volksweisheiten oder man- 
che Erkenntnisse von Essayisten wie Montaigne und Bacon deuten 
ein gewisses Ausmaß an Voraussagbarkeit von menschlichem Ver- 
halten an, und die statistischen und versicherungsstatistischen Zeug- 
nisse der Sozialwissenschaften weisen in dieselbe Richtung. 

Der <autonome Mensch> überlebt angesichts all dieser Dinge, weil 
er die glückliche Ausnahme ist. Theologen haben Vorherbestimmung 
und freien Willen unter einen Hut gebracht, und die griechischen 
Zuschauer, ergriffen von der Darstellung eines unentrinnbaren 
Schicksals, verließen das Theater als freie Menschen. Der Lauf der 
Geschichte hat eine andere Wendung genommen durch den Tod eines 
Führers oder durch einen Sturm auf See, genauso wie sich Men- 
schenleben verändert haben durch einen Lehrer oder eine Liebesge- 
schichte, doch stoßen diese Dinge nicht jedem zu, und sie berühren 
nicht jeden in derselben Weise. Einige Historiker haben aus der 
Nichtvorhersagbarkeit der Geschichte eine Tugend gemacht. Ver- 
sicherungsstatistisches Material wird einfach übersehen; wir lesen, 
daß Hunderte durch Unfälle an Urlaubswochenenden getötet wer- 
den und fahren trotzdem ins Grüne, als seien wir persönlich aus- 
genommen. Nur ein sehr geringer Teil der Verhaltenswissenschaft 
malt <das Gespenst vom voraussagbaren Menschern an die Wand. 

Im Gegenteil, viele Anthropologen, Soziologen und Psychologen 
haben ihr Fachwissen benutzt, um zu beweisen, daß der Mensch 
frei, zielbewußt und verantwortlich ist. Freud war - wenn nicht 
auf Grund einer Evidenz, so auf Grund seiner Überzeugung - De- 
terminist, doch zögern viele Freudianer nicht, ihren Patienten zu 


27 



versichern, daß sie frei wählen könnten zwischen verschiedenen 
Handlungsweisen und daß sie, auf die Dauer gesehen, die Gestalter 
ihres eigenen Schicksals sind. 

Dieser Fluchtweg erweist sich jedoch langsam als Sackgasse, da 
neue Beweise für die Voraussagbarkeit menschlichen Verhaltens ent- 
deckt werden. Da sich die wissenschaftliche Analyse tortentwickelt, 
^Beginnt man - vor allem im Hinblick auf das Verhalten der Ein- 
zelperson - der persönlichen Ausnahme von einem totalen Deter- 
minismus abzuschwören. Joseph Wodd Krutch* hat die versiche- 
rungsstatistischen Fakten anerkannt, bestand jedoch gleichzeitig auf 
der persönlichen Freiheit: «Mit erheblicher Genauigkeit können wir 
Vorhersagen, wie viele Leute an einem Tag, an dem die Temperatur 
einen gewissen Stand erreicht, ans Meer fahren werden, ja sogar, wie 
viele von einer Brücke springen werden . . . obgleich weder ich noch 
du gezwungen bist, das eine oder andere zu tun.» Damit kann er 
aber doch wohl kaum meinen, daß die Leute, die ans Meer fahren, 
das nicht aus gutem Grund tun oder daß gewisse Umstände im Le- 
ben eines Selbstmörders für die Tatsache, daß er von einer Brücke 
springt, ohne Bedeutung sind. Jene Unterscheidung ist nur so lange 
haltbar, so lange ein Begriff wie <zwingen> auf eine besonders auf- 
fallende und wirksame Art von Kontrolle schließen läßt. Eine wis- 
senschaftliche Analyse zielt natürlich dahin, alle Arten von kontrol- 
lierenden Relationen zu klären. 

Würde. Indem sie die Kontrolle^ welche der autonome Mensch> 
ausübt, in Zweifel zieht, und indem sie die Kontrolle, welche die 
Um wen ausubt, unter Beweis stellt, scheint eine Verhaltenswissen- 
^sdtäft auch Äe Vorstellung vom Wert oder von der Würde des Men- 
schen anzuzweifeln. Eine Person ist verantwortlich für ihr Verhal- 
ten nicht nur in dem Sinne, daß sie mit Recht getadelt oder be- 
straft werden kann, wenn sie sich schlecht beträgt, sondern auch in 
dem Sinne, daß sie für ihre Leistungen gelobt und bewundert wird. 
Wissenschaftliche Analyse weist das Lob wie den Tadel der Umwelt 
zu, und folglich sind traditionelle Praktiken nicht mehr zu rechtfer- 
tigen. Dies sind umwälzende Veränderungen, und jene, die tradi- 

* Joseph Wood Krutch: New York Times Magazine, 30. Juli 1967. 


28 



tionellen Theorien und Praktiken verpflichtet sind, widersetzen sich 
ihnen natürlich. 

Außerdem gibt es noch eine dritte Quelle der Besorgnis. Wenn sich 
das Gewicht auf die Umwelt verlagert, scheint die Einzelperson ei- 
ner neuen Art von Gefahr ausgesetzt zu sein . Wer soll die kontrol- 
lierende Umwelt mit welchem Endziel schaffen? Der autonome 
* MensdukÖntro^ gemäß einer Reihe ein- 

gebauter Wertvorstellungen; er setzt sich für das ein, was er für gut 
hält. Was aber wird jener mutmaßliche Kontrolleur für gut halten, 
und wird es auch gut sein für jene, die er kontrolliert? Antworten 
auf Fragen dieser Art fallen natürlich so aus, daß sie zu Wertur- 
teilen auf fordern. 

Freiheit, Wert und Würde sind wichtige Streitpunkte, und un- 
glücklicherweise wird der Streit um so heftiger, je mehr sich das Ver- 
mögen einer Technologie des Verhaltens den anfallenden Proble- 
men gewachsen zeigt. Eben die Entwicklung, die einige Hoffnung 
auf eine Lösung geweckt hat, ist gleichzeitig verantwortlich für 
eine wachsende Opposition gegen die vorgeschlagene Art von Lö- 
sung. Dieser Konflikt ist selbst ein Problem des menschlichen Ver- 
haltens und kann als solches angegangen werden. Die Verhaltens- 
wissenschaft ist keineswegs so weit fortgeschritten wie Physik oder 
Biologie, doch besteht ihr Vorteil darin, daß sie ihre eigenen Schwie- 
rigkeiten ins rechte Licht rücken kann. Wissenschaft ist menschliches 
Verhalten, und dasselbe gilt für Opposition gegen die Wissenschaft. 
Was geschah im Kampf des Menschen um Freiheit und Würde, wel- 
che Probleme ergeben sich, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse in 
diesem Kampf eine entscheidende Rolle zu spielen beginnen? Ant- 
worten auf diese Fragen mögen den Weg ebnen helfen für die Tech- 
nologie, die wir so dringend benötigen. 

Die wissenschaftliche Verhaltensanalyse. Im folgenden werden 
diese Probleme <von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus> dis- 
kutiert, was jedoch nicht bedeutet, daß der Leser mit den Details ei- 
ner wissenschaftlichen Analyse des Verhaltens vertraut sein muß. Ei- 
ne bloße Interpretation wird genügen. Die Natur einer solchen In- 
terpretation wird jedoch leicht mißverstanden. Wir sprechen oft über 
Dinge, die wir nicht mit jener Präzision beobachten oder messen 


29 



können, die eine wissenschaftliche Analyse fordert; doch indem wir 
so verfahren, können wir Vorteil aus der Verwendung von Begrif- 
fen und Grundsätzen ziehen, die unter präziseren Bedingungen erar- 
beitet worden sind. Das Meer leuchtet in der Dämmerung in einem 
seltsamen Licht, ungewöhnliche Eisblumen bilden sich an der Fen- 
sterscheiben, die Suppe auf dem Herd dickt nicht ein, und Fachleute 
erklären uns, warum das so ist. Natürlich können wir ihre Aussagen 
anzweifeln, da sie nicht über <die Fakten» verfügen, und da sie das, 
was sie sagen, nicht <beweisen> können, doch haben sie trotzdem 
wahrscheinlich eher recht als jene, denen jede experimentelle Er- 
fahrung abgeht, und so sind allein sie es, die uns zeigen können, wie 
man zu einer präziseren Untersuchung gelangt, wenn diese der Mü- 
he wert scheint. 

Eine experimentelle Analyse von Verhalten bietet ähnliche Vor- 
teile. Wenn wir Verhaltensprozesse unter kontrollierten Bedingun- 
ge n jbeofea3itet "Kaben, fällt es leichter, sie in der Welt überhaupt zu 
entdecken. Wir können wichtige Merkmale des Verhaltens und der 
Umwelt erkennen und sind damit in der Lage, unwichtige zu ver- 
nachlässigen, ganz gleich, wie faszinierend diese auch sein mögen. 
Wir können überkommene Erklärungen zurückweisen, wenn sie in 
einer experimentellen Analyse geprüft worden sind und sich als un- 
befriedigend herausgestellt haben, und dann können wir unsere Un- 
tersuchung mit uneingeschränkter Neugierde vorantreiben. Die im 
folgenden zitierten Verhaltensbeispiele werden nicht als <Beweis> 
für die Interpretation angeführt. Der Beweis findet sich in der grund- 
legenden Analyse. Die Grundsätze, welche bei der Interpretation der 
Beispiele angewandt werden, sind so plausibel, wie es Grundsätze, 
die sich ausschließlich aus gelegentlich angestellten Beobachtungen 
herleiten, nicht sein würden. 

Der vorliegende Text wird häufig den Eindruck von Widersprüch- 
lichkeit erwecken. Wie alle Sprachen, so kennt auch das Englische 
eine Menge vorwissenschaftlicher Begriffe, die für den Alltagsge- 
brauch in der Regel ausreichen. Niemand schaut den Astronomen 
schief an, wenn er erklärt, daß die Sonne aufgeht oder daß nachts 
die Sterne erscheinen, da es lächerlich wäre, ihm bei jeder Gelegen- 
heit die Erklärung abzuverlangen, daß die Sonne am Horizont er- 
scheint, weil sich die Erde dreht, oder daß die Sterne sichtbar wer- 


30 



den, weil das Sonnenlicht in der Atmosphäre nicht mehr gebrochen 
wird. Wir fordern von ihm lediglich, daß er uns, wenn nötig, eine 
präzisere Erklärung liefert. Die englische Sprache kennt wesentlich 
mehr Ausdrücke, die sich auf menschliches Verhalten beziehen als 
auf andere Aspekte der Welt, und technische Alternativen sind uns 
wesentlich weniger vertraut. Die Verwendung von geläufigen Aus- 
drücken wird daher wahrscheinlich wesentlich mehr angefochten 
werden. Es mag dem Leser als ungereimt erscheinen, wenn wir ihn 
bitten, <einen gewissen Sachverhalt im Geist nachzuvollziehen>, wo 
wir ihm doch erklärtem daß <Geist> eine Fiktion in nerhalb bestimm-^ 
jer Erklärungsv ersuch e ist ; o der wenn wir ihn ersuchen, <sich mit der 
Idee der Freiheit auseinanderzuset£en>, wo doch eine Idee lediglich 
ein imaginierter Vorläufer von Verhalten ist; oder wenn wir davon 
sprechen, daß es nötig ist, <jene zu beruhigen, die vor einer Verhal- 
tenswissenschaft zurückschrecken>, wenn damit lediglich gemeint ist, 
daß sie ihr Verhalten hinsichtlich einer solchen Wissenschaft ändern 
sollten. Dieses Buch hätte für einen Leser vom Fach ohne solche Aus- 
drücke abgefaßt werden können. Weil aber die in ihm behandelten 
Gegenstände für den Nichtspezialisten wichtig sind, haben wir sie 
mittels einer nicht-technischen Sprache diskutiert. Natürlich können 
viele der mentalistischen Ausdrücke, die in der englischen Sprache 
verwurzelt sind, nicht so exakt definiert werden wie der Begriff 
<Sonnenaufgang>, doch liegen annehmbare Übersetzungen nicht au- 
ßerhalb des Möglichen. 


Fast alle unsere Hauptprobleme haben mit menschlichem Verhalten 
zu tun, und eine physikalische und biologische Technologie reicht zu 
ihrer Lösung nicht aus. Was wir brauchen, ist eine Technologie des 
Verhaltens, doch haben wir nur langsam die Wissenschaft entwickelt, 
aus der eine solche Technologie hervorgehen könnte. Eine Schwierig- 
keit besteht darin, daß fast alles, was man als Verhaltens Wissen- 
schaft bezeichnet, Verhalten nach wie vor auf die menschliche Na- 
tur, auf Geisteszustände, Empfindungen, Wesenszüge und derglei- 
chen zurückführt. Die Physik wie die Biologie hielten sich einst an 
ähnliche Methoden und machten erst dann Fortschritte, als sie sie 


31 



aufgaben. Die Wissenschaft vom Verhalten hat sich teils deshalb so 
langsam gewandelt, weil die Erklärungen für Verhalten häufig den 
Eindruck vermitteln, als würden sie direkt aus Beobachtungen her- 
vorgehen, und teils deshalb, weil andere Arten von Erklärungen 
schwer zu finden waren. Die Umwelt ist offensichtlich wichtig, doch 
ihre Rolle ist ungeklärt geblieben. Sie drängt und zerrt nicht, son- 
dern sie liest ans, und es ist schwierig, diese Funktion zu entdecken 
und zu analysieren. Die Rolle, welche die natürliche Auslese in der 
Evolution spielt, wurde erst vor etwas mehr als hundert Jahren 
formuliert, und die selektive Rolle, welche die Umwelt bei der Ge- 
staltung und Erhaltung des Verhaltens der Einzelperson spielt, wird 
erst heute allmählich erkannt und untersucht. Da man heute jedoch 
die Wechselwirkung zwischen Organismus und Umwelt durchschaut 
hat, führt man Wirkungen, die früher Geisteszuständen, Empfin- 
dungen und Wesenszügen zugeschrieben worden sind, immer mehr 
auf erfaßbare Bedingungen zurück, wodurch eine Technologie des 
Verhaltens möglich werden kann. Allerdings wird diese unsere Pro- 
bleme erst dann lösen können, wenn sie die überkommenen, tief- 
verwurzelten vorwissenschaftlichen Ansichten ersetzt hat. An der 
Vorstellung von der Freiheit und Würde veranschaulicht sich dieses 
Problem. Sie sind beide, der überkommenen Theorie zufolge, der 
Besitz des autonomen Menschen», und beide sind sie einer Praxis 
wesentlich, in der eine Person für ihr Benehmen verantwortlich ge- 
macht und für ihre Leistungen gelobt wird. Eine wissenschaftliche 
Analyse überträgt sowohl die Verantwortlichkeit als auch die Lei- 
stung auf die Umwelt. Außerdem wirft sie Fragen auf, in denen es 
um < Werte» geht. Wer wird eine solche Technologie zu welchem 
Zweck benutzen? Solange diese Punkte nicht geklärt sind, wird ei- 
ne Technologie des Verhaltens auch weiterhin verworfen werden, 
und mit ihr vielleicht die einzige Möglichkeit, unsere Probleme zu 
lösen. 



2 

Freiheit 


Freiheit als Befreiung. Fast alle Lebewesen handeln, wenn es dar- 
um geht, sich von schädlichen Kontakten zu befreien. Auch durch 
jene relativ einfachen Formen von Verhalten, die sogenannten Re- 
flexe, wird eine Art von Freiheit erzielt. Jemand niest und befreit 
seine Atemwege von störenden Dingen. Er übergibt sich und befreit 
seinen Magen von unverdaulicher oder giftiger Nahrung. Er zieht 
seine Hand zurück und befreit sie von dem Kontakt mit einem schar- 
fen oder heißen Gegenstand. Kompliziertere Verhaltensformen ha- 
ben ähnliche Wirkungen. Sind sie gefangen, so kämpfen die Men- 
schen (<in Wut geraten») und brechen frei. Sind sie in Gefahr, so 
fliehen sie vor der Ursache oder greifen sie an. Verhalten dieser Art 
entwickelte sich vermutlich, weil es fürs Überleben wichtig war; es 
ist genauso ein Teil dessen, was wir menschliche Erbanlage nennen, 
wie Atmen, Schwitzen oder die Verdauung von Nahrung. Durch 
KonditionierungJ cann ähnliches Verhalten in bezug auf neue Objekte 
erworben werden, die in der Evolution keine Rolle gespielt haben. 
Diese Beispiele für den Kampf um Freiheit sind nicht sehr wichtig, 
doch sind sie bezeichnend. Wir führen sie nicht zurück auf irgend- 
eine Freiheitsliebe; sie sind ganz einfach nützliche Verhaltensformen 
für die Verminderung von Gefahren, denen sich die Einzelperson 
und auch die ganze Spezies im Laufe ihrer Evolution ausgesetzt 
sah. 

Positive und negative Verstärker. Eine wesentlich wichtigere 
Rolle spielt Verhalten, das schädliche Reize auf andere Weise 
schwächt. Es wird nicht in Form von bedingten Reflexen erworben, 
sondern als das Ergebnis eines anderen Prozesses, der sogenannten 


33 



operativen Konditionierung *. Wenn ein Verhalten eine gewisse 
Folge nach sich zieht, ist es wahrscheinlicher, daß es noch einmal 
auftritt. Eine Folge, die diese Wirkung hat, wird < Verstärker» ge- 
nannt . T5o ist zum ßeispierN aKrühg ein V erstär ker für den hung- 
rigen Organismus; alles, was zur Nahrungsaufnahme geführt hat, 
wird der Organismus höchstwahrscheinlich wieder tun, wenn er 
hungrig ist. Manche Reize werden als^negative Verstärker bezeich- 
net; jede Reaktion, die die Intensität eines soISenlleizes einschränkt 
- oder ihn zum Erliegen bringt wird sich mit höherer Wahr- 
scheinlichkeit wieder einstellen, wenn derselbe Reiz noch einmal 
auftritt. So wird zum Beispiel eine Person, die vor der heißen Sonne 
Schutz sucht, wahrscheinlich wieder vor ihr Schutz suchen, wenn sie 
wieder der Sonnenhitze ausgesetzt ist. Die Verringerung der Tem- 
peratur verstärkt das Verhalten, von dem sie <abhängig ist> - das 
heißt das Verhalten, dem sie folgt. Operative Konditionierung tritt 
auch dann auf, wenn eine Person die Sonnenhitze lediglich meidet - 
wenn sie, grob gesagt, vor der Bedrohung durch die Sonne flieht. 

^[egative Verstärker werden insofern als <aversiv> bezeichnet, als 
sie Dinge sind, von denen sich Organismen <abwenden>. Dieser Be- 
griff weist zwar auf eine räumliche Trennung hin - man entfernt 
sich oder läuft fort von etwas -, doch ist die Relation im wesent- 
lichen temporaler Art. Bei Versuchsanordnungen, die dazu dienen, 
diesen Prozeß im Labor zu untersuchen, schwächt eine willkürliche 
Reaktion ganz einfach einen aversiven Reiz oder sie beendet ihn. 
Ein Großteil der physikalischen Technologie ist das Ergebnis einer 
solchen Art von Freiheitskampf % l purcfr_ .die Jahrhunderte haben 
siA die Menschen auf r echt^iellose eise eine Welt geschaffen, in 
der sie relativ frei von vielen Arten von Bedrohenden oder schädli- 
chen Reizen jsind^-- von extremen Temperaturschwankungen, In- 
fektionsherden, Gefahren generell, Schwerarbeit und sogar von je- 
nen geringfügigen aversiven Reizen, die wir unter dem Begriff Un- 
behagen zusammenfassen. 

Flucht und Angriff. Flucht und Vermeidung spielen in dem Kampf 
um Freiheit eine wesentlich wichtigere Rolle, wenn die aversiven 

* Vgl. B. F. Skinner: < Science and Human Behavior>. New York 1953, 
Kap. 5, Kap. 11. 

34 


Bedingungen von anderen geschaffen werden. Andere Menschen kön- 
nen aversiv wirken, ohne daß sie sich darum bemühen: Sie können 
grob, gefährlich oder ansteckend sein, oder sie können einem auf die 
Nerven gehen, weshalb man sich ihnen entzieht oder aus dem Weg 
geht. Sie können auch mit Absicht (<intentional>) aversiv sein - das 
heißt, sie behandeln andere wegen der Folgen aversiv. So veranlaßt 
ein Sklavenaufseher den Sklaven zu arbeiten, indem er ihn schlägt, 
wenn er auf hört zu arbeiten; wenn der Sklave seine Arbeit wieder- 
aufnimmt, entgeht er den Schlägen, wodurch das Verhalten des 
schlagenden Aufsehers verstärkt wird. Ein Vater tadelt sein Kind so 
lange, bis es eine Aufgabe erledigt; wenn es diese Aufgabe ausführt, 
entgeht es dem Tadel (und verstärkt damit das Verhalten des Va- 
ters). Der Erpresser droht so lange mit einer Enthüllung, bis sein Op- 
fer zahlt; das Opfer flieht vor dieser Drohung (und verstärkt damit 
das Verhalten des Erpressers). Ein Lehrer droht mit körperlicher 
Züchtigung oder Nichtbestehen einer Prüfung, damit seine Schüler 
aufpassen; indem sie aufpassen, entziehen sich die Schüler der dro- 
henden Bestrafung (womit sie die Reaktion des Lehrers verstärken). 
In der einen ode r anderen Form liegt eine intentionale aversive Kon- 
t roll e dem größten Teil aller sozialen Koordinaten als Muster zu- 
gründe - • ,das Bilt füi: die EtliiRrilI£KeEgiop.-jdie Politik, die Wirt- 
schaff, die Erziehung, die Psydipthera.pie und das Familienleben. 

Eine Person flieht vor oder vermeidet eine aversive Behandlung, 
indem sie sich auf eine Weise verhält, durch die jene verstärkt wer- 
den, die die Personen vorher aversiv behandelten. Allerdings gibt es 
noch andere Fluchtmöglichkeiten. So kann sich eine Person ganz 
einfach außer Reichweite begeben. Sie kann der Sklaverei entflie- 
hen, sie kann auswandern oder sich von einer Regierung lossagen, sie 
kann aus einer Armee desertieren, sie kann von einer Religion ab- 
fallen, sie kann die Schule schwänzen, sie kann von zu Hause aus- 
reißen oder sich als Landstreicher, Einsiedler oder Hippie von einer 
Kultur lossagen. Solches Verhalten ist genauso ein Ergebnis der aver- 
siven Bedingungen wie das Verhalten, das durch diese Bedingungen 
ausgelöst werden sollte. Das letztere kann nur durch eine Verschär- 
fung der Folgewirkungen oder durch den Einsatz stärkerer aversi- 
ver Reize gewährleistet werden. 

Eine weitere ungewöhnliche Möglichkeit der Flucht besteht dar- 

35 



in, jene anzugreifen, die aversive Umstände schaffen, und ihre Macht 
zu schwächen oder zu zerstören. Wir mögen jene angreifen, die uns 
bedrängen oder belästigen, ähnlich wie wir gegen das Unkraut in 
unserem Garten vorgehen, doch richtet sich der Kampf um Freiheit 
auch in diesem Fall hauptsächlich gegen intentionale Kontrolleure - 
gegen jene, die andere aversiv behandeln, um sie zu veranlassen, 
sich auf bestimmte Weise zu verhalten. So kann zum Beispiel ein 
Kind gegen seine Eltern revoltieren, ein Bürger kann eine Regie- 
rung stürzen, ein Mitglied einer Kirche kann eine Religion refor- 
mieren, ein Schüler kann einen Lehrer angreifen oder eine Schule 
verwüsten und ein Drop-out kann versuchen, eine Kultur zu zer- 
stören. 

Es ist möglich, daß die Erbanlage des Menschen diese Art von 
Kampf um Freiheit unterstützt: Wenn Mensc hen aversiv behandelt 
werder^, neigen sie dazu, aggressiv zu handeln oder in ihrem Verhal- 
ten durch Anzeichen verstärkt zu werden, Hie darauf hindeuten, daß 
sie aggressiv Schaden angerichtet haben.* Beide Neigungen müssen 
eigentlich Vorteile gehabt haben, was sich leicht beweisen läßt. Wenn 
zwei Organismen, die friedlich zusammen gelebt haben, schmerz- 
hafte Schläge erleiden, wenden sie sich sofort gegeneinander, und ihr 
Verhalten weist charakteristische Aggressionsmuster auf. Das aggres- 
sive Verhalten richtet sich nicht unbedingt gegen die tatsächliche 
Reizquelle: es kann <verlagert> werden auf jede geeignete Person, 
auf jedes geeignete Objekt. Vandalismus und Krawalle sind häufig 
Formen einer solchen ungezielten oder fehl geleiteten Aggression. 
Ein Organismus, der einen schmerzhaften Schlag erlitten hat, wird 
sich, wenn möglich, so verhalten, daß er einen anderen Organismus 
erreicht, dem gegenüber er sich aggressiv verhalten kann . Das Aus- 
maße in de mmenschliche Aggression^ angeborene N eigungen^exenv; 
plifiziert, istnxcht Har, u nd viele A ngriffsmethoden, die d azu die- 
sen, cGe^hlacht intentionaler KontrpUeure zu schwächen oder zu 
" zerstören, sind ganz offensichtlich erlernt. 


* Vgl. N. H. Azrin, R. R. Hutchinson, R. D. Sallery: <Painaggression 
Toward Inanimate Objects>. In: ]. Exp. Anal. Behav. (1964), S. 223-228. 
Vgl. auch N. H. Azrin, R. R. Hutchinson, R. McLaughlin, a. a. O. (1965), 
S. 171-180. 


36 



Die Literatur der Freiheit. Eine ganze <Literatur der Freiheit» ist ge- 
schaffen worden, um die Menschen zu veranlassen, jenen zu entfliehen 
oder jene anzugreifen, die handeln, um sie aversiv zu kontrollieren. 
Der Gehalt dieser Literatur ist die Philosophie der Freiheit, doch zäh- 
len Philosophen zu jenen inneren Ursachen, die es genau zu prüfen 
gilt. Wir erklären, eine Person verhalte sich auf eine bestimmte Art, 
weil sie eine Philosophie besitze, doch leiten wir diese Philosophie von 
ihrem Verhalten ab; wir können sie nicht als eine in irgendeiner 
Weise befriedigende Erklärung benutzen, zumindest solange nicht, 
als sie nicht ihrerseits erklärt worden ist. Andererseits zeichnet sich 
die Literatur der Freiheit durch einen einfachen objektiven Status 
aus. Sie setzt sich zusammen aus Büchern, Pamphleten, Manifesten, 
Reden und anderen verbalen Erzeugnissen, dazu bestimmt, Men- 
schen zum Handeln zu veranlassen: sie sollen sich von verschiedenen 
Arten von intentionalen Kontrollen befreien. Sie v ermittelt ei- 
gentlich keine Philosophie der Freiheit, sie veranlagt“ zum. Hirn- 
cleln. 

Kese Literatur unterstreicht häufig die aversiven Bedingungen« 
unter denen Menschen leben, indem sie sie zum Beispiel mit Lebens- 
Üedingungen in einer freieren Welt vergleicht. Auf diese Weise ge- 
staltet sie die Bedingungen noch aversiver, sie <verschärft das Elend» 
jener, die sie zu retten versucht. Außerdem identifiziert sie jene, de- 
nen es zu entfliehen gilt oder deren Macht durch Angriffe geschwächt 
werden soll. Charakteristische Bösewichte dieser Literatur sind Des- 
poten, Priester, Generale, Kapitalisten, strenge, kleinliche Lehrer 
und tyrannische Eltern. 

Di eseJLinsxatur verschreibt auch Aktionsweisen. Sie hat sich nicht 
sonderlich mit Fluchtmöglichkeiten befaßt, vielleicht weil es eines 
Ratschlags in dieser Richtung nicht bedurfte; statt dessen hat sie ge- 
zeigt, wie eine kontrollierende Macht geschwächt oder zerstört wer- 
den kann. Despoten sollen gestürzt, verbannt oder ermordet, die 
Legitimität einer Regierung soll angezweifelt werden. Das angebli- 
che Vermögen der Vertreter einer Religion, übernatürliche Sanktio- 
nen herbeizurufen, gilt es anzufechten. Streiks und Boykotts sollen 
organisiert werden, um eine Wirtschaftsmacht, die aversive Prakti- 
ken unterstützt, zu schwächen. Verstärkt wird eine solche Argu- 
mentation durch die Ermunterung zum Handeln; wahrscheinliche 


37 



Ergebnisse werden besArieben, erfolgreiche Beispiele an Hand wer- 
bekräftigen Beweismaterials angeführt. 

Natürlich sehen dem die Möditegern-Kontrolleure nicht taten- 
los zu. Regierungen vereiteln eine Flucht, indem sie ein Ausreise- 
verbot verhängen oder indem sie Verräter streng bestrafen oder 
einsperren. Sie versuchen, Waffen oder andere Ma Atmittel niAt in 
die Hände von Revolutionären gelangen zu lassen. Sie zerstören 
die sAriftliAe Literatur der Freiheit und verhaften oder töten je- 
ne, die solAe Literatur verbreiten. Soll der Kampf um Freiheit er- 
folgreiA sein, muß er hierauf intensiviert werden. 

Di e W khtigkeit der Freiheitsliteratur läßt sich kaum anzwei- 
feln. Ohne Hilfe oder Führung unterwerfen siA die Mens Aen sehr 
{ TelcRt aje^iY!? 1 * Bedingungen. Das ist sogar dann der Fall, wenn 
aversive Bedingungen Teil der natürliAen Umwelt sind. So beob- 
aAtete zum Beispiel Darwin, daß die Feuerländer * keinen VersuA 
zu unternehmen schienen, um siA vor der Kälte zu sAützen; ihre 
Kleidung war dürftig, und sie nutzten sie nur wenig gegen die Un- 
bilden des Wetters. Wie oft ist es zu einem Kampf um Freiheit von 
intentionaler Kontrolle überhaupt niAt gekommen! Viele Men- 
sAen haben siA jahrhundertelang harten religiösen, politisAen 
/ > und wirts Aaftli Aen Kontrollen unterworfen; sie haben, wenn über- 
haupt, nur sporadisA um ihre Freiheit gekämpft. Die Freiheitsli- 
teratur hat wesentliA dazu beigetragen, aversive Praktiken von 
Regierungen, KirAen, im BereiA der Erziehung, der Familie und 
der WirtsAaft abzusAaffen. 

Der Beitrag der Freiheitsliteratur wird allerdings meist anders 
besArieben. Von einigen traditionellen Theorien läßt siA behaup- 
ten, daß sie Freiheit definieren als die Abwesenheit aversiver Kon- 
trollen, doA lag der NaAdruA in der Regel darauf, wie man siA 
unter solAen Bedingungen fühlt**. Anderen überkommenen Theo- 
rien naA ließe siA Freiheit definieren als die Verfassung einer Per- 
son, wenn sie unter niAt-aversiver Kontrolle lebt, doA man leg- 
te den Akzent auf eine Geistesverfassung, die es ermögliAe, das 

* Vgl. Marston Bates: <Where Winter Never Comes>. New York 1952, 
S. 102. 

** Vgl. B. F. Skinrier: <Contingencies of Reinforcement>. New York 
1969, n. 8. 7. 

38 



zu tun, was man tun möchte. John Stuart Mill* erklärte: «Frei- 
heit besteht darin, das zu tun, was man will.» Die Freiheitsliteratur 
war bedeutend für die Veränderung der Praxis (sie hat Praktiken 
verändert, wenn sie überhaupt Wirkung gehabt hat); ihre Aufgabe 
hat sie dessenungeachtet als die Veränderung von Geisteszustän- 
den und Empfindungen definiert. JF^Ji Eine Per- 
son entflieht der oder zerstört die Macht eines Kontrolleurs, um 
sich frei zu fühlen, und wenn sie sich frei fühlt und tun kann, was 
sie möchte, werden keine weiteren Aktionen empfohlen. So hat 
auch die Freiheitsliteratur für solche Fälle kein Handlungsrezept 
parat, außer vielleicht eine Ermahnung zu ständiger Wachsamkeit, 
damit sich eine Kontrolle nicht wiederhole. 

Freiheitsgefühle werden zu einem unverläßlichen Führer zum 
Handeln, sobald Mö(htegern-Kontrolleure zu nicht-aversiven Maß- 
nahmen greifen. Das tun sie wahrscheinlich, um die Probleme zu 
vermeiden, die entstehen, wenn der Kontrollierte flieht oder an- 
greift. Nicht-aversive Maßnahmen sind weniger leicht durchschau- 
bar als aversive, und der Kontrollierte assimiliert sie wahrschein- 
lich langsamer, doch zeichnen sie sich durch offensichtliche Vorteile 
aus, die ihre Anwendung empfehlen. So war zum Beispiel produk- 
tive Arbeit einst das Resultat von Bestrafung: Der Sklave arbei- 
tete, um den Folgen des Nicht- Arbeitens zu entgehen. Löhne exem- 
plifizieren ein weiteres Prinzip; eine Person wird bezahlt, wenn 
sie sich in einer bestimmten Weise verhält, so daß sie sich auch wei- 
terhin so verhalten wird. Obgleich seit langem bekannt war, daß 
Belohnungen nützliche Auswirkungen haben, haben sich Beloh- 
nungssysteme nur langsam entwickelt. Im 19. Jahrhundert glaub- 
te man, eine Industriegesellschaft brauche eine hungrige Arbeiter- 
schaft; Lohne würden nur dann wirksam sein, wenn der hungrige 
Arbeiter sich dafür Nahrung kaufen könnte. Indem man die Ar- 
beit weniger aversiv gestaltete - die Arbeitszeit wurde verkürzt, 
die Arbeitsbedingungen wurden verbessert ist es möglich ge- 
worden, Menschen für geringeres Entgelt arbeiten zu lassen. Noch 
bis vor kurzem war das Lehren fast völlig aversiv: Der Schüler 
lernte, um den Folgen des Nicht-Lernens zu entgehen. Allerdings 

* John Stuart Mill: < Liberty >. 1859, Kap. 5. 

39 



entdeckt und benutzt man mittlerweile allmählich nidit-aversive 
Methoden. So haben geschickte Eltern gelernt, ihre Kinder für gu- 
tes Betragen zu belohnen, anstatt sie für schlechtes zu bestrafen. 
Die Kirchen kommen davon ab, mit den Qualen der Hölle zu dro- 
hen und unterstreichen statt dessen die Liebe Gottes, während sich 
Regierungen statt aversiver Sanktionen zusehends verschiedener An- 
reize bedienen (worauf wir noch zurückkommen). Was der Lai e 
a ls Belohnung oder Entgelt bezeichnet, ist ein «positiver Verstär- 
Iter»*, dessen Auswirkunpn vdn äer experimentellen Analyse 
operativen Verhaltens gründlich untersucht worden sind. Diese Aus- 
wirkungen sind weniger leicht erkennbar als die aversiven Kontin- 
genzen, weil sie meist mit einiger Verspätung auf treten. Daher hat 
man sich lange Zeit um ihren praktischen Einsatz nicht sonderlich 
gekümmert. Heute verfügen wir allerdings über Techniken, die ge- 
nauso wirksam sind wie die althergebrachten aversiven Metho- 
den .^ ** 

Für den Verteidiger der Freiheit erhebt sich ein Problem, wenn 
ein Verhalten, ausgelöst durch <posit ive Verstärkung», verzöger- 
te aversive Folgen zeitigt. Das dürfte besonders dann der Fall sein, 
wenn dieses Verfahren im Rahmen einer intentionalen Kontrolle 
angewandt wird, bei der der Gewinn für den Kontrolleur gewöhn- 
lich einen Verlust für den Kontrollierten bedeutet. Die sogenannten 
bedingten positiven Verstärker können häufig so eingesetzt wer- 
den, daß sie verzögerte aversive Folgen nach sich ziehen. Geld ist 
ein Beispiel dafür. Es wirkt erst dann verstärkend, wenn es gegen 
verstärkende Dinge eingetauscht worden ist, doch kann es als Ver- 
stärker auch dann benutzt werden, wenn ein solcher Tausch un- 
möglich ist. Falschgeld, ein ungedeckter oder gesperrter Scheck oder 
ein nicht gehaltenes Versprechen sind bedingte Verstärker, obgleich 
die aversiven Folgen gewöhnlich rasch entdeckt werden. Ein Mu- 
sterbeispiel ist der falsche Goldbarren. Eine Gegenkontrolle folgt 
auf dem Fuß: Wir fliehen vor jenen oder greifen sie an, die beding- 
te Verstärker auf diese Weise mißbrauchen. Allerdings bleibt der 


* Vgl. B. F. Skinner: <Science and Human Behavior>. New York 1953, 
Kap. 5, Kap. 6. 

** Ebd., S. 76. 


40 



Mißbrauch vieler sozialer Verstärker häufig unbemerkt. Persönli- 
che Aufmerksamkeit, Anerkennung und Zuneigung wirken in der 
Regel nur dann verstärkend, wenn eine Verbindung zu bereits 
wirksamen Verstärkern besteht; doch können sie auch praktiziert 
werden, wenn eine solche Verbindung fehlt. Die vorgetäuschte An- 
erkennung und Zuneigung, zu der Eltern und Lehrer häufig ge- 
drängt werden, um Verhaltensprobleme zu lösen, ist Heuchelei. 
Dasselbe gilt für Schmeicheleien, Schulter klopfen und manch ande- 
re Art, <Freunde zu gewinnen». 

Echte positive Verstärker können so benutzt werden, daß die 
Folgen aversiver Art sind. Eine Regierung kann dem Verrat und 
der Fahnenflucht dadurch Vorbeugen, daß sie das Leben interessan- | 
ter gestaltet - indem sie zum Beispiel für Brot und Spiele sorgt, 4 
indem sie Sport und Glücksspiel unterstützt, indem sie den Genuß 3 
von Alkohol und anderen Rauschmitteln fördert, und indem sie 
verschiedene Arten sexuellen Verhaltens duldet. Auf diese Weise ^ 
bleiben die Menschen aber innerhalb eines Bereichs möglicher aver- Jj« 
siver Sanktionen. Die Brüder Goncourt bemerkten, wie sich die 
Pornographie im Frankreich ihrer Zeit verbreitete: «Pornographi- 
sche Literatur», so schrieben sie in ihrem Journal unter dem Datum 
des 29. Juli 1860, «dient einem Bas-Empire... man zähmt ein 
Volk wie man Löwen zähmt, nämlich mittels Masturbation.» 

Echte positive Verstärkung kann auch dadurch mißbraucht wer- 
den, daß die bloße Quantität an Verstärkern der Auswirkung auf 
das Verhalten nicht proportional ist. Verstärkung hat gewöhnlich 
nur intermittierende Wir kun g ; jder Ablauf der V er Stärkung JJ^ist 
wichtig er als die Quantität an Verstärkung. Gewisse Abläufe wir- 
Icwiselir auf das Verhalten trotz nur geringfügiger Verstärkung, 
eine Möglichkeit, die von Möchtegern-Kontrolleuren natürlich 
nicht übersehen worden ist. Zwei Beispiele für solche Abläufe, die 
nur zu leicht zum Nachteil jener gereichen können, auf die sie sich 
auswirken, sollen hier umrissen werden. 


* Eine kurze Zusammenfassung dazu in B. F. Skinner: <Science and 
Human Behavior > . New York 1953, S. 99-106. Ausführliche experimen- 
telle Analyse in B. F. Skinner, Ch.B. Ferster: <Sckedules of Rein forcement >. 
New York 1957. 


41 



Akkordlohn. In dem Anreizsystem, das als Akkordlohn bekannt 
ist, erhält der Arbeiter für jede ausgeführte Arbeitseinheit ein be- 
stimmtes Entgelt. Dieses System scheint ein Gleichgewicht zwischen 
den erzeugten Gütern und dem empfangenen Lohn zu gewährlei- 
sten. Die Methode hat sowohl für das Management seinen Anreiz, 
da es die Arbeitskosten im vorhinein kalkulieren kann, als auch für 
den Arbeiter, der seinen Lohn kontrollieren kann. Dieses Muster 
kann jedoch so benutzt werden, daß dem fleißigen Arbeitsverhalten 
nur geringes Entgelt entgegensteht. Das System veranlaßt den Ar- 
beiter zu rascher Arbeit, und nun kann das Verhältnis <gestredkt> 
werden - das heißt, für jede Lohneinheit kann mehr Arbeit gefor- 
dert werden, aber ohne das Risiko, daß der Arbeiter zu arbeiten 
aufhört. Das Endresultat - viel Arbeit gegen sehr geringe Entloh- 
nung - kann äußerst aversiv sein. 

Glücksspiel. Ein verwandtes Muster, das sogenannte variable 
Verhältnis, liegt allen Glücksspielsystemen zugrunde. Ein Spielun- 
ternehmen bezahlt die Menschen dafür, daß sie ihm Geld geben - 
das heißt, es bezahlt sie, wenn sie Wetten abschließen. Doch wird 
hier nach einem System bezahlt, das den Abschluß von Wetten för- 
dert, obgleich der Gewinn auf die Dauer weniger ist als der gesam- 
te Wetteinsatz. Das Verhältnis mag für den Wettenden zunächst 
günstig sein; er «gewinn t>. Doch kann das Verhältnis so <gestreckt> 
werden, daß er auch dann zu spielen fortfährt, wenn er zu verlie- 
ren beginnt. Diese <Streckung> kann zufälliger Art sein (eine an- 
fängliche Glückssträhne, der sich eine Pechsträhne anschließt, kann 
einen leidenschaftlichen Spieler aufreizen), oder das Verhältnis 
kann absichtlich von jemandem <gestreckt> werden, der die Gewinn- 
chancen kontrolliert. Auf die Dauer gesehen ist der <Nutzen> nega- 
tiver Art: Der Spieler verliert alles. 

Selbstkontrolle. Es ist schwierig, sich mit verzögerten aversiven 
Folgen wirksam auseinanderzusetzen, weil sie nicht zu der Zeit auf- 
treten, in der Flucht oder Angriff möglich sind; zum Beispiel dann, 
wenn der Kontrolleur identifiziert werden kann oder erreichbar ist. 
Die unmittelbare Verstärkung ist ja positiv und bleibt unangefoch- 
ten. Das Problem, das von jenen gelöst werden muß, denen es um 


42 



Freiheit zu tun ist, besteht darin, daß sie unmittelbare aversive 
Folgen schaffen müssen. Ein klassisches Beispiel betrifft die Selbst- 
kontrollen* Eine Person ißt zuviel und wird krank, doch sie über- 
lebt - nur um wieder zuviel zu essen. Gutes Essen oder das Verhal- 
ten, das es auslöst, muß genügend aversiv gestaltet werden, damit 
die Person ihm entflieht, indem sie die Speise nicht ißt. (Man könnte 
annehmen, daß sie ihr nur vor dem Essen entfliehen kann, doch ent- 
flohen ihr die Römer zum Beispiel danach, indem sie Brechmittel be- 
nutzten.) 

In diese Richtung zielt etwa die Behauptung, zuviel zu essen sei 
falsch oder sündig oder wer zuviel ißt, sei gefräßig. Andere Arten 
von Verhalten, die es zu unterdrücken gilt, können für ungesetzlich 
erklärt und dementsprechend bestraft werden. Je mehr die aversi- 
ven Folgen verzögert sind, desto größer ist das Problem. Es bedurfte 
einer ganzen Menge technischer Bemühungen>, bis es gelang, mit der 
Einsicht in die Endresultate des Zigarettenrauchens auf dieses Ver- 
halten selbst einzuwirken. Ein faszinierendes Hobby, eine sportli- 
che Betätigung, eine Liebesaffäre oder ein hohes Gehalt können mit 
anderen Bestätigungen konkurrieren, die, auf die Dauer gesehen, 
größere Verstärkung haben. Diese Zeitdauer ist aber zu lang, um 
eine Gegenkontrolle zu ermöglichen. Deshalb wird Gegenkontrolle, 

aversiven Fol- 

ohne positiv verstärkt zu werden. Gesetze werden gegen 
Glücksspiele erlassen, Gewerkschaften widersetzen sich der Akkord- 
arbeit, und es ist verboten, Kinder arbeiten zu lassen oder Menschen 
für unsittliches Verhalten in Dienst zu nehmen. Nur können sich 
solchen Maßnahmen gerade jene widersetzen, die geschützt werden 
sollen. Der Spieler ist gegen ein gesetzliches Glücksspiel verbot, der 
Alkoholiker gegen jede Art von Prohibition; und ein Kind oder eine 
Prostituierte kann bereit sein, für das zu arbeiten, was ihm oder 
ihr angeboten wird. 

Freiheit und die Kontingenzen der Verstärkung. Die Freiheits- 
literatur hat sich nie mit Kontrolltechniken befaßt, die nicht Flucht 

* Vgl. B. F. Skinner: <Science and Human Behavior >. New York 1953, 
Kap. 15. 


43 



oder Gegenangriff erzeugen, weil sie ihre Problematik mit Begriffen 
wie Gefühl oder Geistesverfassung formuliert hat. In seinem Werk 
<Sovereignty> zitiert Bertrand de Jouvenel zwei wichtige Gestalten 
aus dieser Art von Literatur. Leibniz meinte: «Freiheit besteht in 
dem Vermögen, das zu tun, was man tun möchte», und Voltaire er- 
klärte: «Wenn ich tun kann, was ich tun will, so ist das meine Frei- 
heit.» Doch beide Autoren ergänzen ihre Aussage. Leibniz fährt 
fort: «. . .oder in dem Vermögen, das zu wollen, was erreicht wer- 
den kann», während Voltaire aufrichtiger erklärt: «...aber ich 
kann nicht umhin, das zu wollen, was ich eben will.» Jouvenel ver- 
weist diese Zitate in eine Fußnote und erklärt, die Kraft zu wollen 
sei eine Frage der «inneren Freiheit» (der Freiheit des inneren Men- 
schen!), die außerhalb des «Gambits der Freiheit» stünde. 

Eine Person will etwas, wenn sie handelt, um es zu bekommen, 
so wie sich die Gelegenheit dazu einstellt. Eine Person, die erklärt 
«Ich möchte etwas zu essen», wird wahrscheinlich essen, wenn es 
Essen gibt. Wenn sie sagt «Ich möchte mich aufwärmen», wird sie 
wahrscheinlich, wenn sie das kann, einen warmen Ort auf suchen. 
Diese Handlungen sind in der Vergangenheit verstärkt worden durch 
das, was jeweils gewünscht worden war. Was jedoch eine Person 
empfindet , wenn sie etwas wünscht, das hängt von den Umständen 
ab. Nahrung wirkt verstärkend nur, wenn sich die Person in einem 
Zustand der Entbehrung befindet, und eine Person, die etwas zu 
essen möchte, mag Teile dieses Zustands empfinden - zum Beispiel 
nagenden Hunger. Eine Person, die sich aufwärmen möchte, friert 
wahrscheinlich. Umstände, die mit hoher Reaktionswahrscheinlich- 
keit verbunden sind, mögen ebenfalls empfunden werden, zusam- 
men mit Aspekten der gegebenen Situation, die jenen Aspekten aus 
vergangenen Situationen ähneln, auf Grund derer Verhalten ver- 
stärkt worden ist. Das Wünschen oder Fehlen von etwas ist jedoch 
keine EmpfindungTgenausoWe^ "wie' ^eirie En^Biidung der Grund 
"dafür ist, daß "zukekommen, was er wünscht, 

(jewisse Folgeerscheinungen, <fContingenzen>, haben die Wahrsäiän- 
lichkeit von^eiK und zur selben Zeit Bedingungen ge- 

schaffen, die empfunden werden mögen. Freiheit ist eine Frage der 
Kontingenzen der Verstärkung, nicht jedoch der Empfindungen, die 
von diesen Kontingenzen erzeugt werden. Diese Unterscheidung ist 


44 



besonders wichtig, wenn die Kontingenzen nicht Flucht oder Gegen- 
angriff nach sich ziehen. 

Die Unsicherheit, der wir bei der Gegenkontrolle nicht-aversiver 
Maßnahmen begegnen, läßt sich leicht veranschaulichen. In den drei- 
ßiger Jahren glaubte man, die landwirtschaftliche Produktion ein- 
schränken zu müssen. Die Agricultural Adjustment Act ermächtigte 
den Landwirtschaftsminister, den Bauern Zuschüsse zu gewähren, 
die sich bereit erklärten, weniger zu erzeugen - diesen Bauern den 
Gegenwert dessen zu ersetzen, was sie an den Erzeugnissen verdient 
hätten, die sie nicht zu produzieren sich bereit erklärten. Es wäre 
verfassungswidrig gewesen, wenn man sie genötigt hätte, ihre Pro- 
duktion einzuschränken, doch in diesem Fall, so meinte die Regie- 
rung, liefere man den Bauern lediglich einen Anreiz dazu. Aber der 
Oberste Gerichtshof meinte, ein positiver Anreiz könne genauso un- 
widerstehlich sein wie aversive Maßnahmen, und so erkannte er, 
daß «die Befugnis, uneingeschränkte Zuschüsse zu gewähren oder 
einzubehalten, die Befugnis ist, zu nötigen oder zu zerstören». Die- 
ses Urteil wurde jedoch später wieder aufgehoben, als der Gerichts- 
hof befand, «es hieße die Rechtsprechung in endlose Schwierigkei- 
ten stürzen, wenn man daran festhält, daß ein Motiv oder eine Ver- 
lockung einer Nötigung gleichzusetzen sei». Wir befassen uns nun 
mit einigen dieser Schwierigkeiten. 

Mit einem sehr ähnlichen Sachverhalt haben wir es zu tun, wenn 
eine Regierung eine Lotterie betreibt, um ihre Einkünfte zu erhöhen 
und die Steuern zu senken. In beiden Fällen hat sie dieselben Ein- 
nahmen, obgleich die Gelder nicht unbedingt von denselben Bür- 
gern stammen. Wenn sie eine Lotterie betreibt, vermeidet sie gewisse 
unliebsame Folgen, zum Beispiel, daß sich die Bürger einer schwe- 
ren Steuerlast entziehen, indem sie ins Ausland abwandern oder 
daß sie zum Gegenangriff übergehen, indem sie eine Regierung, die 
neue Steuern auferlegt, absetzen. Eine Lotterie hat keine dieser Aus- 
wirkungen, da sie die Vorteile eines <gestreckten> variablen Verhält- 
nis-Musters einer Verstärkung zu nutzen weiß. Der einzige Wider- 
stand gegen eine solche Praxis rührt von jenen her, die grundsätzlich 
gegen Spielbetriebe sind und die nur in seltenen Fällen selbst spie- 
len. 

Ein drittes Beispiel ist die Praxis, Gefangene zur freiwilligen 


45 



Teilnahme an möglicherweise gefährlichen Experimenten (zum Bei- 
spiel mit neuen Arzneimitteln) heranzuziehen, wobei die Gegenlei- 
stung darin besteht, daß entweder Haftbedingungen erleichtert oder 
das Strafmaß herabgesetzt wird. Jeder würde protestieren, wenn 
die Häftlinge zu einer solchen Teilnahme gezwungen würden. Doch 
auch wenn dem nicht so ist, erhebt sich die Frage, ob sie wirklich frei 
sind, wenn sie solch positiver Verstärkung ausgesetzt werden, zumal 
der Staat ja selbst Haftbedingungen und Strafmaß festgesetzt hat. 

Dieses Schema nimmt häufig wesentlich raffiniertere Form an. 
So ist zum Beispiel argumentiert worden, daß freie, unkontrollier- 
te Möglichkeiten der Empfängnisverhütung und Abtreibung nicht 
die «uneingeschränkte Freiheit sich fortzupflanzen oder sich nicht 
fortzupflanzen verbürgen, weil sie Zeit und Geld kosten»*. Die Ar- 
men der Gesellschaft sollten eine Vergütung erhalten, um eine wirk- 
lich <freie Wahl> treffen zu können. Wenn diese angemessene Ver- 
gütung der aufgewandten Zeit und den nötigen Ausgaben für Fa- 
milienplanung genau entspricht, wären die Menschen wirklich frei 
von jener Kontrolle, die in Verlust an Zeit und Geld besteht. Doch 
ob sie danach Kinder haben werden oder nicht, wird auch dann noch 
an Bedingungen geknüpft sein, die nicht spezifiziert worden sind. Zu 
welchem Grad verfügen die Bürger eines Staates, der Empfängnis- 
verhütung und Abtreibung großzügig unterstützt, über die Freiheit, 
Kinder zu haben oder nicht? 

Unsicherheit in bezug auf positive Kontrollen zeigt sich an zwei 
Bemerkungen, denen man in der Freiheitsliteratur häufig begegnet. 
So wird erklärt, daß es trotz der völligen Determination des Ver- 
haltens besser sei, wenn ein Mensch sich <frei fühle> oder <glaube, er 
sei frei>. Wenn das bedeutet, daß es besser ist, einer Kontrolle ohne 
aversive Folgen unterworfen zu sein, können wir dem zustimmen. 
Wenn es aber bedeutet, es sei besser, eine Kontrolle unterworfen 
zu sein, gegen die niemand revoltiert, dann wird die Möglichkeit 
verzögerter aversiver Folgen einfach übersehen. Die zweite Bemer- 
kung scheint dem Problem angemessener zu sein: <Es ist besser, ein 
seiner Lage bewußter Sklave zu sein als ein glücklichere Der Begriff 
<Sklave> erhellt die Natur der Endeffekte, um die es hier geht: Sie 

* So in Science (1970), S. 1438. 


46 



sind ausbeuterisch und daher aversiv. Es ist sein Elend, dessen sich 
der Sklave bewußt werden muß, und die eigentliche Gefahr ist ein 
ausgeklügeltes System der Versklavung, das keine Revolte zuläßt. 
Der Freiheitsliteratur liegt die Absicht zugrunde, dem Menschen 
aversive Kontrollen bewußt zu machen, doch durch ihre Wahl der 
Methoden ist es ihr nicht gelungen, den glücklichen Sklaven zu retten. 

Rousseau und die Notwendigkeit von Kontrolle. Eine der gro- 
ßen Gestalten der Freiheitsliteratur ist Jean- Jacques Rousseau. Rous- 
seau fürchtete die Macht der positiven Verstärkung nicht. In seinem 
Buch <£mile> gab er Lehrern folgenden Rat: 

Belassen Sie [das Kind] in dem Glauben, daß es stets selbst 
die Kontrolle ausübe, obgleich es immer Sie [der Lehrer] 
sind, der tatsächlich kontrolliert. Es gibt keine vollkomme- 
nere Unterwerfung als jene, die den Schein der Freiheit wahrt, 
denn auf diese Weise nimmt man das Wollen selbst gefan- 
gen. Der arme Säugling, der nichts weiß, der nichts zu tun 
imstande ist, der nichts gelernt hat, ist er Ihnen nicht auf 
Gnade und Ungnade ausgeliefert? Können Sie in der Welt, 
die ihn umgibt, nicht alles anordnen? Können Sie ihn nicht 
beeinflussen, wie es Ihnen beliebt? Seine Arbeit, sein Spiel, 
seine Vergnügungen, seine Schmerzen, liegen sie nicht alle in 
Ihrer Fland, ohne daß er dies wüßte? Ganz ohne Zweifel 
sollte er nur das tun, was er will; doch sollte er nur das tun 
wollen, von dem Sie wünschen, daß er es tut; er sollte keinen 
Schritt unternehmen, den Sie nicht vorausgesehen haben; er 
sollte nicht seinen Mund auftun, ohne daß Sie nicht wüßten, 
was er sagen wird. 

Rousseau konnte diesen Weg einsdilagen, weil er unbegrenztes 
Vertrauen in die Güte von Lehrern hatte und überzeugt war, sie 
würden ihre absolute Kontrolle zum Besten ihrer Schüler einsetzen. 
Doch wie wir später sehen werden, bietet Güte keine Sicherheit ge- 
gen den Mißbrauch von Macht, und es gibt nur sehr wenige Gestal- 
ten in der Geschichte des Kampfes um Freiheit, die einen solchen 
Mangel an Besorgtheit wie Rousseau erkennen ließen. Im Gegen- 
teil; viele unter ihnen haben den extremen Standpunkt vertreten, 


47 



daß alle Kontrolle falsch sei. Indem sie so verfuhren, exemplifizier- 
ten sie den Verhaltensprozeß, der Generalisierung genannt wird. 
Viele Beispiele einer Kontrolle sind aversiv, sei es nun ihrer Natur 
oder ihren Folgen nach, und daher gilt es nun, alle derartige Situa- 
tionen zu vermeiden. Die Puritaner trieben diese Generalisierung 
noch etwas weiter, indem sie argumentierten, fa st jede pos itive Ve£- , 
Stärk u ng sei fa lsch, ganz gleich, ob beabsidmgt oder nicht, weil sie 
die Menschen gelegentlich in Schwierigkeiten bringe. 

Die Freiheitsliteratur hat die Flucht vor oder den Angriff gegen 
alle Arten von Kontrolle unterstützt. Das tat sie, indem sie alle 
Anzeichen von Kontrolle als aversiv abstempelte. Von denen, die 
menschliches Verhalten manipulieren, behauptet man, sie seien 
schlechte Menschen, die es unvermeidlich auf Ausbeutung abgesehen 
hätten. Kontrolle ist eindeutig das Gegenteil von Freiheit, und wenn 
Freiheit gut ist, muß Kontrolle schlecht sein. Was dabei übersehen 
daß es Arten von Kontrollen gibt, die keiner- 
lei aversive Folgen haben. Viele soziale Gewohnheiten, die für das 
Wohl der Spezies wesentlich sind, implizieren die Kontrolle einer 
Person durch eine andere, und niemand kann sie unterdrücken, dem 
menschliche Leistungen irgend etwas bedeuten. Um die Position, daß 
alle Kontrolle falsch sei, aufrechtzuerhalten, war es, wie wir später 
sehen werden, nötig, die Natur nützlicher Verfahren zu verschlei- 
ern oder zu verheimlichen, schwache Verfahren vorzuziehen, eben 
weil sie leichter verschleiert oder verheimlicht werden können, und 
- in der Tat ein ungewöhnliches Ergebnis! - Strafmaßnahmen zu 
verewigen. 

Das Problem besteht darin, den Menschen zu befreien, aber nicht 
von Kontrolle überhaupt, sondern von bestimmten Arten der Kon- 
trolle. Dieses Problem kann nur gelöst werden, wenn unsere Ana- 
lyse alle Folgen in Rechnung stellt. Die Frage., was der Mensch in 
bezug auf Kontrolle empfindet, sei es nun vor oder nachdem die 
Treiheitsliteratur seine Empfindungen beeinflußt hat, führt zu kei- 
nen nützlichen Unterscheidungen. 

Gäbe es nicht die unverbürgte Generalisierung, nach der jede 
Kontrolle falsch ist, könnten wir uns mit der sozialen Umwelt ge- 
nauso einfach auseinandersetzen, wie mit der nicht-sozialen. Ob- 
gleich die Technologie den Menschen von gewissen aversiven Merk- 


48 



malen seiner Umwelt befreit hat, hat sie ihn nicht von dieser Um- 
welt selbst befreit. Wir anerkennen die Tatsache, daß wir von der 
Umwelt um uns herum abhängig sind, und wir verändern lediglich 
die Natur dieser Abhängigkeit. Und um unsere soziale Umwelt so 
weit wie möglich von aversiven Reizen zu befreien, können wir ge- 
nauso vorgehen; wir brauchen diese Umwelt nicht zu zerstören oder 
vor ihr zu fliehen, wir müssen sie neu entwerfen. 


Der Kampf des Menschen um Freiheit ist nicht auf einen Willen, 
frei zu sein, zurückzuführen, sondern auf gewisse Verhaltenspro- 
zesse, die für den menschlichen Organismus charakteristisch sind, und 
deren Hauptwirkung die Vermeidung von oder die Flucht vor so- 
genannten <aversiven> Erscheinungen der Umwelt ist. Physikalische 
und biologische Technologien haben sich hauptsächlich mit natürli- 
chen aversiven Reizen befaßt; der Kampf um Freiheit befaßt sich 
dagegen mit Reizen, die von anderen Menschen absichtlich arran- 
giert worden sind. Die Freiheitsliteratur hat diese Menschen identi- 
fiziert und Wege auf gezeigt, ihrer Macht zu entfliehen oder diese 
zu schwächen oder zu zerstören. Ihr ist es zu verdanken, daß die 
aversiven Reize, die im Rahmen einer internationalen Kontrolle 
angewandt werden, reduziert worden sind. Doch hat sie den Feh- 
ler begangen, Freiheit im Sinne von <Geistesverfassungen> oder 
<Empfindungen> zu definieren. Daher war sie nicht fähig, sich wirk- 
sam mit Techniken der Kontrolle auseinanderzusetzen, die nicht 
Flucht oder Revolte nach sich ziehen und trotzdem aversive Fol- 
gen haben. Notwendigerweise kam sie dazu, jede Kontrolle als 
falsch abzustempeln, um viele der Vorteile, die aus der sozialen 
Umwelt gezogen werden können, zu entstellen. Sie ist nicht vorbe- 
reitet auf den nächsten Schritt; er besteht nicht darin, den Men- 
schen von jeder Kontrolle zu befreien, sondern darin, die Arten von 
Kontrolle, denen er ausgesetzt ist, zu analysieren und zu verändern. 



3 

Würde 


Würde und Anerkennung. Jede Evidenz dafür, daß das Verhal- 
ten einer Person äußeren Umständen zugeschrieben werden kann, 
scheint ihre Würde oder ihren Wert in Frage zu stellen. Wir sind 
nicht geneigt, jemandem Leistungen anzurechnen, die faktisch auf 
Kräfte zurückzuführen sind, über welche er keine Kontrolle hat. 
Wir tolerieren ein gewisses Ausmaß einer solchen Evidenz, genau- 
so wie wir ohne Bestürzung ein gewisses Ausmaß an Evidenz aner- 
kennen, das auf die Unfreiheit eines Menschen hinweist. Niemand 
zeigt sich sonderlich beunruhigt, wenn wichtige Details eines Kunst- 
werks, eines Werks der Literatur, einer politischen Karriere oder ei- 
ner wissenschaftlichen Entdeckung <Einflüssen> im Leben des jewei- 
ligen Künstlers, Schriftstellers, Staatsmanns oder Wissenschaftlers 
zugeschrieben werden. Doch wenn eine Analyse des Verhaltens zu- 
sätzliche Gewißheit für die Bedeutung äußerer Umstände liefert, 
scheinen sich die Leistungen, die der Person selbst angerechnet wer- 
den müssen, in nichts aufzulösen, und folglich begegnen sowohl 
diese Evidenz als auch die Wissenschaft, die auf sie hinweist, hef- 
tigem Widerspruch. 

Freiheit ist ein Problem, das durch die aversiven Konsequenzen 
von Verhalten entsteht, während Würde mit positiver Verstärkung 
zu tun hat. Wenn sich jemand auf eine Weise verhält, die wir für 
verstärkend halten, ermutigen wir solches Verhalten, indem wir 
ihn loben oder rühmen. Wir applaudieren einem darstellenden 
Künstler, damit er seine Darstellung wiederholt. Wir bestätigen den 
Wert einer Verhaltensweise, indem wir dem Betreffenden auf die 
Schulter klopfen oder indem wir <Gut!> oder <Riditig!> sagen oder 
indem wir ihm einen Beweis unserer Wertschätzung zuteil werden 


50 



lassen, zum Beispiel einen Preis, eine Ehrung oder eine Belohnung. 
Einige dieser Dinge wirken von Natur aus verstärkend - Schulter- 
klopfen kann eine Art von Zärtlichkeit sein, Preise wirken immer 
als Verstärker -, während andere konditioniert sind, das heißt sie 
verstärken nur deshalb, weil sie von wirksamen Verstärkern be- 
gleitet oder gegen solche eingetauscht worden sind. Lob und An- 
erkennung verstärken in der Regel deshalb, weil jeder, der eine Per- 
son wegen ihres Tuns lobt oder anerkennt, dazu neigt, ihr gegen- 
über auch andere Verstärker wirksam werden zu lassen. (Übrigens 
kann eine Verstärkung auch die Herabminderung einer Bedrohung 
sein; so bedeutet die Zustimmung zu einem Gesetzesentwurf häufig 
lediglich einen Verzicht auf Ein wände.) 

Es mag eine natürliche Neigung geben, jenen verstärkend zu be- 
gegnen, die uns selbst verstärken, genauso wie wir anscheinend je- 
ne angreifen, die uns selbst angreifen. Doch wird ähnliches Verhal- 
ten von vielen sozialen Umständen erzeugt. Wir loben jene, die un- 
ser Bestes im Auge haben, weil wir Verstärkung erfahren, wenn sie 
darin fortfahren. Wenn wir jemanden für etwas loben, erkennen 
wir eine zusätzlich verstärkende Folge. Einer Person Anerkennung 
für einen errungenen Sieg zollen, hießt die Tatsache unterstreichen, 
daß der Sieg durch etwas bedingt war, was diese Person getan hat; 
folglich kann dieser Sieg für diese Person verstärkend wirken. 

Grade der Anerkennung. Das Ausmaß an Anerkennung, das ei- 
ner Person zuteil wird, steht in einem seltsamen Verhältnis zur 
leichten Erkennbarkeit der Ursachen ihres Verhaltens. Wir halten 
mit Anerkennung zurück, wenn die Ursachen leicht erkennbar sind. 
So loben wir jemanden zum Beispiel normalerweise nicht seiner Re- 
flexe wegen: Wir rechnen es ihm nicht an, wenn er hustet, niest 
oder sich übergibt, obgleich das Resultat wünschenswert sein kann. 
Aus demselben Grund zollen wir Verhalten keine sonderliche Aner- 
kennung, wenn es offensichtlich unter aversiver Kontrolle zustan- 
de kommt, obgleich auch dieses Verhalten nützlich sein kann. Mon- 
taigne bemerkte dazu: «Was immer durch Befehl erzwungen wird, 
wird stärker dem angerechnet, der erzwingt, als dem, der voll- 
streckt» ( <Essais > , III, 9). Wir loben nicht den Kriecher, obgleich er 
einer wichtigen Aufgabe dienen kann. 


51 



Genausowenig rechnen wir Verhalten an, das offensiditlidi auf 
positive Verstärkung zurückzuführen ist. Wir teilen Jagos Verach- 
tung für den 


pflichtgetreuen Kniebeuger. 

Der, ganz verliebt in seine Sklavenfessel, 

Ausharrt, recht wie die Esel seines Herrn, 

Ums Heu ( <Othello > , 1, 1). 

In übertriebenem Maße von sexueller Verstärkung kontrolliert 
zu werden, bedeutet <verliebt> sein, und an die Etymologie dieses 
Begriffs erinnerte Kipling in zwei berühmten Verszeilen: «Da war 
ein Narr und sein Gebet das war ... / Gerichtet an einen Fetzen 
Stoff, einen Knochen, eine Strähne Haar ...» ( <The Vampir e>). An- 
gehörige der begüterten Klassen verloren in der Regel an Ansehen, 
wenn sie sich pekuniären Verstärkern unterordneten, indem sie ei- 
nen Handel zu betreiben begannen. Unter den Leuten, für die Geld 
verstärkend wirkt, variiert gezollte Anerkennung gewöhnlich im 
Verhältnis zur Offensichtlichkeit der Verstärkung: Es gilt als we- 
niger lobenswert, für einen Wochenlohn als für ein Monatsgehalt 
zu arbeiten, auch wenn das Gesamteinkommen dasselbe ist. Der 
Verlust an Ansehen könnte erklären, warum sich die meisten Be- 
rufe nur langsam einer wirtschaftlichen Kontrolle unterwarfen. 
Lange Zeit wurden Lehrer nicht bezahlt, wahrscheinlich weil eine 
Bezahlung unter ihrer Würde gewesen wäre; das Verleihen von 
Geld gegen Zinsen wurde jahrhundertelang verurteilt und zuwei- 
len sogar als Wucher bestraft. Ein Schriftsteller findet durch uns 
kaum Anerkennung, wenn er um seines Lebensunterhalts willen 
schreibt, ebensowenig wie der Maler, der gefällige Bilder für Geld 
malt. Vor allem aber geizen wir jenen gegenüber mit Anerkennung, 
die ganz offensichtlich um einer Anerkennung willen arbeiten. 

Großzügige Anerkennung zollen wir jedoch, wenn es keine sicht- 
baren Gründe für das Verhalten gibt. Liebe verdient etwas mehr 
Lob, wenn sie unerwidert bleibt, und dasselbe gilt für Kunst, Mu- 
sik und Literatur, wenn sie ungewürdigt bleiben. Höchste Aner- 
kennung zollen wir, wenn es deutliche Gründe für ein ganz ande- 
res Verhalten gibt - wenn zum Beispiel ein Liebhaber schlecht be- 


52 



handelt wird oder wenn Kunst, Musik oder Literatur unterdrückt 
werden. Wenn wir eine Person loben, die der Pflicht den Vorrang 
vor der Liebe einräumt, so deshalb, weil sich die Kontrolle, die von 
der Liebe ausgeübt wird, leicht erkennen läßt. Immer schon fanden 
diejenigen Anerkennung, die ein sexuell enthaltsames Leben füh- 
ren, die ihr Vermögen verschenken oder fest zu einer Gesinnung 
stehen, auch wenn sie deshalb verfolgt werden. Begründen läßt sich 
das damit, daß Motive für ein anderes Verhalten hier besonders 
leicht zu erkennen sind. Das Ausmaß an gezollter Anerkennung 
hängt von dem Ausmaß an feindlichen Bedingungen ab. Wir loben 
Loyalität proportional zur erduldeten Verfolgung, Großmut pro- 
portional zum geleisteten Verzicht und Enthaltsamkeit proportio- 
nal zur Stärke des sexuellen Verlangens. La Rochefoucauld be- 
merkte in seinen <Maximen > : «Kein Mensch verdient gelobt zu 
werden für seine Tugend, so er nicht Stärke des Charakters besitzt, 
um böse zu sein. Alle andere Tugend ist gewöhnlich nichts als Träg- 
heit oder Impotenz des Willens.» 

Ein umgekehrtes Verhältnis zwischen Anerkennung einerseits und 
der Offensichtlichkeit von Ursachen andererseits zeigt sich, wenn 
Verhalten eindeutig von Reizen kontrolliert wird. Das Ausmaß 
an Anerkennung, das wir jemandem zuteil werden lassen, der in 
der Lage ist, ein kompliziertes Gerät zu bedienen, hängt von den 
Umständen ab. Wenn offensichtlich ist, daß er lediglich jemand an- 
deren nachahmt, daß <ihm jemand zeigt, was er tun muß>, zollen 
wir ihm nur sehr wenig Anerkennung - wir loben ihn höchstens 
dafür, daß er imstande ist, Verhalten nachzuahmen und auszufüh- 
ren. Folgt er mündlichen Anweisungen - das heißt jemand <sagt 
ihm, was er tun soll> — , so erhält er von uns etwas mehr Anerken- 
nung - wir loben ihn zumindest dafür, daß er die Sprache genü- 
gend beherrscht, um nach Anweisungen zu arbeiten. Wenn er 
schriftlichen Anleitungen folgt, erfährt er von uns, weil er lesen 
kann, zusätzliche Anerkennung. Doch Anerkennung für die Fähig- 
keit, das Gerät zu bedienen> zollen wir ihm nur dann, wenn er dazu 
ohne Anleitung in der Lage ist, obgleich er natürlich diese Fähig- 
keit durch Nachahmung oder durch die Befolgung schriftlicher oder 
mündlicher Anweisungen erworben haben mag. Die höchste Aner- 
kennung findet er von uns jedoch nur, wenn er ohne fremde Hilfe 


53 



entdeckt hat, wie man das Gerät bedient, da er dann keinem Leh- 
rer etwas zu verdanken hat; sein Verhalten hat sich orientiert an 
den relativ unauffälligen Hinweisen, die aus der Anlage des Geräts 
selbst hervorgegangen sind. 

Ähnliche Beispiele finden sich in verbalem Verhalten. Wir ver- 
stärken Menschen, wenn sie sich verbal verhalten - wir bezahlen 
sie, damit sie uns vorlesen, damit sie uns Vorträge halten oder da- 
mit sie in Filmen oder Theaterstücken auftreten -, doch dient unse- 
re Anerkennung weniger zur Verstärkung der Sprechhandlung als 
zur Verstärkung des Gesprochenen. Nehmen wir an, jemand macht 
eine wichtige Aussage. Wir zollen ihm minimale Anerkennung, 
wenn er lediglich wiederholt, was ein anderer bereits vor ihm ge- 
sagt hat. Liest er jedoch seine Aussage vom Blatt, so erhält er von 
uns mehr Anerkennung, zum Teil deshalb, weil <er lesen kann>. 
Wenn er jedoch <aus dem Stegreif spricht», ist kein Reiz erkennbar, 
und so rechnen wir es ihm an, daß er <weiß, was er sagt». Wenn aber 
klar ist, daß das beobachtete Verhalten echt ist, das heißt, daß kei- 
ner seiner Teile sich aus fremdem verbalem Verhalten herleitet, 
dann zollen wir höchste Anerkennung. 

Wir loben ein pünktliches Kind mehr als ein Kind, das ständig 
zur Pünktlichkeit gemahnt werden muß, weil solche Ermahnungen 
eine Abhängigkeit des Verhaltens deutlich machen. Wir zollen mehr 
Anerkennung, wenn jemand Rechnungen anstatt auf dem Papier 
im Kopf durchführt, weil die Reize, welche die einander folgenden 
Schritte kontrollieren, auf dem Papier deutlich sichtbar werden. 
Der Physiker, der theoretisch arbeitet, findet mehr Anerkennung 
als der, der experimentell vorgeht, weil das Verhalten des letzt- 
genannten eindeutig von Beobachtung und Praxis im Labor ab- 
hängt. Wir loben Menschen, die sich ohne Aufsicht gut betragen 
mehr als solche, die beaufsichtigt werden müssen, und Menschen, 
die fließend eine Sprache sprechen, finden stärkere Anerkennung als 
solche, die grammatische Regeln zu Rate ziehen müssen. 

Suche nach Anerkennung. Wir bestätigen die merkwürdige Be- 
ziehung zwischen Anerkennung und der Unauffälligkeit von kon- 
trollierenden Bedingungen, wenn wir eine Kontrolle verheimlichen, 
um einen Verlust an Lob zu vermeiden oder um Lob zu beanspru- 


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dien, das uns eigentlich nicht zusteht. Der General versucht sein 
Bestes, um seine Würde zu wahren, wenn er in einem Jeep über 
holpriges Gelände fährt, und der Flötenspieler fährt fort zu spie- 
len, auch wenn ihm eine Fliege übers Gesicht krabbelt. Wir versu- 
chen, bei feierlichen Anlässen nicht zu niesen oder zu lachen, und 
wenn uns ein peinlicher Fauxpas unterlaufen ist, tun wir so, als sei 
nichts geschehen. Wir ertragen Schmerzen, ohne mit der Wimper zu 
zucken, wir halten uns beim Essen zurück, obwohl wir schrecklichen 
Hunger haben, wir stecken bei einem Kartenspiel beiläufig unseren 
Gewinn ein und wir laufen Gefahr, uns zu verbrennen, wenn wir 
einen heißen Teller langsam, wie wenn nichts wäre, absetzen. (Dr. 
Johnson bezweifelte den Wert solchen Verhaltens: er spuckte hei- 
ße Kartoffeln aus und rief dann seinen Begleitern zu: «Nur ein 
Narr hätte die geschluckt!») Anders ausgedrückt heißt das, daß wir 
uns auf würdelose Weise verhalten. 

Wir l nnühen uns um Anerkennung, indem wir Kontrollen ver- 
schleiern oder verbergen. Der Fernsehsprecher bedient sich eines Souf- 
fleurs, der unsichtbar bleibt, und der Dozent wirft nur hin und wie- 
der einen Blick in seine Notizen, und so erwecken beide den Ein- 
druck, daß sie aus dem Gedächtnis oder aus dem Stegreif sprechen, 
wo sie sich doch in Wirklichkeit — und das ist schon weniger lo- 
benswert - auf fremde Hilfe verlassen. Wir versuchen Anerken- 
nung zu finden, indem wir für unser Verhalten auf Gründe verwei- 
sen, die nicht zwingend sind. Wir <wahren das Gesicht>, indem wir 
unser Verhalten auf weniger deutliche oder weniger einflußreiche 
Ursachen zurückführen - indem wir zum Beispiel so tun, als seien 
wir nicht in Gefahr. Nach dem heiligen Hieronymus machen wir 
aus der Notwendigkeit eine Tugend, indem wir so handeln, wie wir 
zu handeln gezwungen sind, aber gleichzeitig auch so, als seien wir 
gar nicht gezwungen. Wir verbergen den Eindruck, einem Zwang 
ausgesetzt zu sein, indem wir mehr tun, als von uns verlangt wird: 
«Wenn jemand dich zwingt, eine Strecke Wegs mit ihm zu gehen, 
geh mit ihm zwei Strecken» (Mt. 5,41). Wir versuchen andererseits, 
einem schlechten Ruf wegen anstößiges Verhalten dadurch zu ent- 
gehen, daß wir zwingende Gründe für unser Verhalten anführen. 
In diesem Sinne bemerkte Choderlos de Laclos in seinen <Liaisons 
dangereuses > : «Eine Frau muß einen Vorwand haben, um sich ei- 


55 



nem Mann hinzugeben. Was aber wäre besser als der Anschein, sie 
füge sich der Gewalt?» 

Wir verstärken das Lob, das uns zusteht, indem wir uns Situatio- 
nen aussetzen, die gewöhnlich unwürdiges Verhalten zur Folge ha- 
ben, während wir selbst ein solches Verhalten abweisen. Wir suchen 
nach Bedingungen, unter denen Verhalten positiv verstärkt worden 
ist, und lehnen es dann ab, solches Verhalten auszuführen; wir lieb- 
äugeln mit der Versuchung, ähnlich dem Heiligen in der Wüste, der 
die Tugenden eines strengen, enthaltsamen Lebens steigerte, indem 
er für schöne Frauen oder köstliche Gerichte in der Nähe sorgte. 
Wir fahren fort, uns selbst zu bestrafen (und ähneln darin Flagel- 
lanten), wenn wir dem ohne weiteres ein Ende machen könnten, 
oder wir ergeben uns in das Schicksal eines Märtyrers, obgleich wir 
entfliehen könnten. 

Verdienst und Glück. Wenn es uns um die Anerkennung geht, die 
andere finden sollen, lassen wir die Ursachen ihres Verhaltens weni- 
ger deutlich erscheinen. Wir greifen zurück auf geduldige Ermah- 
nung anstatt auf Bestrafung, weil konditionierte Verstärker weni- 
ger offensichtlich sind als nicht-konditionierte und weil Vermeidung 
lobenswerter ist als Flucht. Wir geben dem Schüler einen Wink, an- 
statt ihm die ganze Antwort zu liefern, weil er Anerkennung ver- 
dient, wenn der Wink zur Beantwortung der Frage genügt. Wir le- 
gen ein Verhalten lieber nahe oder geben lieber Ratschläge, anstatt 
Befehle zu erteilen. Und jene, die sich sowieso danebenbenehmen 
werden, sollen tun und lassen, was sie wollen - das erinnert an je- 
nen Bischof, der einer Festtafel vorsaß und rief: «Wer rauchen 
muß, darf!» Wir erleichtern es den Leuten, ihr Gesicht zu wahren, 
indem wir ihre Erklärungen für ihr Verhalten für bare Münze neh- 
men, auch wenn sie noch so fadenscheinig sind. Wir stellen die Löb- 
lichkeit eines Tuns auf die Probe, indem wir Gründe zu unlöbli- 
chem Verhalten geben. Chaucers geduldige Griselda stellte ihre 
Treue zu ihrem Gatten unter Beweis, indem sie den Gründen zur 
Untreue, für die er sorgte, widerstand. 

Zollt man Anerkennung im umgekehrten Verhältnis zur Er- 
kennbarkeit der Ursachen von Verhalten, so kann das auf ein haus- 
hälterisches Denken zurückzuführen sein. In diesem Fall machen 


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wir wohlüberlegten Gebrauch von unseren Hilfsmitteln. Es ist un- 
sinnig, einer Person etwas zu empfehlen, was sie sowieso getan hät- 
te, und die Möglichkeit oder Unmöglichkeit ihres Tuns veranschla- 
gen wir an Hand der vorhandenen Evidenz. Wir sind ganz beson- 
ders geneigt, jemandem etwas zu empfehlen, wenn wir keine ande- 
re Möglichkeit sehen, um Resultate zu erzielen, und wenn es keine 
Gründe gibt, die darauf hinweisen, daß er sich anders verhalten 
könnte. Wir zollen keine Anerkennung, wenn sie keine Verände- 
rung zur Folge haben wird. Wir verschwenden unsere Anerken- 
nung nicht auf Reflexe, weil es äußerst schwierig ist, diese, wenn 
überhaupt, durch operative Verstärkung zu steigern. Wir spenden 
keine Anerkennung für das, was durch Zufall getan wurde. Au- 
ßerdem halten wir mit Anerkennung zurück, wenn sie wahrschein- 
lich von anderen gezollt werden wird; so enthalten wir uns zum 
Beispiel des Lobes von Leuten, die Almosen geben, wenn sie diese 
Tatsache zuvor in die Welt hinausposaunt haben, da «sie ihre Be- 
lohnung ja schon haben» (Mt. 6,2). Sparsamer Verwendung von 
Hilfsmitteln begegnen wir häufig in klarer Form bei der Bestrafung. 
Wir verschwenden keine Strafen, wenn wir wissen, daß sie keine 
Veränderung bewirken - wenn zum Beispiel das Verhalten zufällig 
war oder wenn es sich um das Verhalten eines nicht voll Zurech- 
nungsfähigen handelt. 

Ein gewisses haushälterisches Denken mag auch erklären, warum 
wir Leute nicht loben, die offensichtlich nur um des Lobes willen 
arbeiten. Verhalten soll nur dann gelobt werden, wenn es mehr 
als lobenswert ist. Wenn jene, die um des Lobes willen arbeiten, 
auf keine andere Weise produktiv sind, ist das Lob verschwendet. 
Außerdem kann es mit den Auswirkungen anderer Folgen in Kon- 
flikt geraten; der Schauspieler, der um des Beifalls willen spielt, 
also aufs Publikum schielt, reagiert weniger aufmerksam auf die 
Zusammenhänge des Spiels. 

Ein wohlabgewogenes Denken scheint uns am Herzen zu liegen, 
wenn wir Belohnungen und Bestrafungen als gerecht oder ungerecht, 
als fair oder unfair bezeichnen. Wir befassen uns dann mit dem, 
was eine Person <verdient>, oder, wie es ein Wörterbuch formuliert, 
mit dem, «was eine Person zu Recht verdient oder wozu sie ge- 
rechtermaßen befugt ist oder was sie in die Lage setzt, zu Recht 


57 



für sich zu beanspruchen kraft einer vollzogenen Handlung oder 
kraft offenbarter Qualitäten». Zu großzügige Belohnung ist mehr 
als zur Aufrechterhaltung von Verhalten nötig ist. Besonders unge- 
recht ist Belohnung, wenn überhaupt nichts getan worden ist, um 
sie zu verdienen, oder wenn das, was getan worden ist, Bestrafung 
verdient. Eine zu hohe Strafe ist ebenfalls ungerecht, vor allem, 
wenn nichts getan worden ist, was sie rechtfertigt, oder wenn sich 
die bestrafte Person richtig verhalten hat. Unangemessene Folgen 
können zu Schwierigkeiten führen. So fördert zum Beispiel die Tat- 
sache, daß einer vom Glück verfolgt ist, häufig seine Trägheit, wäh- 
rend sich eine Pechsträhne nach der anderen häufig zum Nachteil 
des Fleißes auswirkt. (Die Verstärker, um die es hier geht, werden 
nicht unbedingt von anderen Menschen geliefert. Glück oder Pech 
bereiten Schwierigkeiten, wenn diese unverdient sind.) 

Wir versuchen, Zufälligkeiten zu korrigieren, wenn wir erklären, 
ein Mensch müsse sein Glück zu <schätzen> wissen. Wir meinen da- 
mit, er sollte sein Handeln von nun an so einrichten, daß es zu 
Recht durch das, was er bereits erhalten hat, verstärkt werden 
würde. Wir dürfen in der Tat behaupten, daß ein Mensch nur dann 
fähig ist, Dinge zu würdigen, wenn er für sie gearbeitet hat. (Die 
Etymologie des Wortes <würdigen> wird in diesem Kontext bedeut- 
sam: Das Verhalten eines Menschen würdigen, heißt es mit einer 
Würde ausstatten. <Wertschätzung> und <Respekt> sind verwandte 
Begriffe. Wir würdigen Verhalten in dem Sinne, daß wir die Ange- 
messenheit einer Verstärkung zu schätzen wissen. Wir respektieren 
einfach auf Grund dessen, was wir bemerken. So respektieren wir 
einen würdigen Gegner in dem Sinne, daß wir uns angesichts seiner 
Kraft achtsam verhalten. Ein Mensch verschafft sich Respekt, wenn 
er Beachtung findet, aber keinen Respekt haben wir vor jenen, die 
wir <nicht wahrnehmen>. Zweifellos bemerken wir vor allem die 
Dinge, die wir schätzen oder würdigen, doch heißt das nicht unbe- 
dingt, daß wir sie damit mit einem Wert ausstatten.) 

Bewundern und bestaunen. Aber wir haben es mit mehr zu tun, 
als nur mit haushälterischem Denken oder mit einer angemessenen 
Einschätzung von Verstärkern, wenn es uns um Wert oder Würde 
geht. Wir preisen, loben, anerkennen oder applaudieren einer Per- 


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son nicht nur, sondern wir <bewundern> sie auch, und von diesem 
Begriff ist es nur noch ein Schritt zum <Bestaunen>. Vor Ehrfurcht 
ergriffen stehen wir vor dem Unerklärbaren, und so überrascht es 
nicht, wenn wir dazu neigen, Verhalten um so mehr zu bewundern, 
je weniger wir es verstehen. Und das, was wir nicht verstehen, schrei- 
ben wir natürlich dem autonomen Menschen» zu. Der Troubadour 
aus alten Zeiten, der ein langes Gedicht vortrug, muß einen Ein- 
druck von Besessenheit erweckt haben (er selbst rief seine Muse an, 
damit sie ihn beflügle), genauso wie der Schauspieler, der heute 
einen auswendig gelernten Text vorträgt, von der Rolle, die er 
darstellt, besessen zu sein scheint. Die Götter sprachen durch Ora- 
kel und durch die Priester, die heiliges Schrifttum rezitierten. Auf 
wunderbare Weise tauchen neue Ideen in den unbewußten Denk- 
prozessen intuitiv arbeitender Mathematiker auf, die deshalb mehr 
bewundert werden als Mathematiker, welche nach einem logischen 
Plan Vorgehen. Der schöpferische Geist eines Künstlers, Komponi- 
sten oder Schriftstellers ist Genie.'"' 

Wir greifen, wenn wir Verhalten bewundern, dann auf das Wun- 
derbare zurück, wenn wir dieses Verhalten auf andere Weise nicht 
verstärken können. Wir mögen Soldaten zwingen, ihr Leben zu 
riskieren oder sie großzügig dafür entlohnen, ohne sie jedoch dafür 
zu bewundern; doch können wir einen Menschen auch veranlassen, 
daß er sein Leben riskiert, wenn er das »nicht muß», und wenn dann 
keine offensichtlichen Belohnungen zur Hand sind, bleibt anschei- 
nend nur die Bewunderung übrig. Ein Unterschied zwischen dem 
Ausdruck von Bewunderung und dem von Anerkennung wird dann 
klar, wenn wir Verhalten bewundern, das von Bewunderung unbe- 
troffen bleibt. Wir mögen eine wissenschaftliche Leistung, ein Kunst- 
werk, ein Musikstück oder ein Buch als bewundernswert bezeidi- 
nen, doch zu einer Zeit oder in einer Weise, daß der Wissenschaft- 
er, Künstler, Komponist oder Schriftsteller nicht davon berührt 
wird, obgleich wir, wenn wir es könnten, Anerkennung zollen und 
andere Arten von Unterstützung anbieten sollten. Wir bewundern 
Erbanlagen - körperliche Schönheit, Geschicklichkeit oder Tapfer- 


Vgl. B. F. Skmner in: <On the Future of Art>. New York 1970. Ferner: 
Science and Human Behavior>. New York 1953, S. 254—256 


59 



keit einer Rasse, einer Familie oder einer Einzelperson -, aber nicht, 
um sie zu verändern. (Bewunderung kann natürlich mit der Zeit 
auch Erbanlagen verändern, indem sich durch sie die selektive 
Auslese ändert, doch geschieht dies auf einer völlig anderen Zeit- 
skala.) 

Die Literatur der Würde. Der Kampf um menschliche Würde hat 
vieles gemeinsam mit dem Kampf um Freiheit. Die Beseitigung 
eines positiven Verstärkers ist aversiv, so daß Menschen, die man 
der Anerkennung oder Bewunderung beraubt - oder der Möglich- 
keit, anerkannt oder bewundert zu werden -, entsprechend reagie- 
ren. Sie entziehen sich dem Zugriff jener, von denen sie beraubt 
werden, oder sie greifen sie an, um ihre Macht zu schwächen. Die 
Literatur, die sich mit Würde befaßt, identifiziert jene, die den Wert 
einer Person schmälern; sie beschreibt die Methoden, welche sie be- 
nutzen und sie empfiehlt geeignete Gegenmaßnahmen. Wie die Frei- 
heitsliteratur setzt sie sich nur wenig mit der Möglichkeit der ein- 
fachen Flucht auseinander, wahrscheinlich weil Anleitung dazu un- 
nötig sind. Statt dessen konzentriert sie sich darauf, die Macht jener 
zu schwächen, die andere der Anerkennung berauben. Die empfoh- 
lenen Maßnahmen sind selten so gewalttätig wie jene, welche die 
Freiheitsliteratur befürwortet, wahrscheinlich deshalb, weil ein Ver- 
lust an Anerkennung ganz allgemein weniger aversiv ist als Schmerz 
oder Tod. Häufig sind diese Maßnahmen rein verbaler Art; wir 
reagieren auf jene, die uns einer uns zustehenden Anerkennung be- 
rauben, indem wir ihnen widersprechen oder sie verurteilen. (Was 
empfunden wird, wenn eine Person protestiert, wird gewöhnlich als 
Unwille bezeichnet, ein Begriff, der bezeichnenderweise definiert 
wird als <der Ausdruck einer Ungehaltenheit>, doch protestieren wir 
nicht, weil wir ungehalten sind. Wir protestieren und sind ungehal- 
ten, weil wir der Möglichkeit, bewundert oder anerkannt zu wer- 
den, beraubt worden sind.) 

Gerechtigkeit. Ein großer Teil der Literatur zum Thema Würde 
setzt sich mit der Gerechtigkeit auseinander, also mit der Angemes- 
senheit von Bestrafung und Belohnung. Freiheit und Würde stehen 
auf dem Spiel, wenn die Angemessenheit einer Bestrafung erwogen 


60 



wird. Audi wirtschaftliches Denken fand seinen Platz in dieser Art 
von Literatur, da es in ihr auch darum ging, gerechten Lohn oder 
Entgelt festzulegen. Bei dem ersten Protest des Kindes, der aus den 
Worten <Das ist ungerecht» besteht, geht es gewöhnlich um das Aus- 
maß einer Strafe oder einer Belohnung. Wir befassen uns hier mit 
jenem Teil der Literatur über die Würde, der gegen eine Beeinträch- 
tigung des Wertes einer Person protestiert. Eine Person protestiert 
(ist also ungehalten), wenn sie unnötigerweise herumgestoßen oder 
angerempelt wird, wenn man ihr ein Bein stellt, wenn sie zu einer 
Arbeit mit ungeeigneten Werkzeugen gezwungen wird, wenn man 
sie durdi Scherzartikel dazu bringt, sich lächerlich zu machen oder 
wenn sie gezwungen wird, sich auf erniedrigende Weise zu verhal- 
ten, wie etwa in einem Gefängnis oder Konzentrationslager. Sie 
protestiert und ist ungehalten über jede zusätzliche unnötige Kon- 
trolle. Wir kränken jemand, wenn wir ihm als Gegenleistung für 
einen Gefallen Geld anbieten, da wir damit weniger Großzügigkeit 
oder guten Willen bei ihm voraussetzen als angenommen werden 
sollte. Ein Schüler protestiert, wenn wir ihm die Lösung eines Pro- 
blems sagen, die er bereits weiß, da wir dadurch das Lob zunichte 
machen, das er gezollt bekommen hätte. Einem Gläubigen Beweise 
von Gottes Existenz zu liefern, heißt seinen Anspruch auf einen 
unerschütterlichen Glauben erschüttern. Dem Mystiker widerstrebt 
jede Orthodoxie; der frühchristliche und gnostische Antagonismus 
vertrat den Standpunkt, daß moralisches Verhalten auf Grund von 
Gesetzen kein Zeichen echter Tugend sei. Es ist nicht einfach, Bür- 
gertugend im Beisein der Polizei zu demonstrieren. Von einem Bür- 
ger zu verlangen, er möge ein Treuegelöbnis unterzeichnen, bedeutet, 
einen Teil jener Loyalität zu zerstören, die er sonst für sich hätte 
in Anspruch nehmen können, da jedes spätere loyale Verhalten auf 
dieses Gelöbnis zurückgeführt werden kann. 

Der Künstler protestiert (und zeigt sich ungehalten), wenn man 
ihm sagt, er male Bilder, die sich gut verkaufen; dasselbe gilt für 
den Schriftsteller, dem man erklärt, er leiste Brotarbeit, oder für 
den Gesetzgeber, dem man bedeutet, er unterstütze eine Maßnahme, 
um auf diese Weise Wählerstimmen zu gewinnen. Wahrscheinlich 
protestieren wir (und sind wir ungehalten), wenn man uns darauf 
hinweist, daß wir eine bewunderte Person nachahmen oder daß 


61 



wir lediglich wiederholen, was wir jemanden haben sagen hören 
oder was wir in Büchern gelesen haben. Wir widersprechen (und 
sind ungehalten) angesichts jeder Behauptung, daß die aversiven 
Folgen, denen zum Trotz wir uns richtig verhalten, nicht wichtig 
seien. Und genauso widersprechen wir, wenn man uns erklärt, daß 
die Bergtour, die wir machen wollen, nicht sehr schwierig ist, daß 
der Feind, den wir angreifen wollen, nicht sehr gefährlich ist, daß 
die Arbeit, die wir tun, nicht sehr hart ist - oder, und damit sind 
wir wieder bei La Rochfoucauld, daß wir uns in rechter Weise ver- 
halten, weil wir nicht die Charakterstärke besitzen, uns schlecht zu 
verhalten. Als P. W. Bridgman erklärte, Wissenschaftler seien be- 
sonders geneigt, begangene Fehler zuzugeben und zu korrigieren, 
weil in der Wissenschaft Fehler rasch an den Tag kämen, glaubte 
man, er zweifle die Integrität der Wissenschaftler an. 

Widerspruch von Freiheit und Würde. Hin und wieder kam es 
in der physikalischen und biologischen Technologie zu Fortschritten, 
die anscheinend als Bedrohung von Wert und Würde des Menschen 
aufgefaßt wurden, da sie die Möglichkeiten, Anerkennung zu ge- 
winnen oder bewundert zu werden, einschränkten. Die medizini- 
sche Wissenschaft hat den Notstand, daß Menschen in aller Stille 
leiden, und die Möglichkeit, daß sie dafür bewundert werden, ein- 
geschränkt. In feuersicheren Bauten, auf seetüchtigen Schiffen oder 
in sicheren Flugzeugen haben kühne Feuerwehrleute, Matrosen oder 
Piloten keinen Platz. In einem modernen Molkereibetrieb hat ein 
Herkules nichts zu suchen. Wenn harte oder gefährliche Arbeit un- 
nötig geworden ist, machen jene, die fleißig und tapfer sind, einen 
lächerlichen Eindruck. 

Die Literatur über die Würde steht hier im Widerspruch zur Frei- 
heitsliteratur, die für eine Herabminderung der aversiven Erschei- 
nungen im Alltagsleben eintritt, zum Beispiel für ein Verhalten, das 
weniger kräfteraubend, gefährlich oder schmerzhaft ist. Dabei trägt 
manchmal die Sorge um den Wert der Person den Sieg davon über 
die Freiheit von aversiven Reizen - das beweist uns zum Beispiel 
die Tatsache, das die schmerzlose Geburt, vom medizinischen Für 
und Wider einmal abgesehen, weniger bereitwillig akzeptiert wird 
als die schmerzlose Zahnheilkunde. Ein militärischer Experte, J. F. C. 


62 



Füller *, schrieb: «Die hödisten militärischen Auszeichnungen wer- 
den für Tapferkeit und nicht für Intelligenz verliehen, und die Ein- 
führung jeder neuen Waffe stößt auf Widerstand, wenn dadurch 
die Möglichkeit, persönliche Tapferkeit unter Beweis zu stellen, ein- 
geschränkt wird.» Manche arbeitseinsparenden Vorrichtungen sto- 
ßen immer noch auf Widerstand, der damit begründet wird, daß 
sie den Wert des betreffenden Erzeugnisses herabsetzen würden. 
Menschen, die Sägearbeit mit der Hand verrichtet hatten, bekämpf- 
ten und zerstörten die aufkommenden Sägewerke, weil ihre Ar- 
beitsplätze bedroht waren, aber ebenfalls bezeichnend in diesem 
Kontext ist, daß die Sägewerke den Wert der Arbeit dieser Leute 
herabminderten, indem sie den Wert von Sägebrettern herabsetz- 
ten. In diesem Kampf trägt jedoch in der Regel die Freiheit über 
die Würde den Sieg davon. Menschen sind bewundert worden, weil 
sie sich Gefahren aussetzten, weil sie schwere Arbeit leisteten oder 
weil sie Schmerzen zu ertragen wußten; doch fast ist jeder bereit, 
auf Beifall für solches Verhalten zu verzichten. 

Wird der Mensch durch die Verhaltenstechnoiogie erniedrigt? 

Die Verhaltenstechnologie hat es nicht so einfach wie die physika- 
lische oder biologische Technologie, weil sie zu viele okkulte Quali- 
täten in Frage stellt. Das Alphabet war eine großartige Erfindung 
und befähigte die Menschen, Aufzeichnungen über ihr eigenes ver- 
bales Verhalten zu speichern und weiterzugeben. Sie konnten nun 
leicht lernen, was andere vor ihnen nur unter Mühen gelernt hatten 
- das heißt aus Büchern lernen, anstatt aus dem direkten, mög- 
licherweise schmerzhaften Kontakt mit der realen Welt. Doch so- 
lange der Mensch die ungewöhnlichen Vorteile nicht begriffen hat- 
te, die ein Lernen aus der Erfahrung anderer einbringt, so lange 
hatte er gegen die offenbare Zerstörung persönlicher Verdienste viel 
einzu wenden. In Platons <Phaedrus> argumentiert Thamus, der 
ägyptische König, daß jene, die aus Büchern lernen, nur den Schein 
des Wissens besäßen, aber nicht das Wissen selbst. Die bloße Lektüre 
dessen, was jemand geschrieben hat, ist weniger lobenswert, als die 

* J. F. C. Füller, Artikel über «Tactics*. Encyclopedia Britannica , 14. 
Aufl. 


63 



Äußerung desselben Gedankens aus Gründen, die undurchsichtig 
bleiben. Wer ein Buch liest, scheint allwissend zu sein, doch nach 
Thamus «weiß er nichts.» Wenn aber ein Text als Gedächtnis- 
stütze benutzt wird, dann, so behauptete Thamus, würde das Er- 
innerungsvermögen außer Gebrauch kommen. Lesen ist weniger lo- 
benswert als eine Aufzählung dessen, was man gelernt hat. Aber es 
gibt noch viele andere Beispiele dafür, wie eine Verhaltens technolo- 
gie, welche die Unumgänglichkeit harter, schmerzhafter und gefähr- 
licher Arbeit einschränkt, auch die Möglichkeit, bewundert zu wer- 
den, herabmindert. Der Rechenschieber, die Rechenmaschine und 
der Computer sind die erklärten Feinde des Kopfrechners. Doch 
dürfte auch in diesem Fall der Gewinn an Freiheit von aversiven 
Reizen den Verlust an Bewunderung auf wiegen. 

Von technologischen Anwendungsmöglichkeiten einmal abgese- 
hen, mag es den Anschein haben, daß es keinen ausgleichenden Ge- 
winn einbringt, wenn Wert oder Würde durch eine wissenschaftliche 
Analyse beeinträchtigt werden. Es liegt in der Natur des wissen- 
schaftlichen Fortschritts, daß der <autonome Mensch> in dem Maß 
seiner Funktionen beraubt wird, in dem das Verständnis für die 
Rolle der Umwelt wächst. Eine wissenschaftliche Auffassung scheint 
den Menschen insofern zu erniedrigen, als schließlich nichts übrig- 
bleibt, für das man dem autonomen Menschern Anerkennung zollen 
könnte. Und was die Bewunderung im Sinne von Bestaunen anlangt, 
so ist das Verhalten, das wir bewundern, ja nur das Verhalten, das 
wir noch nicht erklären können. Die Wissenschaft sucht natürlich 
nach einer umfassenderen Erklärung für solches Verhalten; ihr Ziel 
ist die Zerstörung von Geheimnissen. Die Verfechter der Würde 
werden protestieren, womit sie jedoch lediglich wissenschaftliche Er- 
gebnisse hinauszögern - Leistungen, für die der Mensch, in tradi- 
tionellen Begriffen, die größte Anerkennung und die höchste Be- 
wunderung verdienen würde. 


Wir erkennen den Wert oder die Würde einer Person, wenn wir ihr 
für das, was sie getan hat, Anerkennung zollen. Das Ausmaß dieser 
Anerkennung steht im umgekehrten Verhältnis zur Erkennbarkeit 


64 



der Gründe für ihr Verhalten. Wenn wir nicht wissen, warum eine 
Person so und nicht anders handelt, schreiben wir ihr und nieman- 
dem sonst dieses Verhalten zu. Wir selbst suchen nach zusätzlicher 
Anerkennung, indem wir die Gründe dafür verheimlidien, warum 
wir uns so und so verhalten, oder indem wir behaupten, unser Ver- 
halten basiere auf weniger starken Beweggründen. Wir vermeiden 
es, die Anerkennung, die anderen zusteht, zu schmälern, indem wir 
sie unauffällig kontrollieren. Wir bewundern Menschen in dem 
Maße, in dem wir nicht erklären können, was sie tun, und das Wort 
<bewundern> heißt dann so viel wie <bestaunen>. Das, was wir als 
die Literatur über die mensdilidie Würde bezeichnen dürfen, befaßt 
sich damit, wie gebührende Anerkennung erhalten werden kann. 
Diese Literatur kann sich erstens dem Fortschritt der Technologien, 
einschließlich dem einer Verhaltenstechnologie, widersetzen, weil er 
Möglichkeiten, bewundert zu werden, zerstört, und zweitens kann 
sie eine grundlegende Analyse bekämpfen, weil diese eine alterna- 
tive Erklärung für Verhalten anbietet, für das bisher der einzelne 
Anerkennung fand. So aber steht diese Literatur weiteren mensch- 
lichen Leistungen im Wege. 



4 

Bestrafung 


Natürliche und soziale Strafe. Freiheit wird manchmal definiert 
als das Nicht Vorhandensein eines Widerstands oder einer Beschrän- 
kung. Ein Rad bewegt sich dann frei, wenn die Reibung im Achsen- 
lager minimal ist, ein Pferd reißt sich von dem Pfosten los, an den 
es angebunden worden ist, ein Mann befreit sich von dem Zweig, 
in den er sich beim Besteigen eines Baumes verfangen hat. Körperli- 
che Behinderung ist ein leicht einsehbarer Zustand, der bei der De- 
finition des Begriffs Freiheit besonders nützlich zu sein scheint, 
doch im Hinblick auf wichtige Probleme haben wir es hier lediglich 
mit einer Metapher zu tun, noch dazu mit keiner sehr hilfreichen. 
Selbstverständlich werden Menschen durch Fesseln, Handschellen, 
Zwangsjacken, Gefängnismauern und Konzentrationslager kontrol- 
liert; doch das, was wir als Verhaltenskontrolle bezeichnen können 
- gemeint sind Einschränkungen, auferlegt durch Folgewirkungen 
einer Verstärkung ist etwas völlig anderes. 

Von körperlicher Behinderung einmal abgesehen, ist eine Person 
dann am wenigsten frei oder würdig, wenn sie der Drohung einer 
Strafe ausgesetzt ist, was leider den meisten Menschen häufig so 
geht. In der Natur sind Strafen an der Tagesordnung, und wir ler- 
nen viel daraus. Ein Kind läuft ungeschickt, fällt hin und tut sich 
weh; es greift nach einer Biene und wird gestochen; es nimmt einem 
Hund einen Knochen weg und wird gebissen; die Folge ist, daß das 
Kind lernt, diese Dinge nicht wieder zu tun. Der Mensch hat sich 
hauptsächlich deshalb eine bequemere und weniger gefahrvolle Welt 
geschaffen, um verschiedene Formen naturbedingter Bestrafung * zu 
vermeiden. 

* Vgl. B. F. Skinner: <Science and Human Behavior>. New York 1953, 
Kap. 12. 

66 



Der Begriff Bestrafung beschränkt sich in der Regel auf Zusam- 
menhänge, die intentional von anderen arrangiert worden sind, weil 
die sidi ergebenden Folgen für diese verstärkende Wirkung haben. 
(Punitive Zusammenhänge dürfen nicht mit aversiver Kontrolle 
verwechselt werden, die bestimmtes Verhalten bewirkt. Strafen sol- 
len veranlassen, sich nidot auf bestimmte Weise zu verhalten.) Eine 
Person greift zur Bestrafung, wenn sie eine andere Person kritisiert, 
verspottet, tadelt oder körperlich angreift, um so unerwünschtes 
Verhalten zu unterdrücken. Eine Regierungsgewalt wird häufig mit- 
tels ihrer Strafgewalt definiert, und manche Religionen lehren, daß 
sündiges Verhalten ewige Strafen entsetzlichen Ausmaßes nach sich 
ziehe. 

Eigentlich sollte man erwarten, daß sich die Literatur über die 
Freiheit und Würde des Menschen solchen Maßnahmen widersetzte 
und sich für eine Welt engagierte, in der es entweder weniger oder 
gar keine Strafen mehr gibt. Bis zu einem gewissen Grad hat sie das 
auch getan. Doch sind Strafmaßnahmen immer noch weit verbrei- 
tet. Die Menschen kontrollieren einander nach wie vor häufiger 
durch Zensur oder Tadel als durch Lob oder Anerkennung. Militär 
und Polizei sind nach wie vor die wichtigsten Machtmittel von Re- 
gierungen, Angehörige einer Religion werden immer noch gelegent- 
lich an die Qualen der Hölle erinnert, und Lehrer sind zwar von 
der körperlichen Züchtigung abgekommen, aber nur, um sie durch 
raffiniertere Strafmittel zu ersetzen. Die Tatsache mutet seltsam an, 
daß gerade jene, die Freiheit und Würde verteidigen, sich solchen 
Maßnahmen nicht nur nicht widersetzen, sondern großenteils für 
ihre Existenz verantwortlich sind. Diese merkwürdige Tatsache 
kann man nur verstehen, wenn man sich eingehender mit der Re- 
aktion von Organismen auf punitive Zusammenhänge befaßt. 

Der Zweck der Strafe. Eine Strafe dient dazu, ungeschicktes, ge- 
fährliches oder anderes unerwünschtes Verhalten aus einem Verhal- 
tenrepertoire auszuscheiden, wobei man davon ausgeht, daß eine 
Person, die bestraft worden ist, weniger geneigt ist, das bestrafte 
Verhalten zu wiederholen. Leider ist das Problem nicht ganz so 
einfach. Lohn und Strafe unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich 
der Veränderungen, die sie bewirken. Ein Kind, das für sexuelles 


67 



Verhalten streng bestraft worden ist, wird danach nicht unbedingt 
weniger geneigt sein, dieses Verhalten zu wiederholen; ein Mann, 
der wegen einer Gewalttat eingesperrt ist, wird danach nicht un- 
bedingt weniger zur Gewalttätigkeit neigen. Bestraftes Verhalten 
kann durchaus wieder auftreten, wenn die punitiven Folgen aufge- 
hoben worden sind. 

Was als die beabsichtigte Wirkung von Bestrafung erscheint, kann 
oft auf andere Weise erklärt werden. So kann eine Bestrafung zum 
Beispiel unvereinbare Emotionen auslösen. Einem Jungen, der we- 
gen sexuellen Verhaltens streng bestraft worden ist, kann dieses 
Verhalten verleidet worden sein, und die Flucht vor dem Strafenden 
ist unvermeidbar mit einem gegen diesen gerichteten Angriff. Künf- 
tige Gelegenheiten für solches Sexualverhalten oder für Gewalt- 
taten können durch Konditionierung ähnliches unvereinbares Ver- 
halten hervorrufen. Ob die sich ergebende Folge als ein Gefühl der 
Scham, Schuld oder Sünde empfunden wird, hängt davon ab, ob 
die Eltern oder Gleichrangige, ob eine Regierung oder eine kirch- 
liche Instanz die Strafe verhängen. 

Strafen vermeiden. Die aversive Kondition, die durch eine Be- 
strafung geschaffen (und auf so verschiedene Weise empfunden) 
wird, hat eine wesentlich wichtigere Wirkung. Eine Person kann 
sich später tatsächlich so verhalten, <daß sie eine Bestrafung ver- 
meidet>. Sie kann sie vermeiden, indem sie sich auf nicht strafbare 
Weise verhält, doch gibt es noch andere Möglichkeiten: solche zer- 
störerischer oder neurotischer Art, solche der Fehlanpassung; sie 
sind gründlich untersucht worden. Freuds sogenannte «Antriebe»"* 
werden als die Möglichkeit beschrieben, durch die unterdrückten 
Wünsche dem Zensor ausweichen und sich verwirklichen, doch kön- 
nen sie genauso und ganz einfach als die Möglichkeit interpretiert 
werden, Bestrafung zu vermeiden. Eine Person kann zum Beispiel 
Verhaltensweisen entwickeln, die nicht bestraft werden, weil sie 
nicht sichtbar sind: Sie kann phantasieren oder träumen. Sie kann 
aber auch ein Verhalten sublimieren , indem sie zu Verhalten greift, 

* Vgl. dazu B. F. Skinner: <Science and Human Behavior>. New York 
1953, S. 376-378. 

68 



das ähnlidi verstärkende Folgen hat, jedoch nicht bestraft wird. Sie 
kann strafbares Verhalten übertragen , indem sie es auf Dinge rich- 
tet, die nicht bestraft werden können - sie kann sich zum Bei- 
spiel aggressiv gegenüber Dingen, Kindern oder kleinen Tieren ver- 
halten. Sie kann andere beobachten oder über andere lesen, die straf- 
bares Verhalten praktizieren, um sich dabei mit diesen zu identifi- 
zieren, oder sie kann das Verhalten anderer als strafbar interpre- 
tieren, um ihre eigenen Neigungen zu projizieren. Sie kann ihr Ver- 
halten rationalisieren , indem sie es sich selbst oder anderen gegen- 
über rational begründet, um ihm auf diese Weise seine Strafbarkeit 
zu nehmen - zum Beispiel, indem sie behauptet, sie strafe ein Kind 
zu seinem eigenen Besten. 

Doch gibt es wirksamere Möglichkeiten, um Strafen zu vermeiden. 
Man kann Gelegenheiten, bei denen man zu strafbarem Verhalten 
neigt, aus dem Weg gehen. Jemand, der wegen Trunkenheit bestraft 
worden ist, kann <der Versuchung widerstehen», indem er Orte, wo 
er zuviel trinken könnte, meidet; ein Schüler, der bestraft worden 
ist, weil er seine Aufgaben nicht gemacht hat, kann Möglichkeiten, 
die ihn von seiner Arbeit ablenken, ausschalten. Eine andere Stra- 
tegie besteht darin, die Umwelt so zu verändern, daß Verhalten 
weniger leicht bestraft wird. So reduzieren wir zum Beipsiel natür- 
liche punitive Kontingenzen, wenn wir eine schadhafte Treppe in- 
standsetzen, um einem Sturz vorzubeugen, und wir schwächen puni- 
tive soziale Kontingenzen, indem wir mit toleranteren Freunden ver- 
kehren. 

Eine weitere Strategie zielt darauf ab, den Wahrscheinlichkeits- 
grad des Auftretens von strafbarem Verhalten herabzusetzen. Wird 
einer häufig bestraft, weil er jähzornig ist, kann er bis zehn zählen, 
bevor er handelt; er vermeidet eine Bestrafung dann, wenn die Nei- 
gung, aggressiv zu handeln, während des Zählens auf ein kontrollier- 
bares Maß zurückgeht. Oder er kann strafbares Verhalten dadurch 
weniger wahrscheinlich machen, daß er seine physiologische Ver- 
fassung ändert, etwa durch Einnahme eines Beruhigungsmittels. Es 
gibt Menschen, die sogar zu chirurgischen Mitteln gegriffen haben - 
indem sie sich selbst kastrierten oder dem Rat der Bibel folgten und 
die Hand, die gesündigt hatte, abhackten (Mt. 18, 8). Punitive Zu- 


69 



sammenhänge können eine Person auch veranlassen, eine Umwelt 
zu wählen oder zu schaffen, in der sie wahrscheinlich zu Verhalten 
neigen wird, das strafbares Verhalten ersetzt; so kann sie sich 
Schwierigkeiten ersparen, indem sie eifrig nicht strafbaren Tätigkei- 
ten nachgeht und verbissen <etwas anderes tut>. (So manches Ver- 
halten, das insofern irrational wirkt, als es keine positiv verstär- 
kenden Folgen zu haben scheint, ersetzt vielleicht ein strafbares 
Verhalten.) Man kann sogar versuchen, Folgen zu verstärken, die 
lehren, strafbares Verhalten aufzugeben: ein Mensch kann Mittel 
einnehmen, die bewirken, daß Rauchen oder Trinken starke aver- 
sive Folgen hat, wie zum Beispiel Brechreiz, oder er kann sich selbst 
verstärkten ethischen, religiösen oder politischen Zwangsmaßnah- 
men aussetzen. 

Straffälligkeit und Umwelt. Alles das kann man unternehmen, um 
die Möglichkeit einer Bestrafung zu verringern; es mag aber auch 
von anderen ins Werk gesetzt werden. Die physikalische Technolo- 
gie hat die Anzahl der Anlässe zu naturbedingter Bestrafung der 
Menschen eingeschränkt; Veränderungen in der sozialen Umwelt 
haben die Wahrscheinlichkeit einer Bestrafung durch andere redu- 
ziert. Wir wollen nun auf einige der verbreiteten Strategien näher 
eingehen. 

Strafbares Verhalten kann auf ein Minimum reduziert werden, 
wenn man Umstände schafft, unter denen es wahrscheinlich nicht zu 
solchem Verhalten kommt. Ein Musterbeispiel hierfür ist das Klo- 
ster. In einer Welt, in der nur einfache Nahrung in mäßigen Men- 
gen erhältlich ist, kann niemand die naturbedingte Strafe für Sidi- 
Uberessen auf sich ziehen, oder die soziale Strafe des Tadels, oder 
die religiöse Strafe für Gefräßigkeit als läßliche Sünde. Heterose- 
xuelles Verhalten ist bei Geschlechtertrennung unmöglich, und das 
sexuelle Ersatzverhalten, das durch Pornographie ausgelöst wird, 
bleibt unverwirklicht, wenn kein pornographisches Material vor- 
handen ist. Die <Prohibition> war der Versuch, den Alkoholismus 
dadurch zu kontrollieren, daß man den Alkohol aus der Umwelt 
verbannte. In einigen Staaten sind die Gesetze der Prohibition im- 
mer noch gültig, und sie wird insofern noch fast ausnahmslos prak- 
tiziert, als Alkohol nicht an Minderjährige und nicht zu bestimmten 


70 



Tageszeiten oder an bestimmten Tagen verkauft werden darf. Zur 
Behandlung des in eine Anstalt eingewiesenen Alkoholikers gehört 
in der Regel eine Kontrdlie seiner Alkoholversorgung. Die Einnah- 
me anderer Suchtmittel wird immer noch auf dieselbe Weise kon- 
trolliert. Aggressives Verhalten, das andernfalls unkontrollierbar 
wäre, wird durch Einzelhaft unterdrückt; dort können Aggressionen 
an niemandem ausgelassen werden. Diebstahl wird dadurch kon- 
trolliert, daß man alles, was gestohlen werden kann, eirtschließt. 

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Folgewirkungen, durch 
die strafbares Verhalten verstärkt wird, auszuschalten. Schlechte 
Laune gibt sich häufig von selbst, wenn sie nicht beachtet wird, ag- 
gressives Verhalten wird gemildert, wenn klar erkannt worden ist, 
daß es zu nichts führt, und der Gefräßigkeit kann man dadurch Vor- 
beugen, daß man Essen weniger sdimackhaft zubereitet. Wieder ein 
anderes Verfahren läuft darauf hinaus, Gegebenheiten zu schaffen, 
unter denen Verhalten stattfinden kann, ohne daß es bestraft wird. 
Der heilige Paulus empfahl die Ehe als ein Mittel, um triebhaftes 
sexuelles Verhalten einzudämmen, und aus demselben Grund hat 
man auch die Pornographie befürwortet. Literatur und Kunst ma- 
chen es möglich, andere Arten störenden Verhaltens zu <sublimie- 
ren>. Strafbares Verhalten kann auch dadurch unterdrückt werden, 
daß jedes Ersatz- Verhalten intensiv verstärkt wird. Organisierter 
Sport wird manchmal mit der Begründung gefördert, daß er zu ei- 
ner Umwelt beitrüge, in der junge Leute zu beschäftigt seien, um sich 
in Ungelegenheiten zu bringen. Und wenn alle diese Dinge nichts 
helfen, kann die Wahrscheinlichkeit strafbaren Verhaltens dadurch 
herabgemindert werden, daß man physiologische Bedingungen mo- 
difiziert. Hormone können zur Änderung von Sexualverhalten ein- 
gesetzt werden, die Chirurgie kann (zum Beispiel mittels der Leo- 
kotomie) einen Hang zur Gewalttätigkeit eindämmen, Beruhi- 
gungsmittel können Aggressionen abbauen und Appetithemmer kön- 
nen die Eßlust kontrollieren. 

Maßnahmen dieser Art sind zweifellos mit den Gegebenheiten 
häufig unvereinbar und können unvorhergesehene Folgen nach sich 
ziehen. Es erwies sich als unmöglich, während der Prohibition die 
Alkoholversorgung zu kontrollieren, und Geschlechtertrennung kann 
zu unerwünschter Homosexualität führen. Die übertriebene Unter- 


71 



drückung eines Verhaltens, das im Normalfall intensiv verstärkt 
werden würde, kann zum Abfall von der strafenden Gruppe ver- 
anlassen. Diese Probleme sind jedoch im wesentlichen lösbar. So 
sollte es möglich sein, eine Welt zu entwerfen, in der strafbares Ver- 
halten selten oder nie vorkommt. Wir versuchen eine solche Welt für 
jene zu entwerfen, die das Strafproblem allein nicht lösen können, 
wie Säuglinge, geistig Zurückgebliebene oder Psychotiker, und wenn 
eine solche Welt für uns alle entworfen werden könnte, würden wir 
viel Zeit und Energie sparen. 

Automatische Tugend? Die Verteidiger der Freiheit und der 
Würde widersetzen sich einer derartigen Lösung des Strafproblems. 
Eine solche Welt schaffe nur automatische Tugend. T. H. Huxley * 
dagegen fand nichts daran auszusetzen: «Wenn eine große Macht 
sich bereit erklärte, mich immer das, was wahr ist, denken, und das, 
was richtig ist, tun zu lassen, unter der Bedingung, daß ich zu einer 
Art Uhrwerk würde, würde ich dieses Angebot sofort annehmen.» 
Joseph Wodd Krutch ** dagegen bezeichnet dies als die kaum glaub- 
würdige Position eines «Proto-Modernen», und er teilt T. S. Eliots 
Verachtung für «Systeme, die so vollkommen sind, daß niemand 
tugendhaft zu sein braucht». 

Die Schwierigkeit besteht darin, daß wir, wenn wir jemand für 
schlechtes Verhalten bestrafen, es ihm selbst überlassen, herauszu- 
finden, wie man sich richtig verhält; erst dann kann er für richti- 
ges Verhalten gelobt werden. Doch wenn er sich richtig verhält aus 
Gründen, wie wir sie eben geklärt haben, dann ist es die Umwelt, 
die dieses Lob verdient. Es geht hier um ein Merkmal des autono- 
men Menschern: Menschen sollen sich nur deshalb richtig verhalten, 
weil sie tugendhaft sind. Unter einem <perfekten> System aber braucht 
niemand Tugendhaftigkeit. 

Natürlich gibt es stichhaltige Gründe dafür, daß man den, der 
nur automatisch tugendhaft ist, geringer einschätzt; denn dann er- 
scheint er uns im geringeren Grad als Person. In einer Welt, in der 

* T. H. Huxley in: <Methods and Results>. New York 1893, Kap. 4. 

** Joseph Wodd Krutch: <The Measure of Man > . Indianapolis 1954, S. 
59 f. 


72 



er nicht hart zu arbeiten braucht, wird er nicht lernen, harte Arbeit 
zu ertragen. In einer Welt, in der die Medizin Schmerzen gelindert 
hat, wird er nicht lernen, schmerzhafte Reize zu ertragen. In einer 
Welt, die einer automatischen Tugend Vorschub leistet, wird er nicht 
lernen, die Strafen auf sich zu nehmen, die mit schlechtem Verhalten 
verbunden sind. Um die Menschen auf eine Welt vorzubereiten, in 
der sie nicht automatisch tugendhaft sein können, bedürfen wir an- 
gemessener Lehren, was jedoch nicht gleichbedeutend ist mit einer 
permanent punitiven Umwelt; darüber hinaus gibt es keinen Grund, 
warum eine Fortentwicklung verhindert werden sollte, die auf eine 
Welt zielt, in der die Menschen automatisch tugendhaft sein kön- 
nen. Das Problem ist nicht, die Menschen dazu zu bringen, daß sie 
tugendhaft sind; es geht um das rechte Verhalten. 

Tarnung des Verhaltens. Auch hier haben wir es wieder mit dem 
Problem der Sichtbarkeit von Kontrollen zu tun. Wenn Wirkungen 
der Umwelt schwieriger zu erkennen sind, scheint die Tugendhaf- 
tigkeit des <autonomen Menschern offenkundig. Punitive Kontrollen 
können aus verschiedenen Gründen unauffällig bleiben. Eine einfa- 
che Möglichkeit, Strafen zu vermeiden, besteht in der Vermeidung 
jener, die bestrafen. Bestraftes Sexualverhalten wird nur mehr heim- 
lich praktiziert, und ein Gewalttäter greift nur dann an, wenn keine 
Polizei in der Nähe ist. Doch der Strafende kann diesen Nachteil 
durch Tarnung wettmachen. So spionieren Eltern häufig ihren Kin- 
dern nach, und Polizisten tragen Zivil. Raffiniertere Formen der 
Vermeidung von Strafen werden nötig. Wenn Kraftfahrer Ge- 
schwindigkeitsbeschränkungen nur dann einhalten, wenn sie einen 
Streifenwagen sehen, kann die Geschwindigkeit durch Radar über- 
wacht werden; doch nun kann der Kraftfahrer in seinem Fahrzeug 
ein elektronisches Gerät installieren, das Radarfallen anzeigt. Ein 
Staat, der aus allen seinen Bürgern Spione macht, oder eine Religion, 
die die Vorstellung von einem allsehenden Gott fördert, sie machen 
praktisch die Flucht vor dem Strafenden unmöglich; punitive Kon- 
tingenzen sind maximal wirksam: Die Menschen zeigen gutes Ver- 
halten, obgleich keine sichtbare Überwachung vorhanden ist. 


73 



Gewissen und Ober-Ich. Doch das Nichtvorhandensein eines 
Überwachers wird leicht mißverstanden. Gewöhnlich wird behaup- 
tet, die Kontrolle werde verinnertlicht, was nichts anderes heißt, als 
daß sie von der Umwelt auf den <autonomen Menschern übergeht. 
In Wirklichkeit wird sie nur weniger sichtbar. Eine Art von angeb- 
lich verinnerlichter Kontrolle verkörpern das jüdisch-christliche Ge- 
wissen und das Freudsche Über-Ich. Diese inneren Wirkkräfte spre- 
chen mit leiser, feiner Stimme zu einer Person und raten ihr, was sie 
tun und, vor allem, was sie lassen soll. Die benutzten Worte stam- 
men aber von der Gemeinschaft. Das Gewissen und das Ober-Ich 
sind die Stellvertreter der Gesellschaft, und Theologen wie Psycho- 
analytiker anerkennen ihre externe Herkunft. Wo der alte Adam 
oder das Es für das persönliche Wohl sprechen, spezifiziert durch die 
Erbanlage des Menschen, da sprechen Gewissen oder Über-Ich für 
das Wohl anderer. 

Gewissen oder Über-Ich sind nicht einfach eine Folge der Tat- 
sache, daß sich Strafende verbergen. Sie stehen stellvertretend für 
eine Anzahl zusätzlicher Gebräuche, durch die Strafmaßnahmen wirk- 
samer gemacht werden. Wir helfen jemandem, Bestrafung zu ver- 
meiden, indem wir ihm von punitiven Folgen erzählen, wir warnen 
vor Verhaltensweisen, die wahrscheinlich bestraft werden, und wir 
raten zu Verhalten, das nicht bestraft wird. Viele staatliche und 
kirchliche Gesetze haben solche Wirkungen. Sie beschreiben die Zu- 
sammenhänge von bestimmten Verhaltensweisen und Strafen' oder 
Straffreiheit. Maximen, Sprichwörter und andere Arten von Volks- 
weisheiten liefern ebenfalls oft nützliche Regeln. «Mach die Augen 
auf, bevor du springst» ist ein Befehl, der sich aus einer Analyse be- 
stimmter Folgen herleitet: Einem achtlosen Sprung folgt die Strafe 
wahrscheinlich eher auf den Fuß als einem Sprung, bei dem man zu- 
nächst einmal die Augen aufmacht, um dann entweder geschickter 
oder vielleicht überhaupt nicht zu springen. «Du sollst nicht steh- 
len» ist ein Befehl, der sich aus sozialen Folgen herleitet: die Men- 
schen bestrafen Diebe. 

Indem man die Regeln befolgt, die andere aus punitiven Kontin- 
genzen in der natürlichen und sozialen Umwelt abgeleitet haben, 
kann man häufig eine Strafe vermeiden oder ihr entfliehen. Sowohl 
die Regeln als auch die Kontingenzen, die regel-rechtes Verhalten 


74 



erzeugen, können deutlich sichtbar sein; doch können sie auch er- 
lernt sein, um später wieder erinnert zu werden, und in diesem Fall 
wird der Prozeß unsichtbar. Der einzelne stellt selber fest, was er 
tun und was er lassen soll, wobei man nur zu leicht die Tatsache aus 
den Augen verliert, daß es die Sprachgemeinschaft war, die ihn das 
gelehrt hat. Wenn jemand seine eigenen Richtlinien aus einer Ana- 
lyse von punitiven Kontingenzen herleitet, sind wir ganz besonders 
geneigt, ihm für anschließendes Rechtverhalten Anerkennung zu 
zollen; doch sind in diesem Fall die sichtbaren Stadien lediglich et- 
was mehr in die Geschichte entschwunden. 

Wenn die punitiven Kontingenzen lediglich Teil der nicht-sozia- 
len Umwelt sind, liegt ziemlich klar auf der Hand, was geschieht. 
Wir gestatten jemandem nicht, Autofahren zu lernen, während wir 
ihn zugleich ernsthaften punitiven Folgen aussetzen. Wir schicken 
ihn nicht unvorbereitet auf eine belebte Straße, um ihn dann für al- 
les, was passiert, verantwortlich zu machen. Wir unterweisen ihn in 
sicherem und geschicktem Fahren. Wir lehren ihn Regeln. Wir las- 
sen ihn zunächst auf einem Übungsgelände fahren, wo punitive Fol- 
gen minimiert oder völlig ausgeschaltet sind. Dann nehmen wir ihn 
mit auf eine relativ sichere Straße. Wenn wir erfolgreich sind, kön- 
nen wir aus ihm einen sicheren und geschickten Fahrer machen, ohne 
zu Strafmaßnahmen greifen zu müssen, obgleich die Umstände, un- 
ter denen er den Rest seines Lebens Auto fahren wird, Strafmöglich- 
keiten in sich tragen. Wir neigen zu der unbegründeten Behauptung, 
daß er nun das <Wissen> erworben habe, das er für ein sicheres Fah- 
ren benötigt, beziehungsweise, daß er jetzt nicht mehr bloß gut fah- 
re, sondern ein wirklich guter Fahren sei. Wenn die Zusammen- 
hänge sozialer Art sind, insbesondere wenn sie von Vertretern einer 
Religion festgesetzt worden sind, neigen wir wesentlich mehr da- 
zu, ein <inneres Wissen über Gut und Böse> oder eine innere Tugend- 
haftigkeit abzuleiten. 

Kritik der Tugendhaftigkeit. Die Tugendhaftigkeit, auf die mu- 
sterhaftes Verhalten zurückgeführt wird, ist Teil des Werts oder der 
Würde einer Person und steht im umgekehrten Verhältnis zur Sicht- 
barkeit von Kontrolle. Die größte Tugendhaftigkeit schreiben wir 
Menschen zu, die sich nie schlecht verhalten haben und daher nie 


75 



bestraft worden sind, und die sich recht verhalten, ohne Vorschrif- 
ten befolgen zu müssen. Jesus wird gewöhnlich so dargestellt. Wir 
schließen auf weniger Tugendhaftigkeit bei jenen, die sich recht ver- 
halten, aber nur, weil sie bestraft worden sind. Der Sünder, der sich 
gebessert hat, mag einem wahren Heiligen ähneln, doch die Tatsache, 
daß er punitiven Folgen ausgesetzt gewesen ist, schränkt seine na- 
türliche Tugendhaftigkeit ein. Diesem Sünder nahestehen jene, wel- 
che die punitiven Kontingenzen in ihrer Umwelt analysiert und 
daraus Regeln abgeleitet haben, die sie nun befolgen, um Bestrafung 
zu vermeiden. Noch weniger Tugendhaftigkeit wird jenen nachge- 
sagt, die Regeln befolgen, welche von anderen formuliert worden 
sind, und am wenigsten Tugendhaftigkeit wird denen zugeschrie- 
ben, in deren Fall die Regeln und Kontingenzen, die regelbeherr- 
sdiendes Verhalten hervorbringen, leicht erkennbar sind. Überhaupt 
keine Tugendhaftigkeit aber sprechen wir Leuten zu, die sich nur in- 
folge ständiger Überwachung durch den Vertreter einer Strafgewalt, 
wie die Polizei, richtig verhalten. 

Die Tugendhaftigkeit nimmt zu, wie andere Aspekte des Werts 
oder der Würde einer Person auch, wenn die sichtbare Kontrolle 
sich dem Blick entzieht, und dasselbe gilt natürlich auch für die Frei- 
heit. Daher neigen Tugendhaftigkeit und Freiheit dazu, sich mitein- 
ander zu verbinden. John Stuart Mill behauptete, daß die einzige 
Art von Tugendhaftigkeit, die diesen Namen wirklich verdiene, nur 
einem Menschen zugeschrieben werden könne, der sich, auch ange- 
sichts der Möglichkeit zu schlechtem Verhalten, recht verhalte, und 
daß nur ein solcher Mensch frei sei. Mill befürwortete nicht die 
Schließung von Freudenhäusern; sie sollten geöffnet bleiben, damit 
die Menschen zu Freiheit und Würde durch Selbstkontrolle gelangen 
konnten. Doch überzeugt dieses Argument nur, wenn wir die Grün- 
de vernachlässigen, warum Menschen das rechte Verhalten zeigen, 
wo sie doch die Möglichkeit zu gegenteiligem Verhalten hätten. Ei- 
ne Sache ist es, Würfel- oder Kartenspiele zu verbieten, den Ver- 
kauf von Alkohol zu untersagen und Freudenhäuser zu schließen. 
Eine andere Sache ist es, alle diese Dinge aversiv zu machen, indem 
man zum Beispiel das Verhalten, das sie auslösen, bestraft, indem 
man sie als teuflische Versuchungen hinstellt, indem man das tragi- 
sche Los des Trinkers beschreibt oder die durch Prostituierte über- 


76 



tragenen Geschlechtskrankheiten schildert. Die Folge mag dieselbe 
sein: die Leute mögen nicht mehr trinken, spielen oder mit Prosti- 
tuierten verkehren, doch die Tatsache, daß sie das in der einen Um- 
welt nicht tun können , während sie es in der anderen nicht tun , 
gründet sich auf Kontrolltechniken und nidit auf Tugendhaftigkeit 
oder Freiheit. In der einen Umwelt sind die Gründe für Rechtver- 
halten klar, während sie in einer anderen nur zu leicht übersehen 
oder vergessen werden. 

Manchmal wird behauptet, Kinder seien erst dann auf die Frei- 
heit einer Selbstkontrolle vorbereitet, wenn sie gelernt hätten, ver- 
nünftig zu denken, und daß sie bis dahin entweder in einer sicheren 
Umwelt leben oder bestraft werden müßten. Wenn jedoch die Be- 
strafung hinausgeschoben werden kann, bis sie ein vernünftiges Al- 
ter erreidit haben, kann man gleich ganz auf sie verzichten. Doch 
das bedeutet lediglich, daß die sichere Umwelt und die Bestrafung 
die einzigen Maßnahmen sind, über die wir verfügen, bis das Kind 
Zusammenhängen ausgesetzt gewesen ist, die ihm andere Gründe 
zu richtigem Verhalten geben. Angemessene Folgewirkungen kön- 
nen für primitive Menschen häufig nicht arrangiert werden, und die- 
selbe Verwirrung zwischen Sichtbarkeit und verinnerlichter Kon- 
trolle tritt zutage, wenn behauptet wird, primitive Menschen seien 
nicht reif für die Freiheit. Wenn sie überhaupt für etwas nicht reif 
sind, so für eine Art von Kontrolle, die eine besondere Geschichte 
von Abhängigkeiten und Folgewirkungen voraussetzt. 

Kritik der «Verantwortlichkeit^ Viele Probleme, die mit puniti- 
Kontrolle Zusammenhängen, sind durch die Vorstellung von 
der Verantwortlichkeit des Menschen entstanden, eine Eigenschaft, 
von der behauptet wird, daß sie den Menschen von anderen Lebe- 
wesen unterscheide. Die verantwortungsvolle Person ist eine <ver- 
dienstvoll‘e> Person. Wir loben sie, wenn sie sich gut beträgt, damit 
sie so weitermacht, doch neigen wir zur Verwendung jenes Begriffs 
vor allem dann, wenn das, was sie verdient, Bestrafung ist. Wir hal- 
ten jemanden insofern für verantwortlich für sein Verhalten, als er 
mit Fug und Recht bestraft werden kann. Auch dies ist wieder eine 
Frage der Wirtschaftlichkeit, des vernünftigen Einsatzes von Ver- 
stärkern, einer <Strafe, die dem Verbrechen angemessen wird.> Ein 


77 



Zuviel an Strafe kommt teuer und kann wünschenswertes Verhal- 
ten unterdrücken, während ein Zuwenig unrentabel ist, wenn es 
überhaupt keine Wirkung hat. 

Die rechtliche Determinierung von Verantwortlichkeit (und Ge- 
rechtigkeit) befaßt sich zum Teil mit Tatsachen. Hat sich eine Per- 
son tatsächlich auf bestimmte Weise verhalten? Waren die Umstän- 
de dergestalt, daß das Verhalten nach dem Gesetz strafbar wäre? 
Wenn ja, welche Gesetze sind anzuwenden und welche Strafen sind 
vorgesehen? Andere Fragen scheinen sich jedoch mit dem <inneren 
Menschen» zu befassen. War die begangene Tat beabsichtigt oder 
vorgeplant? Wurde sie in blindem Zorn ausgeführt? Wußte der Tä- 
ter um den Unterschied zwischen Recht und Unrecht? War er sich 
der möglichen Folgen seiner Tat bewußt? Alle diese Fragen, die sich 
mit Absichten, Empfindungen, Wissen und dergleichen befassen, 
können neu formuliert werden in bezug auf die Umwelt, welcher 
der Täter ausgesetzt war. Was einer <zu tun beabsichtigt», hängt da- 
von ab, was er in der Vergangenheit und mit welchen Folgen er es 
getan hat. Man handelt nicht, weil man <Zorn in sich hochsteigen 
fühlt»; man handelt und fühlt den Zorn aus ein und demselben 
Grund. Ob der Täter Strafe verdient, wenn alle diese Bedingungen 
in Rechnung gestellt werden, ist eine Frage, in der es um wahrschein- 
liche Ergebnisse geht: Wird er sich, wenn bestraft, anders verhal- 
ten, wenn sich ähnliche Umstände noch einmal einstellen? Heute 
wächst die Neigung, <Kontrollierbarkeit» an die Stelle von Verant- 
wortlichkeit» zu setzen, und Kontrollierbarkeit kann nicht so leicht 
als eine Eigenschaft des <autonomen Menschen» angesehen werden, 
weil der Begriff ausdrücklich auf äußere Bedingungen hinweist. 

Die Behauptung, <nur ein freier Mensch könne für sein Verhal- 
ten verantwortlich sein», bedeutet zweierlei, je nachdem, ob es uns 
dabei um Freiheit oder Verantwortlichkeit geht. Wenn wir damit 
sagen wollen, daß die Menschen verantwortlich sind, dürfen wir 
nichts tun, was ihre Freiheit einschränken könnte, da sie nicht verant- 
wortlich gemacht werden können, wenn sie nicht frei handeln kön- 
nen. Wenn wir jedoch damit sagen wollen, daß sie frei sind, müssen 
wir sie für ihr Verhalten verantwortlich machen, indem wir punitive 
Folgen festlegen, denn wenn sie sich ohne zu erwartende Strafen ge- 
nauso verhielten, würde daraus ersichtlich, daß sie nicht frei wären. 


78 



Jeder Sdiritt in Richtung auf eine Umwelt, in der Menschen au- 
tomatisch gut sind, bedroht die Idee der Verantwortlichkeit. Der 
alte Brauch, Alkoholismus zu kontrollieren, ist zum Beispiel puniti- 
ver Art. So wird Trunksucht als Untugend hingestellt und so wer- 
den gegen eine Person von ihresgleichen ethische Sanktionen ergrif- 
fen (wobei die erzeugte Kondition als Scham empfunden wird), 
oder Trunksucht wird als gesetzeswidrig eingestuft und Sanktionen 
seitens der Regierung unterworfen (wobei die erzeugte Kondition 
als Schuld empfunden wird), oder sie wird als sündig abgestempelt 
und von Vertretern einer kirchlichen Gewalt bestraft (wobei die er- 
zeugte Kondition als Sündigsein empfunden wird). Das Verfahren 
war nicht sonderlich erfolgreich, und so hat man nach anderen Kon- 
trollmaßnahmen gesucht. In diesem Kontext scheint gewisses me- 
dizinisches Material relevant zu sein. Die Menschen unterscheiden 
sich voneinander hinsichtlich der Verträglichkeit von Alkohol und 
der verschieden stark ausgeprägten Abhängigkeit von Suchtmitteln. 
Ein Alkoholiker trinkt vielleicht, um schmerzhafte Entziehungser- 
scheinungen zu lindern, wie sie nicht immer von jenen berücksich- 
tigt werden, die sie nie selbst erfahren haben. Die medizinischen 
Aspekte werfen die Frage der Verantwortlichkeit auf: Inwieweit ist 
eine Bestrafung des Alkoholikers zu rechtfertigen? Wenn wir von 
einem Standpunkt der Wirtschaftlichkeit ausgehen, stellt sich die 
Frage, ob wir von einer Strafe, die sich gegen positive Folgen rich- 
tet, Wirksamkeit erwarten dürfen. Sollten wir nicht besser die me- 
dizinischen Bedingungen verbessern? (Unsere Kultur unterscheidet 
sich von dem utopischen Land <Erewhon> Samuel Butlers dadurch, 
daß sie gegen Krankheit keine Sanktionen verhängt.) Wenn die Ver- 
antwortlichkeit abnimmt, geht auch die Strafwürdigkeit zurück. 

Die Jugendkriminalität ist ein weiteres Beispiel. Der überkom- 
menen Meinung nach ist ein junger Mensch dafür verantwortlich, 
daß er den Gesetzen folgt, und so kann er mit Recht bestraft wer- 
den, wenn er Gesetze mißachtet. Doch ist es schwierig, wirksame 
punitive Kontingenzen aufrechtzuerhalten, und so hat man nach 
anderen Maßnahmen gesucht. Hierbei scheint Material relevant zu 
sein, demzufolge die Kriminalität in bestimmtem Milieu und unter 
der ärmeren Bevölkerung stärker verbreitet ist. Derjenige neigt eher 
zum Diebstahl, der weniger oder gar nichts besitzt; der durch Aus- 


79 



bildung nicht in die Lage gesetzt worden ist, Arbeit zu bekommen 
und zu behalten, damit er sich kaufen kann, was er möchte; der kei- 
ne Arbeit findet; der nicht gelernt hat, den Gesetzen zu folgen oder 
der häufig sieht, wie andere ungestraft Gesetze brechen. Unter sol- 
chen Umständen wird kriminelles Verhalten intensiv verstärkt, und 
es ist unwahrscheinlich, daß man es durch legale Sanktionen unter- 
drücken kann. Daher werden die Strafen gemildert: Der Kriminelle 
kann mit einem Verweis davonkommen oder das verhängte Urteil 
kann zur Bewährung ausgesetzt werden. Verantwortlichkeit und 
Strafmaß nehmen zusammen ab. 

< Verantwortlichkeit» der Umwelt. Das eigentliche Problem ist die 
Wirksamkeit von Kontrolltechniken. Wir werden die Probleme des 
Alkoholismus und der Jugendkriminalität nicht lösen, indem wir 
<Verantwortungsgefühle> fördern. Es ist die Umwelt, die für das 
unzulässige Verhalten <verant wörtlich» ist, und es ist die Umwelt 
und nicht eine Eigenschaft der Einzelperson, die geändert werden 
muß. Das sehen wir ohne weiteres ein, wenn wir über die puniti- 
ven Folgen in der natürlichen Umwelt sprechen. Rennt man mit 
dem Kopf gegen eine Mauer, so ist die Strafe eine Beule, doch ma- 
chen wir einen Menschen nicht dafür verantwortlich, daß er nicht 
gegen Mauern rennt, genausowenig wie wir ihm sagen, daß ihn die 
Natur dafür verantwortlich mache. Die Natur bestraft ihn bloß, 
wenn er gegen eine Mauer rennt. Wenn wir die Strafen in der Welt 
verringern oder wenn wir den Menschen beibringen, wie sie natur- 
bedingte Strafen vermeiden können, indem wir ihnen zum Beispiel 
Richtlinien geben, zerstören wir nicht die Verantwortlichkeit des 
Menschen, genausowenig wie wir irgendeine andere okkulte Eigen- 
schaft bedrohen. Wir machen die Welt lediglich sicherer. 

Die Vorstellung von der Verantwortlichkeit des Menschen steht 
auf ganz besonders schwachen Füßen, wenn Verhalten auf geneti- 
sche Determinanten zurückgeführt werden kann. Wir bewundern 
zwar Schönheit, Grazie und feines Empfinden, doch wir machen 
niemandem einen Vorwurf daraus, wenn er häßlich, spastisch oder 
farbenblind ist. Weniger offenkundige Formen einer Erbanlage be- 
reiten jedoch bereits Schwierigkeiten. Wie die Arten, so unterschei- 
den sich vermutlich auch Einzelpersonen voneinander durch das 


80 



Ausmaß, in dem sie aggressiv reagieren oder in dem sie verstärkt 
werden, wenn sie aggressiven Schaden anridnen, oder auch durch 
das Ausmaß, in dem sie sich sexuell betätigen oder sexuell ver- 
stärkt werden. Sind sie aber in gleicher Weise verantwortlich für 
die Kontrolle ihres aggressiven oder sexuellen Verhaltens, und ist 
es gerecht, sie dementsprechend zu bestrafen? Wenn wir einen Men- 
schen nicht wegen seines Klumpfußes bestrafen, warum sollten wir 
ihn dann wegen seines Jähzorns oder wegen seiner Empfänglichkeit 
für sexuelle Reize bestrafen? Diese Frage ist kürzlich durch die 
Möglichkeit aufgeworfen worden, daß viele Kriminelle eine Ano- 
malie ihres Chromosomensatzes aufweisen. Die Vorstellung von 
der Verantwortlichkeit bietet uns wenig Hilfe. Der springende 
Punkt ist die Kontrollierbarkeit. Es ist unmöglich, Erbschäden 
durch Bestrafung zu korrigieren; wir können lediglich versuchen, 
Erbanlagen zu modifizieren, ein Verfahren, das auf einer völlig an- 
deren Zeitskala abläuft. Es gilt nicht, die Verantwortlichkeit des 
autonomen Menschern zu ändern, sondern die Bedingungen, seien 
sie nun genetisch oder umweltbedingt, die das Verhalten einer Per- 
son zur Funktion haben. 

Die Menschen erheben zwar Einwände, wenn eine wissenschaft- 
liche Analyse ihr Verhalten auf äußere Bedingungen zurückführt 
und sie so der Anerkennung und der Möglichkeit, bewundert zu 
werden, beraubt, doch haben sie nur selten etwas dagegen einzu- 
wenden, wenn dieselbe Analyse sie von einer Schuld freispricht. Die 
simplen Theorien von Milieu und Umwelt des 18. und 19. Jahr- 
hunderts wurden nur zu rasch zu Zwecken der Entlastung und Ent- 
schuldigung benutzt. Die englische Erzählerin George Eliot verspot- 
tete dieses Vorgehen; der Rektor in ihrem <Adam Bede> ruft aus: 
«Was denn, ein Mann kann doch nicht gut eine Banknote stehlen, 
wenn sie nicht in annehmbarer Reichweite liegt; auch wird er uns 
nicht glauben machen, er sei ein ehrlicher Mann, wenn er die Bank- 
note anzubrüllen beginnt, weil sie ihm im Weg liegt.» Der Alkoho- 
liker wird als erster behaupten, er sei krank, genauso wie der kri- 
minelle Jugendliche als erster dafür plädieren wird, er sei das Opfer 
eines schädlichen Hintergrunds: Wenn sie nicht verantwortlich sind, 
können sie nicht rechtens bestraft werden. 

In gewisser Hinsicht ist Entlastung das Gegenstück zu Verant- 


81 



wortlidikeit. Jene, die es sich zur Aufgabe machen, für oder gegen 
menschliches Verhalten (aus welchem Grund auch immer) etwas zu 
unternehmen, werden zu einem Teil der Umwelt, auf die die Ver- 
antwortung übergeht. Der konventionellen Meinung nach war es 
der Schüler, der versagte, war es das Kind, das Unrecht tat, war 
es der Bürger, der Gesetze brach, und waren es die Armen, die arm 
waren, weil sie faul waren. Heute behauptet man dagegen gewöhn- 
lich, es gäbe keine beschränkten Schüler, sondern nur schlechte Leh- 
rer, es gäbe keine bösen Kinder, sondern nur schlechte Eltern, es 
gäbe keine Kriminalität, außer seitens der Rechtsvollstrecker, und 
es gäbe keine faulen Menschen, sondern nur ungeeignete Leistungs- 
anreiz-Systeme. Doch selbstverständlich besteht die nächste Frage 
darin, warum Lehrer, Eltern, Vertreter einer Staatsgewalt und Un- 
ternehmer schlecht sein sollen. Wie wir später sehen werden, ist der 
Fehler der, daß der Verantwortlichkeit doch irgendein Platz zuge- 
wiesen wird, ist der Fehler der, daß man annimmt, irgendwo werde 
eine kausale Folge eingeleitet. 

Das kommunistische Rußland liefert uns, wie Raymond Bauer * 
gezeigt hat, eine interessante Fallgeschichte, in der es um die Be- 
ziehung zwischen Milieutheorie und persönlicher Verantwortlich- 
keit geht. Sofort nach der Revolution konnte die Regierung argu- 
mentieren, daß viele Russen deshalb ungebildet, unproduktiv, un- 
höflich und unglücklich seien, weil ihre Umwelt sie soweit gebracht 
hätte. Die neue Regierung würde diese Umwelt ändern, sich dabei 
Pawlows Prinzipien der bedingten Reflexe bedienen, und alles 
würde in Ordnung kommen. Doch Anfang der dreißiger Jahre hat- 
te die Regierung ihre Chance gehabt, und es gab immer noch viele 
Russen, die nicht wesentlich gebildeter, produktiver, höflicher oder 
glücklicher waren als vorher. Die offiziellen Richtlinien wurden nun 
geändert; Pawlow fiel in Ungnade. Eine Psychologie des Zielstre- 
bens diente als Ersatz: Nun war es am russischen Bürger, sich eine 
Ausbildung zu verschaffen, produktiv zu arbeiten, sich richtig zu 
verhalten iffid glücklich zu sein. Der russische Erzieher sollte dafür 
sorgen, daß jener diese Verantwortung akzeptierte, aber nicht, in- 


* Vgl. Raymond Bauer: <The New Man in Soviet Psychology>. Cam- 
bridge 1952. 

82 



dem er ihn konditionierte. Die Erfolge des Zweiten Weltkriegs fe- 
stigten jedoch wieder das Vertrauen in das frühere Prinzip; alles in 
allem war die Regierung doch erfolgreich gewesen. Jenes Prinzip 
mochte zwar noch nicht völlig effektiv sein, doch war der einge- 
schlagene Weg der richtige. Und so gelangte Pawlow wieder zu An- 
sehen. 

Es ist selten, daß eine Entlastung des Kontrolleurs so einfach zu 
dokumentieren ist, doch etwas von dieser Art liegt wahrscheinlich 
immer der Anwendung punitiver Methoden zugrunde. Angriffe 
gegen eine automatische Tugendhaftigkeit mögen eine Besorgnis um 
den autonomen Menschern erkennen lassen, doch liefern die prak- 
tischen Folgen einen triftigeren Grund. Die Literatur über die Frei- 
heit und die Würde des Menschen hat die Kontrolle von menschli- 
chem Verhalten zu einem strafbaren Vergehen abgestempelt, vor 
allem indem sie den Kontrolleur für aversive Ergebnisse verant- 
wortlich machte. Der Kontrolleur kann sich der Verantwortung 
entziehen, wenn es ihm gelingt, den Standpunkt, die Einzelperson 
kontrolliere sich selbst, aufrechtzuerhalten. Der Lehrer, der den 
Schüler wegen seines Lernens lobt, kann diesen auch wegen seines 
Nichtlernens tadeln. Die Eltern, die ihrem Kind wegen seiner Lei- 
stungen Anerkennung zollen, können es wegen seiner Fehler auch 
schelten. Weder der Lehrer noch die Eltern können verantwortlich 
gemacht werden. 

Genetische Quellen menschlichen Verhaltens sind zu solcher Ent- 
lastung besonders geeignet. Wenn manche Russen weniger intelli- 
gent als andere sind, kann der Lehrer nicht getadelt werden, wenn 
er bei den einen weniger erfolgreich ist als bei den anderen. Wenn 
manche Menschen geborene Verbrecher sind, wird es immer zur 
Verletzung von Gesetzen kommen, auch wenn die staatlichen Voll- 
zugsorgane so perfekt wie nur möglich sind, brauchen wir uns un- 
serer Unfähigkeit, Frieden zu halten, nicht zu schämen. Unsere 
Neigung, uns selbst zu entlasten, wird dadurch veranschaulicht, 
daß wir uns lieber bei unerwünschten Folgen unseres Handelns als 
bei positiven Leistungen auf Erbanlagen berufen. Jene, die derzeit 
daran interessiert sind, etwas für das Verhalten des Menschen zu 
tun, können wegen Folgen, die auf genetische Ursachen zurückzu- 
führen sind, nicht gelobt oder getadelt werden; wenn ihnen irgend- 


83 



welche Verantwortung zukommt, so gilt diese nur der Zukunft der 
Spezies. Das übliche Verfahren, Verhalten auf Erbanlagen zurück- 
zuführen (sei es nun der Spezies insgesamt oder einer ihrer Unter- 
gruppen wie zum Beispiel einer Rasse oder Familie) - dieses Ver- 
fahren kann sich auf eugenisdie Praktiken und schließlich auch auf 
anderweitige Veränderungen jener Anlage aus wirken, so daß der 
Zeitgenosse verantwortlich gemacht werden kann, je nachdem, ob 
er handelt oder es versäumt zu handeln. Doch sind diese Folgen ent- 
legen, und sie werfen eine andere Art von Problemen auf, auf das 
wir noch zurückkommen werden. 

De Maietre als Verteidiger der Strafgewalt. Jene, die zu Stra- 
fen greifen, scheinen immer sicherzugehen. Jeder billigt die Unter- 
drückung von Verbrechen - außer dem Verbrecher. Wenn sich je- 
ne, die bestraft werden, danach nicht richtig verhalten, ist das nicht 
die Schuld des Strafenden. Allerdings ist diese Selbstentlastung 
nicht vollständig. Sogar jene, die sich richtig verhalten, mag es viel 
Zeit gekostet haben, bis sie entdeckten, was sie zu tun hatten, was 
sie aber vielleicht immer noch nur schlecht und recht tun. Sie muß- 
ten sich mit unbedeutenden Tatsachen herumschlagen, sie mußten 
den Teufel in sich bekämpfen und sie mußten unnötige Zeit auf den 
Prozeß von trial and error verschwenden. Dazu kommt noch, daß 
Strafen Schmerz verursachen und daß niemand sich dieser Tatsache 
völlig entziehen oder völlig unberührt von ihr bleiben kann, auch 
wenn der Schmerz von anderen erlitten wird. Der Strafende kann 
deshalb einer Kritik nicht völlig entrinnen, und so mag er seine 
Handlungsweise damit <rechtfertigen>, daß er auf die Folgen der 
Bestrafung verweist, die ihre aversiven Erscheinungen ausgleichen. 

Es wäre absurd, die Schriften Joseph de Maistres zur Literatur 
über die Freiheit und Würde des Menschen zählen zu wollen, da er 
erbittert deren Grundprinzipien bekämpfte, insbesondere wenn sie 
von den Autoren der Aufklärung formuliert wurden. Trotzdem hat 
eben jene Literatur ein Bedürfnis nach einer Art von Rechtfertigung 
geweckt, indem sie der Bestrafung - die sich darauf beruft, nur sie 
allein ermögliche es dem einzelnen, sein richtiges Verhalten selbst 
zu wählen - wirksame Alternativen entgegensetzte. Genau diese 
Art von Rechtfertigung aber beherrschte de Maistre meisterhaft. Im 


84 



folgenden seine Verteidigung der beiden schrecklichsten Vertreter 
einer Straf gewalt - des Folterknechts und des Henkers: 

Ein düsteres Zeichen ertönt: Ein gemeines Werkzeug der Ge- 
rechtigkeit kommt und klopft an seine Tür und teilt ihm 
mit, daß man seiner bedürfe. Er macht sich auf den Weg; er 
kommt auf dem Marktplatz an, wo sich eine ungeduldige, 
aufgeregte Menschenmenge drängt. Man übergibt ihm einen 
Gefangenen, einen Mörder oder einen Gotteslästerer. Er 
packt ihn, streckt ihn auf ein waagerechtes Kreuz und bin- 
det ihn fest; er hebt seinen Arm, und eine schreckliche Stille 
tritt ein. Man hört nichts als den Schrei der Knochen, die un- 
ter der schweren Rute zerbrechen, und das Geheul des Op- 
fers. Dann bindet er ihn los und trägt ihn zum Rad; die in 
Stücke gebrochenen Gliedmaßen verwickeln sich in die Spei- 
chen; der Kopf hängt nach unten; die Haare stehen vom 
Kopf; und aus dem Mund, der auf gerissen ist wie ein Ofen- 
loch, kommen jetzt nur mehr ein paar blutige Worte, die 
immer wieder um den Tod betteln. Nun ist der Henker fer- 
tig; sein Herz schlägt, aber es schlägt vor Freude; er zollt 
sich selbst Beifall, und zu sich selbst sagt er: «Niemand ist 
besser am Rad als ich!» Er kommt herunter und hält seine 
blutbefleckte Hand hin, und das Gesetz wirft aus einiger 
Entfernung ein paar Goldstücke hinein, die er nun heim- 
trägt, hindurch durch ein Spalier von Leuten, die voller Ent- 
setzen zurückweichen. Er setzt sich zu Tisch und ißt; dann 
geht er zu Bett und schläft. Und wenn er am nächsten Tag 
erwacht, beginnt er an etwas ganz anderes zu denken als an 
die Arbeit vom Vortag . . . Alle Größe, alle Macht und alle 
Disziplin gründen sich auf den Henker. Er ist der Schrek- 
ken der menschlichen Gemeinschaft und das Band, das diese 
zusammenhält. Entfernt aus der Welt diese unbegreifliche 
Kraft, und sofort wird die Ordnung dem Chaos weichen, 
werden Throne stürzen und wird die Gesellschaft sich auf- 
lösen. Gott, der die Quelle aller Herrschaft ist, ist daher auch 
die Quelle der Bestrafung. 


85 



Andere Strafmethoden. Wenn wir in unserer sogenannten zivi- 
lisierten Welt nicht mehr zur Folter greifen, so bedienen wir uns 
doch in hohem Maße punitiver Methoden, ganz gleich, ob es sich 
dabei um innen- oder außenpolitische Beziehungen handelt. Aber 
offenbar geschieht das aus gutem Grund. Die Natur, wenn nicht 
Gott selbst, hat den Menschen so geschaffen, daß er punitiv kon- 
trolliert werden kann. Die Menschen entwickeln nur zu leicht Ge- 
schick bei der Bestrafung anderer (und von da zum raffinierten 
Kontrolleur ist es nur mehr ein kleiner Schritt), während alternati- 
ve positive Maßnahmen nicht leicht erlernbar sind. Die Notwendig- 
keit der Bestrafung scheint durch die Geschichte unterstützt zu wer- 
den, während alternative Verfahren die in Ehren gehaltenen Wer- 
te von <Freiheit> und <Würde> gefährden. Und so fahren wir denn 
fort zu bestrafen - und Bestrafung zu verteidigen. Ein de Maistre 
unserer Zeit könnte den Krieg mit denselben Worten verteidigen: 
«Alle Größe, alle Macht und alle Disziplin gründen sich auf den 
Soldaten. Er ist der Schrecken der menschlichen Gemeinschaft und 
das Band, das diese zusammenhält. Entfernt aus der Welt diese un- 
begreifliche Kraft, und sofort wird die Ordnung dem Chaos wei- 
chen, werden Regierungen stürzen und wird die Gesellschaft sich 
auflösen. Gott, der die Quelle aller Herrschaft ist, ist daher auch 
die Quelle des Krieges.» 

Aber es gibt bessere Mittel und Wege, auf die die Literatur über 
die Freiheit und Würde des Menschen allerdings nicht hin weist. 


Von physischem Zwang einmal abgesehen, ist ein Mensch am we- 
nigsten im Besitz seiner Freiheit oder Würde, wenn er der Dro- 
hung einer Bestrafung ausgesetzt ist. Man könnte erwarten, daß 
die Literatur über die Freiheit und die Würde sich punitiven Me- 
thoden widersetzen würde, doch haben sie sich in Wirklichkeit für 
ihre Erhaltung eingesetzt. Wer bestraft wurde, ist dadurch nicht un- 
bedingt weniger geneigt, sich auf eine bestimmte Weise zu verhal- 
ten, das zu tun, sind Fehlanpassung oder Neurose, zum Beispiel 
innerhalb Freuds Lehre von den sogenannten Antrieben. Andere 
Möglichkeiten sind die Vermeidung von Situationen, in denen be- 


86 



straffes Verhalten wahrscheinlich ist, und die Beschäftigung mit 
Dingen, die mit strafbarem Verhalten unvereinbar sind. Audi kön- 
nen andere bestimmte Schritte unternehmen, um die Wahrschein- 
lichkeit, von Strafen zu verringern; doch widersetzt sich dem die 
Literatur der Freiheit und der Würde, da dies für sie nur zu auto- 
matischer Tugendhaftigkeit führt. Nur unter punitiven Kontingen- 
zen scheint eine Person die Freiheit zu besitzen, sich richtig zu ver- 
halten und sich, wenn sie das tut, Anerkennung dafür zu verdie- 
nen. Nicht-punitive Folgen erzeugen dasselbe Verhalten, doch 
kann man dann von einer Person nicht behaupten, sie sei frei, weil 
es in diesem Fall die besonderen Folgen sind, die ihr Verhalten be- 
einflußt haben. In diesem Fall bleibt für den autonomen Men- 
schen» wenig oder gar nichts, was er tun könnte, um Anerkennung 
zu verdienen. Er wirft sich nicht in eine moralische Schlacht und hat 
daher nicht die Möglichkeit, zum moralischen Helden aufzusteigen 
oder wegen seiner Tugendhaftigkeit gelobt zu werden. Doch ist es 
nicht unsere Aufgabe, zu moralischen Schlachten zu ermuntern oder 
Tugendhaftigkeit zu fördern oder zu demonstrieren. Unsere Aufga- 
be ist es vielmehr, das Leben weniger punitiv zu gestalten, um da- 
durch die Zeit und Energie, die zur Vermeidung von Bestrafung 
nötig ist, für verstärkende Tätigkeiten freizusetzen. Bis zu einem 
gewissen Grad hat die Literatur über die Freiheit und die Würde 
an der langsamen und sporadischen Überwindung von aversiven 
Erscheinungen in der menschlichen Umwelt mitgewirkt, einschließ- 
lich der aversiven Erscheinungen, deren sich die intentionale Kon- 
trolle bedient. Aber sie hat ihre Aufgabe in einer Weise formuliert, 
die es ihr heute unmöglich macht, die Tatsache zu akzeptieren, daß 
alle Kontrolle von der Umwelt ausgeübt wird, und so ist sie unfä- 
hig, anstatt besserer Menschen den Entwurf besserer Umwelten ins 
Auge zu fassen. 



5 

Alternativen 
zur Bestrafung 


Die Verfechter von Freiheit und Würde beschränken sich natürlich 
nicht auf Strafmaßnahmen, sondern sie greifen auch zu Alternati- 
ven, freilich nur schüchtern und mit wenig Selbstvertrauen. Ihre Sor- 
ge um den autonomen Menschen führt sie aber dazu, nur im Grunde 
ineffektive Maßnahmen zu ergreifen, von denen wir nun einige un- 
tersuchen wollen. 

Duldsamkeit. Uneingeschränkte Duldsamkeit hat man ernsthaft 
als Alternative zu Bestrafung vorschlagen wollen. Jede Art von 
Kontrolle soll unterbleiben, so daß die Autonomie der Einzelper- 
son unangefochten bleibt. Verhält einer sich richtig, so deshalb, weil 
er entweder von Natur gut oder weil er selbstbeherrscht ist. Frei- 
heit und Würde sind gewährleistet. Ein freier und tugendhafter 
Mensch braucht keine Regierung (Regierungen korrumpieren bloß), 
und in einer Anarchie kann er von Natur gut sein und dafür bewun- 
dert werden. Er benötigt keine orthodoxe Religion; er ist gottes- 
fürchtig und verhält sich gottesfürchtig, ohne sich an irgendwelche 
Regeln zu halten, möglicherweise mit Hilfe direkter mystischer Er- 
fahrungen. Er bedarf keiner organisierten wirtschaftlichen Anreize; 
er ist von Natur fleißig und wird einen Teil dessen, was er besitzt, 
in Tauschgeschäften mit anderen auf ehrliche, anständige Weise und 
unter den natürlichen Bedingungen von Angebot und Nachfrage 
fortgeben. Er braucht keinen Lehrer; er lernt, weil es ihm Spaß 
macht, und seine natürliche Neugierde zeigt ihm, was er lernen soll. 
Wenn das Leben zu schwierig wird oder wenn der ihm natürliche 
Zustand durch Unglücksfälle oder durch das Eindringen von un- 
berufenen Möchtegern-Kontrolleuren gestört wird, hat er vielleicht 


88 



persönliche Probleme, doch wird er seine eigenen Lösungen finden, 
ohne Anleitung durch einen Psychotherapeuten. 

Duldsames Verhalten bietet viele Vorteile. Es erspart einem die 
Mühen der Überwachung und die Durchführung von Strafmaßnah- 
men. Es erzeugt keine Gegenangriffe. Es zwingt den, der solches 
Verhalten fördert, nicht dazu, die Freiheit einer Person einzuschrän- 
ken oder ihre Würde zu zerstören. Es entlastet einen, wenn etwas 
schiefgeht. Wenn Menschen in einer duldsamen Welt einander schlecht 
behandeln, dann deshalb, weil die menschliche Natur nicht voll- 
kommen ist. Wenn keine Regierung da ist, um für Ordnung zu sor- 
gen, und die Menschen einander bekämpfen, so deshalb, weil sie 
aggressive Instinkte haben. Und ein Kind, dessen Eltern sich nicht 
bemüht haben, es zu kontrollieren, wird deshalb kriminell, weil es 
mit den falschen Leuten verkehrt oder weil es kriminelle Neigun- 
gen hat. 

Allerdings ist Duldsamkeit kein zweckmäßiges Verfahren; sie be- 
deutet vielmehr Verzicht auf Zweckmäßigkeit, und ihre scheinba- 
ren Vorteile sind illusorisch. Die Weigerung zu kontrollieren be- 
deutet, die Kontrolle nicht der Person selbst zu überlassen, sondern 
anderen Teilen der sozialen und nicht-sozialen Umwelt. 

Der Kontrolleur als <Hebamme>. Eine Methode, Verhalten zu mo- 
difizieren, ohne anscheinend Kontrolle auszuüben, begegnet uns in 
Sokrates* Metapher von der Hebamme: Eine Person hilft einer an- 
deren bei der Geburt von Verhalten. Da die Hebamme bei der 
Empfängnis keine und bei der Geburt nur eine kleine Rolle spielt, 
kann die Person, die das Verhalten hervorbringt, volle Anerken- 
nung dafür fordern. Sokrates demonstriert die Hebammenkunst 
oder Mäeutik an der Erziehung (in Platons Dialog Menon). Er 
zeigt, wie ein ungebildeter Sklavenjunge dazu gebracht werden 
kann, den Lehrsatz des Pythagoras zu beweisen. Der Junge stimmt 
den einzelnen Schritten dieser Beweisführung zu, und Sokrates er- 
klärt, der Junge hätte das aus eigenem Ermessen getan - in an- 
deren Worten, er hätte den Lehrsatz die ganze Zeit über <gekannt>. 
Sokrates behauptet, daß sogar ganz gewöhnliches Wissen auf diese 
Weise hervorgelockt werden könne, da die Seele die Wahrheit ken- 
ne und ihr nur gezeigt werden müsse, daß sie sie kenne. Diese These 


89 



wird häufig zitiert, als wäre sie für die moderne Erziehungspraxis 
relevant. 

Dieselbe Metapher taucht auch in Theorien der Psychotherapie 
auf. Dem Patienten soll nicht gesagt werden, wie er sich wirksamer 
verhalten könnte; ihm sollen keine Anleitungen zur Lösung seiner 
Probleme gegeben werden; die Losung liegt von vornherein in ihm 
selbst, und nun kommt es nur darauf an, sie mit Hilfe der Heb- 
ammen-Therapeuten hervorzulocken. Ein Autor * hat das folgender- 
maßen formuliert: «Freud hat mit Sokrates drei Grundsätze ge- 
meinsam: Erkenne dich selbst; Tugend ist Wissen; und die mäeu- 
tische Methode der Hebammenkunst, die natürlich der [psycho-] ana- 
lytische Prozeß ist.» In der Religion gibt es ähnliche Verfahren in 
Verbindung mit einem Mystizimus: Man braucht nidit Gebote zu 
befolgen, wie es die Orthodoxie verlangt; richtiges Verhalten wird 
inneren Quellen entströmen. 

Eine intellektuelle, therapeutische oder moralische Hebammen- 
kunst ist nicht viel einfacher als punitive Kontrolle, da sie feinfüh- 
liges Geschick und konzentrierte Aufmerksamkeit erfordert; doch 
hat sie auch Vorteile. Sie scheint den, der diese Kunst praktiziert, 
mit einer seltsamen Macht auszustatten. Wie die kabbalistische Ver- 
wendung von Andeutungen und Zeichen, erzielt auch sie Ergeb- 
nisse, die anscheinend in keinem Verhältnis zu den ergriffenen 
Maßnahmen stehen. Doch wird die sichtbare Leistung der Einzel- 
person nicht geschmälert. Sie erfährt volle Anerkennung dafür, daß 
sie bereits vor dem Lernprozeß Wissen besitzt, dafür, daß sie in 
sich den Keim für geistige Gesundheit trägt, und dafür, daß sie fä- 
hig ist, in direkte Verbindung zu Gott zu treten. Ein wichtiger Vor- 
teil besteht darin, daß der Praktiker dieser Methode Verantwor- 
tung vermeidet. Genauso wie es nicht die Schuld der Hebamme ist, 
wenn ein Kind tot oder verkrüppelt zur Welt kommt, genauso ist 
der Lehrer entschuldigt, wenn der Schüler versagt, ist der Psychothe- 
rapeut entlastet, wenn der Patient mit seinen Problemen nicht fer- 
tig wird, ist der mystische Führer nicht verantwortlich für das Ver- 
halten seiner Jünger. 

* Walter A. Kaufmann, zitiert nach David Shakow: <Ethics for a Scien- 
tific A%e>. In: The Psycboanalytical Review , Herbst 1965, Nr. 3. 


90 



Mäeutisdie Verfahren haben natürlich ihre Berechtigung. Doch in 
welchem Maße der Lehrer dem Schüler helfen sollte, wenn sich die- 
ser neue Verhaltensformen aneignet, ist eine heikle Frage. Der Leh- 
rer sollte die Reaktion des Schülers abwarten, anstatt ihm sofort zu 
sagen, was er tun oder was er sagen soll. Comenius meinte dazu: Je 
mehr der Lehrer lehre, desto weniger lerne der Schüler. Der Schüler 
macht auf andere Weise Fortschritte. In der Regel mögen wir es 
nicht, wenn man uns sagt, was wir bereits wissen oder was wir 
wahrscheinlich nie richtig oder zu unserem Vorteil wissen werden. 
Wir lesen keine Bücher, mit deren Gegenstand wir bereits völlig 
vertraut sind oder deren Stoff uns so fremd ist, daß dem wahrschein- 
lich immer so bleiben wird. Wir lesen Bücher, die uns dabei helfen, 
Dinge zu sagen, die uns auf der Zunge liegen, die wir jedoch nicht 
ohne fremde Hilfe formulieren können. Wir verstehen den Autor, 
obgleich wir das, was wir verstehen, vor unserer Lektüre nicht hät- 
ten formulieren können. Ähnliche Vorteile genießt der Patient in 
der Psychotherapie. Mäeutische Verfahren sind auch deshalb nütz- 
lich, weil sie stärkere Kontrolle ausüben als gewöhnlich zugegeben 
wird und weil manches darunter wertvoll sein kann. 

Diese Vorteile stehen jedoch in keinem Verhältnis zu den auf ge- 
stellten Behauptungen. Sokrates’ Sklaven junge lernte nichts; wir ha- 
ben keine Evidenz darüber, daß er den Lehrsatz später selbst de- 
monstrieren konnte. Wahr ist nur, daß sowohl bei der Mäeutik 
als auch bei der Duldsamkeit positive Ergebnisse uneingestandenen 
Kontrollen durch andere angerechnet werden müssen. Wenn der 
Patient ohne Hilfe seines Therapeuten eine Lösung findet, so des- 
halb, weil er anderswo dem Einfluß einer hilfreichen Umwelt ausge- 
setzt gewesen ist. 

Führung. Eine weitere Metapher, die in Verbindung mit anfecht- 
baren Verfahren angewandt wird, entstammt dem Gartenbau. Be- 
stimmte Verhaltensweisen eines Menschen entwickeln sich, und sie 
können so gelenkt werden, wie das Wachstum einer Pflanze gelenkt 
wird. Verhalten kann <kultiviert> werden. 

Dieser Metapher begegnen wir vor allem in der Erziehung. Eine 
Schule für kleine Kinder ist ein <Kindergarten>. Das Verhalten des 
Kindes entwickelt sich>, bis das Kind innerlich zur <Reife> gelangt 


91 



ist. Ein Lehrer kann diesen Prozeß beschleunigen oder ihn in etwas 
andere Richtungen lenken, doch er kann - einer überkommenen 
Meinung nach - nicht lehren, sondern dem Schüler nur beim Er- 
lernen von Dingen beistehen. Der Metapher von der Führung be- 
gegnen wir auch in der Psychotherapie. Freud argumentierte, der 
Mensch müsse mehrere Entwicklungsstadien durchschreiten, und 
wenn er auf ein bestimmtes Stadium <fixiert> bleibe, müsse der The- 
rapeut ihm helfen, dieses Stadium zu überwinden und sich weiter- 
zuentwickeln. Auch Regierungen bedienen sich der Führung - so, 
wenn sie die Entwicklung einer Industrie durch Steuerbefreiung för- 
dern oder wenn sie eine <Atmosphäre> schaffen, die eine Verbesserung 
zwischenrassischer Beziehungen begünstigt. 

Solche <Führung> ist in der Praxis weniger einfach als Duldsam- 
keit, aber in der Regel einfacher als die Hebammenkunst, mit der 
sie einige Vorteile gemeinsam hat. Jemandem, der eine natürliche 
Entwicklung lediglich lenkt, kann nicht ohne weiteres der Vorwurf 
gemacht werden, er versuche sie zu kontrollieren. Wachstum bleibt 
eine Leistung des einzelnen und bezeugt seine Freiheit, seine Würde 
und seine verborgenen Neigungen>. Und genauso wie der Gärtner 
nicht verantwortlich ist für das Endergebnis dessen, was er züchtet, 
so ist auch der, der lediglich führt, entschuldigt, wenn etwas schief - 
geht. 

Führung ist jedoch nur in dem Maß wirksam, in dem Kontrolle 
ausgeübt wird. Führen heißt entweder, neue Möglichkeiten erschlie- 
ßen oder Wachstum in gewisse Richtungen unterbinden. Eine solche 
neue Möglichkeit zu arrangieren ist keine sehr positive Handlung. 
Wir haben es hier mit einer Form von Kontrolle zu tun, wenn sich 
die Wahrscheinlichkeit, daß ein bestimmtes Verhalten resultiert, er- 
höht. Der Lehrer, der lediglich den Stoff auswählt, den der Schüler 
zu lernen hat, oder der Therapeut, der lediglich eine andere Arbeit 
oder einen <Tapetenwech$el> empfiehlt - sie haben beide Kontrolle 
ausgeübt, auch wenn das schwierig festzustellen ist. 

Ausgeübte Kontrolle läßt sich leichter erkennen, wenn Wachstum 
oder Entwicklung verhindert werden. Eine Zensur versperrt den 
Zugang zu Material, das für eine Entwicklung in eine bestimmte 
Richtung nötig ist; sie schaltet Möglichkeiten aus. De Tocqueville 
erkannte das im Amerika seiner Zeit: «Der Wille des Menschen 


92 



wird nidit gebrochen, sondern besänftigt, gebeugt und gelenkt. 
Menschen werden selten gezwungen ... zu handeln, doch werden 
sie ständig daran gehindert zu handeln.» Ralph Barton Perry* 
drückte das folgendermaßen aus: «Wer jeweils bestimmt, welche 
Alternativen dem Menschen freigestellt werden sollen, der kontrol- 
liert, unter welchen Dingen dieser Mensch wählen soll. Der Mensch 
wird der Freiheit beraubt in der Masse, in der ihm der Zugang zu 
jeglicher Idee verweigert wird oder in dem Maße, in dem er sich auf 
irgendeine Anzahl von Ideen beschränken muß, die nicht der Gesamt- 
heit an relevanten Möglichkeiten entsprechen.» An Stelle von «der 
Freiheit beraubt» lese man <kontrolliert>. 

Es ist zweifellos nützlich, eine Umwelt zu schaffen, in der ein 
Mensch wirksames Verhalten rasch erlernt und in der er fortfährt, 
sich wirksam zu verhalten. Bei der Konstruktion einer solchen Um- 
welt können wir das, was ablenkt, ausschalten und neue Möglich- 
keiten erschließen; dies bildet den Schlüssel in der Metapher von 
der Führung, vom Wachstum oder von der Entwicklung. Doch we- 
niger die Entwicklung eines vorherbestimmten Musters ist für die 
beobachteten Veränderungen verantwortlich, als viel mehr unser 
eigenes Arrangement von Kontingenzen. 

Abhängigkeit von Dingen. Jean- Jacques Rousseau wußte nur zu 
gut um die Gefahren, die eine soziale Kontrolle mit sich bringt, doch 
hielt er es für möglich, sie dadurch zu vermeiden, daß man eine 
Person nicht von Menschen, sondern von Dingen abhängig macht. 
In seinem Werk <£mile> zeigte er, wie ein Kind etwas über die 
Dingwelt durch die Dinge selbst lernen kann, anstatt durch Bücher. 
Die praktischen Methoden, die er beschreibt, sind immer noch allge- 
mein gebräuchlich, was vor allem auf John Deweys nachdrücklich pro- 
klamierten wirklichkeitsnahen Schulunterricht zurückzuführen ist. 

Ein Vorteil der Abhängigkeit nicht von Personen, sondern von 
Dingen besteht darin, daß Zeit und Energie anderer nicht vergeudet 
werden. Das Kind, das daran erinnert werden muß, daß es Zeit ist, 
zur Schule zu gehen, ist von seinen Eltern abhängig, während das 
Kind, das gelernt hat, auf Uhren und andere temporale Eigenschaf- 

* Ralph Barton Perry in Spectator , Frühjahr 1953. 

93 



ten (nicht gemeint ist hier ein Zeitempfinden») seiner Umwelt zu 
reagieren, von Dingen abhängig ist und deshalb an seine Eltern 
wesentlich weniger Anforderungen stellt. Wer Autofahren lernt, ist 
auf seinen Lehrer angewiesen, solange der Lehrer ihm sagen muß, 
wann man bremst, wann man den Blinker betätigt oder wann man 
in einen anderen Gang geht; wenn sein Verhalten jedoch von den 
natürlichen Folgen, die das Fahren eines Wagens mit sich bringt, 
kontrolliert wird, kann er auf den Lehrer verzichten. Zu den <Din- 
gen>, auf die sich eine Person verlassen sollte, zählen auch andere 
Menschen, aber nur dann, wenn deren Handeln nicht darauf ab- 
zielt, das Verhalten der Person zu ändern. Das Kind, dem gesagt 
werden muß, wie es mit anderen sprechen oder sich ihnen gegenüber 
benehmen soll, hängt von jenen ab, die ihm das erklären; das Kind, 
das dagegen gelernt hat, wie man mit anderen umgeht, kann auf 
solche Ratschläge verzichten. 

Ein weiterer wichtiger Vorteil einer Abhängigkeit von Dingen 
besteht darin, daß Zusammenhänge und Folgen hier deutlicher sind 
und nützlicheres Verhalten prägen als die von anderen Menschen 
arrangierten Kontingenzen. Die temporalen Eigenschaften der Um- 
welt sind breitergestreut und hilfreicher als es eine Reihe von Er- 
mahnungen wäre. Wessen Verhalten beim Fahren eines Autos von 
den Reaktionen des Wagens geprägt wird, der verhält sich geschick- 
ter als jemand, der Anleitungen befolgt. Wer direkt sozialen Zu- 
sammenhängen ausgesetzt ist und sich als Folge mit anderen Leuten 
gut verträgt, ist geschickter als jemand, dem gesagt werden muß, 
was er sagen und tun soll. 

Dies sind wichtige Vorteile, und eine Welt, in der alles Verhalten 
durch Dinge bestimmt wird, ist eine anziehende Vorstellung. In 
einer solchen Welt würde sich jeder seinen Mitmenschen gegenüber 
richtig verhalten, so wie er dies durch Lob oder Tadel gelernt hätte; 
er würde produktiv und sorgfältig arbeiten und Dinge wegen ihres 
natürlichen Wertes mit anderen austauschen; und er würde Dinge 
lernen, die ihn ihrer Natur nach interessieren und die ihrer Natur 
nach nützlich sind. All dies wäre besser als richtiges Verhalten, dem 
der Gehorsam gegenüber Gesetz und Polizei zugrunde liegt, besser 
auch als produktives Arbeiten um der raffinierten Verstärker wil- 
len, die wir unter dem Begriff <Geld> zusammenfassen, und besser 


94 



schließlich auch als ein Studium, dessen Zweck Noten und akademi- 
sche Grade sind. 

Doch Dinge übernehmen nicht so einfach die Kontrolle. Die Ver- 
fahren, die Rousseau beschrieb, waren keineswegs unkompliziert, 
und außerdem funktionieren sie häufig gar nicht. Die Zusammen- 
hänge, in denen Dinge eine Rolle spielen (das heißt auch Men- 
schen, die sidi <nicht-intentional> verhalten), haben von sich aus 
vielleicht nur sehr geringfügige Wirkung auf eine Einzelperson zeit 
ihres Lebens - eine Tatsache, die, wie wir noch sehen werden, sehr 
wichtig ist. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, daß die von Din- 
gen ausgeübte Kontrolle schädlich sein kann. Die Welt der Dinge 
kann tyrannisch sein. Natürliche Folgewirkungen veranlassen dazu, 
sich abergläubisch zu verhalten, immer größere Gefahren zu suchen, 
sinnlos bis zur Erschöpfung zu arbeiten und so fort. Nur die von 
einer sozialen Umwelt ausgeübte Gegenkontrolle bietet einen 
Schutz gegen solche Folgen. 

Abhängigkeit von Dingen ist keine Unabhängigkeit. Das Kind, 
dem nicht gesagt zu werden braucht, daß es Zeit zur Schule ist, 
steht unter der Kontrolle raffinierterer und nützlicherer Reize. Das 
Kind, das gelernt hat, wie man mit anderen Leuten spricht und sich 
ihnen gegenüber benimmt, steht unter der Kontrolle sozialer Wir- 
kungen. Menschen, die miteinander dank der milden Wirkungen 
von Lob und Tadel gut auskommen, werden genauso wirksam (und 
in vieler Hinsicht noch viel wirksamer) kontrolliert wie die Bür- 
ger eines Polizeistaats. Orthodoxie kontrolliert durch die Aufstel- 
lung von Regeln, doch ist der Mystiker nicht freier, weil die Zusam- 
menhänge, die sein Verhalten geprägt haben, persönlicher oder cha- 
rakteristischer geartet sind. Und Menschen, die produktiv arbeiten 
wegen des verstärkenden Wertes dessen, was sie erzeugen, stehen un- 
ter der feinen und mächtigen Kontrolle ihrer Erzeugnisse. Personen, 
die von der natürlichen Umwelt lernen, stehen unter einer Kontrol- 
le, die genauso stark ist, wie jede Kontrolle, die ein Lehrer ausübt. 

Kein Mensch kann sich ganz auf sich selbst verlassen. Auch wenn 
er erfolgreich mit Dingen zurechtkommt, ist er notgedrungen von 
jenen abhängig, die ihn das gelehrt haben. Denn sie haben die Din- 
ge ausgewählt, von denen er abhängig ist, und sie haben die je- 
weilige Art und den jeweiligen Grad von Abhängigkeit festgelegt. 


95 



(Und daher können sie die Verantwortung für die Folgen nicht von 
sich weisen.) 

Gesinnungen ändern. Die Manipulation von Meinungen. Es ist 

merkwürdig genug, daß gerade diejenigen, die sich am erbittertsten 
gegen eine Manipulation von Verhalten wenden, alle Bemühungen 
unternehmen, um Meinungen zu manipulieren. Offenbar sind Frei- 
heit und Würde nur dann bedroht, wenn Verhalten dadurch ver- 
ändert wird, daß die Umwelt physisch verändert wird. Nicht be- 
droht scheinen sie dagegen zu sein, wenn man Gesinnungen verän- 
dert, die man allgemein für Verhalten verantwortlich macht - ver- 
mutlich weil der autonome Mensch> wunderbare Kräfte besitzt, die 
ihn befähigen, nachzugeben oder sich zu widersetzen. 

Zu ihrem Glück empfinden es jene, die sich der Manipulation 
von Verhalten widersetzen, nicht als Widerspruch, wenn sie Mei- 
nungen manipulieren, da sie sonst ja schweigen müßten. Aber nie- 
mand verändert eine Meinung direkt. Durch die Manipulation von 
Umweltkontingenzen bewirkt man Veränderungen, von denen be- 
hauptet wird, sie markierten einen Gesinnungswandel, doch falls ir- 
gendeine Wirkung erzielt wird, gilt diese nur dem Verhalten. Die 
Kontrolle ist hier unauffällig und nicht sonderlich wirksam, wes- 
halb manche Kontrollen von der Person, deren Meinung sich ändert, 
hingenommen werden. Einige charakteristische Möglichkeiten, Ge- 
sinnungen zu verändern, sollen hier untersucht werden. 

Manchmal veranlassen wir jemand zu bestimmtem Verhalten, in- 
dem wir ihm nachhelfen (zum Beispiel, wenn er zur Lösung eines 
Problems unfähig ist) oder indem wir ihm eine gewisse Handlungs- 
weise nahelegen (zum Beispiel, wenn er sich im unklaren darüber ist, 
was er tun soll). Eine Ermunterung, ein Fingerzeig oder ein Vor- 
schlag - dies sind Reize, gewöhnlich, wenn auch nicht immer, ver- 
baler Art, die sich durch die wichtige Eigenschaft auszeichnen, daß 
sie nur teilweise Kontrolle ausüben.* Niemand geht auf eine Er- 
munterung, auf einen Fingerzeig oder auf einen Vorschlag ein, wenn 
er nicht bereits zu gewissem Verhalten neigt. Wenn die Zusammen- 
hänge, die diese vorherrschende Neigung begründen, nicht erkannt 

* Vgl. B. F. Skinner: <Verbal Behavior>. New York 1957, Kap. 10. 


96 



werden, kann ein Teil des Verhaltens der Gesinnung zugeschrieben 
werden. Die innere Kontrolle wirkt vor allem dann überzeugend, 
wenn die äußere Kontrolle nicht deutlich erkennbar ist, so zum 
Beispiel, wenn jemand eine offenbar völlig unbedeutende Geschich- 
te erzählt, hinter der sich jedoch eine Ermunterung, ein Fingerzeig 
oder ein Vorschlag verbirgt. Mit gutem Beispiel voranzugehen, läuft 
auf eine ähnliche Art von Kontrolle hinaus, nur daß hier eine ver- 
breitete Neigung zur Nachahmung ausgenutzt wird. Produkte der 
Werbung <kontrollieren> die Meinung auf diese Weise. 

Drangen und Überreden. Wir scheinen auch dann eine Gesin- 
nung zu beeinflussen, wenn wir jemanden zu einer Handlung drän- 
gen oder überreden. Seinem Wortsinn nach bedeutet <drängen> so- 
viel wie an treiben oder anstacheln; es bedeutet, eine aversive Si- 
tuation noch drangvoller gestalten. Wir drängen eine Person zu 
einer Handlung, wie wenn wir sie dazu anstoßen wollten. Die Rei- 
ze sind ‘gewöhnlich schwach, aber nichtsdestoweniger wirksam, wenn 
sie zuvor mit stärkeren aversiven Folgen verbunden waren. So trei- 
ben wir zum Beispiel einen Herumtrödler dadurch an, daß wir zu 
ihm sagen: «Schau mal, wie spät es ist», vorausgesetzt allerdings, 
daß er wegen früherer Verspätungen bestraft worden ist. Wir drän- 
gen jemand, kein Geld auszugeben, indem wir auf sein niedriges 
Bankguthaben hinweisen, und wir sind erfolgreich, wenn er früher 
schon einmal unter Geldmangel gelitten hat. Wenn wir Leute über- 
reden wollen, verweisen wir allerdings auf Reize, die mit positiven 
Folgen verbunden sind. Wir überreden jemanden, indem wir eine 
Situation für eine Handlung günstiger erscheinen lassen - indem 
wir zum Beispiel mögliche verstärkende Folgen beschreiben. Auch 
hier begegnen wir einer augenscheinlichen Nichtübereinstimmung 
von Reizstärke und erzielter Wirkung. Drängen und Überreden 
sind nur dann wirksam, wenn eine gewisse Neigung zu einem be- 
stimmten Verhalten bereits gegeben ist, doch kann dieses Verhalten 
so lange einem autonomen Menschern zugeschrieben werden, solange 
jene Neigung unerklärlich ist. 

Wodurch ändern sich Überzeugungen? Glaubensüberzeugungen, 
Vorlieben, Vorstellungen, Bedürfnisse, Absichten und Ansichten 


97 



sind weitere Merkmale des autonomen Menschern, die sidi angeb- 
lich ändern, wenn sich eine Gesinnung ändert. Was sich jedoch tat- 
sächlich in jedem Fall ändert, ist die Wahrscheinlichkeit einer Hand- 
lungsweise. Die Überzeugung einer Person, daß der Boden sie tra- 
gen wird, über den sie geht, hängt von ihren früheren Erfahrungen 
ab. Wenn sie schon viele Male darübergegangen ist, ohne daß ihr 
etwas zugestoßen wäre, wird sie das ohne weiteres noch einmal tun, 
und ihr Verhalten wird in diesem Fall nicht einen jener aversiven 
Reize erzeugen, die als Angst empfunden werden. Ihre Handlungs- 
weise mag sie damit erklären, daß sie der Festigkeit des Bodens 
<Glauben> schenke oder daß sie sejner Tragfähigkeit <vertraue>, 
doch was als Glauben oder Vertrauen empfunden wird, ist kein 
Geisteszustand; es ist höchstens ein Nebenprodukt des Verhaltens 
in seiner Relation zu vorausgegangenem Geschehen, und es erklärt 
nicht, warum eine Person dort geht, wo sie geht. 

Wir konstruieren einen <Glauben>, wenn wir die Wahrscheinlich- 
keit einer Handlungsweise dadurch erhöhen, daß wir Verhalten ver- 
stärken. Wenn wir eine Person in ihrem Glauben an die Tragfähig- 
keit eines Bodens bestärken, indem wir sie veranlassen, selbst diesen 
Boden zu beschreiten, muß das nicht unbedingt heißen, daß wir eine 
Überzeugung verändern. Doch wir tun das, in einem überlieferten 
Sinne, dann, wenn wir dieser Person verbale Versicherungen geben, 
daß der Boden trägt, wenn wir seine Tragfähigkeit demonstrieren, 
indem wir ihn selbst beschreiten, oder wenn wir seine Struktur oder 
Beschaffenheit beschreiben. Der einzige Unterschied besteht in der 
Deutlichkeit der Maßnahmen. Die Veränderung, die ein tritt, wenn 
eine Person <einem Boden vertrauen lernt>, indem sie diesen be- 
schreitet, ist die charakteristische Folge einer Verstärkung; die Ver- 
änderung, die eintritt, wenn man ihr erklärt, der Boden trüge, oder 
wenn sie jemand anderen ihn beschreiben sieht oder wenn sie durch 
Versicherungen <überzeugt> wird, die die Tragfähigkeit des Bodens 
beteuern - diese Veränderung hängt ab von vergangenen Erfah- 
rungen, die nicht mehr leicht erkennbar sind. So unterscheidet * zum 
Beispiel jeder, der eine Fläche mit unterschiedlicher Tragfähigkeit 

* Vgl. zu diesem Begriff der «operativen Unterscheidung» B. F. Skinner: 
<Science and Human Behavior>. New York 1953, Kap. 7. 

98 



(zum Beispiel einen gefrorenen See) beschreitet, sehr rasch zwischen 
Teilen dieser Fläche, auf denen auch andere Leute gehen, und Tei- 
len, auf denen niemand geht, oder zwischen Teilen, die als unge- 
fährlich, und Teilen, die als gefährlich bezeichnet werden. Er lernt, 
die erstgenannten vertrauensvoll und die letztgenannten vorsichtig 
zu beschreiten. Der Anblick von jemand anderem, der eine Fläche be- 
schreitet, oder die Beteuerung, ihr Beschreiten sei ungefährlich, läßt 
diese Fläche von der zweiten Klasse in die erste aufrücken. Der Vor- 
fall, der diese Unterscheidung geprägt hat, kann in Vergessenheit 
geraten, und die Wirkung scheint dann auf jenes innere Geschehen 
hinzudeuten, das als Meinungsänderung bezeichnet wird. 

Veränderungen von Vorlieben, Vorstellungen, Bedürfnissen, Ab- 
sichten, Einstellungen, Ansichten und anderen Attributen des Gei- 
stes können auf dieselbe Weise analysiert werden. Wir verändern 
die Art und Weise, wie eine Person etwas sieht, genauso wie wir 
das verändern, was sie sieht, wenn sie hinschaut, indem wir die Fol- 
gewirkungen ändern; wir verändern nicht irgendeine Vorstellung. 
Wir verändern die relativen Stärkegrade von Reaktionen durch 
unterschiedliche Verstärkung von alternativen Handlungsweisen; 
wir verändern nicht irgendeine Vorliebe. Wir verändern die Wahr- 
scheinlichkeit einer Handlung, indem wir einen Zustand von Ent- 
behrung oder von aversiver Reizung verändern; wir verändern nicht 
ein Bedürfnis. Wir verstärken Verhalten auf bestimmte Weise; wir 
vermitteln niemandem eine Absicht oder eine Intention. Wir ver- 
ändern ein Verhalten gegenüber einer Sache und nicht eine Ein- 
stellung zu dieser Sache. Wir prüfen und verändern verbales Ver- 
halten und keine Ansichten. 

Eine andere Möglichkeit, einen Gesinnungswandel herbeizufüh- 
ren, besteht darin, auf Gründe hinzuweisen, warum man sich auf 
bestimmte Weise verhalten sollte; bei diesen Gründen handelt es 
sich fast immer um Folgen, die durch Verhalten bedingt sind. Neh- 
men wif zum Beispiel ein Kind, das sich einer Gefahr aussetzt, weil 
es mit einem Messer spielt. Wir können Unannehmlichkeiten ver- 
meiden, indem wir seine Umwelt sicherer gestalten - so zum Bei- 
spiel dadurch, daß wir ihm das Messer wegnehmen oder ihm ein 
weniger gefährliches geben -, doch werden wir es dadurch nicht 
auf eine Welt mit gefährlichen Messern vorbereiten. Wenn wir es 


99 



dagegen sich selbst überlassen, kann es lernen, das Messer richtig 
zu handhaben, indem es sich immer dann schneidet, wenn es un- 
vorsichtig damit umgeht. Doch wir können dem Kind auch helfen, 
indem wir eine weniger gefährliche Form der Bestrafung wählen - 
indem wir ihm zum Beispiel einen Klaps geben oder es auch nur be- 
schämen, wenn wir sehen, daß es auf gefährliche Weise mit einem 
Messer hantiert. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, ihm zu 
sagen, daß manche Arten, mit einem Messer umzugehen, gut und 
daß andere schlecht sind, vorausgesetzt allerdings, daß <Gut> und 
<Schledit> bereits als positive und negative Verstärker gewirkt ha- 
ben. Nehmen wir jedoch an, daß alle diese Methoden unerwünschte 
Nebenfolgen haben, zum Beispiel eine veränderte Einstellung des 
Kindes zu uns, und daß wir uns deshalb entschließen, an seine < Ver- 
nunft» zu appellieren. (Das ist natürlich nur möglich, wenn das Kind 
bereits ein <vernünftiges> Alter erreicht hat.) Wir erläutern ihm die 
Zusammenhänge, indem wir ihm zeigen, was geschieht, wenn man 
ein Messer so und so benutzt. Wir können ihm zeigen, wie man 
aus den Kontingenzen Regeln ableitet («Du darfst nie zu dir hin 
schneiden»). Auf diese Weise können wir dem Kind beibringen, 
mit Messern richtig umzugehen, und dann dürfen wir behaupten, 
Wissen über den richtigen Umgang mit Messern vermittelt zu ha- 
ben. Doch dazu mußten wir uns zunächst früherer Konditionierun- 
gen bedienen — Anweisungen, Richtlinien und andere verbale Rei- 
ze -, die allzu leicht übersehen werden, und deren Beitrag dann 
dem autonomen Menschen» zugeschrieben werden kann. Eine noch 
verwickeltere Form der Argumentation besteht darin, daß neue Be- 
weggründe aus alten abgeleitet werden. Ein solcher Deduktions- 
prozeß basiert auf einer wesentlich längeren verbalen Geschichte; 
er wird besonders gern als Veränderung einer Gesinnung bezeich- 
net. 

Propaganda und Gehirnwäsche. Änderung von Verhalten durch 
Änderung von Gesinnung wird selten gutgeheißen, wenn die Wir- 
kung stark ist, obgleich es in jedem Fall eine Gesinnung ist, die ge- 
ändert wird. Wir entschuldigen nicht die Veränderung von Gesin- 
nung, wenn die widerstreitenden Kräfte ungleich verteilt sind; das 
gilt als unzulässige Beeinflussung». Genausowenig heißen wir es gut, 


100 



wenn Gesinnungen heimlich verändert werden. Wer nicht erkennen 
kann, was ein anderer, der seine Gesinnung verändern möchte, im 
Schilde führt, hat weder die Möglichkeit zur Flucht noch zum Ge- 
genangriff; er wird das Opfer von <Propaganda>. Jene, die die Ver- 
änderung von Gesinnungen sonst entschuldigen, verurteilen Gehirn- 
wäsche, weil die Kontrolle allzu offenkundig ist. Ein übliches Ver- 
fahren besteht darin, einen intensiv aversiven Zustand zu erzeugen, 
wie zum Beispiel Hunger oder Schlafmangel, um dann durch eine 
Milderung dieses Zustands jedes Verhalten zu verstärken, das - 
sei es nun gegenüber einem politischen oder einem religiösen System - 
auf eine <positive Einstellung> schließen läßt. Eine positive Meinung 
wird einfach dadurch erzeugt, daß bejahende Feststellungen ver- 
stärkt werden. Dieses Verfahren mag von jenen nicht durchschaut 
werden, an denen es angewandt wird, doch ist es für andere zu of- 
fenkundig, als daß sie es als eine zulässige Möglichkeit einer Ge- 
sinnungsveränderung billigen könnten. 

Die Illusion, Würde und Freiheit würden respektiert, wenn eine 
Kontrolle unvollständig scheint, ergibt sich teils aus der probabili- 
stischen Natur des operativen Verhaltens. Es ist selten, daß eine 
Umweltbedingung Verhalten in der Ganz-oder-gar-nicht-Form ei- 
nes Reflexes <auslöst>; eine Umweltbedingung macht lediglich wahr- 
scheinlicher, daß Ansätze zu einer bestimmten Verhaltensweise auf- 
treten. Ein Hinweis allein genügt nicht, um eine Reaktion hervor- 
zurufen, doch unterstützt er eine schwache Reaktion, die sich ein- 
stellen kann. Der Hinweis ist klar erkennbar, doch die anderen Er- 
eignisse, die für das Auftreten der Reaktion verantwortlich sind, 
sind es nicht. 

Wie die Duldsamkeit, die Mäeutik, wie die Führung und wie 
die Abhängigkeit von Dingen, wird auch die Veränderung der Ge- 
sinnung von den Verteidigern der Freiheit und Würde entschuldigt, 
weil es sich hier um eine wenig wirksame Möglichkeit, Verhalten zu 
ändern, handelt; so kann der, der eine Gesinnung verändern will, 
den Vorwurf, er kontrolliere andere, entkräften. Ebenfalls entschul- 
digt wird er, wenn eine Sache schiefgeht. Der autonome Mensch> 
überlebt, um für seine Leistungen gelobt und für seine Fehler ge- 
tadelt zu werden. 


101 



Freiheit als Schein. Bei der scheinbaren Freiheit, von schwächli- 
chen Maßnahmen respektiert, handelt es sich lediglich um eine wenig 
auffallende Kontrolle. Wenn wir den Anschein wecken, wir ließen 
eine Person sich selbst kontrollieren, wechseln wir lediglich von ei- 
ner Art von Kontrolle zur anderen. Eine Wochenzeitung *, die eine 
legale Kontrolle der Abtreibung diskutierte, behauptete, daß «die- 
ses Problem nur unter den Bedingungen richtig angegangen werden 
kann, unter denen es der Einzelperson, beraten von ihrem Gewis- 
sen und ihrer Intelligenz, gestattet ist, eine Wahl zu treffen, die un- 
beeinflußt bleibt von regressiven und verlogenen Vorstellungen und 
Bestimmungen». Was hier empfohlen wird, ist nicht die Ersetzung 
einer gesetzlichen Kontrolle durch eine <freie Wahl>, sondern durch 
jene Kontrolle, die früher von Vertretern der Religion, der Ethik, 
der Regierung oder des Erziehungssystems ausgeübt wurde und noch 
nachwirkt. Der Einzelperson ist es lediglich insofern gestattet, eine 
Entscheidung zu treffen, als sie sich in ihrem Handeln an Folgen 
orientieren wird, die keine gesetzliche Bestrafung mehr einschließen. 

Eine duldsame Regierung ist eine Regierung, die die Kontrolle 
anderen Instanzen überläßt. Wenn sich die Menschen unter ihr recht 
verhalten, dann deshalb, weil sie einer wirksamen ethischen Kon- 
trolle oder einer Kontrolle durch Dinge unterworfen sind, oder weil 
sie durch Vertreter eines Erziehungssystems oder anderer Systeme 
dahingehend beeinflußt worden sind, sich loyal, patriotisch und fried- 
liebend zu verhalten. Nur wenn andere Formen von Kontrolle ver- 
fügbar sind, ist die Herrschaft die beste, die am wenigsten herrscht. 
Wenn Herrschaft als die Macht zu bestrafen definiert wird, hat die 
Literatur der Freiheit insofern Wertvolles geleistet, als sie sich für 
andere Maßnahmen eingesetzt hat; doch hat sie die Menschen nur 
in dieser Hinsicht von der Kontrolle durch Herrschaft befreit. 

Freie Wirtschaft bedeutet nicht die Abwesenheit von wirtschaft- 
licher Kontrolle, weil keine Wirtschaft frei ist, solange Waren und 
Geld verstärkend wirken. Wenn wir es ablehnen, Löhne, Preise und 
die Nutzung natürlicher Hilfsquellen zu kontrollieren, überlassen 
wir die Einzelperson der Kontrolle durch ungeplante wirtschaftliche 
Folgen. Schulen sind genausowenig <frei>. Wenn der Lehrer nicht 


* Time , 13 . 10 . 1967 . 

102 



lehrt, werden Schüler nur etwas lernen, wenn es andere, vielleicht 
klare, aber trotzdem wirksame Lernanreize und -Bedingungen gibt. 
Der <nicht-direktiv> arbeitende Psychotherapeut mag seinen Patien- 
ten von gewissen schädlichen Abhängigkeiten im Alltag befreien, 
doch wird der Patient <seine eigene Lösung> nur finden, wenn ihn 
ethische, politische, religiöse, erzieherische oder andere Bedingungen 
dabei unterstützen. 

Therapeut und Patient. Der Kontakt zwischen Therapeut und Pa- 
tient ist ein heikler Gegenstand. Der Therapeut, ganz gleich, wie 
<nicht-direktiv> er auch arbeiten mag, sieht seinen Patienten, er 
spricht mit ihm und hört ihm zu. Beruflich ist er um dessen Wohl 
besorgt, und wenn er ein Mensch mit Mitgefühl ist, mag er seinen 
Patienten. All diese Dinge wirken verstärkend. Man hat jedoch be- 
hauptet, der Therapeut könne es vermeiden, das Verhalten seines 
Patienten zu verändern, wenn er jene Verstärker nicht notwendig 
macht - das heißt, sie dürfen nicht irgendeiner bestimmten Form 
von Verhalten folgen. Ein Autor drückte das folgendermaßen aus: 
«Der Therapeut reagiert als unveränderlich gleichbleibende Per- 
son, mit feinem Einfühlungsvermögen und uneingeschränkter Für- 
sorge, durch die sein Schützling - in Begriffen der Lerntheorie ge- 
sprochen — für das eine Verhalten genauso belohnt wird wie für 
das andere.» Diese Aufgabe ist wahrscheinlich nicht zu bewälti- 
gen, und außerdem würde sie die geforderte Wirkung sowieso nicht 
erzielen. Nicht-kontingente Verstärker sind nicht unwirksam; ein 
Verstärker verstärkt immer etwas. Wenn sich ein Therapeut inter- 
essiert zeigt, verstärkt er jedes Verhalten, das der Patient kurz zu- 
vor geäußert hat. Eine Verstärkung, und mag sie noch so zufällig 
gewesen sein, verstärkt Verhalten, das dann eher dazu neigt, wie- 
der aufzutreten und wieder verstärkt zu werden. Der sich daraus 
ergebende <Aberglaube> läßt sich an Tauben demonstrieren, und es 
dürfte unwahrscheinlich sein, daß Menschen weniger empfindlich 
auf zufällige Verstärkung reagieren. Wenn wir uns gegenüber je- 
mandem grundlos gütig verhalten oder wenn wir jemanden liebe- 
voll behandeln, ganz gleich, ob er gut oder schlecht ist, werden wir 
darin von der Bibel unterstützt: Barmherzigkeit darf nicht von 
guten Taten abhängig sein, sonst ist sie keine Barmherzigkeit mehr. 


103 



Allerdings müssen hier Verhaltensprozesse berücksichtigt werden. 
Der fundamentale Fehler, der allen jenen unterläuft, die schwache 
Kontrollmethoden vorziehen, besteht in der Annahme, daß die 
Kontrollen von der Einzelperson ausbalanciert werden können, wo 
sie doch in Wirklichkeit von anderen Bedingungen abhängen. Diese 
anderen Bedingungen sind häufig schwer zu erkennen, aber sie auch 
weiterhin zu vernachlässigen und ihre Auswirkungen dem autono- 
men Menschern zuzuschreiben, heißt eine Katastrophe heraufbe- 
schwören. Wenn Verfahren verschleiert oder verborgen werden, 
wird eine Gegenkontrolle schwierig; es ist nicht klar, vor wem man 
fliehen oder wen man angreifen muß. Die Literatur über die Frei- 
heit und die Würde des Menschen diente einst als brillante Ein- 
übung in die Strategie der Gegenkontrolle, doch die von ihr vorge- 
schlagenen Maßnahmen genügen heute nicht mehr. Im Gegenteil, 
sie können schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, denen wir uns 
nur zuwenden müssen. 


Freiheit und Würde des autonomen Menschern scheinen von schwäch- 
lichen Formen einer nicht-aversiven Kontrolle unberührt zu blei- 
ben. Jene, die sich dieser Art Kontrolle bedienen, verteidigen sich 
gegen den Vorwurf, sie versuchten, Verhalten zu kontrollieren; 
wenn etwas schiefgeht, werden sie entschuldigt. Duldsamkeit ist das 
Nichtvorhandensein jeglicher Kontrolle; doch wenn sie zu wün- 
schenswerten Ergebnissen führt, dann nur auf Grund anderer Zu- 
sammenhänge. Die Mäeutik oder Hebammenkunst erlaubt es, Ver- 
haltensweisen den Menschen anzurechnen, die sich so oder so ver- 
halten, und die Führung einer Entwicklung denen, die entwickeln. 
Ein Eingreifen des Menschen hat offenbar wenig Bedeutung, wenn 
eine Person von Dingen anstatt von anderen Personen abhängig ge- 
macht wird. Verschiedene Möglichkeiten, Verhalten zu verändern, 
indem man Gesinnung verändert, werden von Verfechtern der Frei- 
heit und der Würde nicht nur entschuldigt, sondern eifrigst prakti- 
ziert. Es spricht vieles für eine Minimierung der Kontrolle durch 
andere. Aber andere Maßnahmen bleiben wirksam: Jemand, der in 
erwünschter Weise auf schwache Formen von Kontrolle reagiert, 


104 



kann in seiner Reaktionsweise durch frühere Lernerfahrungen ge- 
prägt worden sein. Indem die Verteidiger von Freiheit und Würde 
den Mißbrauch von Kontrollmethoden nicht erkennen wollen, un- 
terstützen sie diesen und blockieren sie jeden Fortschritt auf eine 
wirksamere Technologie des Verhaltens hin. 



6 

Werte 


Wem dient die Verhaltenstechnologie? Nach einer Ansicht, die 
wir als vorwissenschaftlich bezeichnen können (wobei dieser Begriff 
nicht unbedingt ab wertend gemeint ist), gilt das Verhalten einer 
Person zumindest in einem gewissen Ausmaß als deren eigene Lei- 
stung. Sie ist frei, um zu überlegen, zu entscheiden und um - unter 
Umständen originell - zu handeln, und sie soll für ihre Erfolge 
gelobt und für ihre Mißerfolge getadelt werden. Nadi dem Stand- 
punkt, den wir als wissenschaftlich bezeichnen (wobei dieser Begriff 
nicht unbedingt als Auszeichnung gemeint ist), wird das Verhalten 
einer Person von der Erbanlage determiniert, die auf die Evolutions- 
gesdiidite der Spezies zurückgeht sowie von den Umweltbedingun- 
gen, denen sie als Einzelperson ausgesetzt war. Keiner dieser bei- 
den Standpunkte kann als richtig bewiesen werden, doch liegt es 
in der Natur der wissenschaftlichen Untersuchung, daß die Evidenz 
zugunsten des zweiten Standpunkts spricht. Je mehr wir über die 
Auswirkungen der Umwelt erfahren, desto weniger Grund haben 
wir, irgendeinen Teil menschlichen Verhaltens einem autonomen 
kontrollierenden Agens zuzuschreiben. Außerdem läßt der zweite 
Standpunkt einen entscheidenden Vorteil erkennen, sobald wir in 
Hinsicht auf das Verhalten des Menschen etwas unternehmen. Ein 
autonomer Mensch> läßt sich nur schwer ändern; er ist in der Tat 
in dem Maße, in dem er autonom ist, seiner Definition nach über- 
haupt nicht veränderbar. Doch die Umwelt kann verändert werden, 
und wir lernen gerade, auf welche Weise. Die Methoden, derer wir 
uns dabei bedienen, entstammen der physikalischen und biologi- 
schen Technologie. Um Verhalten zu beeinflussen, benutzen wir sie 
auf besondere Weise. 


w- 


106 



Irgend etwas fehlt bei dieser Ersetzung einer inneren durch eine 
äußere Kontrolle. Innere Kontrolle wird wahrscheinlich nicht nur 
durch, sondern auch für den autonomen Menschen ausgeübt. Doch 
für wen soll eine wirksame Technologie des Verhaltens benutzt 
werden? Wer soll sie benutzen? Und mit welcher Zielsetzung soll 
sie benutzt werden? Wir haben bisher vorausgesetzt, daß die Aus- 
wirkungen eines Verfahrens besser sind als die eines anderen, doch 
mit welchem Grund? Was ist das Gute, gemessen an dem etwas 
anderes als besser bezeichnet wird? Können wir ein gutes Leben de- 
finieren? Können wir den Fortschritt definieren, der uns einem sol- 
chen Leben näherbringt? Was ist, kurz gesagt, der Sinn des Lebens 
für die Einzelperson oder die Spezies? 

Die Werte. Solche Fragen scheinen in die Zukunft zu weisen, sie 
scheinen sich nicht mit den Ursprüngen des Menschen, sondern mit 
seinem Los zu befassen. Sie schließen <Werturteile> ein — das heißt, 
sie werfen Fragen auf, nicht in bezug auf Tatsachen, sondern in be- 
zug darauf, was Menschen angesichts von Tatsachen empfinden; es 
geht nicht darum, was der Mensch tun kann , sondern darum, daß 
die Wissenschaft solche Fragen nicht beantworten könne. Physiker 
und Biologen meinen das häufig auch, zum Teil mit Recht, da ihre 
Fachgebiete auf solche Fragen in der Tat keine Antworten parat 
haben. Die Physik kann uns lehren, wie man eine Atombombe baut, 
doch kann sie uns nicht sagen, ob wir sie bauen sollten. Die Biologie 
kann uns praktische Methoden der Geburtenkontrolle lehren oder 
lehren, wie man den Tod hinausschiebt, doch kann sie uns nicht 
sagen, ob wir die damit verbundenen Verfahren an wenden sollen. 
Entschlüsse, eine Wissenschaft praktisch anzuwenden, scheinen eine 
Art von Wissen vorauszusetzen, das aus einigen merkwürdigen Grün- 
den Wissenschaftlern abgesprochen wird. Wenn sie überhaupt Wert- 
urteile fällen sollen, dann nur im Rahmen des Wissens, das sie in 
der Regel mit anderen Leuten gemeinsam haben. 

Der Verhaltens Wissenschaftler kann dem nicht zustimmen. Was 
die Menschen in bezug auf Tatsachen empfinden oder was es über- 
haupt bedeutet, etwas zu empfinden, ist eine Frage, auf welche die 
Verhaltens Wissenschaft eine Antwort haben sollte. Eine Tatsache 
unterscheidet sich zweifellos von dem, was ein Mensch in bezug 


107 



auf sie empfindet, doch ist auch diese Empfindung eine Tatsache. 
Was uns in diesem wie auch in anderen Fällen Schwierigkeiten be- 
reitet, ist die Berufung auf das, was die Menschen empfinden . Eine 
sinnvollere Fragestellung würde folgendermaßen aussehen: Wenn 
uns eine wissenschaftliche Analyse sagen kann, wie man Verhalten 
verändert, kann sie uns dann auch sagen, welche Veränderungen 
verwirklicht werden sollen? Das ist eine Frage, in der es um das 
Verhalten jener geht, die effektiv Veränderungen planen und durch- 
führen. Es gibt Gründe dafür, warum die Menschen die Welt und 
ihre eigene Lebensweise verändern wollen. Zu diesen Gründen ge- 
hören gewisse Folgen ihres Verhaltens, und zu diesen Folgen wieder- 
um gehören die Dinge, die von den Menschen bewertet und als gut 
bezeichnet werden. 

Empfindung des <Guten>. Zunächst einige einfache Beispiele. Es 
gibt Dinge, die fast jeder als gut bezeichnet. Manche Dinge schmek- 
ken gut, manche fühlen sich gut an und andere sehen gut aus. Wir 
sagen das genauso bedenkenlos wie wir sagen, daß sie süß schmecken, 
sich rauh anfühlen oder rot aussehen. Gibt es nun irgendeine phy- 
sische Eigenschaft, die allen guten Dingen gemeinsam ist? Das ist 
kaum anzunehmen. Es gibt nicht einmal eine Eigenschaft, die je- 
weils allen süßen, rauhen oder roten Dingen gemeinsam wäre. Eine 
graue Fläche sieht rot aus, wenn zuvor eine blaugrüne Fläche be- 
trachtet haben; ein Stück gewöhnliches Papier fühlt sich glatt an, 
wenn wir zuvor Sandpapier, und es fühlt sich rauh an, wenn wir 
zuvor Spiegelglas angefaßt haben; und Leitungswasser schmeckt 
süß, wenn wir zuvor Artischocken gegessen haben. Deshalb muß 
ein Teil desssen, was wir als rot, als glatt oder als süß bezeichnen, 
ein Teil der Augen, der Fingerspitzen oder der Zunge desjenigen 
sein, der diese Dinge sieht, fühlt oder schmeckt. Was wir einem Ge- 
genstand zuschreiben, wenn wir ihn als rot, als rauh oder als süß 
bezeichnen, ist zum Teil ein Zustand unseres eigenen Körpers, ein 
Zustand, der (bei den eben angeführten Beispielen) von vorausge- 
gangener Reizung herrührt. Körperzustände sind - allerdings aus 
einem anderen Grund - noch wesentlich wichtiger, wenn wir etwas 
als gut bezeichnen. 

Gute Dinge sind positive Verstärker. Das Essen, das gut schmeckt, 


108 



verstärkt uns, wenn wir es schmecken. Dinge, die sich gut anfühlen, 
verstärken uns, wenn wir sie fühlen. Dinge, die gut aussehen, ver- 
stärken uns, wenn wir sie sehen. Wenn wir in der Umgangssprache 
sagen, daß wir auf solche Dinge <aus sind>, bezeichnen wir eine Art 
von Verhalten, das häufig durch sie verstärkt wird. (Audi den Din- 
gen, die wir schlecht nennen, ist keine Eigenschaft gemeinsam. Sie 
sind alle negative Verstärker, und wir werden verstärkt, wenn wir 
ihnen entfliehen oder wenn wir sie vermeiden.) 

Wenn wir erklären, ein Werturteil meine nicht eine Tatsache, 
sondern die Empfindung, die wir in bezug auf diese Tatsache haben, 
unterscheiden wir lediglich zwischen einer Sache und ihrer verstär- 
kenden Wirkung. Die Dinge selbst werden von der Physik und 
Biologie untersucht, gewöhnlich ohne Bezugnahme auf ihren Wert, 
während die verstärkenden Auswirkungen von Dingen dem Bereich 
der Verhaltens Wissenschaft zuzuordnen sind, die in dem Maße eine 
Wissenschaft der Werte ist, in dem sie sich mit operativer Verstär- 
kung befaßt. 

Verhaltenswissenschaft als Wissenschaft der Werte. Dinge er- 
scheinen als gut (sie verstärken positiv) oder schlecht (sie verstär- 
ken negativ) wahrscheinlich wegen der Umstände des Überlebens, 
unter denen sich die Spezies entwickelte. Weil bestimmte Nahrungs- 
mittel verstärkend wirken, haben sie Wert für das Überleben ; so 
lernten die Menschen rascher, diese Nahrungsmittel zu sammeln, 
anzubauen oder sie durch Jagd zu gewinnen. Eine Empfänglichkeit 
für negative Verstärkung ist genauso wichtig; Menschen, die inten- 
sive Verstärkung erfahren, wenn sie potentiell gefährlichen Bedin- 
gungen entrinnen oder diese vermeiden, erwachsen natürlich Vor- 
teile daraus. Als Folge wird es ein Merkmal der Erbanlage, also der 
sogenannten <menschlichen Natur>, daß bestimmte Dinge auf be- 
stimmte Weise verstärkend wirken. (Ebenfalls ein Teil dieser Erb- 
anlage ist es, daß neue Reize durch reflexartige Konditionierung* 
verstärkende Wirkung erhalten, daß zum Beispiel der Anblick einer 
Frucht bereits verstärkt, wenn wir, nachdem wir sie einmal gesehen 

* Vgl. B. F. Skinner: <Science and Human Behavior>. New York 1953, 
Kap. 4. 


109 



haben, die Erfahrung gemacht haben, wie gut sie schmeckt. Die Mög- 
lichkeit einer solchen Konditionierung ändert nichts an der Tatsache, 
daß alle Verstärker ihre Kraft schließlich von der evolutionären 
Auslese herleiten.) 

Wenn man ein Werturteil fällt, indem man etwas als gut oder 
schlecht bezeichnet, so bedeutet das, daß wir dieses Etwas nach sei- 
nen verstärkenden Auswirkungen klassifizieren. Die Klassifikation 
ist, wie wir gleich sehen werden, wichtig, wenn andere Menschen 
Verstärker benutzen (wenn zum Beispiel die verbalen Reaktionen 
<Gut> und <Sdiledit> als Verstärker funktionieren), doch haben die 
Dinge verstärkend gewirkt, lange bevor sie als gut oder schlecht 
bezeichnet wurden - und sie wirken immer noch verstärkend bei 
Tieren, die sie nicht als gut oder schlecht bezeichnen, sowie bei 
Säuglingen und anderen Menschen, die zu einer solchen Klassifika- 
tion unfähig sind. Es ist die verstärkende Wirkung, die wichtig ist. 
Doch ist es das mit der <Art und Weise, wie Menschen in bezug auf 
Dinge empfinden> gemeint ist? Würden Dinge etwa dann nicht 
verstärken, wenn sie gute oder schlechte Empfindungen hervorrie- 
fen? 

Arten der Empfindung. Empfindungen gelten als Teil der Aus- 
rüstung des autonomen Menschern. Das bedarf eines weiteren Kom- 
mentars. Der Mensch fühlt Dinge in seinem Körper, wie er Dinge 
an seiner Oberfläche fühlt. Er spürt einen lahmen Muskel, wie er 
eine Ohrfeige spürt, er fühlt sich niedergedrückt, wie er einen kal- 
ten Wind fühlt. Doch aus der unterschiedlichen Lokalisierung erge- 
ben sich zwei wichtige Unterschiede. Erstens kann er Dinge außer- 
halb seiner Haut auf aktive Weise empfinden; er kann eine Ober- 
fläche spüren, indem er sie mit den Fingerspitzen abtastet, um den 
erfahrenen Reiz zu vergrößern; aber obgleich es Möglichkeiten gibt, 
mittels derer er sein Bewußtsein von den Dingen innerhalb des Kör- 
pers <steigern> kann, empfindet er diese Dinge nicht auf dieselbe 
aktive Weise. 

Ein wichtigerer Unterschied besteht darin, wie ein Mensch Dinge 
empfinden lernt. Ein Kind lernt nur dann zwischen verschiedenen 
Farben, Tönen, Gerüchen, Geschmäckern, Temperaturen und so 
weiter unterscheiden, wenn diese in einem Zusammenhang mit Ver- 


110 



Stärkung stehen. Wenn rote Süßigkeiten einen verstärkenden Ge- 
schmack haben und grüne keinen, nimmt und ißt das Kind rote 
Süßigkeiten. Manche wesentliche Kontingenzen sind verbaler Art. 
Eltern lehren zum Beispiel ein Kind, Farben zu benennen, indem sie 
richtige Antworten verstärken. Wenn das Kind <Blau> sagt und der 
Gegenstand, den es sieht, tatsächlich blau ist, sagen die Eltern <Gut!> 
oder <Richtig!> Wenn der Gegenstand rot ist, sagen sie <Falsch!> Das 
ist nicht möglich, wenn das Kind lernt, auf Dinge innerhalb seines 
Körpers zu reagieren. Wer ein Kind lehren will, zwischen seinen 
inneren Empfindungen zu unterscheiden, gleicht einem farbenblin- 
den Menschen, der ein Kind lehrt, Farben zu benennen. Der Lehrer 
kann sich nicht das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein der 
Bedingungen sicher sein, die bestimmen, ob eine Reaktion verstärkt 
wird oder nicht. 

Im allgemeinen kann die Sprachgemeinschaft nicht die raffinier- 
ten Kontingenzen arrangieren, die nötig sind, um feine Unterschei- 
dungen zwischen Reizen, die ihr nicht zugänglich sind, zu lehren. 
Sie muß sich auf sichtbare Zeugnisse des Vorhandenseins oder Nicht- 
vorhandenseins eines individuellen Zustands verlassen. Eltern kön- 
nen ein Kind lehren, <Ich bin hungrig> zu sagen, aber nicht, weil 
sie fühlen, was das Kind fühlt, sondern weil sie sehen, wie es heiß- 
hungrig ißt oder anderes Verhalten zeigt, das auf Entbehrung von 
oder Verstärkung durch Nahrung hinweist. Die Anzeichen können 
richtig sein, und so kann das Kind lernen, mit einiger Genauigkeit 
<seine Gefühle zu beschreiben^ doch ist das keinesfalls immer der 
Fall, da viele Gefühle sich durch unmerkliches Verhalten äußern. 
Daher ist die Sprache, die Empfindungen zum Gegenstand hat, nicht 
präzise. Wir neigen dazu, unsere Empfindungen mit Begriffen zu 
beschreiben, die in Verbindung mit anderen Dingen erlernt worden 
sind; fast alle Worte, die wir gebrauchen, waren ursprünglich Me- 
taphern. 

<Gute Dinge» als positive Verstärker. Wir können ein Kind leh- 
ren, Dinge als gut zu bezeichnen, indem wir davon ausgehen, wie 
diese Dinge uns schmecken, wie sie für uns aussehen oder wie sie sich 
für uns anfühlen. Aber nicht jeder findet dieselben Dinge gut, und 
so können wir uns täuschen. Die einzige augenscheinliche Gewißheit 


111 



liefert uns das Verhalten des Kindes selbst. Wenn wir einem Kind 
ein neues Essen vorsetzen, und wenn das Kind eifrig zu essen be- 
ginnt, hat der erste Geschmack offensichtlich verstärkend gewirkt. 
Wir sagen ihm dann, das Essen sei gut, und stimmen ihm zu, wenn 
das Kind selbst es als gut bezeichnet. Doch das Kind hat noch ande- 
re Informationen. Es empfindet noch andere Wirkungen, und später 
wird es andere Dinge als <gut> bezeichnen, wenn sie dieselben Wir- 
kungen haben, auch dann, wenn Essen nicht dazu gehört. 

Es gibt keine wesentliche kausale Verbindung zwischen der ver- 
stärkenden Wirkung eines Reizes und den Empfindungen, die dieser 
erzeugt. Wir könnten hier versucht sein, uns William James* Neu- 
interpretation von Empfindungen anzuschließen und behaupten, daß 
ein Reiz nicht verstärkend wirkt, weil er angenehmes Empfinden 
erzeugt, sondern daß er angenehmes Empfinden erzeugt, weil er 
verstärkend wirkt. Aber dieses <Weil> ist ebenfalls irreführend. Rei- 
ze wirken verstärkend und erzeugen Bedingungen, die aus einem 
einzigen Grund als angenehm empfunden werden, und dieser Grund 
ist in der Evolutionsgeschichte zu finden. 

Nicht einmal als Erklärungshilfe ist die Empfindung wichtig - 
wichtig ist nur die Sache, die Empfindung vermittelt. Es ist das Glas, 
das sich glatt anfühlt, und nicht ein <Gefühl von Glätte>. Es ist der 
Verstärker, der als angenehm empfunden wird, nicht das angenehme 
Gefühl. Die Menschen haben Empfindungen, die ihnen von ange- 
nehmen Dingen vermittelt werden, verallgemeinert und als <Freude> 
bezeichnet, genauso wie sie die Empfindungen, die ihnen von unan- 
genehmen Dingen vermittelt werden, in dem Begriff <Schmerz> zu- 
sammengefaßt haben. Doch bereiten wir einer Person nicht Freude 
oder Schmerz - wir geben ihr Dinge, die sie als angenehm oder 
schmerzhaft empfindet. Menschen arbeiten nicht, um Freude zu stei- 
gern und Schmerz zu mindern, wie der Hedonismus behauptet hat; 
sie arbeiten, um angenehme Dinge hervorzubringen und schmerzhaf- 
te Dinge zu vermeiden. Epikur hatte nicht ganz recht: Freude und 
Schmerz sind nicht das äußerste Gute und Böse; die einzigen guten 
Dinge, die es gibt, sind positive Verstärker, und die einzigen schlech- 
ten Dinge negative Verstärker. Was maximiert oder minimiert wird 
oder was letztlich gut oder böse ist, das sind Dinge, nicht Empfin- 
dungen, und die Menschen arbeiten, um sie zu erlangen oder zu 


112 



vermeiden, aber nicht weil sie diese oder jene Empfindung vermit- 
teln, sondern weil sie positive oder negative Verstärker sind. (Wenn 
wir etwas als angenehm bezeichnen, mögen wir eine Empfindung 
beschreiben, doch ist diese Empfindung ein Nebenprodukt der Tat- 
sache, daß eine angenehme Sache im wahrsten Sinne des Wortes 
eine verstärkende Sache ist. Wir sprechen von sinnlicher Befriedi- 
gung, als handelte es sich dabei um Empfindungen, aber befriedigen 
heißt verstärken, und die resultierende Dankbarkeit weist auf eine 
entsprechende Verstärkung hin. Wir bezeichnen einen Verstärker 
als befriedigend, als schilderten wir eine Empfindung; doch dieses 
Wort weist buchstäblich auf eine Veränderung hin, die hinsichtlich 
eines Zustands der Entbehrung eingetreten ist, auf eine Verände- 
rung, die einer Sache verstärkende Wirkung verleiht. Befriedigt 
sein, heißt gesättigt sein.) 

Verstärkung durch andere. Einige der einfachen Dinge, die als 
Verstärker wirken, kommen von anderen Menschen. So wärmen 
oder schützen sich die Menschen, indem sie zusammenrücken, sie ver- 
stärken einander in sexueller Hinsicht, und sie teilen untereinander 
oder borgen oder stehlen. Verstärkung durch eine andere Person 
braucht nicht mit Absicht zu geschehen. Einer lernt, in die Hände zu 
klatschen, um die Aufmerksamkeit eines anderen zu erregen, doch 
dieser zweite dreht sich nicht um, um den ersten zu veranlassen, noch 
einmal in die Hände zu klatschen. Eine Mutter lernt, wie sie ihr 
unruhiges Kind durch Liebkosungen beruhigen kann, doch wenn das 
Kind sich beruhigt, so nicht, weil es seine Mutter zu weiteren Lieb- 
kosungen veranlassen möchte. Ein Mann lernt, wie man einen Feind 
vertreibt, indem man auf ihn einschlägt, doch der Gegner zieht sich 
nicht zurück, um ihn zu veranlassen, daß er auch bei der nächsten 
Gelegenheit zuschlägt. In jedem dieser Fälle bezeichnen wir die ver- 
stärkende Handlung - Umdrehen, Sichberuhigen, Flucht - als 
nicht-intentional. Intentional kann sie werden, wenn die Wirkung 
verstärkend ist. Wie wir gesehen haben, handelt eine Person inten- 
tional nicht in dem Sinne, daß sie eine Intention hat, die sie ver- 
wirklicht, sondern in dem Sinne, daß ihr Verhalten durch bestimm- 
te Folgen verstärkt worden ist. Ein Kind, das schreit, bis es ge- 
streichelt wird, lernt, mit Absicht zu schreien. Ein Boxlehrer kann 


113 



seinen Schüler lehren, auf bestimmte Weise zuzuschlagen, indem er 
so tut, als sei er verletzt. Kaum einer wird sich einem anderen sicht- 
bar zuwenden, damit jener in die Hände klatscht; er kann es aber, 
doch versuchen, wenn diese Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu errin- 
gen, weniger aversiv ist als eine andere. 

Zum Wohle anderer handeln. Wenn andere Menschen intentio- 
nal Kontingenzen arrangieren, die verstärkend wirken, mag von 
jenem, der hiervon beeinflußt wird, behauptet werden, er verhalte 
sich <zum Wohl anderen. Wahrscheinlich sind die ersten und nach 
wie vor verbreitetsten Wirkungen, die solches Verhalten erzeugen, 
aversiv. Wer die erforderliche Macht besitzt, kann andere aversiv 
behandeln, bis diese so reagieren, daß er selbst verstärkt wird. Me- 
thoden der positiven Verstärkung sind schwieriger zu erlernen und 
werden seltener gewählt, weil die Folgen gewöhnlich auf sich war- 
ten lassen; doch haben sie den Vorteil, daß Gegenangriffe unterblei- 
ben. Welche Methode häufig angewandt wird, hängt von der ver- 
fügbaren Macht ab: Starke Menschen drohen mit körperlicher Schä- 
digung, häßliche Menschen jagen Schrecken ein, physisch attraktive 
Menschen verstärken sexuell und reiche Menschen bezahlen. Ver- 
bale Verstärker beziehen ihre Kraft aus den spezifischen Verstär- 
kern, mit denen sie zusammen benutzt werden, und da sie von Zeit 
zu Zeit zusammen mit verschiedenen Verstärkern benutzt werden, 
kann die erzielte Wirkung verallgemeinert werden. Wir verstärken 
eine Person positiv, indem wir <Gut!> oder <Richtig!> sagen, und ne- 
gativ verstärken wir sie, indem wir <Schlecht!> oder <Falsch!> sagen. 
Diese verbalen Reize aber sind wirksam, weil sie von anderen Ver- 
stärkern begleitet worden sind. 

(Zwischen diesen beiden Wortpaaren können wir eine Unterschei- 
dung treffen. Verhalten wird als <gut> oder <schlecht> bezeichnet - 
wobei der in diesen Worten enthaltene ethische Unterton kein Zufall 
ist je nachdem, wie es gewöhnlich durch andere verstärkt wird. 
Als <richtig> oder <falsch> wird es jedoch im Hinblick auf andere 
Zusammenhänge bezeichnet. Es gibt eine richtige und eine falsche 
Art, etwas zu tun; eine gewisse Handlung beim Autofahren ist we- 
niger <gut> als vielmehr <falsch>. Eine ähnliche Unterscheidung kann 
zwischen Billigung und Mißbilligung einerseits und Lob und Tadel 


114 



andererseits getroffen werden. Wir billigen oder mißbilligen ge- 
wöhnlich Verhalten anderer, wenn es für uns positiv oder negativ 
verstärkend ist, ohne daß wir dabei an die Ergebnisse des Verhal- 
tens denken; doch wenn wir eine Person für eine Leistung loben 
oder wegen eines Fehlers tadeln, weisen wir auf die Leistung oder 
den Fehler hin und betonen wir, daß diese in der Tat die Folgen ih- 
res Verhaltens sind. Allerdings machen wir bei der Verwendung der 
Begriffe <Gut!> und <Richtig!> fast keinen Unterschied, so daß eine 
Unterscheidung zwischen Lob und Billigung vielleicht nicht immer 
lohnt.) 

Die Wirkung eines Verstärkers, die nicht auf seinen Wert für das 
Überleben in der Evolutionsgeschichte zurückgeführt werden kann 
(zum Beispiel die Wirkung von Heroin), ist wahrscheinlich anomal. 
Verstärker, die auf Grund früherer Konditionierung wirken, mögen 
auf besondere Arten von Empfänglichkeit schließen lassen, sind aber 
aus den Lebenserfahrungen eines Menschen zu erklären. Dodds * 
erzählt, daß die Griechen in Homers Zeit leidenschaftlich kämpften, 
aber nicht um Glück, sondern um die Achtung ihrer Mitmenschen zu 
erringen. <Glück> steht für die persönlichen Verstärker, die auf dem 
Wert für das Überleben gründen; <Achtung> steht für einige der kon- 
ditionierten Verstärker, die die Menschen dazu bringen, sich zum 
Wohl anderer zu verhalten. Doch alle konditionierten Verstärker 
beziehen ihre Kraft aus persönlichen Verstärkern (in älterer Ter- 
minologie: öffentliches Interesse beruht stets auf privatem Interesse) 
und damit aus der Evolutionsgeschichte der Spezies. 

Was man in bezug auf Verhalten zum Vorteil anderer empfindet, 
hängt von den benutzten Verstärkern ab. Empfindungen sind Ne- 
benprodukte der Umstände und erhellen den Unterschied zwischen 
öffentlich und privat nicht weiter. Wir sagen nicht, einfache biolo- 
gische Verstärker wirkten auf Grund von Selbstsucht, und wir soll- 
ten Verhalten zum Wohl anderer nicht einer Liebe für diese ande- 
ren zuschreiben. Wer sich zum Vorteil anderer verhält, kann Liebe 
oder Angst, Loyalität oder Zwang oder irgendeinen anderen Zu- 
stand empfinden; all das ergibt sich aus den Kontingenzen, welche 
für das Verhalten verantwortlich sind. Ein Mensch wird nicht zum 

* Eric Robertson Dodds: <The Greeks and the Irrationah. Berkeley 1951 . 


115 



Wohl anderer wegen eines Zugehörigkeitsgefühls tätig, genauso- 
wenig wie er solches Tun wegen eines Gefühls der Entfremdung ab- 
lehnte. Sein Verhalten hängt ab von der Kontrolle, welche die 
soziale Umwelt ausübt. 

Gerechtigkeit. Wenn jemand zum Wohl eines anderen handelt, 
erhebt sich die Frage, ob das Ergebnis gerechtfertigt oder angemes- 
sen ist. Entsprechen die Gewinne der beiden Parteien einander? Wenn 
eine Person eine andere aversiv kontrolliert, sind die Vorteile nicht 
gerecht verteilt, und auch positive Verstärker können so benutzt 
werden, daß die Vorteile der beiden Parteien erheblich differieren. 
Nichts an den Verhaltensprozessen gewährleistet eine gerechte Be- 
handlung, da die Menge an Verhalten, die von einem Verstärker 
erzeugt wird, von den Kontingenzen abhängt, innerhalb derer es 
auf tritt. Im Extremfall kann eine Person durch andere nach einem 
Schema verstärkt werden, das sie das Leben kostet. Nehmen wir 
zum Beispiel an, eine Gruppe werde von einem räuberischen Lebe- 
wesen (dem <Ungeheuer> der Mythologie) bedroht. Einer aus der 
Gruppe, der mit besonderer Kraft oder besonderem Geschieh ausge- 
stattet ist, greift dieses Ungeheuer an und tötet oder vertreibt es. 
Die Gruppe, befreit von der Bedrohung, verstärkt den Helden mit 
Anerkennung und Lob, mit Ehrungen, Zuneigung und Festlichkei- 
ten, mit der Errichtung von Standbildern und Triumphbögen und 
mit der Hand der Prinzessin. Ein Teil dieses Verhaltens mag nicht 
intentional sein, verstärkt den Helden aber trotzdem. Ein anderer 
Teil mag intentional sein - das heißt, der Held wird deshalb ver- 
stärkt, weil man ihn zum Kampf gegen andere Ungeheuer veran- 
lassen möchte. Entscheidend ist bei solchen Zusammenhängen, daß 
die Achtung, die man dem Helden erweist, proportional zur Be- 
drohung wächst, von der er die Gruppe befreit. Deshalb übernimmt 
der Held immer gefährlichere Aufgaben, bis er schließlich getötet 
wird. Die Kontingenzen müssen nicht unbedingt sozialer Art sein; 
man begegnet ihnen bei anderen gefährlichen Tätigkeiten wie zum 
Beispiel beim Bergsteigen, wo die Überwindung einer Gefahr um so 
verstärkender wirkt, je größer die Gefahr gewesen ist. (Das ein 
Verhaltensprozeß in diesem Fall nicht richtig funktioniert und zum 
Tod führt, ist genausowenig eine Verletzung des Prinzips der na- 


116 



türlichen Auslese wie das phototrope Verhalten des Nachtfalters; es 
besitzt Wert für das Überleben, wenn es den Falter ins Sonnenlicht 
führt, hat jedoch tödliche Folgen, wenn er dadurch in eine Flamme 
gerät.) 

Sollen und Müssen. Wie wir gesehen haben, ist das Problem der 
Gerechtigkeit oder Angemessenheit häufig lediglich eine Frage wirt- 
schaftlich-sparsamer Denkweise. Es geht darum, ob Verstärker klug 
gehandhabt werden. Zwei weitere Begriffe, die lange Zeit in Ver- 
bindung mit Werturteilen verwandt worden sind, aber weniger ein- 
deutig eine Frage wirtschaftlichen Denkens sind, sind die Worte 
<sollte> und <müßte>*. Wir benutzen sie, um nicht-soziale Folgen zu 
erklären. <Um nach Boston zu kommen, solltest (müßtest) du der 
Bundesstraße 1 folgern ist nichts anderes, wie wenn man sagt <Wenn 
du dadurch, daß du nach Boston kommst, verstärkt wirst, wirst du 
ebenfalls verstärkt werden, wenn du der Bundesstraße 1 folgst>. Zu 
behaupten, die Bundesstraße 1 sei der <richtige> Weg, um nach Bo- 
ston zu gelangen, ist weder ein ethisches noch ein moralisches Urteil, 
sondern eine Feststellung über das Straßennetz. Einem Werturteil 
schon etwas näher zu kommen scheint eine Bemerkung wie <Du soll- 
test (müßtest) David Copperfield lesen>, was sich folgendermaßen 
Übersetzen ließe: <Du wirst verstärkt werden, wenn du David Cop- 
perfield liest.> Dies ist insofern ein Werturteil, als es einschließt, daß 
die Lektüre des Buches verstärkend wirken wird. Verdeutlichen läßt 
sich das durch einen Teil unserer Evidenz: <Wenn dir die Great Ex- 
pectations gefallen haben, solltest (müßtest) du David Copperfield 
lesen.> Dieses Werturteil ist korrekt, wenn es in der Regel wahr ist, 
daß jenem, die von den Great Expectations verstärkt werden, auch 
von David Copperfield verstärkt werden. 

Die Begriffe <Sollte> und <Müßte> werfen schwierige Fragen auf, 
wenn wir uns den Kontingenzen zuwenden, die jemand veranlas- 
sen, sich zum Vorteil anderer zu verhalten. <Du solltest (müßtest) die 
Wahrheit sagen> ist insofern ein Werturteil, als diese Feststellung 
auf verstärkende Folgen verweist. Übersetzen ließe sich diese Äu- 


* Vgl. B. F. Skinner: <Science and Human Behavior>. New York 1953, 
S. 429. 


117 



ßerung folgendermaßen: <Wenn du verstärkt wirst durch das Lob 
deiner Mitmenschen, wirst du auch verstärkt werden, wenn du die 
Wahrheit sagst.» Der hier implizierte Wert wohnt den sozialen Fol- 
gen inne, die Kontrollzwecken dienen. Diese Feststellung ist insofern 
ein ethisches oder moralisches Urteil, als <Ethos> und <Moral> auf 
herkömmliches praktisches Verhalten einer Gruppe verweisen. 

Wir haben es hier mit einem Bereich zu tun, in dem man die Ko- 
ordinationen von Bedingungen und Folgen nur zu leicht aus den 
Augen verliert. Jemand ist ein guter Autofahrer dank der Kontin- 
genzen der Verstärkung, die sein Verhalten geprägt haben und es 
nun aufrechterhalten. Dieses Verhalten wird seit altersher damit 
erklärt, daß er das Wissen oder das Geschieh besitze, die nötig sind, 
um einen Wagen zu fahren; doch müßten dann Wissen und Geschick 
auf jene früheren Zusammenhänge zurückgeführt werden. Wir sa- 
gen nicht, daß ein Autofahrer das tut, <was er tun sollte», weil ihm 
eine innere Stimme sagt, was richtig ist. Allerdings berufen wir uns 
gern auf eine solche innere Tugend, wenn es darum geht, warum 
sich jemand seinen Mitmenschen gegenüber anständig verhält. Er 
verhält sich aber anständig, nicht weil er von den Mitmenschen mit 
Verantwortungs- oder Pflichtgefühl oder mit Loyalität oder Ach- 
tung anderen gegenüber ausgestattet worden ist, sondern weil seine 
Mitmenschen sein Verhalten durch wirksame Kontingenzen präg- 
ten. Die Verhaltensweisen, die als gut oder schlecht und als richtig 
oder falsch eingestuft werden, sind nicht auf Tugendhaftigkeit oder 
Schlechtigkeit, auf einen guten oder schlechten Charakter oder auf 
ein Wissen um Gut und Böse zurückzuführen; sie sind zurückzufüh- 
ren auf Folge Wirkungen, zu denen eine Vielzahl von Verstärkern 
gehört, darunter auch die verallgemeinerten verbalen Verstärker 
<Gut!», <Schlecht!>, <Richtig!> und <Falsch!> 

Die Normen und ihre Herkunft. Wenn wir einmal die Koordina- 
tionen erkannt haben, die sogenanntes gutes und richtiges oder fal- 
sches und schlechtes Verhalten kontrollieren, wird der Unterschied 
zwischen den Tatsachen und den Empfindungen, die Menschen in 
bezug auf Tatsachen haben, sofort klar. Was die Menschen in bezug 
auf Tatsachen empfinden, ist ein Nebenprodukt. Wichtig ist, was 
sie in bezug auf sie tun, und was sie tun, ist eine Tatsache, die durch 


118 



eine Überprüfung der dafür relevanten Zusammenhänge begriffen 
werden muß. Karl Popper * hat eine gegensätzliche überlieferte 
Position so formuliert : 

Trotz der soziologischen Tatsache, daß sich die meisten Leu- 
te die Norm <Du sollst nicht stehlen» zu eigen machen, ist es 
möglich, zu entscheiden, ob man sich diese Norm oder ihr Ge- 
genteil zu eigen macht; und es ist möglich, jene, die sich diese 
Norm zu eigen gemacht haben, zu ermutigen, damit sie un- 
beirrbar an ihr festhalten, oder sie zu entmutigen und von 
einer anderen Norm zu überzeugen. Es ist unmöglich, einen 
Satz, der eine Norm oder eine Entscheidung formuliert, von 
einem Satz herzuleiten, der eine Tatsache formuliert; es ist 
dasselbe, wie wenn man feststeilt, daß es unmöglich ist, Nor- 
men oder Entscheidungen von Tatsachen herzuleiten. 

Diese Folgerung ist nur gültig, wenn es tatsächlich möglich ist, 
<sich eine Norm oder ihr Gegenteil zu eigen zu machen». Hier spielt 
der autonome Mensch» seine ehrfurchtgebietendste Rolle, doch ob 
eine Person der Norm <Du sollst nicht stehlen» gehorcht oder nicht, 
hängt von verstärkenden Folgen ab, die nicht übersehen werden dür- 
fen. 

Wir wollen einige relevante Tatsachen anführen. Lange Zeit, be- 
vor jemand jene <Norm» formuliert hatte, griffen die Menschen jene 
an, von denen sie bestohlen wurden. Irgendwann begann man, Dieb- 
stähle als Vergehen zu bezeichnen, und als solche wurden sie nun 
sogar von jenen bestraft, die nicht bestohlen worden waren. Jemand, 
der mit diesem Zusammenhang vertraut war, vielleicht weil er ihm 
selbst bereits ausgesetzt gewesen war, konnte nun einem anderen 
raten: <Stiehl nicht.» Wenn dieser Jemand genügend Prestige oder 
Autorität besaß, brauchte er die Folgen nicht weiter zu beschrei- 
ben. Die Formulierung <Du sollst nicht stehlen», der wir in den 
Zehn Geboten begegnen, läßt auf übernatürliche Sanktionen schlie- 
ßen. Dagegen impliziert ein <Du solltest nicht stehlen» relevante 

Karl R. Popper: <The Open Society and Its Enemies>. London 1947, 
S. 53. 


119 



soziale Folgen, die man folgendermaßen übersetzen könnte: <Wenn 
du Bestrafung vermeiden möchtest, dann vermeide es zu Stehlern, 
oder: <Stehlen ist falsch, und falsches Verhalten wird bestrafte Eine 
solche Feststellung ist nicht normativer als die Feststellung: <Wenn 
Kaffee dich wachhält und du schlafen möchtest, dann trinke kei- 
nen^ 

Eine Vorschrift oder ein Gesetz schließt Aussagen über vorherr- 
schende Folgewirkungen ein, seien sie nun naturbedingter oder so- 
zialer Art. Man kann eine Vorschrift oder ein Gesetz einfach wegen 
der Folgen einhalten, auf die sie hinweisen; doch drohen jene, die 
Vorschriften oder Gesetze formulieren, gewöhnlich mit weiteren, 
zusätzlichen Folgen. Ein Bauarbeiter befolgt eine Vorschrift, wenn 
er einen Schutzhelm trägt. Die natürlichen Folgen, zu denen der 
Schutz vor fallenden Gegenständen gehört, prägen sich nicht stark 
ein, weshalb die Vorschrift erzwungen werden muß: Leute, die kei- 
ne Helme tragen, werden entlassen. Es gibt keinen natürlichen Zu- 
sammenhang zwischen dem Tragen eines Helms und dem Behalten 
eines Arbeitsplatzes; der Zusammenhang wird aufrechterhalten, weil 
der Hinweis auf die natürlichen, aber weniger eindrucksvollen Fol- 
gen, zu denen der Schutz vor fallenden Gegenständen gehört, nicht 
genügt. Eine parallele Argumentation wäre für jede Vorschrift, die 
auf soziale Folgen hinweist, möglich. Auf die Dauer gesehen ver- 
halten die Menschen sich wirksamer, wenn ihnen die Wahrheit ge- 
sagt worden ist, doch sind die resultierenden Vorteile zu entlegen, 
um dem, der die Wahrheit sagt, zu nützen, und so ist der Hinweis 
auf weitere Folgen nötig, um das betreffende Verhalten aufrechtzu- 
erhalten. Daher wird es als <gut> bezeichnet, wenn man die Wahrheit 
sagt. Es ist richtig, wenn man die Wahrheit sagt, während Lügen 
schlecht und falsch ist. Die <Normen> sind ganz einfach Aussagen 
über Kontingenzen. 

Kontrolle durch Organisationen. Intentionale Kontrolle <zum 
Wohl anderer» erzielt stärkere Wirkung, wenn sie von kirchlichen, 
politischen, wirtschaftlichen und erzieherischen Organisationen aus- 
geübt wird. Eine Gruppe erhält eine bestimmte Ordnung aufrecht, 
indem sie Verstöße ihrer Mitglieder bestraft, doch wenn eine Regie- 
rung diese Funktion übernimmt, vertraut sie denen, die über mäch- 


120 



tigere Strafmittel wie zum Beispiel Geldbußen, Gefängnishaft oder 
Todesstrafen verfügen. <Gut> und <schledit> werden dann zu <ge- 
setzlich> und <ungesetzlich>, und die Folgewirkungen finden sich in 
Gesetzen kodifiziert, die Verhalten und damit verbundene Strafen 
spezifizieren. Gesetze sind für jene nützlich, die ihnen gehorchen 
müssen, weil sie das zu vermeidende Verhalten spezifizieren, und 
sie sind für jene nützlich, die sie durchsetzen, weil sie das zu bestra- 
fende Verhalten spezifizieren. Die Gruppe wird ersetzt durch ein 
wesentlich eindeutig definiertes System - einen Staat oder eine Na- 
tion -, dessen Strafgewalt mittels Zeremonien, Beflaggung, Musik 
und Geschichten über unglaublich friedliebende Bürger und berüch- 
tigte Gesetzesbrecher unterstrichen werden kann. 

Eine kirchliche Institution kann eine besondere Art von Herr- 
schaft ausüben, unter der sich <gut> und <schlecht> in <fromm> und 
<sündig> verwandeln. Entsprechende Kontingenzen, zu denen posi- 
tive und negative (und häufig radikalste) Verstärkung gehören, 
werden kodifiziert, so wie in den Zehn Geboten, und von Fachleu- 
ten über lange Zeit proklamiert, gewöhnlich mit Hilfe von Zere- 
monien, Ritualen und Geschichten. Ähnliches geschieht, wenn die 
Mitglieder einer nichtorganisierten Gruppe zwanglos Güter und 
Dienstleistungen austauschen, und wenn spater eine wirtschaftliche 
Institution besondere Rollen klarstellt - zum Beispiel die des Ar- 
beitgebers, des Arbeitnehmers, des Käufers und des Verkäufers — 
und bestimmte Arten von Verstärkern wie zum Beispiel Geld und 
Kredit verwendet. Die entsprechenden Zusammenhänge werden 
dann in Form von Abkommen, Verträgen oder ähnlichem festge- 
halten. Ähnlich steht es mit den Mitgliedern einer informellen 
Gruppe, die voneinander mit oder ohne intentionale Unterweisung 
lernen, während ein organisiertes Bildungswesen Fachleute - Leh- 
rer - beschäftigt, die an besonderen Orten - Schulen - tätig sind. 
Hier setzen sie bestimmte Folgen für Verhalten fest, zu denen be- 
sondere Verstärker wie zum Beispiel Grade und Zeugnisse gehören. 
<Gut> und «schlecht» werden in diesem Fall zu <richtig> und <falsdi>, 
und das zu erlernende Verhalten kann in Form von Lehrplänen 
und Prüfungen kodifiziert werden. 

Wenn organisierte Gewalten die Menschen veranlassen, sich <zum 
Vorteil anderer» effektiver zu verhalten, dann verändern sie, was 


121 



empfunden wird. Ein Bürger unterstützt nicht die Regierung, weil 
er ihr treu ergeben ist, sondern weil die Regierung bestimmte Folgen 
für das Verhalten festgelegt hat. Wir bezeichnen sie als loyal und 
lehren sie, sich selbst als loyal zu bezeichnen und über alle beson- 
deren Bedingungen zu berichten, die sie als <Loyalität> empfinden 
mag. Der Angehörige einer Religionsgemeinschaft unterstützt eine 
Religion nicht, weil er gottesfürchtig ist; er unterstützt sie wegen 
der Folgen für sein Verhalten, die von Vertretern dieser Religion 
festgelegt worden sind. Wir bezeichnen ihn als gottesfürchtig und 
lehren ihn, sich selbst als gottesfürchtig zu bezeichnen und darüber 
zu berichten, was er als <Gottesfurcht> empfindet. Gefühlskonflikte, 
wie wir ihnen zum Beispiel in den klassischen literarischen Themen 
begegnen, in denen es um Liebe kontra Pflicht oder um Patriotismus 
kontra Glaube geht, sind in Wirklichkeit Konflikte zwischen ver- 
schiedenen Folgen einer Verstärkung. 

Kampf gegen Kontrolle. Wenn die Kontingenzen, die einen Men- 
schen veranlassen, sich <zum Wohl anderen zu verhalten, mächtiger 
werden, überschatten sie jene Zusammenhänge, innerhalb derer per- 
sönliche Verstärker erscheinen. Sie können dann zum Kampf her- 
ausgefordert werden. Diese Termini <Herausforderung> und 
<Kampf> führen irre; die Reaktion auf eine übertriebene oder kon- 
flikterzeugende Kontrolle läßt sich genauer beschreiben. Wir haben 
das Muster, um das es hier geht, am Beispiel des Kampfes um Frei- 
heit (im 2. Kapitel) analysiert. Wer sich von einer Regierung los- 
sagt, kann sich der zwanglosen Kontrolle einer kleineren Gruppe 
unterordnen oder sich in eine Thoreausche Einsamkeit zurückzie- 
hen. Er kann einer orthodoxen Religion abschwören, indem er sich 
der ethischen Praxis einer zwanglosen Gruppe anschließt oder 
sich in die Abgeschlossenheit eines Einsiedlerlebens begibt. Er kann 
einer organisierten wirtschaftlichen Kontrolle entfliehen, indem er 
einen zwanglosen Austausch von Gütern und Dienstleistungen be- 
fürwortet oder indem er sich in der Einsamkeit seinen eigenen Le- 
bensunterhalt sucht. Er kann dem organisierten Wissen von Wissen- 
schaftlern den Rücken kehren zugunsten der persönlichen Erfahrung 
(sich also vom <Wissen> ab- und dem <Verstehen> zuwenden). Eine 
weitere Möglichkeit besteht darin, daß man diejenigen schwächt 


122 



oder vernichtet, die Kontrollen auf erlegen; vielleicht dadurch, daß 
man ein konkurrierendes System errichtet. 

Solche Schritte sind häufig von verbalem Verhalten begleitet, 
das nicht-verbale Handlungen unterstützt und andere veranlaßt, 
sich dem verfochtenen Standpunkt anzuschließen. Es kann auch der 
Wert oder die Gültigkeit der Verstärker, die andere Menschen und 
organisierte Gewalten anwenden, in Frage gestellt werden: 
<Warum sollte ich die Bewunderung oder die Zensur meiner Mit- 
menschen suchen beziehungsweise meiden?» - <Was kann mir meine 
- oder irgendeine - Regierung in Wirklichkeit schon anhaben?» - 
<Kann eine Kirche tatsächlich bestimmen, ob ich für alle Ewigkeit 
verdammt oder für immer erlöst sein werde?» - <Was ist am Geld 
denn so wunderbar - brauche ich all die Dinge, die man damit 
kaufen kann?» - <Warum soll ich die Dinge, die in einem Schul- 
programm festgelegt sind, lernen?» Kurzum: <Warum sollte ich mich 
zum Wohl anderer verhalten?» 

Wenn die von anderen ausgeübte Kontrolle auf diese Weise um- 
gangen oder zunichte gemacht wird, bleiben nur die persönlichen 
Verstärker übrig. Die Einzelperson wendet sich augenblicklich ihrer 
Befriedigung zu, vielleicht durch Sex oder Rauschmittel. Wenn ihr 
die Suche nach Nahrung, Unterkunft und Sicherheit kaum irgend- 
welche Sch wierigo. eiten bereitet, braucht sie nur wenige Verhaltens- 
weisen zu entwickeln. Man pflegt dann zu behaupten, sie leide an 
einem Mangel an Wertvorstellungen. Nach Maslow * wird ein 
Nichtvorhandensein an Wertmaßstäben «abwechselnd beschrieben 
als Anomalie, Amoralität, Anhedonie, Entwurzeltsein, Leere, Hoff- 
nungslosigkeit, als der Mangel an etwas, an das man glauben und 
dem man sich widmen kann». Alle diese Begriffe beziehen sich auf 
Geistesverfassungen oder Empfindungen, aber was wirklich fehlt, 
sind wirksame Verstärker. < Anomalie» und < Amoralität» deuten hin 
auf einen Mangel an jenen raffinierten Verstärkern, welche die 
Menschen veranlassen, Vorschriften zu befolgen. <Anhedonie>, <Ent- 
wurzeltsein», <Leere» und Hoffnungslosigkeit» weisen hin auf ein 
Nichtvorhandensein aller möglichen Arten von Verstärker. Jenes 

* Abraham H. Maslow: <Religions , Values and Peak-Experiences>. Co- 
lumbas 1964. 


123 



<Etwas, an das man glauben und dem man sich widmen kann> ge- 
hört zu jenen raffinierten Konstruktionen von Verhalten und Folge, 
die veranlassen sollen, sich <zum Vorteil anderen zu verhalten. 

Die Unterscheidung zwischen Empfindungen und derartigen Kon- 
tingenzen ist besonders wichtig, wenn praktisches Handeln nötig 
wird. Wenn ein Mensch tatsächlich an einem inneren Zustand leidet, 
der als ein Mangel an Wertvorstellungen beschrieben wird, können 
wir dieses Problem nur lösen, wenn wir diesen Zustand ändern - 
indem wir ihn zum Beispiel <moralisdi aufrüsten>, indem wir mo- 
ralische Kräfte wiederbeleben> oder indem wir ein moralisches 
Rückgrat oder ein geistiges Engagement stärken». Was verändert 
werden muß, sind die Zusammenhänge von Verhalten und Folge, 
ganz gleich, ob wir sie nun als verantwortlich ansehen für das 
defektive Verhalten oder für die Empfindungen, die dieses Verhal- 
ten angeblich erklären. 

Reaktionäre Kontrollmethoden. Häufig wird vorgeschlagen, die 
ursprünglichen Kontrollen zu verstärken, Konflikte auszuschalten, 
kräftigere Verstärker zu verwenden und die Folgewirkungen zu 
verschärfen. Wenn die Leute nicht arbeiten wollen, dann nicht, weil 
sie faul oder träge sind, sondern weil sie nicht genügend bezahlt 
bekommen oder weil wirtschaftliche Verstärker durch Wohlstand 
oder Überfluß an Wirksamkeit verloren haben. Die guten Dinge, 
die uns das Leben bietet, müssen lediglich auf angemessene Weise 
von produktiver Arbeit abhängig gemacht werden. Wenn Bürger 
sich nicht friedsam verhalten, dann nicht deshalb, weil sie Gesetzes- 
verädhter oder Kriminelle sind, sondern weil der Strafvollzug ver- 
nachlässigt worden ist; dieses Problem läßt sich dadurch bewältigen, 
daß man sich weigert, Strafen zur Bewährung auszusetzen oder zu 
erlassen, daß man die Polizei verstärkt und daß man strengere Ge- 
setze beschließt. Wenn Studenten nicht studieren, dann nicht des- 
halb, weil sie nicht interessiert wären, sondern weil Bildungs- 
ansprüche herabgesetzt worden sind oder weil der Lehrstoff für ein 
befriedigendes Leben nicht länger relevant ist. Studenten werden 
sich aktiv um Bildung bemühen, wenn das Ansehen, das Wissen und 
Fertigkeiten vermitteln, wiederhergestellt ist. (Ein Nebenresultat 
wird darin bestehen, daß die Menschen dann das Gefühl haben wer- 


124 



den, sie seien fleißig, friedsam und an ihrer Fortbildung interessiert.) 

Solche Vorschläge, alte Kontrollmethoden zu untermauern, kann 
man mit Recht als reaktionär bezeichnen. Die Strategie mag erfolg- 
reich sein, doch die Schwierigkeiten wird sie nicht aus der Welt 
schaffen. Organisierte Kontrolle <zum Wohl anderen wird auch 
weiterhin mit persönlichen Verstärkern, und verschiedene Arten 
organisierter Kontrollen werden auch weiterhin untereinander kon- 
kurrieren. Die Vorteile, die Kontrolleur und Kontrollierter daraus 
ziehen, bleiben ungleich oder ungerecht verteilt. Wenn das Problem 
lediglich darin besteht, diese ungleiche Verteilung auszugleichen, 
führt jeder Schritt, der eine Kontrolle wirksamer macht, in die 
falsche Richtung; doch ebenfalls in die falsche Richtung führt jeder 
Schritt, der auf einen totalen Individualismus oder auf eine völlige 
Freiheit von Kontrolle hinsteuert. 

Der erste Schritt zur Lösung des Problems besteht darin, alle 
Vorteile ausfindig zu machen, die der Einzelperson zugute kom- 
men, wenn sie zum Wohl anderer kontrolliert wird. Andere üben 
Kontrolle durch die Manipulation der persönlichen Verstärker aus, 
für die der menschliche Organismus empfänglich ist, und durch die 
Manipulation von konditionierten Verstärkern wie zum Beispiel 
Lob oder Tadel, die sich aus den erstgenannten herleiten. Doch gibt 
es noch andere Folgen, d^e leicht übersehen werden, weil sie nicht 
sofort ein treten. Wir haben uns bereits mit dem Problem befaßt, 
wie man verzögerte aversive Folgen wirksam macht. Ein ähnliches 
Problem ergibt sich, wenn die verzögerten Folgen positiv verstärken. 
Dieses Problem ist so wichtig, daß es weiter erörtert werden muß. 

Die Wirkung später Folgen. Der Prozeß operativer Konditionie- 
rung entwickelte sich wahrscheinlich, als die Organismen, die von 
den Folgen ihres Verhaltens empfindlicher betroffen wurden, sich 
als fähiger erwiesen, sich der Umwelt anzupassen und zu überleben. 
Nur ziemlich unmittelbare Folgen konnten wirksam sein. Ein Grund 
hierfür ist in den <Endzwecken> zu suchen. Verhalten kann von 
etwas, das ihm folgt, nicht wirklich beeinflußt werden, doch wenn 
eine <Folge> unmittelbar ist, kann sie sich mit dem Verhalten über- 
schneiden. Ein zweiter Grund hat mit der funktionalen Relation 
zwischen Verhalten und seinen Folgen zu tun. Die Kontingenzen 


125 



des Überlebens konnten keinen Prozeß einer Konditionierung her- 
vorbringen, der in Rechnung gestellt hätte, wie Verhalten seine 
Folgen hervorbringt. Die einzige nützliche Relation war tempora- 
ler Art: Ein Prozeß konnte sich entfalten, indem ein Verstärker 
jedes Verhalten verstärkte, dem er sich anschloß. Doch war dieser 
Prozeß nur dann wichtig, wenn er Verhalten verstärkte, das tat- 
sächlich Ergebnisse hervorrief. Daher die Bedeutung der Tatsache, 
daß jede Veränderung, die unmittelbar einer Reaktion folgt, 
höchstwahrscheinlich von dieser erzeugt worden ist. Ein dritter 
Grund, der mit dem zweiten zu tun hat, aber mehr praktischer 
Natur ist, besteht darin, daß die verstärkende Wirkung einer jeden 
verzögerten Folge von dazwischentretendem Verhalten sozusagen 
usurpiert werden kann. Dieses Verhalten wird verstärkt, obgleich 
es keinen Anteil an der Hervorbringung des verstärkenden Ereig- 
nisses gehabt hatte. 

Der Prozeß operativer Konditionierung ist an unmittelbare Wir- 
kungen geknüpft, wobei allerdings auch entlegene Folgen wichtig 
sein können. Das Individuum zieht Vorteile daraus, wenn es sie 
unter seine Kontrolle bringt. Die zeitliche Kluft kann durch eine 
Reihe <konditionierter Verstärken überbrückt werden, wozu wir 
bereits ein Beispiel gegeben haben. Wer dem Regen häufig entflohen 
ist, indem er sich unterstellte, vermeidet schließlich den Regen, in- 
dem er sich unterstellt, bevor Regen einsetzt. Reize, die dem Regen 
häufig vorausgehen, werden zu negativen Verstärkern (wir bezeich- 
nen sie als die Anzeichen von Regen). Sie sind besonders aversiv, 
wenn sich jemand nicht unter gestellt hat; dadurch, daß er sich unter- 
stellt, entflieht er ihnen und vermeidet es, naß zu werden. Die 
effektive Folge ist nicht, daß er nicht naß wird, wenn es schließlich 
regnet, sondern daß ein konditionierter aversiver Reiz sofort ein- 
geschränkt wird. 

Das Hineinspielen einer entlegenen Folge läßt sich leichter über- 
prüfen, wenn die Verstärker positiver Art sind. Nehmen wir ein 
Beispiel von <Paläoverhalten>: ein Feuer wird mit Asche belegt. Das 
Verfahren, nachts Asche über glühende Kohlen zu decken, damit 
am nächsten Morgen Glut für ein neues Feuer da ist, muß zu jener 
Zeit, als es schwierig war, Feuer zu entzünden, sehr wichtig gewe- 


126 



sen sein. Wie hat man dieses Verfahren erlernt? (Natürlich ist es 
keine ausreichende Erklärung, zu sagen, daß jemand <auf diese 
Idee kam>, da wir dann diese Idee erklären müßten.) Die Glutreste, 
die man morgens fand, können wohl kaum das Verhalten, ein Feuer 
mit Asche zu belegen, verstärkt haben. Aber die Zeitspanne ließe 
sich mit einer Reihe konditionierter Verstärker über brücken. Man 
lernt leicht, mit einem alten Feuer, das noch nicht ganz verloschen 
ist, ein neues zu entzünden, und wenn ein Feuer bereits vor einiger 
Zeit verloschen ist, dürfte es naheliegen, in der Asche nach Glut- 
resten zu suchen. Ein großer Aschehaufen würde dann zu einem 
konditionierten Verstärker - eine Gelegenheit, nach Glutresten zu 
suchen und solche zu finden. Das würde automatisch die Handlung 
verstärken, die darin besteht, daß man die Überreste eines Feuers 
zu einem Haufen zusammenscharrt. Die Zeitspanne zwischen sol- 
chen Handlungen war zunächst vielleicht sehr kurz (das heißt, ein 
Feuer wurde zu einem Haufen zusammengescharrt, auf den man 
wenig später stieß), doch als das Verfahren, Feuer mit Asche zu 
belegen, zur Praxis wurde, könnten sich die temporalen Aspekte 
dieses Zusammenhangs geändert haben. 

Wie alle Theorien über die Ursprünge von Paläoverhalten ist 
auch unsere Annahme höchst spekulativ; doch mag sie dienlich sein, 
um einen Punkt herauszuarbeiten. Die Umstände, unter denen die 
Menschen lernten, ein Feuer mit Asche zu bedecken, müssen äußerst 
selten gewesen sein. Um der Glaubwürdigkeit willen müssen wir 
die Tatsache unterstreichen, daß es vielleicht Hunderttausende von 
Jahren waren, während derer sich diese Umstände hin und wieder 
einstellten. Doch sowie einmal ein Mensch das Verhalten, ein Feuer 
mit Asche zu bedecken, oder einen Teil dieses Verhaltens erlernt 
hatte, war es für andere erheblich einfacher, sich dieses Verhalten 
anzueignen, so daß es nun keiner zufälliger außergewöhnlichen 
Umstände mehr bedurfte. 

Die Bedeutung der sozialen Umwelt. Einer der Vorteile, ein so- 
ziales Lebewesen zu sein, besteht darin, daß man praktische Ver- 
fahren nicht für sich allein zu lernen braucht. Die Eltern lehren ihr 
Kind, wie der Handwerker seinen Lehrling lehrt, weil sie dadurch 
eine nützliche Hilfe gewinnen, doch erwerben das Kind und der 


127 



Lehrling in diesem Prozeß nützliches Verhalten, das sie durch nicht- 
soziale Kontingenzen sehr wahrscheinlich nicht erwerben würden. 
Vermutlich pflanzt niemand Dinge einfach deshalb im Frühling an, 
weil er im Herbst ernten kann. Zwar wäre ein Anpflanzen von 
Dingen nicht angemessen oder <vernünftig>, wenn es in keiner Ver- 
bindung mit einer Ernte stünde, doch pflanzt man Dinge auf Grund 
direkterer Zusammenhänge an, die zumeist von der sozialen Um- 
welt abhängen. Die Ernte hat höchstens die Wirkung, daß sie eine 
Reihe konditionierter Verstärker aufrechterhält. 

Ein wichtiges, notgedrungen von anderen übernommenes Reper- 
toire ist verbaler Art. Verbales Verhalten entstand vermutlich un- 
ter Umständen, zu denen praktische soziale Wechselwirkungen ge- 
hörten; doch befindet sich die Einzelperson, die zugleich zum Spre- 
cher und Zuhörenden wird, im Besitz eines Repertoires von unge- 
wöhnlichem Umfang und Einfluß, dessen sie sich selbst bedienen 
kann. Teile dieses Repertoires haben mit Selbsterkenntnis und 
Selbstkontrolle zu tun, die (wie wir im 9. Kapitel noch sehen wer- 
den) soziale Produkte sind, obgleich sie gewöhnlich - fälschlicher- 
weise - als individuelle und private Fähigkeiten dargestellt wer- 
den. 

Ein weiterer Vorteil besteht darin, daß der einzelne schließlich 
einer jener <anderen> ist, die Kontrolle ausüben und ihren Nutzen 
daraus ziehen. Organisierte Einrichtungen werden häufig mit dem 
Hinweis auf gewisse allgemeine Werte gerechtfertigt. Der einzelne 
genießt unter einer Regierung ein gewisses Maß an Ordnung und 
Sicherheit. Ein Wirtschaftssystem rechtfertigt sich dadurch, daß es 
auf den Wohlstand verweist, den es hervorbringt, während ein Bil- 
dungssystem zu seiner Rechtfertigung die Fertigkeiten und das 
Wissen anführt, die es vermittelt. 

Ohne eine soziale Umwelt bleibt ein Mensch im wesentlichen ein 
Wilder, ähnlich jenen Kindern, von denen man erzählt, sie seien 
von Wölfen großgezogen worden oder sie seien fähig gewesen, sich 
in einem milden Klima von einem frühen Alter an selbst zu erhal- 
ten. Ein Mensch, der seit seiner Geburt allein gewesen ist, wird kein 
verbales Verhalten besitzen, wird sich seiner selbst als Person nicht 
bewußt sein, wird seine eigenen Fähigkeiten nicht organisieren kön- 
nen und wird im Hinblick auf die Welt, die ihn umgibt, lediglich 


128 



jene mageren Fertigkeiten entwickeln, die man in einem kurzen 
Leben aus nicht-sozialen Zusammenhängen erlernen kann. In Dan- 
tes Hölle (Dritter Gesang) wird er die besonderen Qualen jener 
erleiden, die «ohne Tadel, ohne Lob lebten», ähnlich den «Engeln, 
die . . . für sich waren». Für sich sein heißt, fast nichts sein. 

Der Einzelgänger. Die großen Individualisten, die so oft zitiert 
werden, um den Wert der persönlichen Freiheit zu beweisen, haben 
ihre Leistungen früheren sozialen Umwelten zu verdanken. Der 
unfreiwillige Individualismus eines Robinson Crusoe und der frei- 
willige Individualismus eines Henry David Thoreau sind teilweise 
ganz offensichtlich der Gesellschaft verpflichtet. Wenn Crusoe auf 
seine Insel als Säugling gelangt wäre und wenn Thoreau an den 
Ufern des Waiden Pond allein auf gewachsen wäre, wären ihre Le- 
bensgeschichten anders ausgefallen. Wir müssen alle als Säuglinge 
beginnen, und kein noch so großes Maß an Selbstbestimmung, an 
Unabhängigkeit von fremder Hilfe oder an Selbstvertrauen kann 
uns zu mehr als einem für sich lebenden Mitglied der menschlichen 
Spezies machen. Rousseaus großes Prinzip - daß «die Natur den 
Menschen glücklich und tugendhaft gemacht hat, während ihn die 
Gesellschaft moralisch verdirbt und unglücklich macht» (Dialogues) 
- war falsch. Es entbehrt nicht der Ironie, daß Rousseau, als er 
sich darüber beklagte, sein Werk < Emile > würde so wenig verstan- 
den, eben dieses Werk beschrieb als eine «Abhandlung über die 
ursprüngliche Tugendhaftigkeit des Menschen, die zeigen soll, wie 
Laster und Irrtum, welche seiner Natur fremd sind, von außen 
eindringen und ihn unmerklich verändern». Diese Bemerkung ent- 
hält viel ungewollte Ironie, weil gerade jenes Werk eine der großen 
praktischen Abhandlungen darüber ist, wie menschliches Verhalten 
verändert werden kann. 

Der Revolutionär. Sogar jene, die als Revolutionäre hervorragen, 
sind in fast jeder Hinsicht die konventionellen Produkte der 
Systeme, die sie Umstürzen. Sie sprechen die Sprache, sie benutzen 
die Logik und Wissenschaft, sie halten sich an viele der ethischen 
und rechtlichen Grundsätze und sie bedienen sich der praktischen 
Fertigkeiten und des praktischen Wissens, mit denen sie die Gesell- 


129 



schaft ausgestattet hat. Ein kleiner Teil ihres Verhaltens kann 
- möglicherweise auf recht dramatische Weise - außergewöhnlich 
sein, und in diesem Fall müssen wir uns in ihren exzentrischen Le- 
bensgeschichten nach außergewöhnlichen Gründen umsehen. (Ih*e 
eigenwilligen Leistungen dem wunderwirkenden Charakter des 
autonomen Menschen» zuzuschreiben, ist natürlich alles andere als 
eine Erklärung.) 

Vorteile der Kontrolle. Dies sind also einige der späteren Vor- 
teile, die der von anderen ausgeübten Kontrolle zuzuschreiben sind, 
wozu noch Nutzen kommt, der unmittelbar mit der Kontrolle ver- 
bunden ist. Die entlegeneren Vorteile sind für jede Einschätzung 
der Gerechtigkeit oder Angemessenheit des Austausches zwischen 
der Einzelperson und ihrer sozialen Umwelt wichtig. Es kann so 
lange kein vernünftiges Gleichgewicht erzielt werden, wie die ent- 
legeneren Vorteile auf Grund eines kompromißlosen Individualis- 
mus oder Indeterminismus vernachlässigt werden, oder wie das 
Gleichgewicht auf Grund eines ausbeuterischen Systems genauso ge- 
waltsam zur Gegenseite hin verlagert wird. Vermutlich gibt es einen 
optimalen Gleichgewichtszustand, in dem jeder maximal verstärkt 
wird. Doch mit dieser Behauptung führt man eine andere Art von 
Wert ein. Warum sollte sich irgend jemand um Gerechtigkeit oder 
Ehrlichkeit kümmern, selbst wenn diese Ideen nicht mehr bedeuten 
als haushälterischen Umgang mit Verstärkern? Die Fragen, mit de- 
nen wir begannen, können offenbar nicht einfach dadurch gelöst 
werden, daß man darauf hinweist, was für den einzelnen und was 
für andere gut ist. Es gibt noch eine andere Art von Wert, der wir 
uns jetzt zuwenden müssen. 


Der Kampf um Freiheit und Würde wurde früher formuliert als 
Verteidigung des autonomen Menschen» - nicht als eine Überprü- 
fung der Kontingenzen der Verstärkung, welche die Menschen er- 
fahren. Eine Technologie des Verhaltens steht zur Verfügung, die 
die aversiven Folgen von Verhalten, seien sie nun unmittelbar oder 
verzögert, wirksamer reduzieren würde, und die die Leistungen, 


130 



deren der menschliche Organismus fähig ist, maximieren würde; 
jedoch die Verfechter der Freiheit widersetzen sich einer Anwendung 
dieser Technologie. Diese Opposition kann gewisse Fragen aufwer- 
fen, in denen es um <Werte> geht. Wer soll entscheiden, was für den 
Menschen gut ist? Wie wird eine wirksamere Technologie benutzt 
werden? Von wem und zu welchem Zweck soll sie angewandt wer- 
den? Das sind eigentlich Fragen über Verstärker. Manche Dinge sind 
im Laufe der Evolutionsgesdiichte der Spezies zu <guten> Dingen 
aufgerückt, und sie können benutzt werden, um die Menschen zu 
veranlassen, sich <zum Wohl anderer» zu verhalten. Wenn sie im 
Übermaß benutzt werden, können sie angegriffen werden; der ein- 
zelne kann sich dann Dingen zuwenden, die nur für ihn von Vor- 
teil sind. Eine solche Herausforderung kann mit einer Intensivie- 
rung solcher Kontingenzen beantwortet werden, die Verhalten zum 
Vorteil bewirken, oder auch dadurch, daß man auf bis dahin ver- 
nachlässigte individuelle Vorteile hinweist, zum Beispiel auf jene, 
die als Sicherheit, Ordnung, Gesundheit, Reichtum oder Wissen be- 
griffen werden. Andere Menschen bringen die Einzelperson, mög- 
licherweise indirekt, unter die Kontrolle einiger entlegener Folgen 
ihres Verhaltens, wodurch sich das Wohl anderer zum Wohl oder 
Vorteil der Einzelperson auswirkt. Eine andere Art von Vorteil, 
der dem menschlichen Fortschritt zugute kommt, bleibt zu analysie- 
ren. 



7 

Die Evolution 
einer Kultur 


Der Begriff Kultur. Ein Kind wird als Mitglied der menschlichen 
Spezies geboren, mit einer Erbanlage, die viele charakteristische 
Züge aufweist. Kaum geboren, beginnt es bereits, unter dem Ein- 
fluß von Kontingenzen der Verstärkung, denen es als Einzelwesen 
ausgesetzt ist, ein Verhaltensrepertoire zu erwerben. Die Zusam- 
menhänge, in denen es zu Verstärkung kommt, werden meist von 
anderen festgelegt. Sie bilden insgesamt das, was man als Kultur 
bezeichnet, obgleich dieser Begriff gewöhnlich anders definiert wird. 
So haben zum Beispiel zwei hervorragende Anthropologen * er- 
klärt, «der Wesenskern einer Kultur setze sich zusammen aus über- 
lieferten (das heißt historisch übernommenen und ausgelesenen) 
Vorstellungen und vor allem aus den ihnen beigegebenen Werten». 
Wer Kulturen untersucht, erblickt aber weder Vorstellungen noch 
Werte. Er sieht, wie Menschen leben, wie sie ihre Kinder großzie- 
hen, wie sie Nahrung sammeln oder anbauen, in welchen Behau- 
sungen sie leben, wie sie sich kleiden, welche Spiele sie spielen, wie 
sie einander behandeln, wie sie einander regieren. Das sind die Sit- 
ten, sind die gebräuchlichen Verhaltensweisen eines Volkes. Um sie 
erklären zu können, müssen wir uns den Zusammenhängen zuwen- 
den, von denen sie geschaffen werden. 

Manche dieser Zusammenhänge sind Teil der physischen Um- 
welt, doch gewöhnlich funktionieren sie zusammen mit sozialen 
Zusammenhängen, wobei die letztgenannten natürlich von jenen 


* Alfred L. Krober, Clyde Kluckhohn: <Culture>. In: Harvard University 
Peabody Museum of American Archaeology and Ethnology Papers , Bd. 
47, Nr. 1, Cambridge 1952. 


132 



hervorgehoben werden, die Kulturen erforschen. Die sozialen Zu- 
sammenhänge oder die Verhaltensweisen, die von ihnen hervorge- 
bracht werden, sind die Ideen einer Kultur, und die Verstärker, die 
in diesen Zusammenhängen auftreten, sind ihre <Werte>. 

Werte in den Kulturen. Der einzelne ist nicht nur den Kontingen- 
zen ausgesetzt, die eine Kultur ausmachen, er trägt auch zu deren 
Erhaltung bei. Im gleichen Maß, in dem er dazu gebracht wird, 
erhält die Kultur sich am Leben. Die wirksamen Verstärker lassen 
sich durch Beobachtung feststellen und stehen daher außer Zweifel. 
Was eine soziale Gruppe als gut bezeichnet, ist eine Tatsache: Es 
ist das, was Mitglieder dieser auf Grund ihrer Erbanlage und der 
natürlichen und sozialen Zusammenhänge, denen sie ausgesetzt ge- 
wesen sind, als verstärkend erfahren. Jede Kultur besitzt ihre eige- 
nen Vorstellungen von dem, was gut ist, und was gut für die eine 
Kultur ist, braucht noch lange nicht gut für die andere zu sein. 
Wenn man das erkennt, bezieht man die Position eines kulturellen 
Relativismus». Was gut ist für die Trobriander, das ist gut für die 
Trobriander, aber das ist auch alles. Anthropologen haben einen 
solchen Relativismus häufig als eine tolerante Alternative zu jenem 
missionarischen Eifer postuliert, der alle Kulturen zu einem einzi- 
gen Komplex von ethischen, religiösen, politischen oder wirt- 
schaftlichen Werten bekehren möchte. 

Ein fester Komplex von Werten kann erklären, warum eine 
Kultur funktioniert, vielleicht sogar ohne sich auch in langen Zeit- 
räumen viel zu ändern. Doch befindet sich keine Kultur in einem 
permanenten Gleichgewicht. Wirkzusammenhänge ändern sich not- 
wendig. Die physische Umwelt ändert sich, wenn Menschen ein 
Nomadenleben führen, wenn es zu einem Klimaumschwung kommt, 
wenn natürliche Hilfsquellen aufgebraucht, zu anderen Zwecken 
verwandt oder unbrauchbar gemacht werden. Auch soziale Bedin- 
gungen ändern sich, wenn sich die Größe einer Gruppe oder ihr 
Kontakt mit anderen Gruppen ändert, wenn kontrollierende In- 
stanzen an Einfluß gewinnen oder verlieren oder wenn sie mitein- 
ander konkurrieren, oder wenn die ausgeübte Kontrolle durch 
Flucht oder Angriff zur Gegenkontrolle führt. Die Wirkzusammen- 
hänge, die für eine Kultur charakteristisch sind, werden vielleicht 


133 



nicht auf angemessene Weise weiter vermittelt; dann schwindet auch 
die Tendenz, von einem bestimmten Wertkomplex verstärkt zu 
werden. In diesem Fall kann sich der Sicherheitsfaktor, wenn ein 
Notfall eintritt, verringern oder erhöhen. Kurz, die Kultur kann 
stärker oder schwächer werden, und wir sehen voraus, ob sie fort- 
bestehen oder untergehen wird. Der Fortbestand einer Kultur wird 
so zu einem weiteren Wert, der zusätzlich zum persönlichen und 
sozialen Wohl berücksichtigt werden muß. 

Biologische und kulturelle Evolution. Die Tatsache, daß eine 
Kultur überleben oder untergehen kann, läßt auf eine Art von Evo- 
lution schließen. Auf eine Parallele zur Evolution der Spezies hat 
man natürlich häufig hingewiesen. Allerdings ist hier Vorsicht ge- 
boten. Eine Kultur entspricht einer Spezies. Wir beschreiben sie, 
indem wir viele ihrer Praktiken aufzählen, genauso wie wir eine 
Spezies beschreiben, indem wir viele ihrer anatomischen Merkmale 
registrieren. Zwei oder mehr Kulturen können eine Praxis gemein- 
sam haben, genauso wie zwei oder mehr Spezies ein anatomisches 
Merkmal gemeinsam haben können. Die Träger der Praktiken einer 
Kultur sind, und dasselbe gilt für die Merkmale einer Spezies, deren 
Mitglieder, von denen diese Praktiken an andere Mitglieder wei- 
tergegeben werden. In der Regel ist es so, daß eine Überlebens- 
chance größer ist, je größer die Anzahl der Träger einer Spezies 
oder einer Kultur ist. 

Eine Kultur wie eine Spezies unterliegen der Selektion entspre- 
chend ihrer Anpassung an eine Umwelt: In dem Maße, indem eine 
Kultur die Menschen dabei unterstützt, das zu bekommen, was sie 
brauchen, und das zu vermeiden, was für sie gefährlich ist, in die- 
sem gleichen Maße unterstützt sie die Menschen darin, zu überleben 
und ihre Kultur weiterzuvermitteln. Diese beiden Arten von Evo- 
lution sind eng miteinander verbunden. Dieselben Menschen geben 
sowohl eine Kultur als auch eine Erbanlage weiter - allerdings auf 
sehr unterschiedliche Weise und in unterschiedlichen Bereichen. Die 
Fähigkeit, sich den Veränderungen von Verhalten zu unterziehen, 
die eine Kultur möglich machen, wurde während der Evolution der 
Spezies erworben, und umgekehrt determiniert die Kultur viele der 
weitervermittelten biologischen Merkmale. Erst die Kulturen er- 


134 



möglichen es den einzelnen Individuen, zu überleben und sich fort- 
zupflanzen, wozu sie sonst nicht in der Lage wären. Nicht jede 
Praxis einer Kultur und nicht jedes Merkmal einer Spezies ist an- 
passungsfähig, da nicht anpassungsfähige Praktiken und Merkmale 
von anpassungsfähigen getragen werden können, und so können 
Kulturen und Arten, die eigentlich nur wenig anpassungsfähig sind, 
manchmal lange Zeit überleben. 

Neue Praktiken entsprechen genetischen Mutationen. Eine neue 
Praxis kann eine Kultur schwächen - indem sie zum Beispiel zu 
einer unnötigen Ausbeutung von Hilfsquellen führt oder indem sie 
die Gesundheit der Menschen beeinträchtigt; aber sie kann auch 
stärken - indem sie zu einem wirksameren Gebrauch von Hilfs- 
quellen anregt oder indem sie die Gesundheit der Menschen ver- 
bessert. Genauso wie die Mutation, eine Veränderung im Erbgefüge, 
keinen Bezug zu den Kontingenzen der Auslese hat, die das resul- 
tierende Merkmal beeinflussen, genauso braucht der Ursprung einer 
Praxis keinen Bezug zu ihrem Wert für das Überleben zu haben. 
Die Allergie eines mächtigen Führers gegenüber einer Speise kann 
zu einem Diäterlaß, eine sexuelle Eigenart kann zu einem Hoch- 
zeitsbrauch und die spezielle Beschaffenheit eines Geländes kann zu 
einer militärischen Strategie führen - doch können solche Prakti- 
ken für die Kultur aus völlig anderen Gründen wertvoll sein. Viele 
kulturelle Praktiken ließen sich auf Zufälle zurückführen. Das frühe 
Rom lag auf einer fruchtbaren Ebene und wurde immer wieder 
von den Stämmen heimgesucht, die die umliegenden Hügel als na- 
türliche Festungen bewohnten; doch im Laufe der Zeit erließ die 
Stadt Gesetze, die den Grundbesitz regelten und die das ursprüng- 
liche Problem überdauerten. Die Ägypter, die nach den jährlichen 
Nilüberschwemmungen die alten Abgrenzungen neu bestimmen 
mußten, entwickelten die Trigonometrie, die sich aus vielen anderen 
Gründen als wertvoll erwies. 

Die Parallele zwischen biologischer und kultureller Evolution 
verliert ihre Gültigkeit, wenn es um Überlieferung und Vererbung 
geht. Die Überlieferung einer kulturellen Praxis enthält nichts, was 
dem Mechanismus der Vererbung vergleichbar wäre. Eine kulturell^ 
Evolution erinnert insofern an Lamarcks Lehre, als erworbene 
Praktiken weitergegeben werden. Das illustriert uns das abgenutzte 


135 



Beispiel von der Giraffe, die ihren Hals nicht nach Futter streckt, 
das sie sonst nicht erreichen könnte, um dann ihren Jungen einen 
längeren Hals zu vererben; vielmehr haben es die Giraffen, bei 
denen Mutation einen längeren Hals hervorgebradit hat, leichter, 
an vorhandenes Futter heranzukommen, und so sind sie es, die die 
Mutation weitergeben. Eine Kultur jedoch, die eine Praxis ent- 
wickelt, welche es ihr ermöglicht, an sonst unerreichbare Nahrung 
heranzukommen, kann diese Praxis nicht nur an neue Mitglieder, 
sondern auch an Zeitgenossen oder an überlebende Mitglieder einer 
früheren Generation weitergeben. Ja, wichtiger noch, eine Praxis 
kann durch <Diffusion> an andere Kulturen weitervermittelt wer- 
den - wie wenn sich Antilopen, die an Giraffen die Nützlichkeit 
eines langen Halses beobachtet haben, nun selbst lange Hälse wach- 
sen lassen würden. Die Arten sind voneinander isoliert durch die 
Nichtübertragbarkeit genetischer Merkmale, während eine ver- 
gleichbare Isolation von Kulturen nicht existiert. Eine Kultur setzt 
sich zusammen aus einem Komplex von Praktiken, doch kann sich 
ein solcher Komplex durchaus mit anderen Komplexen vermischen. 

Wir neigen dazu, eine bestimmte Kultur mit einer großen sozia- 
len Gruppe in Verbindung zu sehen. Menschen sind leichter zu er- 
kennen als ihr Verhalten zu erkennen ist, und Verhalten wiederum 
leichter als die Zusammenhänge, die es hervorbringen. (Ebenfalls 
leicht erkannt und deshalb häufig zur Definition einer Kultur be- 
nutzt werden die gesprochene Sprache und die Dinge, die eine Kul- 
tur benutzt, wie zum Beispiel Werkzeuge, Waffen, Kleidung und 
Kunstformen.) Nur in dem Ausmaß, in dem wir eine Kultur mit 
den Menschen identifizieren, die sie hervorbringen, können wir von 
einem Angehörigen einer Kultur> sprechen, denn schließlich kann 
man nicht Angehöriger eines Komplexes von Kontingenzen der 
Verstärkung oder einer Gruppe von Gebrauchsgegenständen (oder 
<einer Gruppe von Vorstellungen und den ihnen beigegebenen 
Werten») sein. 

Verschiedene Arten von Isolation können eine ausgeprägte Kul- 
tur hervorbringen, indem sie die Übertragbarkeit von Praktiken 
einschränken. Wir denken an eine geographische Isolation, wenn 
wir von einer <samoanischen> Kultur sprechen, und wenn wir von 


136 



einer <polynesischen> Kultur spredien, beziehen wir uns auf rassi- 
sche Merkmale, die einen Austausch von Praktiken beeinträchtigen 
können. Eine beherrschende kontrollierende Instanz oder ein Sy- 
stem können einen Komplex von Praktiken Zusammenhalten. So 
ist eine demokratische Kultur eine soziale Umwelt, für die bestimmte 
Regierungsmethoden charakteristisch sind; sie werden durch ent- 
sprechende ethische, religiöse, wirtschaftliche und erzieherische 
Praktiken unterstützt. Die Begriffe christliche, mohammedanische 
oder buddhistische Kultur lassen an eine dominierende religiöse 
Kontrolle denken, während <kapitalistische> oder sozialistische Kul- 
tur» auf einen beherrschenden Komplex wirtschaftlicher Praktiken 
hinweist, von denen jede mit entsprechenden anderen Praktiken 
Hand in Hand gehen kann. Eine Kultur, die sich durch ein Regie- 
rungssystem, eine Religion oder ein Wirtschaftssystem definiert, hat 
eine geographische oder rassische Isolation nicht nötig. 

Die Parallele zwischen einer biologischen und einer kulturellen 
Evolution mag untauglich werden, wenn es um Überlieferung und 
Vererbung geht. Doch die Idee einer kulturellen Evolution bleibt 
dessenungeachtet sinnvoll. Neue Praktiken entstehen, und sie wer- 
den am ehesten dann weitergegeben, wenn sie zum Überleben jener 
beitragen, die sich ihrer bedienen. Wir können in der Tat die Evo- 
lution einer Kultur klarer zurückverfolgen als die Evolution einer 
Spezies, da im erstgenannten Fall die wesentlichen Bedingungen 
weniger abgeleitet als vielmehr faktisch beobachtet werden und da 
sie häufig direkt manipuliert werden können. Doch wie wir gesehen 
haben, hat man gerade erst begonnen, die Rolle der Umwelt zu ver- 
stehen, und dazu kommt, daß die soziale Umwelt, die eine Kultur 
ausmacht, oft schwer durchschaubar ist. Sie ändert sich ständig, es fehlt 
ihr an Greifbarkeit und nur zu leicht verwechselt man sie mit den 
Menschen, die die Umwelt erhalten und von ihr beeinflußt werden. 

Der Sozialdarwinismus. Eine Kultur wird oft mit den Menschen 
gleichgesetzt, die sie praktizieren. So hat man das Evolutionsprin- 
zip benutzt, um mit der Theorie des «Sozial dar winismus»* den 

* Vgl. Richard Hofstadter: <Social Darwinism in American Thought>. 
New York 1944. 


137 



Wettbewerb zwischen Kulturen zu erklären. Kriege zwischen Re- 
gierungen, Religionen, Wirtschaftssystemen, Rassen und Klassen 
sind mit der Begründung verteidigt worden, daß das Überleben der 
Fähigsten ein Naturgesetz sei - einer Natur, <blutig an Zahn und 
Klaue>. Wenn der Mensch aus diesem Entwicklungsprozeß als über- 
ragende Spezies hervorgegangen ist, warum sollten wir dann nicht 
einer beherrschenden Unterspezies oder Rasse entgegensehen? Und 
wenn Kulturen einen ähnlichen Prozeß durchgemacht haben, 
warum sollte es dann keine Herrenkultur geben? Es stimmt, daß 
die Menschen einander töten, und das häufig auf Grund von Prakti- 
ken, die Kulturen zu definieren scheinen. Regierungen oder Regie- 
rungsformen konkurrieren miteinander, wobei die Rüstungsbudgets 
die wesentlichen Machtmittel veranschaulichen. Wirtschafts- und 
Glaubenssysteme greifen zu militärischen Maßnahmen. Die <Lö- 
sung des Judenproblems> der Nazis war ein Konkurrenzkampf bis 
auf den Tod. In einem solchen Konkurrenzkampf scheinen die Star- 
ken zwar zu überleben, doch kein Mensch überlebt für lange, ge- 
nausowenig wie politische, religiöse oder wirtschaftliche Systeme 
für sehr lange überleben. Was sich entwickelt, das sind Prakti- 
ken. 

Weder in der biologischen noch in der kulturellen Evolution ist 
der Wettbewerb mit anderen Systemen die einzig wichtige Bedin- 
gung für eine Auslese. Sowohl Spezies als auch Kulturen konkur- 
rieren» in erster Linie mit der physischen Umwelt. Ein Großteil der 
Anatomie und Physiologie einer Spezies hat mit Atmen, Essen, Er- 
haltung einer angemessenen Temperatur, mit dem Uber stehen von 
Gefahren, mit der Bekämpfung von Infektionen oder mit der Fort- 
pflanzung zu tun. Nur ein kleiner Teil hat mit dem Erfolg im 
Kampf gegen Mitglieder derselben Art oder anderer Arten zu tun 
und ist aus diesem Grunde erhalten geblieben. Ähnlich geht es beim 
größten Teil der Praktiken, die eine Kultur bilden, weniger um den 
Wettbewerb mit anderen Kulturen als um den eigenen Lebens- 
unterhalt und die eigene Sicherheit; und ähnlich wurden diese Prak- 
tiken durch die Bedingungen des Überlebens ausgelesen, unter de- 
nen erfolgreicher Wettbewerb eine nebensächliche Rolle gespielt 
hat. 

Eine Kultur ist nicht das Ergebnis eines kreativen <Gruppenden- 


138 



kens> oder die Äußerung eines allgemeinen Willens>. Keine Gesell- 
schaft begann mit einem Gesellschaftsvertrag, kein Wirtschafts- 
system mit einer Vorstellung von Tauschhandel oder Entlohnung, 
keine Familienstruktur mit einer Einsicht in die Vorteile eines Zu- 
sammenwohnens. Eine Kultur entwickelt sich, wenn neue Praktiken 
die Erhaltung jener begünstigen, die sie praktizieren. 

Erhaltung der Kultur als Wert. Wenn klargeworden ist, daß eine 
Kultur erhalten bleiben oder untergehen kann, beginnen einige 
ihrer Angehörigen gewöhnlich, sich für ihre Erhaltung einzusetzen. 
Menschen, die in der Lage sind, Verhaltenstechnologien anzuwen- 
den, können sich, wie gezeigt wurde, an zwei Werte halten: die per- 
sönlichen <Vorteile>, die auf Grund der menschlichen Erbanlage ver- 
stärkend wirken, und das <Wohl> anderer, das sich aus persönlichen 
Verstärkern herleitet. Diesen beiden Werten müssen wir nun einen 
dritten hinzufügen: das Wohl oder den Vorteil einer Kultur. Doch 
warum ist dieser Wert wirksam? Warum sollten sich die Menschen 
im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts darum sorgen, wie es Leuten 
im letzten Drittel des 21. Jahrhunderts gehen wird, wie sie regiert 
werden, wie und warum sie produktiv arbeiten werden, was sie 
wissen werden oder wie ihre Bücher, Bilder und ihre Musik aus- 
sehen werden? Aus etwas, was so fern liegt, lassen sich für die Ge- 
genwart keine Verstärker gewinnen. Warum also sollte jemand die 
Erhaltung seiner Kultur als einen <Vorteil> betrachten? 

Die Erklärung, daß jemand handle, <weil ihm die Erhaltung sei- 
ner Kultur am Herzen liegt>, hilft auch nicht weiter. Gefühle für 
eine Institution hängen von den Verstärkern ab, welcher sich diese 
Institution bedient. Gefühle hinsichtlich einer Regierung können 
vom eifrigsten Patriotismus bis hin zur schrecklichsten Angst rei- 
chen; das hängt von den angewandten Kontrollmethoden ab. Ge- 
fühle hinsichtlich eines Wirtschaftssystems können von begeisterter 
Befürwortung bis hin zu bitteren Ressentiments reichen: das hängt 
davon ab, wie das System positive und negative Verstärker ein- 
setzt. Und Gefühle hinsichtlich der Erhaltung einer Kultur werden 
immer durch die Maßnahmen bedingt sein, derer sich die Kultur be- 
dient, um die Menschen zu veranlassen, sich für ihre Erhaltung ein- 
zusetzen. Die ergriffenen Maßnahmen erklären die Unterstützung; 


139 



die Gefühle sind Nebenprodukte. Genausowenig hilft es uns, wenn 
wir sagen, daß jemand plötzlich auf die Idee kommt, sich für die 
Erhaltung seiner Kultur einzusetzen, und daß er nun diese Idee 
verbreitet. Eine <Idee> ist zumindest genauso schwierig zu erklären 
wie die Praxis, durdi die sie sidi ausdrückt, und es ist wesentlich 
schwieriger, sie greifbar zu machen. Doch wie lassen sich solche Prak- 
tiken erklären? 

Was jemand unternimmt, um die Erhaltung einer Kultur zu un- 
terstützen, ist großenteils nicht <intentional> das heißt, es wird 
nichts deshalb unternommen, weil es den Erhaltungswert erhöht. 
Eine Kultur überlebt, wenn ihre Träger überleben, und das hängt 
teilweise von genetischer Empfänglichkeit gegenüber Verstärkung 
ab. Als Ergebnis solcher Verstärkung wird Verhalten, das in einer 
gegebenen Umwelt auf Erhaltung abzielt, geprägt und aufrecht- 
erhalten. Praktiken, die die Einzelperson veranlassen, sich zum 
Wohl anderer zu verhalten, fördern vermutlich die Erhaltung der 
Kultur, deren Träger diese anderen sind. 

Institutionen können wirksame Verstärker aus Ereignissen ent- 
wickeln, die erst nach dem Tod eines Menschen eintreten. Sie sorgen 
für Sicherheit, Gerechtigkeit, Ordnung, Wissen, Wohlstand und Ge- 
sundheit, aber die Einzelperson wird davon nur einen Teil genießen. 
Durch einen Fünf-Jahres-Plan oder ein Sparprogramm werden die 
Menschen veranlaßt, hart zu arbeiten und auf bestimmte Verstärker 
zu verzichten, wofür sie spätere Verstärker versprochen bekommen; 
viele leben aber nicht lange genug, um in den Genuß jener späten 
Folgen zu kommen. (Rousseau wies im Rahmen der Erziehung auf 
diesen Punkt hin: Die Hälfte der Kinder, die den punitiven Erzie- 
hungsmethoden seiner Zeit ausgesetzt gewesen waren, kam nie in 
den Genuß der vermeintlichen Vorteile dieser Erziehung.) Die Eh- 
ren, die dem lebenden Helden zuteil werden, überdauern ihn in 
Form von Denkmalen. Angehäufter Reichtum überdauert den, der 
ihn angehäuft hat, und dasselbe gilt für angehäuftes Wissen; reiche 
Leute gründen unter ihrem Namen Stiftungen, und auch Wissen- 
schaft und Gelehrsamkeit besitzen ihre Helden. Die christliche Vor- 
stellung von einem Leben nach dem Tode hat sich vielleicht aus der 
sozialen Verstärkung jener entwickelt, die für ihre Religion litten, 
als sie noch am Leben waren. Das Paradies wird als eine Ansamm- 


140 



lung von positiven Verstärkern und die Hölle als eine Ansammlung 
von negativen Verstärkern geschildert, obgleich beide abhängig sind 
vom Verhalten vor dem Tod . (Die Vorstellung von einem Über- 
leben der Person nach dem Tode könnte eine metaphorische An- 
deutung des evolutionären Konzepts vom Wert des Überlebens 
sein.) Der einzelne wird davon nicht direkt beeinflußt; er profitiert 
lediglich von konditionierten Verstärkern, die andere benutzen, die 
ihn überleben und direkt beeinflußt werden. 

Nichts von alldem kann das erklären, was wir als <reine Besorg- 
nis> um die Erhaltung einer Kultur bezeichnen können. Aber eine 
solche Erklärung ist auch nicht unbedingt nötig. Genausowenig wie 
wir den Ursprung einer genetischen Mutation zu erklären brauchen, 
um deren Auswirkungen auf die natürliche Auslese Rechnung zu 
tragen, genausowenig brauchen wir den Ursprung einer kulturellen 
Praxis zu erklären, um ihrem Beitrag zur Erhaltung einer Kultur 
Rechnung zu tragen. Tatsache ist, daß eine Kultur, die aus irgend- 
einem Grund ihre Mitglieder veranlaßt, sich für ihre Erhaltung 
oder für die Erhaltung einiger ihrer Praktiken einzusetzen, eher 
überlebt. Der Fortbestand ist der einzige Wert, nach dem eine Kul- 
tur am Ende beurteilt werden kann, und folglich besitzt jede 
Praxis, die zu einer Erhaltung beiträgt, Erhaltungswert. 

Wenn die Erklärung nicht sehr befriedigend ist, nach der jede 
Kultur, die ihre Mitglieder veranlaßt, aus irgendeinem Grund für 
ihre Erhaltung tätig zu werden, mit höherer Wahrscheinlichkeit er- 
halten bleibt, dann dürfen wir nicht vergessen, daß es hier nicht 
viel zu erklären gibt. Kulturen erzeugen selten eine reine Besorgnis 
um ihre Erhaltung - gemeint ist die Besorgnis, die völlig frei ist 
von dem chauvinistischen Gepränge, den rassischen Merkmalen, der 
geographischen Lokalisierung oder den institutionalisierten Prakti- 
ken, mit denen Kulturen gern identifiziert werden. 

Wenn die direkten Vorteile anderer, vor allem die Vorteile orga- 
nisierter anderer bedroht sind, ist es nicht einfach, auf spätere Vor- 
teile hinzuweisen. So ist eine Regierung bedroht, wenn ihre Bürger 
die Entrichtung von Steuern, den Wehrdienst oder die Beteiligung 
an Wahlen verweigern. Sie kann dieser Bedrohung begegnen, in- 
dem sie entweder auf schlimme Folgen hinweist oder indem sie das 
fragliche Verhalten durch Versprechungen für später beeinflußt. 


141 



Aber wie kann sie folgende Fragen beantworten: <Warum sollte ich 
mich darum sorgen, ob meine Regierung oder die Form von Regie- 
rung, unter der ich lebe, nach meinem Tod noch lange fortbestehen 
wird?> Ähnlich sieht sich eine religiöse Organisation bedroht, wenn 
ihre Anhänger nicht zur Kirche gehen, wenn sie nicht zu ihrer Unter- 
stützung beitragen, wenn sie keine politischen Aktionen in ihrem 
Interesse durchführen; auch sie kann dieser Bedrohung begegnen, 
indem sie die Folgen verweist, verstärkt oder für später Vorteile 
verspricht. Aber wie beantwortet sie folgende Frage: <Warum sollte 
ich mich für die dauernde Erhaltung meiner Religion einsetzen?> 
Ein Wirtschaftssystem ist bedroht, wenn die Menschen nicht pro- 
duktiv arbeiten; und wieder können die bösen Folgen oder die spä- 
teren Vorteile verdeutlicht werden. Aber wie kann es folgende 
Frage beantworten: <Warum sollte ich um den Fortbestand eines 
bestimmten Wirtschaftssystems besorgt sein?» Die einzige ehrliche 
Antwort auf solche Fragen scheint folgende zu sein : <Es gibt keinen 
einleuchtenden Grund, warum man besorgt sein sollte, und wenn 
einen die eigene Kultur nicht von einem solchen Grund überzeugt 
hat, um so schlimmer für sie.» 

Das Wohl der Menschheit. Noch schwieriger ist es, Aktionen zu 
erklären, die auf eine einzige Kultur für die ganze Menschheit ab- 
zielen. Eine Pax Romana oder Americana, eine Welt, gesichert für 
die Demokratie, einen Weltkommunismus oder eine <katholische> 
Kirche - sie alle würden über die Unterstützung mächtiger Insti- 
tutionen verfügen, während das bei einer <reinen» Weltkultur nicht 
der Fall ist. Es ist unwahrscheinlich, daß eine solche Kultur aus einem 
erfolgreichen Wettbewerb zwischen religiösen, politischen oder wirt- 
schaftlichen Systemen hervorgeht. Trotzdem lassen sich viele Gründe 
für die Sorge um das Wohl der ganzen Menschheit anführen. Die 
großen Probleme der Welt von heute sind durchweg globaler Art. 
Überbevölkerung, die Erschöpfung von Hilfsquellen, die Umwelt- 
verschmutzung und die Möglichkeit einer atomaren Massenvernich- 
tung - das sind alles keineswegs entlegene Folgen heutiger Hand- 
lungsweisen. Doch auf Folgen hinzuweisen genügt nicht. Wir müs- 
sen Kontingenzen errichten, unter denen Folgen eine Wirkung er- 
zielen können. Wie können die Kulturen der Welt auf Grund dieser 


142 



schrecklichen Möglichkeiten das Verhalten der Angehörigen der Kul- 
turen beeinflussen? 

Der Prozeß einer kulturellen Evolution würde natürlich nicht ab- 
geschlossen sein, wenn es nur mehr eine Kultur gäbe, genausowenig 
wie eine biologische Evolution abgeschlossen sein würde, wenn es 
nur mehr eine einzige Hauptspezies - vermutlich den Menschen - 
gäbe. Einige wichtige Auslesebedingungen würden sich ändern und 
andere würden ausgeschaltet werden, doch würde es nach wie vor 
Mutationen geben, die einer Auslese unterworfen wären, und neue 
Praktiken würden sich auch weiterhin entwickeln. Es gäbe keinen 
Grund, von einer Kultur zu sprechen. Es würde offensichtlich sein, 
daß wir uns nur mit Praktiken befassen würden, genauso wie wir 
uns bei einer einzigen Spezies nur mit Merkmalen befassen sollten. 

Kritik des Strukturalismus. Die Evolution einer Kultur stellt uns 
vor manche Fragen hinsichtlich der <Werte>, die noch nicht vollständig 
beantwortet worden sind. Ist die Evolution einer Kultur einem 
Fortschritt» gleichzusetzen? Was ist ihr Ziel? Unterscheidet sich die- 
ses Ziel von jenen Folgen, seien sie nun wirklich oder eingebildet, 
durch die Einzelpersonen veranlaßt werden, sich für die Erhaltung 
ihrer Kultur einzusetzen? 

Eine strukturelle Analyse könnte leicht den Eindruck erwecken, sie 
vermeide diese Fragen. Wenn wir uns auf das beschränken, was 
die Menschen tun, scheint sich eine Kultur ganz einfach dadurch zu 
entwickeln, daß sie mehrere Stadien durchläuft. Und obgleich eine 
Kultur ein solches Stadium überspringen kann, könnte doch eine 
gewisse charakteristische Ordnung nachgewiesen werden. Der Struk- 
turalist sucht nach einer Erklärung dafür, warum ein Stadium in ei- 
nem bestimmten Reihenmuster einem anderen folgt. Technisch aus- 
gedrückt heißt das, daß er versucht, eine abhängige Variable ohne 
Bezugnahme auf irgendwelche unabhängige Variablen in Rechnung 
zu stellen. Die Tatsache, daß sich eine Evolution in einem Zeitrah- 
men abwickelt, läßt jedoch vermuten, daß die Zeit eine nützliche, 
unabhängige Variable sein kann. Leslie White * hat das folgender- 
maßen formuliert: «Evolution kann definiert werden als eine tem- 

* Leslie A. White: <The Evolution of Culture>. New York 1959 . 

143 



porale Formenfolge: Eine Form entwächst der anderen; Kultur 
schreitet fort von Stadium zu Stadium. In diesem Prozeß ist die 
Zeit ein genauso integraler Faktor wie der Formen wandel.» 

Entwicklung des einzelnen und Entwicklung der Kultur. Eine ge- 
richtete Veränderung in der Zeit wird häufig als <Entwicklung> be- 
zeichnet. Geologen verfolgen die Entwicklung der Erde durch ver- 
schiedene Zeitalter hindurch, und Paläontologen gehen der Ent- 
wicklung der Spezies nach. Psychologen verfolgen die Entwicklung 
einer <psychosexuellen Anpassung». Geht man der Entwicklung ei- 
ner Kultur nach, kann man sich an verschiedenen Anhaltspunkten 
orientieren: den Werkstoffen, die sie benutzte (der Weg führt vom 
Stein über die Bronze zum Eisen) ; den Methoden der Nahrungsbe- 
schaffung, derer sie sich bediente (der Weg führt vom Sammeln zum 
Jagen und vom Fischen zur Bodenbestellung); der Verwendung von 
wirtschaftlicher Macht (der Weg führt vom Feudalismus über den 
Kommerzialismus und den Industrialismus zum Sozialismus). 

Tatsachen dieser Art sind nützlich, doch finden Veränderungen 
nicht statt, weil die Zeit vergeht, sondern weil etwas geschieht, wäh- 
rend die Zeit vergeht. Die Kretazeische Periode der Geologie stellte 
sich nicht in einem bestimmten Stadium der Erdentwicklung auf 
Grund einer gewissen vorausbestimmten Entwicklungsfolge ein, son- 
dern weil die vorausgegangene Beschaffenheit der Erde zu gewissen 
Veränderungen führte. Der Huf des Pferdes entwickelte sich nicht, 
weil die Zeit verging, sondern weil eine gewisse Auslese von Muta- 
tionen stattfand, als diese dem Überleben in der Umwelt, in der das 
Pferd lebte, förderlich waren. Der Umfang des Wortschatzes eines 
Kindes oder die grammatischen Formen, die es benutzt, sind keine 
Funktion eines Entwicklungsalters, sondern eine Funktion der 
Sprachzusammenhänge, die in der Gemeinschaft, deren Einflüssen 
es ausgesetzt gewesen ist, vorgeherrscht haben. Ein Kind entwickelt 
Trägheit in einem bestimmten Alter nur auf Grund der sozialen 
und nicht-sozialen Kontingenzen der Verstärkung, die eben jenes 
Verhalten her vor gebracht haben, das die Vorstellung von Trägheit 
vermittelt. Die Kontingenzen entwickeln» sich genauso wie das Ver- 
halten, das sie erzeugen. Wenn Entwicklungsstadien einander in ei- 
ner bestimmten Ordnung folgen, dann deshalb, weil das eine Sta- 


144 



dium die Bedingungen schafft, die verantwortlich sind für das näch- 
ste. Ein Kind muß gehen können, bevor es laufen oder springen 
lernt; es muß einen elementaren Wortschatz besitzen, bevor es <Wor- 
te zu grammatischen Mustern bilden» kann; es muß einfache Verhal- 
tensformen besitzen, bevor es sich das Verhalten aneignen kann, das 
- wie man sagt - auf eine Beherrschung <komplexer Vorstellun- 
gen» hinweist. 

Demselben Sachverhalt begegnen wir in der Entwicklung einer 
Kultur. Verfahren des Sammelns von Nahrung gehen natürlich der 
Landwirtschaft voraus, aber nicht auf Grund eines eigentümlichen 
Musters, sondern weil die Menschen überleben müssen (zum Beispiel 
indem sie Nahrung sammeln), bis landwirtschaftliche Verfahren er- 
worben werden können. Die nötige Ordnung des historischen De- 
terminismus von Karl Marx muß in den Kontingenzen gefunden 
werden. Der Begriff Klassenkampf stellt in grober Weise Möglich- 
keiten der gegenseitigen Kontrolle dar. Der Aufstieg der Macht von 
Händlern, der Abstieg des Feudalismus und der Beginn des indu- 
striellen Zeitalters (dem unter Umständen der Sozialismus oder ein 
Wohlfahrtsstaat folgen werden): diese Entwicklung ist großenteils auf 
Veränderungen von wirtschaftlichen Kontingenzen zurückzuführen. 

Entwicklung kann beeinflußt werden. Eine reine Entwicklungs- 
lehre, die sich mit Mustern aufeinanderfolgender Strukturverände- 
rungen zufriedengibt, verpaßt die Chance, Verhalten auf Grund der 
genetischen Entwicklung und der Umweltgeschichte zu erklären. 
Außerdem verpaßt sie auch die Chance, die Reihenordnung, in der 
Stadien einander ablösen, oder die Geschwindigkeit, mit der sie das 
tun, zu verändern. In einer Standardumwelt kann ein Kind Vor- 
stellungen in einer Standardordnung erwerben, doch ist diese Ord- 
nung durch Bedingungen determiniert, die verändert werden kön- 
nen. Ähnlich kann sich eine Kultur durch eine Reihenfolge von Sta- 
dien hindurch entwickeln, wenn sich die Entwicklungen entwickeln; 
doch kann eine unterschiedliche Anordnung von Bedingungen ent- 
worfen werden. Wir können nicht das Alter der Erde oder des Kin- 
des ändern, doch im Fall des Kindes brauchen wir nicht das Ver- 
gehen von Zeit abzuwarten, um die Dinge zu verändern, die in der 
Zeit geschehen. 


145 



Die Idee der Entwicklung gerät in Konflikt mit sogenannten <Wer- 
ten>, wenn eine gerichtete Veränderung als Wachstum betrachtet 
wird. Ein Apfel durchläuft eine Sequenz von Stadien, und ein be- 
stimmtes Stadium ist das beste: Wir wollen weder unreife noch 
verfaulte Äpfel; nur der reife Apfel ist gut. Analog dazu sprechen 
wir von einem <reifen> Menschen und einer <reifen> Kultur. Der 
Landwirt arbeitet, damit seine Erzeugnisse ungehindert reifen kön- 
nen, und Eltern, Lehrer und Therapeuten bemühen sich, aus jeman- 
dem einen <reifen> Menschen zu machen. Eine Veränderung zur Reife 
hin wird oft als <Werden> bezeichnet. Wenn eine solche Veränderung 
jedoch unterbrochen wird, sprechen wir von einer gehemmten oder 
fixierten Entwicklung, die wir zu korrigieren versuchen. Wenn die Ver- 
änderung langsam vor sich geht, sprechen wir von einer Retardation 
und bemühen wir uns um eine Beschleunigung. Allerdings werden 
diese hochgeschätzten Werte bedeutungslos (oder es stößt ihnen noch 
Schlimmeres zu), wenn die Reife einmal erreicht ist. Niemand ist ver- 
sessen darauf , senil zu werden; der <reifen> Person würde es behagen, 
wenn ihre Entwicklung nun gehemmt oder fixiert wäre; von diesem 
Punkt an hätte sie gegen eine Retardation nichts einzu wenden. 

Es ist falsch, anzunehmen, daß alle Veränderung oder Entwick- 
lung Wachstum sei. Die heutige Beschaffenheit der Erdoberfläche 
kann weder als reif noch als unreif bezeichnet werden; das Pferd 
hat, soweit wir wissen, in seiner evolutionären Entwicklung kein 
endgültiges und möglicherweise optimales Stadium erreicht. Wenn 
die Sprache eines Kindes wie ein Embryo zu wachsen scheint *, dann 
nur deshalb, weil die Umweltzusammenhänge nicht beachtet wor- 
den sind. Das wild aufgewachsene Kind besitzt keine Sprache, aber 
nicht, weil seine Isolierung einen Wachstumsprozeß gestört hätte, 
sondern weil es nicht die Einflüsse einer Sprachgemeinschaft emp- 
fangen hat.** Wir haben keinen Grund, irgendeine Kultur in dem 

* Vgl. Roger Brown, Ursula Bellugi : <Three Processes in the Child' s Aqui- 
sition of Syntax>. In: Harvard Educational Review , 1964, Nr. 2, S. 133- 
151. 

** Eric H. Lenneberg: <Biological Foundations of Language>. New York 
1967, dt.: <Die biologischen Grundlagen der Sprache >. Frankfurt a. M. 
1971 - schließt sich dagegen dem gegenteiligen Standpunkt der meisten 
Psycolinguisten an: irgendeine innere Fähigkeit entwickle sich nicht normal. 


146 



f 


Sinne als reif zu bezeichnen, daß weiteres Wachstum unwahrschein- 
lidi ist oder daß es notgedrungen auf eine Verschlechterung hinaus- 
laufen würde. Wir nennen manche Kulturen unterentwickelt oder 
unreif im Vergleich zu anderen, die wir als <forgesdiritten> bezeich- 
nen, doch läuft es auf einen groben Chauvinismus hinaus, wenn man 
zu verstehen gibt, daß irgendeine Regierung, Religion oder irgend- 
ein Wirtschaftssystem <reif> sei. 

Ziel und Sieg. Wenn wir uns mit der Entwicklung einer Einzel- 
person oder der Evolution einer Kultur befassen, besteht der Haupt- 
einwand gegen die Metapher vom Wachstum darin, daß sie einen 
Endzustand unterstreicht, der keine Funktion hat. Wir sagen, ein 
Organismus wachse heran zur Reife oder er wachse, um zur Reife 
zu gelangen. Reife wird zu einem Ziel und Fortschritt wird zu einer 
Bewegung dem Ziel entgegen. Ein Ziel ist im wahrsten Sinne des 
Wortes ein Ende - das Ende von etwas, wie etwa einem Wettlauf. 
Das Ziel hat in dem Wettlauf keine andere Funktion, als ihn zu be- 
enden. Dieser Begriff wird in dieser ziemlich nichtssagenden Be- 
deutung gebraucht, wenn wir sagen, das Endziel des Lebens sei der 
Tod, oder das Ziel der Evolution bestehe darin, die Erde mit Leben 
anzufüllen. Der Tod ist zweifelsohne das Ende des Lebens, und eine 
mit Leben angefüllte Welt mag durchaus das Endziel einer Evolu- 
tion sein, doch haben diese Endziele keinen Einfluß auf die Prozesse, 
durch die sie erreicht werden. Wir leben nicht, um zu sterben, und die 
Evolution schreitet nicht voran, um die Erde mit Leben anzufül- 
len. 

Das Ziel als das Ende eines Wettlaufs wird leicht verwechselt mit 
dem Sieg und daher mit den Gründen für den Wettlauf selbst oder 
mit der Absicht des Läufers. Früher benutzten Lernpsychologen Irr- 
gärten und andere Vorrichtungen, in denen ein Ziel die Position ei- 
nes Verstärkers in Hinsicht auf das Verhalten, dessen Konsequenz 
es war anzuzeigen schien; der Organismus bewegte sich auf ein Ziel 
zu. Doch die entscheidende Relation ist temporaler und nicht räum- 
licher Art. Dem Verhalten folgt Verstärkung; weder verfolgt es noch 
überholt es diese. Wir erklären die Entwicklung einer Spezies und 
des Verhaltens eines Individuums aus dieser Spezies dadurch, daß 
wir auf das selektive Wirken von Erhaltungskontingenzen und 


147 


Verstärkungskontingenzen hinweisen. Sowohl die Spezies als auch das 
Verhalten der Einzelperson entwickeln sich, wenn sie durch ihre Aus- 
wirkungen auf die Welt um sie herum geprägt werden und erhalten 
bleiben. Das ist die einzige Funktion der Zukunft. 

Die Richtung der Evolution. Doch bedeutet das nicht, daß es kei- 
ne Richtung gäbe. Viele Bemühungen sind unternommen worden, 
um Evolution als eine gerichtete Veränderung zu charakterisieren - 
zum Beispiel als ständige Zunahme struktureller Komplexität, als 
ständige Steigerung von Reizempfänglichkeit oder als die wirksame 
Nutzbarmachung von Energie. Es gibt noch eine andere wichtige 
Möglichkeit: Beide Arten der Evolution machen Organismen emp- 
fänglicher für die Folgen ihres Handelns. Organismen, die am ehe- 
sten dazu neigten, durch gewisse Arten von Folgen verändert zu 
werden, waren anderen vermutlich voraus. Eine Kultur bringt die 
Einzelperson unter die Kontrolle von zeitlich entlegenen Folgen, die 
in der psychischen Evolution der Spezies keine Rolle hätte spielen 
können. Ein entlegener persönlicher Vorteil wird wirksam, wenn ei- 
ne Person zum Wohl anderer kontrolliert wird, und die Kultur, die 
einige ihrer Angehörigen veranlaßt, für ihre Erhaltung zu arbeiten, 
bringt noch entlegenere Folgen zur Wirkung. 

Die Aufgabe dessen, der eine Kultur entwerfen will, besteht dar- 
in, die Entwicklung jener Praktiken zu beschleunigen, durch die die 
noch fernen Folgen bestimmter Verhaltensweisen wirksam werden. 
Wir werden uns nun einigen Problemen zu, vor denen ein Mensch 
mit diesem Ziel steht. 


Die soziale Umwelt ist das, was wir als Kultur bezeichnen. Sie prägt 
und erhält das Verhalten jener, die in ihr leben. Eine gegebene Kul- 
tur entwickelt sich, wenn, unter Umständen aus unbedeutenden 
Gründen, neue Praktiken entstehen, die einer Auslese unterworfen 
werden; diese Auslese richtet sich danach, was sie zur Stärke der Kul- 
tur beitragen, wenn diese mit der physischen Umwelt und mit ande- 
ren Kulturen <konkurriert>. Ein wesentlicher Schritt besteht darin, 
daß Angehörige der Kultur durch neue Praktiken dazu gebracht 


148 



werden, für die Erhaltung ihrer Kultur zu arbeiten. Solche Prakti- 
ken können nicht auf persönliche Vorteile zurückgeführt werden, 
auch dann nicht, wenn sie zum Wohl anderer benutzt werden, da die 
Erhaltung einer Kultur über die Lebenszeit einer Einzelperson hin- 
aus nicht als eine Quelle für konditionierte Verstärker dienen kann. 
Andere mögen denjenigen überleben, den sie verlassen, zu ihrem 
Wohl zu wirken, und die Kultur, um deren Erhaltung es geht, wird 
häufig mit diesen anderen oder mit ihren Organisationen identifi- 
ziert; doch bedeutet die Evolution einer Kultur selbst bald einen 
neuen Wert. Eine Kultur, die, aus welchem Grund auch immer , ihre 
Angehörigen veranlaßt, sich für ihre Erhaltung einzusetzen, wird 
eher erhalten bleiben: das ist eine Frage des Wohls der Kultur, nicht 
der Einzelperson. Planung fördert dieses Wohl, indem sie auf eine 
Beschleunigung des Evolutionsprozesses hinarbeitet; und da die Wis- 
senschaft und die Technologie des Verhaltens einer besseren Pla- 
nung zugute kommen, stellen sie wichtige Mutationen in der Evolu- 
tion einer Kultur dar. Wenn es irgendeinen Zweck oder irgendeine 
Zielgerichtetheit in der Evolution einer Kultur gibt, so hat das damit 
zu tun, daß Menschen unter die Kontrolle eines immer größeren 
Teils der Folgen ihres Verhaltens gebracht werden. 



8 

Der Entwurf 
einer Kultur 


Das «Bessere». Viele Menschen befassen sich mit dem Entwurf 
und Neuentwurf der Praktiken einer Kultur. Sie verändern die 
Dinge, die sie benutzen, und die Art und Weise, wie sie sie benut- 
zen. Sie erfinden bessere Mausefallen und Computer und entdecken 
bessere Möglichkeiten der Kindererziehung, der Lohnabrechnung, 
der Steuererhebung und der Unterstützung anderer, die in Schwie- 
rigkeiten geraten sind. Auf das Wort <Besser> brauchen wir nicht viel 
Zeit zu verschwenden; es ist der Komparativ zu <Gut>, und Dinge, 
die <gut> sind, sind Verstärker. Ob ein Fotoapparat <besser> ist als ein 
anderer, erweist sich beim Gebrauch. Ein Hersteller veranlaßt poten- 
tielle Käufer zu einer «Bewertung» seiner Kamera, indem er versi- 
chert, sie würde einwandfrei funktionieren, oder indem er anführt, 
was andere über ihre Leistungen gesagt haben. Ein wesentlich 
schwierigeres Problem ergibt sich, wenn man eine Kultur als «besser» 
denn eine andere bezeichnet; das ist zum Teil zurückzuführen dar- 
auf, daß in diesem Fall mehr Folgen berücksichtigt werden müssen. 

Sprache des Gefühls und Sprache der Verhaltensanalyse. Nie- 
mand kennt die beste Möglichkeit, Kinder zu erziehen, Arbeitskräf- 
te zu entlohnen, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten, zu unter- 
richten oder Menschen zu kreativem Denken anzuregen. Aber es ist 
möglich, Verfahren vorzuschlagen, die besser sind als die derzeit 
praktizierten. Resultate werden vorausgesagt und schließlich bewie- 
sen, die ein größeres Maß an Verstärkung einschließen. In der Ver- 
gangenheit halfen hierbei persönliche Erfahrungen und Volksweis- 
heiten; heute ist die wissenschaftliche Analyse menschlichen Verhal- 
tens relevant. Sie ist von zweierlei Vorteil : Sie definiert, was getan 


150 



werden muß, und schlägt Möglichkeiten vor, das zu tun. Wie drin- 
gend wir sie benötigen, zeigt uns eine Diskussion, die kürzlich in 
einer Wochenzeitschrift stattgefunden hat; es ging um die Frage, was 
mit Amerika nicht stimme. Das Problem wurde beschrieben als «ei- 
ne gestörte psychische Verfassung der Jungen», als «eine Rezession 
des Geistes», als «eine psychische Flaute» und als «eine seelische 
Krise», und diese Dinge führte man zurück auf <Angst>, <Unsidier- 
heit>, <Unbehagen>, <Entfremdung>, <allgemeine Verzweiflung» und 
einige andere Gefühlslagen und Geisteszustände, die sich alle in dem 
bekannten intrapsychischen Muster wechselseitig beeinflussen (ein 
Mangel an sozialer Sicherheit führt angeblich zu Entfremdung oder 
Frustration führt zu Aggression). Die meisten Leser wußten wahr- 
scheinlich, worüber der Verfasser sprach, und sie mögen das Gefühl 
gehabt haben, er sage etwas Nützliches. Doch zeichnet sich dieser 
Aufsatz - und das ist keineswegs ungewöhnlich - durch zwei 
charakteristische Mängel aus, die deutlich machen, warum wir mit 
kulturellen Problemen nicht zurechtkommen: Das beunruhigende 
Verhalten wird nicht wirklich beschrieben, und nichts wird erwähnt, 
womit es verändert werden könnte. 

Nehmen wir einen jungen Menschen, dessen Welt sich plötzlich 
verändert hat. Er hat das College hinter sich, ergreift nun einen Be- 
ruf oder ist in die Armee eingezogen worden. Ein Großteil des Ver- 
haltens, das er bis zu diesem Zeitpunkt erworben hat, erweist sich in 
der neuen Umwelt als nutzlos. Das Verhalten, das er tatsächlich 
äußert, kann beschrieben werden, und diese Beschreibung ließe sich 
folgendermaßen übersetzen: Es fehlt ihm an Sicherheit, oder er fühlt 
sich unsicher, oder er ist sich seiner selbst nicht sicher ( sein Verhalten 
ist schwach und unzulänglich ), er ist unbefriedigt oder entmutigt 
(er wird selten verstärkt , und folglich wird sein Verhalten unter- 
drückt) ; er ist frustriert (das unterdrückte Verhalten wird begleitet 
von emotionalen Reaktionen); er fühlt sich unwohl öderer ist ängst- 
lich (sein Verhalten hat häufig unvermeidbare aversive Folgen , die 
emotionale Auswirkungen nach sich ziehen); es gibt nichts, was er 
tun möchte oder gern erfolgreich täte, er findet keinen Gefallen an 
handwerklichem Können, er hat nicht das Gefühl, ein sinnvolles Le- 
ben zu führen oder irgend etwas zu leisten (er wird selten für das , 
was er tut , verstärkt); er fühlt sich schuldig oder beschämt (er ist 


151 



bestraft worden , weil er faul gewesen ist oder versagt hat , was nun 
emotionale Reaktionen zur Folge hat); er ist von sich selbst ent- 
täuscht oder kann sich selbst nicht ausstehen (er wird nicht mehr 
verstärkt durch die Bewunderung anderer, und diese Nichtbeach- 
tung hat emotionale Folgen ); er wird hypochondrisch (er folgert , er 
sei krank) oder neurotisch (er probiert viele unwirksame Flucht- 
möglichkeiten durch); und schließlich erlebt er eine Identitätskrise 
(er erkennt nicht mehr die Person , die er einst <Ich> nannte). 

Die kursiv gedruckten Paraphrasen sind zu kurz, um genau zu 
sein, doch veranschaulichen sie die Möglichkeit einer alternativen 
Darstellung, die allein zu wirksamem Handeln führen kann. Für 
den jungen Menschen selbst sind die wichtigen Dinge zweifellos die 
verschiedenen Verfassungen seines Körpers. Das sind wesentliche 
Reize, und der junge Mensch hat gelernt, sie auf die übliche Weise 
zu benutzen, um sein Verhalten sich selbst und anderen zu erklären. 
Was er uns über seine Gefühle erzählt, kann uns einige Aufschlüsse 
darüber geben, was mit den Kontingenzen nicht stimmt, doch wenn 
wir sichergehen wollen, müssen wir uns direkt mit den Kontingenzen 
befassen, und es sind die Kontingenzen , die verändert werden müs- 
sen, wenn das Verhalten des jungen Menschen verändert werden soll. 

Kontingenzen der Verstärkung im Labor. Von <Empfindungen> 
und <Geisteszuständen> redet man aus vielen Gründen immer noch, 
wenn menschliches Verhalten zur Diskussion steht. Diese Begriffe 
haben lange Zeit den Alternativen den Weg versperrt, durch die sie 
ersetzt werden könnten; es ist schwierig, Verhalten als solches zu 
sehen, ohne daß man in es viele der Dinge hineininterpretiert, die es 
angeblich ausdrückt. Das selektive Verhalten der Umwelt ist wegen 
seiner Natur nicht verstanden worden. Nichts weniger als eine ex- 
perimentelle Analyse war notig, um die Bedeutung von Kontingen- 
zen der Verstärkung zu erkennen; denn durch nur beiläufige Beob- 
achtung erkennt man sie kaum. Das läßt sich leicht beweisen. Die 
Kontingenzen, die in einem Labor für operatives Verhalten arran- 
giert werden*, sind häufig sehr komplex, doch immer noch einfa- 

* Vgl. B. F. Skinner: <Contingencies of Reinforcement>. New York 1969, 
S. 8-10. 

152 



eher als viele Kontingenzen in der Welt überhaupt. Trotzdem wird 
es dem, der mit der Laborpraxis nicht vertraut ist, schwerfallen, 
herauszufinden, was sich hier abspielt. Er entdeckt einige wenige ein- 
fache Verhaltensweisen eines Organismus angesichts verschiedener 
Reize, die sich von Zeit zu Zeit ändern, und er kann gelegentlich 
auch ein verstärkendes Geschehen entdecken - zum Beispiel das 
Auftauchen von Nahrung, die der Organismus verzehrt. Die Tat- 
sachen sind alle klar, doch gelegentliche Beobachtungen allein wer- 
den nur selten die Kontingenzen ans Licht bringen. Unser Beobach- 
ter wird nicht erklären können, warum sich der Organismus verhält, 
wie er sich verhält. Und wenn er schon nicht verstehen kann, was er 
in einer vereinfachten Labor-Umwelt sieht, wie soll er dann sinn- 
volle Zusammenhänge in dem entdecken können, was im täglichen 
Leben geschieht? 

Der Experimentator verfügt natürlich über zusätzliche Infor- 
mationen. Er weiß einiges über die Erbanlage seines Forschungsge- 
genstands, das heißt, er hat zumindest andere Individuen derselben 
Gattung studiert. Er weiß etwas über vergangene Geschichte - über 
frühere Kontingenzen, denen der Organismus ausgesetzt gewesen 
ist, über Abläufe der Entbehrung. Doch unser Beobachter ist nicht 
gescheitert, weil ihm diese zusätzlichen Informationen fehlten; er ist 
gescheitert, weil er nicht sehen konnte, was sich vor seinen Augen 
abspielte. In einem Experiment über operatives Verhalten setzen 
sich die wesentlichen Daten zusammen aus Veränderungen des Wahr- 
scheinlichkeitsgrades einer Reaktion, was in der Regel als Verände- 
rung eines Verhältnisses registriert wird. Es ist aber schwierig, wenn 
nicht unmöglich, mittels beiläufiger Beobachtung die Veränderung 
eines Verhältnisses zu verfolgen. Wir besitzen nicht das Rüstzeug, 
Veränderungen zu verfolgen, die ziemlich lange Zeit brauchen. Der 
Experimentator kann solchen Veränderungen in seinen Aufzeich- 
nungen nachgehen. Was den Eindruck einer sporadischen Reaktion 
erweckt, kann sich als ein Stadium in einem geordneten Prozeß her- 
aussteilen. Außerdem weiß der Experimentator auch über die vor- 
herrschenden Kontingenzen Bescheid (er hat den Apparat kon- 
struiert, der diese Zusammenhänge von Verhalten und Folge an- 
ordnet). Wenn unser beiläufiger Beobachter genügend Zeit aufge- 
bracht hat, mag er einige dieser Zusammenhänge entdecken, aller- 


153 



dings nur dann, wenn er weiß, nach was er suchen muß. Solange 
diese Zusammenhänge nicht arrangiert und ihre Wirkungen nicht im 
Labor studiert worden waren, bemühte man sich kaum, sie im All- 
tag ausfindig zu machen. In dieser Hinsicht aber ermöglicht - wie 
im 1. Kapitel bereits bemerkt -, die experimentelle Analyse eine 
wirksame Interpretation menschlichen Verhaltens. Sie erlaubt es, 
unbedeutende Details zu vernachlässigen, ganz gleich, wie drama- 
tisch diese auch wirken mögen, und Merkmale zu unterstreichen, die 
ohne Analyse als nichtssagend beiseitegeschoben werden würden. 

(Der Leser mag bisher geneigt gewesen sein, häufige Hinweise auf 
<Kontingenzen der Verstärkung» als ein neues Beispiel technischen 
Jargons abzutun. Es sollen aber hier nicht bloß alte Sachverhalte 
auf neue Weise ausgedrückt werden. Kontingenzen sind allgegen- 
wärtig; sie umfassen die klassischen Bereiche von Zweck und Ab- 
sicht, allerdings auf wesentlich sinnvollere Weise, und sie liefern al- 
ternative Formulierungen für sogenannte <geistige Prozesse». Mit 
vielen Details hat man sich bislang überhaupt nicht befaßt, und es 
gibt keine traditionellen Begriffe zu ihrer Diskussion. Die volle Be- 
deutung dieses neuen Konzepts ist aber noch längst nicht vollständig 
erkannt. 

Praktische Verhaltenstechnologie. Der Interpretation folgt die 
praktische Aktion. Wir verfügen über Kontingenzen, und wenn wir 
die Bezüge zwischen Verhalten und Umwelt zu verstehen beginnen, 
entdecken wir neue Möglichkeiten, um Verhalten zu verändern. Die 
Umrisse einer Verhaltenstechnologie werden deutlich. Die Aufgabe 
ist, Verhalten hervorzurufen oder zu andern; die dafür wesentlichen 
Kontingenzen werden konstruiert. Eine programmierte Folge von 
Kontingenzen kann nötig werden. Diese Technologie hat sich als 
überaus erfolgreich erwiesen, wenn Verhalten ziemlich einfach spe- 
zifiziert werden konnte und wenn sich angemessene Kontingenzen 
konstruieren lassen - zum Beispiel in der Kinderpflege, in Schulen 
.und bei der Behandlung von Retardierten und Psychotikern. Diesel- 
ben Prinzipien lassen sich aber auch bei der Vorbereitung von Lehr- 
material auf allen pädagogischen Ebenen anwenden, in der Psy- 
chotherapie, wenn sie mehr ist, als nur simple Manipulation, in der 
Resozialisierung, im industriellen Management, in der Stadtplanung 


154 



und auf vielen anderen Gebieten mensdilidien Verhaltens. Es gibt 
eine Vielzahl von <Verhaltensmodifikationen> und verschiedene For- 
mulierungen, doch in einem wesentlichen Punkt stimmen sie alle 
überein: Verhalten kann verändert werden durch eine Veränderung 
der Bedingungen, von denen es eine Funktion ist.* 

Drei Wertarten. Eine solche Technologie ist ethisch neutral. Sie 
kann benutzt werden von Heiligen oder Verbrechern. Nichts in ei- 
ner Methodologie bestimmt die Werte, die ihrer Anwendung die 
Richtung geben. Doch geht es uns hier nicht bloß um Praktiken, son- 
dern um den Entwurf einer ganzen Kultur, und das läuft darauf 
hinaus, daß die Erhaltung einer Kultur zu einer besonderen Art von 
Wert wird. Jemand kann eine bessere Erziehungsmethode für Kin- 
der entwickeln, weil es ihm vor allem darum geht, Kinder zu ver- 
meiden, die sich schlecht betragen. Er kann das Problem dadurch 
lösen, daß er zum Zuchtmeister wird. Oder er kann mit seiner neuen 
Methode das Wohl der Kinder oder auch der Eltern generell för- 
dern wollen. Die Methode kann Zeit und Energie und den Verzicht 
auf persönliche Verstärker kosten, doch er wird sie verfechten und 
benutzen, wenn er hinreichend beeinflußt worden ist, sich für das 
Wohl anderer einzusetzen. Wird er durch den Anblick der Freude 
anderer intensiv verstärkt, dann wird er eine Umwelt entwerfen, in 
der Kinder glücklich sind. Wenn seine Kultur ihn jedoch dahinge- 
hend beeinflußt hat, daß ihm deren Erhaltung am Herzen liegt, wird 
er vielleicht untersuchen, was Menschen auf Grund ihrer früheren 
Geschichte für ihre Kultur leisten, und dann eine bessere Methode 
entwerfen, um solche Leistungen zu steigern. Jene aber, die sich die- 
ser Methode bedienen, müssen vielleicht einen gewissen Verlust an 
persönlichen Verstärkern hinnehmen. 

Auf dieselben drei Wertarten stößt man bei der Planung anderer 
kultureller Praktiken. Der Klassenlehrer kann neue Lehrmethoden 
entwickeln, die ihm das Leben erleichtern oder die seinen Schülern 
gefallen (die ihn dann ihrerseits verstärken) oder die die Wahrschein- 
lichkeit erhöhen, daß seine Schüler für ihre Kultur so viel wie mög- 

* Vgl. Roger Ulrich, Thomas Stachnik, John Mabry (Hg.): <Control of 
Human Behavior>. 2 Bde., Glenview/Ill. 1966 und 1970. 


155 



lidi leisten werden. Der Industrielle kann ein Lohnsystem entwer- 
fen, das seinen Profit maximiert oder das zum Wohl der Arbeitneh- 
mer konzipiert ist oder das auf wirksamste Weise zur Erzeugung 
der Güter führt, die eine Kultur benötigt - mit einem minimalen 
Aufwand an Hilfsquellen und mit einer minimalen Verschmutzung 
der Umwelt. Eine Regierungspartei kann es in erster Linie darum 
gehen, an der Macht zu bleiben, oder darum, jene zu verstärken, die 
sie regiert (und die sie dann ihrerseits an der Macht halten), oder 
den Staat an sich zu fördern, indem sie zum Beispiel ein Sparpro- 
gramm einführt, das der Partei sowohl die Macht als auch die Un- 
terstützung kosten kann. 

Dieselben drei Ebenen lassen sich beim Entwurf einer Kultur als 
Ganzes entdecken. Wenn der Planer ein Egoist ist, wird er eine Welt 
entwerfen, in der er sich unter minimaler aversiver Kontrolle befin- 
det; sein eigenes Wohl wird ihm als höchster Wert erscheinen. Wenn 
er dem Einfluß einer entsprechenden sozialen Umwelt ausgesetzt 
gewesen ist, wird er seinen Entwurf auf das Wohl anderer abstim- 
men, möglicherweise auf Kosten persönlicher Vorteile. Wenn es ihm 
in erster Linie um den Erhaltungswert geht, wird er bei der Planung 
einer Kultur darauf achten, ob sie auch funktionieren wird. 

Was ist für die Erhaltung der Kultur zu tun? Wenn eine Kultur 
die Menschen dazu bringt, sich für ihre Erhaltung einzusetzen, was 
sollen sie dann tun? Sie werden einige der Schwierigkeiten voraus- 
sehen müssen, denen die Kultur ausgesetzt sein wird. Diese Schwie- 
rigkeiten liegen gewöhnlich in der fernen Zukunft, und wie sie im 
einzelnen aussehen, ist keineswegs immer klar. Apokalyptische Vi- 
sionen haben eine lange Geschichte hinter sich, doch erst seit kur- 
zem hat man sich intensiver mit der Voraussage der Zukunft befaßt. 
Auf völlig unvorhersehbare Schwierigkeiten kann man sich nicht 
vorbereiten, doch können wir Gefahren voraussehen, indem wir ge- 
genwärtige Trends extrapolieren. Die ständige Zunahme der Welt- 
bevölkerung, der Depots für Atomwaffen, der Umweltverschmut- 
zung und der Ausbeutung von Rohstoffquellen ist leicht zu beob- 
achten; wir können also versuchen, mittels geänderter Methoden die 
Menschen dazu zu bringen, weniger Kinder in die Welt zu setzen, 
weniger für den Bau von Atomwaffen auszugeben, mit der Umwelt- 


156 



Verschmutzung Schluß zu machen und Hilfsquellen langsamer aus- 
zubeuten. 

Wir brauchen nidit die Zukunft vorherzusagen, um zu erkennen, 
in welcher Weise die Stärke einer Kultur vom Verhalten ihrer An- 
gehörigen abhängt. Eine Kultur, die die öffentliche Ordnung auf- 
rechterhält und sich gegen Angriffe verteidigt, befreit die Menschen 
von Bedrohungen und sorgt vermutlich dafür, daß mehr Zeit und 
Energie für andere Dinge zur Verfügung stehen (insbesondere wenn 
Sicherheit und Ordnung nicht mit Gewalt aufrechterhalten werden). 
Eine Kultur benötigt zu ihrer Erhaltung verschiedene Dinge, und 
ihre Stärke ist zum Teil von den wirtschaftlichen Zusammenhängen 
abhängig, durch die unternehmerischer Geist und produktive Arbeit 
erhalten bleiben, zum Teil auch von den verfügbaren Produktions- 
mitteln und zum Teil schließlich von der Entwicklung und Erhal- 
tung von Rohstoffquellen. Eine Kultur ist wahrscheinlich stärker, 
wenn sie die Menschen veranlaßt, für eine gesunde und sichere Um- 
welt zu sorgen, wenn 'sie ein Gesundheitswesen aufbaut und wenn 
sie jene Bevölkerungsdichte nicht überschreitet, die ihrem Lebens- 
raum und ihren Hilfsquellen entspricht. Eine Kultur muß von einer 
Generation an die andere weitergegeben werden, und ihre Kraft 
hängt vermutlich davon ab, was und wieviel ihre Angehörigen ler- 
nen, sei es nun zwanglos als lehrreiche Folgewirkungen oder durch 
erzieherische Institutionen. Eine Kultur braucht die Unterstützung 
der einzelnen, und um der Unzufriedenheit oder der Fahnenflucht 
vorzubeugen, muß sie die Möglichkeit des Strebens nach Glück und 
der Verwirklichung von Glück gewährleisten. Eine Kultur muß sta- 
bil sein, sich jedoch auch verändern können. Wahrscheinlich wird sie 
dann am stärksten sein, wenn es ihr gelingt, auf der einen Seite 
übertriebenes Traditionsbewußtsein und Angst vor dem Neuen und 
auf der anderen Seite allzu rasche Veränderungen zu vermeiden. 
Schließlich wird eine Kultur einen besonders ausgeprägten Erhal- 
tungswert besitzen, wenn sie die Menschen ermutigt, ihre Praktiken 
zu überprüfen und mit neuen zu experimentieren. 

Eine Kultur ähnelt in vielem jenem experimentellen Raum, der 
bei der Verhaltensanalyse benutzt wird. In jedem der beiden Fälle 
handelt es sich um Komplexe von Kontingenzen der Verstärkung. 
Ein Kind wird in eine Kultur hineingeboren, so wie ein Organis- 


157 



mus in einen experimentellen Raum gebracht wird. Die Planung 
einer Kultur ist wie die Planung eines Experiments; Kontingenzen 
werden arrangiert und Wirkungen notiert. In einem Experiment 
sind wir an dem interessiert, was geschieht, bei dem Entwurf einer 
Kultur daran, ob sie funktionieren wird. Das ist der Unterschied 
zwischen Wissenschaft und Technologie. 

Utopia. Eine Auswahl kultureller Entwürfe begegnet uns in der 
utopischen Literatur.* Schriftsteller haben ihre Versionen vom gu- 
ten Leben zu Papier gebracht und Wege zu ihrer Verwirklichung 
vorgeschlagen. Platon wählte im Staat eine politische Lösung, der 
heilige Augustinus in seinem Gottesstaat eine religiöse. Thomas 
More und Francis Bacon, beide Rechtsgelehrte, gingen aus von Recht 
und Ordnung, während sich die Rousseauschen Utopisten des 18. 
Jahrhunderts auf eine angebliche natürliche Tugendhaftigkeit des 
Menschen beriefen. Das 19. Jahrhundert suchte nach wirtschaftli- 
chen Lösungen, und das 20. Jahrhundert erlebte die Blüte von dem, 
was man als Verhaltensutopien ** bezeichnen könnte, in deren Rah- 
men (häufig auf satirische Weise) eine ganze Reihe von sozialen 
Kontingenzen diskutiert wurde. 

Utopische Schriftsteller haben sich bemüht, ihre Aufgabe zu ver- 
einfachen. Eine utopische Gemeinschaft besteht in der Regel aus einer 
relativ kleinen Anzahl von Menschen, die an einem einzigen Ort zu- 
sammen leben und dauerhafte Beziehungen zueinander unterhalten. 
Sie können eine zwanglose wechselseitige ethische Kontrolle aus- 
üben und die Funktion organisierter Gewalten minimieren. Sie kön- 
nen voneinander anstatt von Fachleuten, den Lehrern, lernen. Sie 
können durch Zensur, anstatt durch die genau präzisierten Strafen 
eines durchorganisierten Rechtssystems davon abgehalten werden, 

* Vgl. B. F. Skinner: <Contingencies of Reinforcement>. New York 1969, 
Kap. 2. 

** Die bekannteste ist Aldous Huxleys Satire < Brave new World > ( 1923). 
Die im 20. Jahrhundert vorherrschende Psychologie - die Psychoanalyse - 
hat kaum Utopien hervorgebracht. Des Verfassers Buch <Walden Two> (dt.: 
<Futurum 2wei> [Reinbek 1972, Rowohlt Taschenbuch Verlag - rororo 
sachbuch 6791]) beschreibt eine Gemeinschaft, die auf den im hier vorlie- 
genden Buch dargelegten Prinzipien beruht. 


158 



einander sdilecht zu behandeln. Sie können Güter erzeugen und aus- 
tausdien, ohne Werte in Form von Geldbegriffen zu spezifizieren. 
Sie können mit einem Minimum an institutioneller Fürsorge jenen 
helfen, die krank, verkrüppelt, seelisch gestört oder alt sind. Stö- 
rende Kontakte mit anderen Kulturen lassen sich durch geographi- 
sche Abkapselung vermeiden (Utopien werden häufig auf Inseln oder 
inmitten unzugänglicher Gebirge angesiedelt), und der Übergang zu 
einer neuen Kultur wird in der Regel erleichtert durch einen forma- 
lisierten Bruch mit der Vergangenheit, zum Beispiel durch ein Wie- 
dergeburtsritual (Utopien werden häufig in die ferne Zukunft verlegt, 
damit die nötige Entwicklung der Kultur plausibel wird). Ein Uto- 
pia ist eine totale soziale Umwelt, dessen Teile perfekt Zusammen- 
arbeiten. Hier gibt es keine Konflikte zwischen der Familie und der 
Schule oder dem Leben auf der Straße oder zwischen einer Religion 
und einer Regierung. 

Wesentlichstes Merkmal eines utopischen Entwurfs ist vielleicht 
jedoch, daß die Erhaltung einer Gemeinschaft ihren Mitgliedern als 
wichtiges Ziel eingeprägt werden kann. Der geringe Umfang, die 
Abkapselung und der innere Zusammenhalt - sie alle verleihen der 
Gemeinschaft eine Identität, die ihren Erfolg oder ihr Scheitern au- 
genfällig macht. Die grundlegende Frage in allen Utopien ist folgen- 
de: < Würde sie wirklich funktionieren ?> Dieser Zweig der Literatur 
ist deshalb beachtenswert, weil er auf Experimente besonderen 
Wert legt. Eine überlieferte Kultur ist untersucht und für mangel- 
haft befunden worden, und so hat man sich um eine neue Spielart 
dieser Kultur bemüht, die es zu erproben und, den Umständen ent- 
sprechend, neu zu planen gilt. 

Probleme der Verwirklichung. Mit der Vereinfachung, der man 
in der utopischen Literatur begegnet - eine für jede Wissenschaft 
charakteristische Vereinfachung -, läßt sich in der wirklichen Welt 
wenig anfangen, und darüber hinaus gibt es noch viele andere Grün- 
de dafür, daß es so schwierig ist, einen detaillierten Entwurf prak- 
tisch zu verwirklichen. Eine große Bevölkerung kann nicht einfach 
unter zwanglose soziale oder ethische Kontrolle gebracht werden, 
weil sich soziale Verstärker wie Lob und Tadel nicht gegen die per- 
sönlichen Verstärker, auf denen sie basieren, austauschen lassen. War- 


159 



um sollte jemand von dem Lob oder Tadel eines anderen berührt 
werden, den er nie sehen wird? Eine ethische Kontrolle kann viel- 
leicht in kleinen Gruppen erhalten bleiben, doch die Kontrolle der 
Bevölkerung als Ganzes muß an Fachleute delegiert werden - das 
heißt Polizisten, Priester, Eigentümer, Lehrer, Therapeuten und so 
fort, an Menschen also, die über spezialisierte Verstärker und ihre 
kodifizierten Kontingenzen verfügen. Wahrscheinlich befinden sich 
diese bereits miteinander im Konflikt, und ziemlich sicher ist, daß 
sie mit jedem neuen Komplex von Kontingenzen in Konflikt ge- 
raten werden. Es ist nicht allzu schwierig, ein zwangloses Lehren zu 
modifizieren, jedoch fast unmöglich, eine erzieherische Institution 
zu verändern. Es ist ziemlich einfach, Praktiken der Eheschließung 
und Scheidung oder Geburtsriten zu verändern, wenn sich deren 
Bedeutung für die Kultur verändert, doch fast unmöglich ist es, die 
religiösen Grundsätze zu verändern, die solchen Praktiken zugrun- 
de liegen. Das Ausmaß, in dem verschiedene Arten von Verhalten 
als richtig anerkannt werden, läßt sich leicht modifizieren, doch 
schwierig ist es, die Gesetze eines Staates zu verändern. Die ver- 
stärkenden Werte von nützlichen Dingen sind flexibler als die Wer- 
te, die von Wirtschaftsorganisationen festgelegt werden. Das Wort 
einer Autorität ist unnachgiebiger als die Tatsachen, von denen sie 
spricht, es sind. 

Es überrascht nicht, daß das Wort <utopisch>, wenn es um die 
wirkliche Welt geht, so viel wie <undurchführbar> bedeutet. Die Ge- 
schichte scheint das zu untermauern; seit fast zweitausendfünfhun- 
dert Jahren sind verschiedenste utopische Versuche entwickelt wor- 
den, um jedoch dann, bei ihrer Verwirklichung, jämmerlich zu schei- 
tern. Doch die historische Evidenz scheint immer gegen neue Mög- 
lichkeiten zu sprechen; so wird der Begriff Geschichte zumindest auf- 
gefaßt. Wissenschaftliche Entdeckungen und Erfindungen sind un- 
wahrscheinlich; so werden die Begriffe Entdeckung und Erfindung 
zumindest aufgefaßt. Und wenn geplante Wirtschaftssysteme, men- 
schenfreundliche Diktaturen, perfektionistische Gesellschaftssysteme 
und andere utopische Spekulationen gescheitert sind, sollten wir 
nicht vergessen, daß auch nicht geplante, nicht diktierte und nicht 
perfekte Kulturen gescheitert sind. Ein Mißerfolg ist nicht immer 
einem Fehler gleichzusetzen; mehr ist unter bestimmten Umstän- 


160 



den vielleicht nicht zu erreichen. Der eigentliche Fehler besteht dar- 
in, Versuche überhaupt aufzugeben. Vielleicht können wir im Au- 
genblick noch nicht eine wirksame Kultur als Ganzes entwerfen, 
doch können wir Schritt um Schritt bessere Praktiken planen. Die 
Verhaltensprozesse in der Welt als Ganzes sind dieselben wie die in 
einer utopischen Gemeinschaft, und Praktiken haben dieselben Wir- 
kungen, aus denselben Gründen. 

Veränderung von Kontingenzen. Denselben Vorteilen begegnet 
man, wenn man besonderes Gewicht auf Kontingenzen der Verstär- 
kung und nicht auf Geisteszustände oder Empfindungen legt. So ist 
es ein schwerwiegendes Problem, daß Schüler nicht mehr in alther- 
gebrachter Weise auf erzieherische Umwelten reagieren; sie kehren, 
unter Umständen für lange Zeit, der Schule den Rücken, sie belegen 
nur Kurse, die ihnen gefallen oder die wesentlichen Bezug zu ihren 
Problemen zu haben scheinen, sie zerstören Schuleigentum und grei- 
fen Lehrer und Beamte an. Doch wir werden dieses Problem nicht 
lösen, wenn wir «in unseren Zuhörern eine Achtung kultivieren, 
die sie heute nicht besitzen, eine Achtung gegenüber der Gelehrsam- 
keit als solcher und gegenüber den praktisch tätigen Lehrern und 
Gelehrten». (Die <Kultivierung> von Achtung ist eine Metapher, 
die dem Gartenbau entstammt.) Es ist die erzieherische Umwelt, mit 
der etwas nicht stimmt. Wir müssen Kontingenzen entwerfen, auf 
Grund derer Schüler Verhalten entwickeln, das für sie und ihre Kul- 
tur nützlich ist - Kontingenzen, die keine problematischen Neben- 
produkte hervorbringen, sondern jenes Verhalten, das auf eine ^Ach- 
tung gegenüber der Gelehrsamkeit» schließen läßt. Man erkennt leicht, 
was mit den meisten erzieherischen Umwelten nicht stimmt; es fehlt 
auch nicht an Versuchen, Material zu entwickeln, das ein Lernen 
möglichst erleichtert, und Kontingenzen zu konstruieren, sei es nun 
in der Klasse oder anderswo, durch die Schüler zu ihrer Ausbildung 
kräftig angespornt werden. 

Ein ernsthaftes Problem erhebt sich auch dann, wenn junge Leute 
den Wehrdienst verweigern und desertieren oder außer Landes ge- 
hen. Doch werden wir daran im wesentlichen nichts ändern, wenn 
wir <größere Loyalität oder größeren Patriotismus inspirieren». Was 
verändert werden muß, sind die Kontingenzen, durch die junge Leu- 


161 



te veranlaßt werden, sich gegenüber ihrer Regierung auf bestimmte 
Weise zu verhalten. Die von Regierungen verhängten Sanktionen 
sind nach wie vor fast durchweg punitiver Art, und die unglückli- 
chen Nebenfolgen werden hinreichend verdeutlicht durch das Aus- 
maß an innenpolitischer Unordnung und internationalen Konflik- 
ten. Es ist ein schwerwiegendes Problem, daß wir uns fast ständig 
im Krieg mit anderen Völkern befinden, doch werden wir nicht 
weit kommen, wenn wir Spannungen, die zum Krieg führen>, 
bekämpfen oder wenn wir kriegerische Gemüter besänftigen oder 
wenn wir die Gesinnungen von Menschen verändern (wo, wie uns 
die UNESCO sagt, Kriege entstehen). Was es zu verändern gilt, 
das sind die Umstände, unter denen Menschen und Völker Kriege 
führen. 

Vielleicht beunruhigt uns ebenfalls die Tatsache, daß viele junge 
Leute so wenig wie möglich arbeiten oder daß Arbeiter nicht mehr 
fleißig sind und häufig krank feiern oder daß Erzeugnisse oft von 
minderer Qualität sind. Aber wir werden nicht weit kommen, wenn 
wir <einen Sinn für handwerkliche Fertigkeit oder einen Stolz auf 
eigene Arbeit» oder einen Sinn für den Adel der Arbeit» inspirie- 
ren, oder wenn wir dort, wo Geschick und Fertigkeit Teil eines Ka- 
stensystems sind, «den tiefverwurzelten emotionalen Widerstand 
des Kasten-Ober- Ichs» verändern, wie es ein Autor formuliert hat. 
Etwas stimmt nicht mit den Kontingenzen, welche die Menschen 
veranlassen sollen, fleißig und sorgsam zu arbeiten. (Auch mit an- 
deren Arten von wirtschaftlichen Kontingenzen stimmt etwas nicht.) 

Walter Lippmann meinte einmal, «die wesentlichste Frage, die 
sich der Menschheit stellt», sei, wie sich die Menschen vor der Kata- 
strophe, die sie bedroht, retten können. Doch um diese Frage zu 
beantworten, gilt es nicht bloß zu entdecken, wie Menschen <willig 
und fähig werden, sich zu retten». Wir müssen uns mit den Kontin- 
genzen auseinandersetzen, die die Menschen zum Handeln veran- 
lassen, damit die Überlebenschancen ihrer Kultur erhöht werden. 
Wir besitzen die physikalischen, biologischen und Verhaltens-Tech- 
nologien, die nötig sind, <um uns zu retten»; das Problem besteht 
darin, wie man die Menschen dazu bringt, daß sie sie auch benut- 
zen. Vielleicht ist es richtig, daß ein <Utopia gewollt werden muß», 
aber was heißt das? Welche sind die einzelnen Hauptmerkmale ei- 


162 



ner Kultur, die überleben wird, weil sie ihre Mitglieder veranlaßt, 
sich für ihre Erhaltung einzusetzen? 

Labor und wirkliche Welt. Die Verhaltenswissenschaft bei der Pla- 
nung einer Kultur anwenden zu wollen, ist ein ehrgeiziges Vorha- 
ben, das man häufig für utopisch - im abwertenden Sinne - hält. 
Einige Gründe für einen solchen Skeptizismus sollen hier erläutert 
werden. So wird oft behauptet, es gäbe fundamentale Unterschiede 
zwischen der wirklichen Welt und dem Labor, in dem Verhalten 
analysiert wird. Wo die Laborgegebenheiten künstlich sind, ist die 
wirkliche Welt natürlich; wo eine Versuchsanordnung vereinfacht, 
ist die Welt komplex; wo Prozesse, die im Labor beobachtet wer- 
den, eine Ordnung erkennen lassen, ist Verhalten anderswo bezeich- 
nenderweise undurchsichtig. Das sind wirkliche Unterschiede, aber 
sie müssen nicht notwendig fortbestehen, wenn die Verhaltens Wis- 
senschaft Fortschritte macht. Außerdem brauchen sie heute schon 
häufig nicht mehr ernst genommen zu werden. 

Der Unterschied zwischen künstlichen und natürlichen Bedingun- 
gen ist nicht von ernstlicher Natur. Wenn eine Taube an Blättern 
herumpickt und darunter Nahrung findet, ist dieser Vorgang inso- 
fern als natürlich zu bezeichnen, als die Kontingenzen hier Stan- 
dardbestandteile der Umwelt sind, in der die Taube sich entwickelt 
hat. Die Kontingenzen, innerhalb derer eine Taube an eine beleuch- 
tete Scheibe an der Wand pickt, worauf in einem Verteiler hinter 
der Scheibe Futter erscheint, sind eindeutig nicht natürlich. Aber 
obgleich die Versuchsanordnung im Labor künstlich ist, während 
die Anordnung aus Blättern mit Samen darunter natürlich ist, kön- 
nen die Abläufe, durch die das Verhalten verstärkt wird, mitein- 
ander identisch gemacht werden. Der natürliche Ablauf entspricht 
dem Ablauf eines «variablen Verhältnisses» im Labor, und es gibt 
keinen Grund, daran zu zweifeln, daß Verhalten unter beiden Be- 
dingungen auf dieselbe Weise beeinflußt wird. Wenn die Auswirkun- 
gen des Ablaufs mittels einer programmierten Versuchsanordnung 
untersucht werden, beginnen wir das in der Natur beobachtete Ver- 
halten zu verstehen, und da immer mehr komplexe Kontingenzen 
der Verstärkung im Labor erforscht worden sind, konnte man auch 
über die natürlichen Kontingenzen mehr Aufschluß erlangen. 


163 



Dasselbe aber gilt für die Vereinfachung. Jede experimentelle 
Wissenschaft vereinfacht die Bedingungen, unter denen sie arbeitet, 
besonders in den Anfangsstadien einer Forschungsarbeit. Eine Ver- 
haltensanalyse beginnt natürlich mit einfachen Organismen, die sich 
in einer einfachen Versuchsanordnung einfach verhalten. Wenn man 
angemessene Regelmäßigkeiten entdeckt, können die Anordnungen 
komplexer gestaltet werden. Wir kommen nur so rasch voran, wie 
es unsere Erfolge zulassen, und so scheint der Fortschritt häufig nur 
langsam. Verhalten ist ein entmutigender Forschungsgegenstand, 
weil wir ihm so nahestehen. Die ersten Physiker, Chemiker und 
Biologen erfreuten sich einer Art natürlichen Schutzes gegen die 
Komplexität ihrer Fachbereiche; viele relevante Tatsachen waren 
ihnen unbekannt. Sie konnten sich wenige Dinge zur Untersuchung 
vornehmen und den Rest der Natur als irrelevant oder unerreich- 
bar beiseite lassen. Wenn Gilbert, Faraday oder Maxwell auch nur 
einen flüchtigen Blick auf unser heutiges Wissen über die Elektrizi- 
tät hätten werfen können, wäre es ihnen wesentlich sdiwerergefal- 
len, Ausgangspunkte zu finden und Regeln zu formulieren, die nicht 
<übersimplifiziert> erschienen wären. Zum Glück für sie wurde 
vieles von dem, was man heute auf ihren Fachgebieten weiß, erst 
als Ergebnis strenger Forschung und technologischer Praxis in Er- 
fahrung gebracht, und all dies brauchte erst berücksichtigt zu wer- 
den, als man bereits wichtige Formulierungen gefunden hatte. Der 
Verhaltenswissenschaftler hat ein solches Glück nicht. Er ist sich zu 
sehr seines eigenen Verhaltens als eines Teils seines Forschungsge- 
biets bewußt. Flüchtige Empfindungen, Streiche, die unser Erinne- 
rungsvermögen spielt, die Kapricen der Träume, die offenbar intui- 
tiven Lösungen von Problemen - das und vieles andere am mensch- 
lichen Verhalten erfordert unablässige Aufmerksamkeit. Deshalb 
ist es auf diesem Gebiet wesentlich schwieriger, einen Ausgangs- 
punkt zu finden und zu Formulierungen zu gelangen, die nicht allzu 
simpel erscheinen. 

Die Interpretation der komplexen Welt menschlicher Probleme 
in den Begriffen einer experimentellen Analyse wird zweifellos häu- 
fig übersimplifiziert. Man hat Behauptungen übertrieben und Gren- 
zen übersehen. Die wirklich schwerwiegende Obersimplifizierung be- 
steht aber in dem traditionellen Appell an Geisteszustände, Emp- 


164 



findungen und andere Eigenschaften des autonomen Menschen». Al- 
lerdings wird er nach und nadi durch die Verhaltensanalyse ersetzt. 
Die Leichtigkeit, mit der mentalistische Erklärungen aus dem Är- 
mel geschüttelt werden können, ist vielleicht der beste Maßstab da- 
für, wie wenig Aufmerksamkeit wir ihnen schenken sollten. Glei- 
ches gilt für überlieferte Praktiken. Die Technologie, die aus einer 
experimentellen Analyse hervorgegangen ist, sollte nur bewertet 
werden im Vergleich zu dem, was auf andere Weise geleistet wird. 
Einem - nichtwissenschaftlichen oder vorwissenschaftlichen - so- 
genannten gesunden Urteilsvermögen, einem praktischen Verständ- 
nis oder den Einsichten, die durch persönliche Erfahrung gewonnen 
werden - was haben wir ihnen denn letztlich zu verdanken? Die 
Frage ist heute: Wissenschaft oder gar nichts - und die einzige Lö- 
sung des Problems der Vereinfachung besteht darin, daß man lernt, 
wie man mit komplexen Dingen zurechtkommt. 

Die Verhaltens Wissenschaft ist noch nicht so weit, alle unsere Pro- 
bleme lösen zu können, doch sie ist im Begriff, sich zu entwickeln, 
wobei ihre endgültige Zweckdienlichkeit noch nicht beurteilt werden 
kann. Wenn Kritiker behaupten, daß sie unfähig sei, diesen oder je- 
nen Aspekt menschlichen Verhaltens zu klären, schließen sie gewöhn- 
lich ein, daß sie nie dazu in der Lage sein wird; doch die Analyse 
entwickelt sich weiter und ist in der Tat wesentlich weiter fortge- 
schritten, als ihre Kritiker in der Regel annehmen. 

Wichtig ist nicht so sehr, zu wissen, wie man ein Problem löst, 
sondern zu wissen, wie man an die Suche nach dem Problem heran- 
geht. Die Wissenschaftler, die an Präsident Roosevelt mit dem Vor- 
schlag herantraten, eine Bombe zu bauen, so schrecklich in ihrer 
Wirkung, daß sie den Zweiten Weltkrieg innerhalb weniger Tage 
beenden würde, vermochten nicht zu sagen, wie man sie bauen 
könnte. Alles, was sie sagen konnten, war, wie sie das herausfinden 
könnten. Die Verhaltensprobleme, die in der Welt von heute zu 
lösen sind, sind zweifellos komplexer als die praktische Anwen- 
dung einer Kernspaltung, und die dazu benötigte grundlegende Wis- 
senschaft ist keineswegs so weit fortgeschritten; aber wir wissen, 
wo wir mit der Suche nach Lösungen beginnen können. 


165 



Planung und Zufall. Der Vorschlag, eine Kultur mit Hilfe wis- 
senschaftlicher Analyse zu planen, löst häufig Kassandrarufe über 
künftiges Unheil aus. Die Kultur, so behauptet man, würde nicht 
wie geplant funktionieren, und unvorhergesehene Folgen könnten 
sich als katastrophal erweisen. Beweise werden selten beigebracht, 
vielleicht weil die Geschichte von vornherein für ein Versagen zu 
sprechen scheint: Schon viele Pläne sind gescheitert, vielleicht gerade 
weil sie geplant worden sind. Das Bedrohliche an einer geplanten 
Kultur besteht nach Joseph Wood Krutdi * darin, daß das Ungeplan- 
te «vielleicht nie wieder durchbricht». Aber es fällt schwer, das 
Vertrauen zu rechtfertigen, das man in den Zufall setzt. Zwar ist 
es richtig, daß Zufälle verantwortlich gewesen sind für fast alles, 
was der Mensch bis heute geleistet hat, und Zufälle werden zweifel- 
los auch weiterhin zu menschlichen Leistungen beitragen. Dem Zu- 
fall als solchem wohnt aber keine besondere Tugend inne. Auch 
Ungeplantes scheitert. Die Eigenart eines eifersüchtigen Herrschers, 
der jede Störung als persönliche Beleidigung auffaßt, kann einen zu- 
fälligen Erhaltungswert besitzen, wenn dadurch Recht und Ordnung 
erhalten bleiben; doch die militärischen Strategien eines paranoiden 
Führers entstammen derselben Quelle und können völlig andere 
Folgen haben. Industrialisierung als Ergebnis eines rücksichtslosen 
Strebens nach Glück kann einen zufälligen Erhaltungswert besitzen, 
wenn zum Beispiel plötzlich Kriegsmaterial benötigt wird; doch 
können durch sie genauso Rohstoffquellen erschöpft, kann durch sie 
genauso die Umwelt verschmutzt werden. 

Wenn eine geplante Kultur unumgänglich Uniformität oder Re- 
glementierung bedeutet, könnte sie tatsächlich einer Evolution ent- 
gegenstehen. Wenn Menschen einander sehr ähnlich wären, wäre es 
weniger wahrscheinlich, daß sie neue Praktiken entdecken oder ent- 
wickeln würden, und eine Kultur, die die Menschen einander so 
ähnlich machen würde wie möglich, hätte eine Standardisierung zur 
Folge, aus der es kein Entrinnen gäbe. Das wäre schlechte Planung, 
doch wenn wir auf Vielfalt bedacht sind, sollten wir uns nicht 
wieder auf den Zufall verlassen. Viele zufällige Kulturen sind 
durch Uniformität und Reglementierung gekennzeichnet gewesen. 

* Joseph Wood Krutdi: <The Measure of Man>. Indianapolis 1954. 


166 



Die Erfordernisse der Verwaltung in politischen, religiösen und wirt- 
schaftlichen Systemen erzeugen Uniformität, weil sich dadurch das 
Kontrollproblem vereinfacht. Die traditionellen pädagogischen In- 
stitutionen legen fest, was der Schüler in welchem Alter lernen muß, 
und sie sorgen für Prüfungen, um sicherzugehen, daß die einzelnen 
Punkte des Lehrprogramms erfüllt werden. Die Gesetzbücher von 
Regierungen und Religionen sind gewöhnlich sehr klar abgefaßt 
und lassen wenig Raum für Abwechslung oder Veränderung. Die 
einzige Hoffnung ist eine geplante Mannigfaltigkeit, in der die Wich- 
tigkeit einer Vielfalt erkannt wird. Die Zucht von Pflanzen oder 
von Tieren gewinnt an Uniformität, wenn Uniformität wichtig 
ist (zum Beispiel bei der Vereinfachung der Landwirtschaft oder 
in der Tierzucht), doch erfordert sie auch geplante Vielgestaltigkeit. 

Planungen unterbinden nicht nützliche Zufälle. Tausende von 
Jahren lang benutzten Leute Faserstoffe (zum Beispiel Baumwolle, 
Wolle oder Seide), die sie aus Quellen bezogen, welche insofern zu- 
fällig waren, als sie in Zusammenhang mit Kontingenzen der Er- 
haltung standen - mit Kontingenzen, die kaum mit jenen Kontin- 
genzen verbunden waren, welche sie für den Menschen nützlich 
machten. Auf der anderen Seite werden synthetische Fasern eigens 
geplant; ihre Nützlichkeit wird in Rechnung gestellt. Aber die Er- 
zeugung von synthetischen Fasern macht deshalb die Entwicklung 
einer neuen Art von Baumwolle, Wolle oder Seide nicht unwahr- 
scheinlicher. Es kommt immer noch zu Zufällen, und wer nach neuen 
Möglichkeiten forscht, wird solche Zufälle fördern. Man könnte 
vielleicht sogar behaupten, daß die Wissenschaft Zufälle maximiert. 
Der Physiker beschränkt sich nicht auf die Temperaturen, die zu- 
fällig in der Welt auftreten, sondern er erzeugt eine kontinuierliche 
Reihe von Temperaturen, die einen sehr weiten Bereich umschlie- 
ßen. Der Verhaltenswissenschaftler beschränkt sich nicht auf die 
Verstärkungsabläufe, zu denen es in der Natur kommt, sondern er 
arrangiert eine Vielzahl von Abläufen, von denen vielleicht manche 
durch Zufall nie zustande gekommen wären. Die <zufällige> Natur 
eines Zufalls zeichnet sich durch nichts Besonderes aus. Eine Kultur 
entwickelt sich, wenn neue Praktiken entstehen und einer Analyse 
unterzogen werden, aber wir können nicht darauf warten, bis sich 
diese zufällig einstellen. 


167 



Was wird sich in einer neuen Kultur ändern? Widerstand gegen 
den Entwurf einer neuen Kultur kommt mitunter in der Äußerung 
<Das wäre nichts für midi> zum Ausdruck. Diese Äußerung ließe 
sich so übersetzen: «Diese Kultur wäre aversiv und würde midi nicht 
so verstärken, wie ich es gewöhnt bin.> Das Wort <Reform> steht in 
schlechtem Geruch, weil man dabei gewöhnlich an die Zerstörung 
von Verstärkern denkt - <die Puritaner haben die Maibäume ab- 
geschafft und das Schaukelpferd ist vergessen> aber der Entwurf 
einer neuen Kultur ist notgedrungen eine Art von Re-Form, und 
er läuft fast unumgänglich auf eine Veränderung von Verstärkern 
hinaus. Eine Bedrohung ausschalten heißt auch das Erregende einer 
Flucht ausschalten; in einer besseren Welt wird keiner <diese Blume 
pflücken, Sicherheit genannt . . . aus diesem Nesselbusch, genannt 
Gefahr». Der verstärkende Wert von Ruhe, Entspannung und Muße 
schwächt sich ab, sobald der Arbeitsdruck nachläßt. Eine Welt, in 
der moralische Kämpfe überflüssig sind, wird uns keine der Verstär- 
kungen eines erfolgreichen Gelingens anbieten können. Keiner, der 
sich zu einer Religion bekehrt, wird Kardinal Newmans Erlösung 
von «der Bedrückung einer großen Angst» genießen. Kunst und Li- 
teratur werden nicht länger auf solchen Kontingenzen basieren. Wir 
werden nicht nur keinen Grund haben, Menschen zu bewundern, die 
Schmerzen erdulden, Gefahren ins Auge sehen oder um Tugendhaf- 
tigkeit kämpfen; es ist sogar möglich, daß wir sehr wenig Interesse 
an Bildern solcher Menschen und an Büchern über sie haben werden. 
Kunst und Literatur werden andere Dinge zum Gegenstand haben. 

Das wären ungewöhnliche Änderungen, die wir natürlich genau 
überdenken müssen. Das Problem ist, eine Welt zu planen, die nicht 
den Menschen von heute zusagt, sondern den Menschen, die in ihr 
leben sollen. <Das wäre nichts für mich» ist die Klage des Egoisten, 
der eigene Empfänglichkeit für Verstärkung als festen Wert an die 
erste Stelle setzt. Eine Welt, die den Menschen von heute Zusagen 
würde, würde den Status quo verewigen. Sie würde den Menschen 
gefallen, weil man sie das gelehrt hat, und sie würde ihnen aus 
Gründen gefallen, die einer sorgfältigen Überprüfung nicht immer 
standhalten können. Eine bessere Welt wird jenen, die in ihr leben, 
Zusagen, weil man das berücksichtigen kann, was besonders verstär- 
kend wirkt. 


168 



Der totale Bruch mit der Vergangenheit ist unmöglich. Der 
Mensch, der eine neue Kultur entwirft, kann sich kultureller Bin- 
dungen nicht einfach entledigen; er kann sich nicht völlig von den 
Neigungen frei machen, die von seiner sozialen Umwelt bestimmt 
worden sind. Bis zu einem gewissen Grad wird er notwendig eine 
Welt entwerfen, die ihm zusagt. Darüber hinaus muß eine neue Kul- 
tur eine Kultur für jene sein, die in sie hineinwachsen, und auch 
sie sind notwendig die Produkte einer älteren Kultur. Innerhalb 
dieser praktischen Grenzen sollte es jedoch möglich sein, den Ein- 
fluß von zufälligen Merkmalen vorherrschender Kulturen zu mini- 
mieren und die Quellen jener Dinge zu berücksichtigen, welche die 
Menschen als gut bezeichnen. Die wesentlichen Quellen aber finden 
sich in der Evolution der Spezies und in der Evolution einer Kul- 
tur. 

Die Kritiker der Verhaitenswissenschaft. Es wird manchmal 
behauptet, der wissenschaftliche Entwurf einer Kultur sei unmög- 
lich, weil der Mensch die Tatsache, daß er kontrolliert werden kann, 
einfach nicht akzeptieren werde. Sogar wenn bewiesen werden 
könnte, daß menschliches Verhalten völlig determiniert ist, sogar 
dann, meinte Dostojewsky *, würde der Mensch «Dinge aus reinem 
Eigensinn tun - er würde Zerstörung und Chaos schaffen -, nur 
um seinen Standpunkt zu behaupten . . . Und wenn all dies eben- 
falls analysiert und verhindert werden könnte durch die Voraussa- 
ge, daß es geschehen würde, dann würde der Mensch dem Wahnsinn 
verfallen, um seinen Standpunkt zu beweisen.» Dostojewsky 
schließt ein, daß er sich dann einer Kontrolle entzogen hätte — als 
wenn Wahnsinn eine besondere Art von Freiheit wäre oder als wenn 
das Verhalten eines Psychotikers nicht vorausgesagt oder kontrol- 
liert werden könnte. 

In einer Hinsicht hat Dostojewsky vielleicht recht. Die Literatur 
der Freiheit kann zu einem fanatischen Widerstand gegen Kontroll- 
praktiken inspirieren, der ausreicht, um eine neurotische, wenn nicht 
gar eine psychotische Reaktion zu erzeugen. Wir entdecken Anzei- 
chen einer emotionalen Labilität an jenen, die von dieser Literatur 

* In < Aufzeichnungen aus dem Kellerlod», 1864 . 


169 



stark beeinflußt worden sind. Die unangenehme Lage des einge- 
fleischten Indeterministen verdeutlicht sich am besten an der Ver- 
bitterung, mit der er die Möglichkeit einer Wissenschaft und Tech- 
nologie des Verhaltens und ihrer Anwendung bei der Planung einer 
Kultur diskutiert. Sdiimpfworte sind hier an der Tagesordnung. 
Arthur Koestler* bezeichnete den Behaviorismus als eine «monu- 
mentale Trivialität». Hier würde, so erklärt er, «wahren Sachver- 
halten auf einer heroischen Skala ausgewichen». Der Behaviorismus 
hätte die Psychologie eingesponnen in eine moderne Version des 
finsteren Mittelalters». Behavioristen benützten einen «pedantischen 
Jargon», und «Verstärkung» sei «ein häßliches Wort». Die Ausrü- 
stung des operativen Labors sei «eine verrückte Erfindung». Peter 
Gay**, dessen gelehrtes Werk über die Aufklärung des 18. Jahrhun- 
derts ihn eigentlich empfänglicher für ein Interesse an der Planung 
von Kultur hätte machen sollen, sprach von der «angeborenen Nai- 
vität, dem intellektuellen Bankrott und der halbbewußten Grau- 
samkeit des Behaviorismus». 

Ein weiteres Symptom besteht in einer gewissen Blindheit gegen- 
über dem derzeitigen Stand dieser Wissenschaft. Koestler schreibt, 
daß «das beeindruckendste Experiment bei der <Voraussage und 
Kontrolle von Verhalten darin besteht, daß man Tauben durch 
operative Konditionierung dazu erzieht, daß sie mit ungewöhnlich 
hochgerecktem Kopf herumstolzieren». Er interpretiert die <Lern- 
theorie> folgendermaßen: «Nach der behavioristischen Doktrin 
spielt sich alles Lernen im Rahmen der Manchmal-richtig-manchmal- 
falsch-Methode oder der trial and error-Methode ab. Die richtige 
Reaktion auf einen gegebenen Reiz ist zufälliger Art und hat einen 
belohnenden oder, wie es im Jargon heißt, verstärkenden Effekt; 
wenn die Verstärkung intensiv ist oder sich oft genug wiederholt, 
wird sich die Reaktion <einprägen>, so daß eine Reiz-Reaktions- Ver- 
bindung entsteht.» Diese Interpretation ist seit ungefähr siebzig 
Jahren überholt. 

Andere verbreitete falsche Darstellungen umfassen die Behaup- 


* Arthur Koestler: <The Ghost in the Machine>. London 1967 (dt.: <Das 
Gespenst in der Maschine >. Wien 1968). 

** Peter Gay in The New Yorker , 18. 5. 1968. 


170 



tungen, daß wissenschaftliche Analyse alles Verhalten als Reaktion 
auf Reize betrachte oder daß sie den Standpunkt vertrete, <alles sei 
eine Sache konditionierter Reflexes daß sie nicht glaube, Erbanla- 
gen hätten zum Verhalten beigetragen, und daß sie das Bewußtsein 
ignoriere. (Im nächsten Kapitel werden wir sehen, daß es Behavio- 
risten waren, die die heftigsten Diskussionen über die Natur und 
Anwendung dessen, was als Bewußtsein bezeichnet wird, ausgelöst 
haben.) Feststellungen dieser Art sind in den Geisteswissenschaften 
verbreitet, ein Gebiet, das sich einst durch seine Gelehrsamkeit aus- 
zeichnete! So wird es dem künftigen Historiker wohl schwerfallen, 
den heutigen Stand der Verhaltens Wissenschaft und -technologie aus 
dem zu rekonstruieren, was ihre Kritiker derzeit über sie schrieben. 

Ein weiteres Verfahren besteht darin, dem Behaviorismus die 
Schuld an allen Übeln in die Schuhe zu schieben. Diese Praxis hat 
eine lange Geschichte; die Römer beschuldigten die Christen, und die 
Christen die Römer, wenn Seuchen oder Erdbeben über sie herein- 
brachen. Vielleicht hat niemand eine wissenschaftliche Konzeption 
des Menschen in einem solchen Ausmaß für die schwerwiegenden 
Probleme, denen wir heute konfrontiert sind, verantwortlich ge- 
macht, wie jener anonyme Autor eines Artikels im Londoner Times 
Liter ary Supplement * : 

Während des letzten halben Jahrhunderts sind wir von un- 
seren verschiedenen geistigen Führern dahingehend kondi- 
tioniert worden (der Begriff ist ein Produkt des Behavioris- 
mus), daß wir die Welt mit quantitativen und insgeheim de- 
terministischen Begriffen beurteilen. Philosophen wie Psy- 
chologen haben alle unsere Annahmen von einem freien Wil- 
len und von moralischer Verantwortlichkeit ausgehöhit. Die 
alleingültige Wirklichkeit, so hat man uns glauben gemacht, 
liege in der physikalischen Ordnung der Dinge. Wir lösen 
keine Handlungen aus, sondern wir reagieren auf eine Reihe 
externer Reize. Erst in den letzten Jahren haben wir einzu- 
sehen begonnen, wohin uns diese Sicht von der Welt führt: 

Die schrecklichen Ereignisse von Dallas und Los Angeles . . . 

* Times Liter ary Supplement , 11. 7. 1968. 

171 



Mit anderen Worten, die wissenschaftliche Analyse menschlichen 
Verhaltens war verantwortlich für die Ermordung von John und 
Robert Kennedy! Eine Selbsttäuschung solchen Ausmaßes scheint 
Dostojewskys Voraussage zu bestätigen. Politische Mordtaten ha- 
ben eine zu lange Geschichte, als daß sie von einer Verhaltens Wis- 
senschaft hätten inspiriert werden können. Wenn überhaupt einer 
Theorie die Schuld gegeben werden kann, dann ist es die fast schon 
universale Theorie von einem freien und wertvollen autonomen 
Menschern. 

Wechselseitige Kontrolle. Natürlich gibt es gute Gründe, sich ei- 
ner Kontrolle menschlichen Verhaltens zu widersetzen. Die verbrei- 
tetsten Kontrolltechniken sind aversiver Art, so daß irgendeine Art 
von Gegenkontrolle zu erwarten ist. Der Gegenkontrollierte kann 
sich dem Zugriff entziehen (der Kontrolleur wird sich bemühen, ihn 
daran zu hindern), oder er kann angreifen, und solche Handlungs- 
weisen haben sich in der Evolution von Kulturen als wichtige Schrit- 
te erwiesen. So stellen die Angehörigen einer Gruppe den Grund- 
satz auf, daß es falsch sei, Gewalt anzuwenden, und sie bestrafen 
jene, die das tun, mit allen nur möglichen Mitteln. Regierungen ko- 
difizieren diesen Grundsatz und bezeichnen Gewaltanwendung als 
illegal, während sie von Religionen als Sünde abgestempelt wird; 
beide arrangieren Kontingenzen, um solches Verhalten zu unter- 
drücken. Wenn Kontrolleure deshalb zu Methoden greifen, die 
nicht-aversiv sind, aber verzögert aversive Folgen haben, kommen 
zusätzliche Prinzipien ins Spiel. Die Gruppe bezeichnet Kontrolleure 
durch Täuschungsmanöver als falsch, und folglich verhängen Regie- 
rungen Sanktionen gegen solche Kontrollen. 

Wir haben gesehen, daß die Literatur der Freiheit und der Würde 
Maßnahmen einer Gegenkontrolle ausgeweitet hat, als sie sich be- 
mühte, alle Kontrollmethoden zu unterdrücken, auch dann, wenn 
diese keine aversiven Folgen haben oder verstärkend wirken. Der 
Planer einer Kultur gerät ins Kreuzfeuer der Kritik, weil jeder aus- 
gearbeitete Plan Kontrolle impliziert (und wenn es nur die vom 
Planer ausgeübte Kontrolle ist). Dieses Problem wird häufig durch 
die Frage formuliert: Wer wird kontrollieren? Dabei wird diese 
Frage gewöhnlich so gestellt, als müsse eine Antwort notwendiger- 


172 



weise negativ ausfalien. Um jedodi den Mißbrauch von kontrollie- 
render Macht zu verhindern, müssen wir unser Augenmerk nicht 
auf den Kontrolleur, sondern auf die Kontingenzen richten, unter 
denen dieser zur Kontrolle greift. 

Wir werden irregeführt durch Unterschiede in der leichten Er- 
kennbarkeit von Kontrollmaßnahmen. Der ägyptische Sklave, der 
zum Pyramidenbau Steine in einem Steinbruch brach, arbeitete un- 
ter der Aufsicht eines mit einer Peitsche bewaffneten Soldaten, der 
für die Handhabung der Peitsche von einem Zahlmeister entlohnt 
wurde, der seinerseits vom Pharao bezahlt wurde; der Pharao war 
von der Notwendigkeit eines unzerstörbaren Grabes durch seine 
Priester überzeugt worden, die ihren Standpunkt deshalb vertraten, 
weil sie in den Genuß von priesterlichen Vorrechten und priesterli- 
cher Macht kommen wollten und so fort. Eine Peitsche ist ein deut- 
licheres Kontrollmittel als eine Entlohnung, eine Entlohnung ist 
deutlicher als es priesterliche Vorrechte sind, und Vorrechte liegen 
eher zutage als ein zukünftiges Leben im Überfluß. Ähnlichen Un- 
terschieden begegnen wir in den resultierenden Folgen. Der Sklave 
wird fliehen, wenn er kann, der Soldat oder Zahlmeister wird sich 
unterordnen oder streiken, wenn die wirtschaftlichen Kontingenzen 
zu schwach sind, der Pharao wird seine Priester entlassen und eine 
neue Religion ins Leben rufen, wenn sein Staatsschatz allzusehr 
strapaziert wird, und die Priester werden einem seiner Rivalen ihre 
Unterstützung geben. Wir neigen dazu, die leichter erkennbaren Bei- 
spiele von Kontrolle herauszusuchen, weil sie mit ihrer klaren und 
eindeutigen Wirkung etwas ins Rollen zu bringen scheinen. Man 
sollte aber die weniger deutlichen Formen nicht übersehen. 

Die Relation zwischen dem Kontrolleur und dem Kontrollier- 
ten ist wechselseitig. Der Wissenschaftler, der im Labor das Verhal- 
ten einer Taube untersucht, entwirft Kontingenzen und beobachtet 
ihre Auswirkungen. Seine Apparatur übt offensichtlich Kontrolle 
über die Taube aus, doch dürfen wir deshalb nicht die von der Tau- 
be ausgeübte Kontrolle übersehen. Das Verhalten der Taube hat 
den Entwurf der Apparatur und der Verfahren, die durch diese zur 
Anwendung kommen, determiniert. Manches an dieser wechselsei- 
tigen Kontrolle ist für die Wissenschaft überhaupt charakteristisch. 
Schon Francis Bacon meinte, Natur, der man befehlen wolle, müsse 


173 



erst einmal gehorcht werden. Der Wissenschaftler, der einen Teil- 
chenbeschleuniger baut, steht unter der Kontrolle der Teilchen, die 
er untersucht. Das Verhalten, mit dem Eltern ihr Kind kontrollie- 
ren, sei es nun auf aversive Weise oder durch positive Verstärkung, 
wird durch die Reaktionen des Kindes geformt und erhalten. Ein 
Psychotherapeut verändert das Verhalten seines Patienten auf eine 
Weise, die durch seinen Erfolg bei der Veränderung jenes Verhaltens 
geprägt ist und erhalten wird. Eine Regierung oder eine Religion 
bestimmen und verhängen Sanktionen, die nach ihrer Wirksamkeit 
bei der Kontrolle des Bürgers oder Gläubigen ausgewählt werden. 
Ein Arbeitgeber veranlaßt seinen Arbeitnehmer zu fleißigerer und 
sorgsamerer Arbeit durch Lohnsysteme, die durch ihren Einfluß auf 
Verhalten bestimmt sind. Das Verhalten des Lehrers in der Klasse 
wird geprägt und erhalten durch die Auswirkungen dieses Verhal- 
tens auf die Schüler. Auf diese Weise kontrolliert also der Sklave 
den Sklavenaufseher, das Kind seine Eltern, der Patient den The- 
rapeuten, der Bürger die Regierung, der Gläubige den Priester, 
der Arbeitnehmer den Arbeitgeber und der Schüler den Lehrer. 

Es ist richtig, daß der Physiker einen Teilchenbeschleuniger ent- 
wickelt, um das Verhalten gewisser Elementarteilchen zu kontrol- 
lieren; diese Teilchen aber verhalten sich nicht auf besondere Weise, 
um ihn zu diesem Tun zu veranlassen. Der Sklavenaufseher benutzt 
eine Peitsche, um den Sklaven zur Arbeit zu veranlassen; aber der 
Sklave arbeitet nicht, um den Aufseher zur Benutzung der Peitsche 
zu veranlassen. Die Intention oder die Zwecksetzung, die die Wen- 
dung <um zu> einschließt, bezieht sich auf das Ausmaß, in dem Fol- 
gen bei der Veränderung von Verhalten wirksam sind, und damit 
auf das Ausmaß, in dem sie berücksichtigt werden müssen, um das 
Verhalten zu erklären. Das Teilchen bleibt unbeeinflußt von den 
Folgen seines Verhaltens, und es besteht kein Grund, von seiner In- 
tention oder Absicht seinerseits zu sprechen. Der Sklave dagegen 
kann von den Folgen seines Handelns beeinflußt werden. Wechsel- 
seitige Kontrolle bedeutet nicht unbedingt intentionale Kontrolle in 
beide Richtungen, doch sie entwickelt sich in diesem Sinn, wenn sich 
die Folgen selbst bemerkbar machen. Eine Mutter lernt, ihr Kind auf 
den Arm zu nehmen und zu wiegen, damit es zu weinen aufhört, 
und sie kann dieses Verhalten erwerben, noch bevor der Säugling 


174 



zu schreien lernt, um auf den Arm genommen und gewiegt zu wer- 
den. Eine Zeitlang ist nur das Verhalten der Mutter intentional, 
doch dasjenige des Säuglings kann intentional werden. 

Gegenkontrolle. Musterbeispiel einer Kontrolle zum Wohl des 
Kontrollierten ist der gütige Diktator. Aber es wird nichts erklärt, 
wenn man sagt, er verhalte sich gütig, weil er gütig sei oder weil er 
Güte empfinde , und selbstverständlich sind wir so lange mißtrauisch, 
bis wir auf Kontingenzen hinweisen können, die gütiges Verhalten 
hervorbringen. Empfindungen der Güte oder des Mitgefühls kön- 
nen jenes Verhalten begleiten, doch können sie sich genauso aus ir- 
relevanten Bedingungen ergeben. Daher bieten sie keine Garantie 
dafür, daß ein Kontrolleur über sich selbst oder andere gute Kon- 
trolle ausüben wird, weil er Mitgefühl hat. Es wird erzählt, daß 
Ramakrishna* auf einem Spaziergang mit einem wohlhabenden 
Freund angesichts der Armut einiger Dorfbewohner erschrak. Er 
wandte sich zu seinem Freund und bat ihn: «Gib jedem von diesen 
Leuten ein Stück Kleidung und eine gute Mahlzeit und etwas öl 
für ihre Köpfe.» Als sein Freund dies zunächst ablehnte, brach Ra- 
makrishna in Tränen aus. «Du elender Mensch», rief er, «... ich 
bleibe bei diesen Leuten. Sie haben niemanden, der für sie sorgt. Ich 
werde sie nicht verlassen.» Wie wir sehen, ging es Ramakrishna 
nicht um die seelische Verfassung der Dorfbewohner, sondern um 
ihre Kleidung, ihre Nahrung und ihren Schutz vor der Sonne. Doch 
seine Gefühle waren kein Nebenprodukt eines wirksamen Han- 
delns; mit der ganzen Kraft seines Samadhi hatte er nichts anzubie- 
ten als sein Mitgefühl. Wenn Kulturen auch durch solche Menschen 
verbessert werden, deren Wissen und Mitgefühl Aufschluß darüber 
geben können, was sie tun oder tun werden, kommt die entscheiden- 
de Verbesserung doch von der Umwelt, die jene Menschen verständ- 
nisvoll und mitfühlend macht. 

Das große Problem besteht darin, eine wirksame Gegenkontrolle 
zu errichten, das heißt einige wichtige Folgen so einzusetzen, daß 
sie das Verhalten des Kontrolleurs beeinflussen. Klassische Beispiele 

* Vgl. Christopher Isherwood: < Ramakrishna and His Diciples>. London 
1965. 


175 



eines mangelnden Gleichgewichts zwischen Kontrolle und Gegen- 
kontrolle ergeben sich, wenn die Befugnis zu einer Kontrolle über- 
tragen und eine Gegenkontrolle dadurch unwirksam wird. Kran- 
kenhäuser für Psydiotiker und Heime für geistig Zurückgebliebene, 
für Waisenkinder und für alte Leute sind bekannt wegen ihrer 
schwachen Gegenkontrolle, weil jene, die sich um das Wohl dieser 
Menschen sorgen, häufig nicht wissen, was los ist. Gefängnisse bie- 
ten wenig Gelegenheit zur Gegenkontrolle: das beweisen die dort 
verbreiteten Kontrollmaßnahmen. Kontrolle und Gegenkontrolle 
neigen dazu, sich zu verlagern, wenn die Kontrolle von organisier- 
ten Stellen übernommen wird. Formlose Kontingenzen sind raschen 
Anpassungen unterworfen, wenn ihre Auswirkungen sich ändern, 
doch die Kontingenzen, die von Organisationen Fachleuten überlas- 
sen werden, können von vielen ihrer Folgen unberührt bleiben. Wer 
Erziehung und Unterricht finanziert, hat vielleicht keinen rechten 
Begriff vom Lehrstoff und von den Lehrmethoden. Der Lehrer ist 
nur der Gegenkontrolle unterworfen, die der Schüler ausübt. So aber 
kann eine Schule automatische oder anarchische Züge annehmen, 
und der Lehrstoff kann veralten, während die Welt sich ändert, 
oder auf das reduziert werden, was die Schüler zu lernen bereit 
sind. Einem ähnlichen Problem begegnen wir in der Rechtswissen- 
schaft, wenn Gesetze gültig bleiben, obwohl sie der Gemeinschaft 
nicht mehr angemessen sind. Vorschriften erzeugen niemals Verhal- 
ten, das genau den Kontingenzen entspricht, aus denen sie entwik- 
kelt worden sind, und die Diskrepanz verschlimmert sich, wenn sich 
die Kontingenzen verändern, während die Vorschriften unverän- 
dert bleiben. Ähnlich können die Werte, die von Wirtschaftsunter- 
nehmen bestimmten Gütern zugesprochen werden, ihre Überein- 
stimmung mit den verstärkenden Auswirkungen dieser Güter ein- 
büßen, wenn sich die Wirkungen ändern. Kurzum, eine organisier- 
te Instanz, welche die Folgen ihrer Praktiken unberücksichtigt läßt, 
ist nicht irgendwelchen wesentlichen Gegenkontrollen unterworfen. 

Selbstbestimmung scheint dieses Problem häufig dadurch zu lö- 
sen, daß Kontrolleur und Kontrollierter identisch werden. Das Prin- 
zip, den Kontrolleur zu einem Mitglied der Gruppe zu machen, 
die er kontrolliert, sollte auch für den Planer einer Kultur gelten. 
Wer seinem eigenen Gebrauch einen Gebrauchsgegenstand entwirft, 


176 



wird wahrscheinlich die Interessen des Benutzers berücksichtigen, 
und wer eine soziale Umwelt entwirft, in der er leben soll, wird 
entsprechend verfahren. Er wird Vorteile oder Werte auswählen, 
die für ihn wichtig sind, und solche Kontingenzen konstruieren, de- 
nen er sich anpassen kann. In einer Demokratie ist der Kontrolleur 
einer der Kontrollierten, auch wenn er sich in seinen beiden Funk- 
tionen unterschiedlich verhält. Wir werden später sehen, daß sich 
auch eine Kultur in einem bestimmten Sinne selbst kontrolliert, so 
wie eine Person sich selbst kontrolliert, doch erfordert dieser Pro- 
zeß eine sorgfältige Analyse. 

Die planende Verhaltenswissenschaft. Die intentionale Pla- 
nung einer Kultur und ihre Implikation, daß Verhalten kontrolliert 
werden soll, gilt manchen als ethisch oder moralisch falsch. Ethik 
und Moral befassen sich ganz besonders damit, die entlegeneren Fol- 
gen von Verhalten ins Spiel zu bringen. Es gibt eine Moral der na- 
türlichen Folgen. Wie kann man jemand von Leckerbissen abhal- 
ten, wenn es ihm erst später schlecht darauf werden wird? Wie soll 
er Schmerz oder Erschöpfung auf sich nehmen, um in Sicherheit zu 
gelangen? Soziale Folgewirkungen führen noch deutlicher zu mo- 
ralischen und ethischen Fragen. (Wie wir bemerkt haben, beziehen 
sich diese Begriffe auf die Praktiken von Gruppen.) Wie hält man 
jemanden davon ab, sich Dinge anzueignen, die anderen gehören, 
um eine sich möglicherweise anschließende Bestrafung zu vermei- 
den? Oder wie kommt er dazu, sich Schmerz oder Erschöpfung aus- 
zusetzen, um die Anerkennung anderer zu gewinnen? 

Die praktische Frage, mit der wir uns bereits auseinandergesetzt 
haben, besteht darin, wie zeitlich ferne Folgen wirksam gemacht 
werden können. Ohne Hilfe erwirbt eine Person weder auf Grund 
natürlicher noch auf Grund sozialer Kontingenzen viele moralische 
oder ethische Verhaltensformen. Die Gruppe liefert hilfreiche Be- 
dingungen, wenn sie ihre Praktiken mittels Kodizes oder Vor- 
schriften beschreibt, die der Einzelperson raten, wie sie sich ver- 
halten soll, und wenn sie solche Vorschriften mittels ergänzender 
Kontingenzen durchsetzt. Maximen, Sprichwörter und andere For- 
men von Volksweisheiten geben Gründe dafür, Vorschriften zu be- 
folgen. Regierungen und Religionen formulieren die Kontingenzen, 


177 



die sie festhalten wollen. Erziehung madit vertraut mit Vorschrif- 
ten, die es ermöglichen, sowohl den natürlichen als auch den sozia- 
len Kontingenzen gerecht zu werden, auch dann, wenn man ihnen 
nicht direkt ausgesetzt ist. 

Das ist alles Bestandteil der sozialen Umwelt, der <Kultur>, und 
der Haupteffekt besteht, wie wir gesehen haben, darin, die Einzel- 
person unter die Kontrolle der entlegeneren Folgen ihres Verhal- 
tens zu bringen. Diese Wirkung hatte im Prozeß der kulturellen 
Evolution Wert für das Überleben - Praktiken entwickeln sich, 
weil jene, die sie praktizieren, dadurch bessergestellt sind. Es gibt 
sowohl in der biologischen als auch in der kulturellen Evolution 
eine Art natürlicher Moral. Die biologische Evolution hat die 
menschlichen Spezies feinfühliger gegenüber ihrer Umwelt gemacht, 
ebenso aber auch geschickter im Umgang mit ihr. Kulturelle Evolu- 
tion wurde möglich durch biologische Evolution, und auf deren 
Grund gelangte der menschliche Organismus unter eine wesentlich 
weitreichendere Kontrolle der Umwelt. 

<Wir sagen, etwas sei moralisch falsch> an einem totalitären Staat, 
an einem Spielunternehmen, an unkontrollierten Akkordlöhnen, 
am Handel mit Rauschgift oder an unangemessener persönlicher Be- 
einflussung, aber nicht wegen irgendeines absoluten Wertsystems, 
sondern weil alle diese Dinge aversive Folgen haben. Diese Fol- 
gen sind verzögert: eine Wissenschaft jedoch, die deren Beziehung 
zu verhalten klärt, befindet sich in der bestmöglichen Lage, eine 
bessere Welt - in einem ethischen oder moralischen Sinne - de- 
tailliert zu entwerfen. Es ist daher nicht wahr, daß der empirische 
Wissenschaftler die Existenz <eines wissenschaftlichen Interesses an 
menschlichen und politischen Zielern verneinen muß oder daß Mo- 
ral, Gerechtigkeit und Recht und Ordnung <jenseits des Überlebens- 
prinzips> liegen. 

Die wissenschaftliche Praxis weist noch einen weiteren speziellen 
Vorteil auf. Der Wissenschaftler arbeitet unter Bedingungen, durch 
die unmittelbare persönliche Verstärker minimiert werden. Natür- 
lich ist kein Wissenschaftler ein <bloßer> Wissenschaftler* in dem 

* Vgl. P. W. Bridgman: <The Struggle for Intellectual Integrity>. In: 
Harpefs Magazine , Dezember 1933. 

178 



Sinne, daß er sich außer Reichweite von unmittelbaren Verstärkern 
befindet, doch spielen andere Folgen seines Verhaltens eine wichtige 
Rolle. Wenn er ein Experiment auf ganz private Weise plant oder 
ein Experiment an einem bestimmten Punkt abbricht, weil das Er- 
gebnis in diesem Fall eine Theorie, die seinen Namen trägt, bestä- 
tigen wird, oder weil es industriell verwertet werden kann, wovon 
er profitieren kann, oder weil es die Stellen beeindrucken wird, die 
seine Forschungsarbeit unterstützen - wenn also der Wissen- 
schaftler so handelt, wird er mit ziemlicher Sicherheit in Schwierig- 
keiten geraten. Die veröffentlichten Resultate von Wissenschaftlern 
werden rasch von anderen überprüft, und der Wissenschaftler, der 
es sich erlaubt, Neigungen nachzugeben, die mit seinem Gegenstand 
nichts zu tun haben, wird sich wahrscheinlich Ungelegenheiten zu- 
ziehen. Doch deshalb zu behaupten, der Wissenschaftler sei morali- 
scher oder ethischer als andere Menschen, oder er zeichne sich durch 
ein feiner entwickeltes ethisches Empfinden aus, hieße dem Wissen- 
schaftler etwas anrechnen, was tatsächlich ein Merkmal der Umwelt 
ist, in der er arbeitet. 

Fast jeder fällt ethische oder moralische Urteile. Das bedeutet je- 
doch nicht, daß sich die menschliche Spezies durch «ein angeborenes 
Bedürfnis oder Verlangen nach ethischen Normen»* auszeichnet. 
(Genauso könnten wir sagen, daß sie sich durch ein angeborenes Be- 
dürfnis oder Verlangen nach unethischem Verhalten auszeichnet, 
da sich fast jeder von Zeit zu Zeit unmoralisch verhält.) Der Mensch 
hat sich nicht als ein ethisches oder moralisches Wesen entwickelt. 
Er hat sich bis zu dem Punkt entwickelt, wo er eine ethische oder 
moralische Kultur zu schaffen begann. Er unterscheidet sich von 
anderen Lebewesen nicht dadurch, daß er moralisches oder ethisches 
Empfinden sein eigen nennt, sondern dadurch, daß er fähig gewesen 
ist, eine moralische oder ethische soziale Umwelt hervorzubringen. 

Alte Werte - neue Werte. Der intentionale Entwurf einer Kul- 
tur und die mit ihm gegebene Kontrolle menschlichen Verhaltens 
sind für die Weiterentwicklung der menschlichen Spezies wesent- 

* George Gaylord Simpson: <The Meaning of Evolution >. New Haven 
1960 . 


179 



lieh. Weder die biologische noch die kulturelle Evolution geben eine 
Gewähr dafür, daß wir zwangsläufig einer besseren Welt entgegen- 
streben. Darwin besdiloß sein Werk <Die Abstammung des Men- 
schern mit dem berühmten Satz: «Und da die natürliche Auslese 
einzig und allein durch und für das Wohl eines jeden Wesens arbei- 
tet, werden alle körperlichen und geistigen Umwelten mit der Zeit 
einer Vervollkommnung entgegenstreben.» Und Herbert Spencer 
argumentierte, daß «die endgültige Entwicklung des idealen Men- 
schen logischerweise gewiß ist» (allerdings hat Medawar* darauf 
hingewiesen, daß Spencer seine Meinung änderte, als die Wärme- 
lehre in der Auffassung von der Entropie auf ein anderes Endziel 
schließen ließ). Tennyson ** teilte den eschatologischen Optimismus 
seiner Zeit, als er auf jenes «eine noch weit entfernte göttliche Er- 
eignis, dem sich die ganze Schöpfung entgegenbewegt», hinwies. 
Doch ausgestorbene Arten und untergegangene Kulturen zeugen für 
die Möglichkeit einer Fehlentwicklung. 

Ein Erhaltungswert ändert sich, wenn sich Bedingungen ändern. 
So war zum Beispiel einst eine starke Empfänglichkeit für Verstär- 
kung durch gewisse Arten von Nahrung, durch sexuellen Kontakt 
und durch aggressive Schädigung äußerst wichtig. Wenn einer jeden 
Tag viele Stunden auf Nahrungssuche war, mußte er rasch lernen, 
wo er Nahrung finden konnte. Doch als sich Ackerbau und Vieh- 
zucht und Möglichkeiten, Nahrung zu lagern, entwickelten, wurde 
eine solche Befähigung wertlos, und so führt das Vermögen, durch 
Nahrung verstärkt zu werden, heute nur mehr zu Gefräßigkeit und 
Krankheit. Als Seuchen und Hungersnöte Bevölkerungen häufig de- 
zimierten, war es wichtig, daß der Mensch sich bei jeder Gelegen- 
heit fortpflanzte, doch bei verbessertem Gesundheitswesen, einer 
fortschrittlichen Medizin und einer entwickelten Landwirtschaft be- 
deutet die Empfänglichkeit für sexuelle Verstärkung heute nichts 
als Überbevölkerung. Zu einer Zeit, als sich der Mensch gegen räu- 
berische Wesen, darunter auch Mitmenschen, verteidigen mußte, 
war es wichtig, daß jedes Anzeichen eines einem räuberischen We- 
sen zugefügten Schadens das eigene kämpferische Verhalten ver- 

* Vgl. P. B. Medawar: <The Art of the Soluble >. London 1957, S. 51. 

** Alfred Lord Tennyson: <ln Meroriam> (1850). 


180 



stärkte. Doch mit der Entwicklung einer organisierten Gesellschaft 
ist die Empfänglichkeit für solche Verstärkung weniger wichtig ge- 
worden, und sie kann heute mit nützlicheren sozialen Beziehungen 
in Konflikt geraten. Es gehört zu den Funktionen einer Kultur, sol- 
che eingeborenen Neigungen durch die Entwicklung von Kontroll- 
techniken (insbesondere von Selbstkontrolle) zu korrigieren, welche 
die Auswirkungen einer Verstärkung einschränken. 

Sogar unter stabilen Bedingungen kann sich eine Spezies nichtan- 
gepaßte oder fehlangepaßte Merkmale aneignen. Der Prozeß der 
operativen Konditionierung liefert uns hier selbst ein Beispiel. Eine 
rasche Reaktion auf Verstärkung muß Erhaltungswert besessen ha- 
ben, und viele Arten haben den Punkt erreicht, an dem bereits eine 
einzige Verstärkung wesentliche Wirkung erzielt. Doch je rascher ein 
Organismus lernt, desto verwundbarer wird er durch unvermutet 
auftretende Folgewirkungen. Das zufällige Auftauchen eines Ver- 
stärkers unterstützt jedes im Werden begriffene Verhalten und 
bringt es unter die Kontrolle vorherrschender Reize. Wir bezeich- 
nen das Ergebnis als Aberglauben*. Soweit wir wissen, ist jede 
Spezies, die fähig ist, von einigen wenigen Verstärkern zu lernen, 
dem Aberglauben unterworfen, und die Folgen sind häufig katastro- 
phal. Eine Kultur korrigiert diesen Fehler, wenn sie statistische Ver- 
fahren entwickelt, welche die Auswirkungen von zufälligen Kon- 
tingenzen ausgleichen und Verhalten unter die Kontrolle nur jener 
Folgen bringen, die funktionell zu ihm Bezug haben. 

Was erforderlich ist, ist mehr und nicht weniger <intentionale> 
Kontrolle. Das aber ist ein wichtiges <Konstruktionsproblem>. Das 
Wohl einer Kultur kann nicht auf echten Verstärkern für die Ein- 
zelperson basieren, und die künstlichen Verstärker, die die Men- 
schen veranlassen sollen, für die Erhaltung ihrer jeweiligen Kultur 
zu arbeiten, geraten häufig in Widerspruch zu persönlichen Verstär- 
kern. Die Zahl der Menschen, die sich damit befassen, Automodelle 
zu verbessern, übersteigt zum Beispiel die Anzahl jener, die sich da- 
mit befassen, Lebensbedingungen in Slumvierteln zu verbessern. 
Nicht daß das Auto wichtiger wäre als jene Lebensbedingungen - 

* Vgl. B. F. Skinner: <Science and Human Behavior>. New York 1953, 
S. 84-87. 


181 



es sind die wirtschaftlichen Kontingenzen, durch die die Menschen 
veranlaßt werden, Autos zu verbessern, und diese Kontingenzen 
sind überaus mächtig. Sie leiten sich her von den persönlichen Ver- 
stärkern jener, die Autos herstellen. Die Menschen, die sich für die 
bloße Erhaltung einer Kultur einsetzen, werden nicht durch Ver- 
stärker vergleichbarer Intensität ermutigt. Außerdem ist die Tech- 
nologie der Automobilindustrie natürlich wesentlich weiter fortge- 
schritten als die Verhaltenstechnologie. Diese Tatsachen heben le- 
diglich die Gefahr hervor, die von der Literatur der Freiheit und 
der Würde ausgeht. 

Muße und Freizeit. Das Ausmaß, in welchem eine Kultur ihre ei- 
gene Zukunft fördert, läßt sich an ihrer Einstellung zur Freizeit* 
ablesen. Manche Menschen besitzen genügend Macht, um andere zu 
veranlassen oder zu zwingen, für sie so viel zu arbeiten, daß sie 
selbst fast nichts zu tun haben. Sie sind <müßig>. Dasselbe gilt für 
Menschen, die in einem besonders milden Klima leben. Auch auf 
Kinder, auf geistig Zurückgebliebene oder Geisteskranke, auf alte 
Menschen und auf andere, die betreut werden, trifft das zu; endlich 
auch auf Mitglieder von Überfluß und Wohlfahrtsgesellschaften. 
Alle scheinen in der Lage zu sein, <das zu tun, was sie wollen», und 
das ist ein natürliches Ziel des Indeterministen. Muße ist der Inbe- 
griff von Freiheit. 

Für kurze Perioden von Freizeit ist die Spezies gerüstet; wenn 
ein Mensch durch ein reichliches Mahl völlig gesättigt ist oder wenn 
er eine Gefahr erfolgreich vermieden hat, entspannt er sich oder 
schläft er; entsprechend verhält es sich bei anderen Spezies. Wenn 
diese Bedingungen länger wirken, kann der Mensch verschiedene 
Spiele spielen — er äußert ernstes Verhalten, das im Augenblick 
nicht ernste Folgen hat. Doch völlig anders fällt das Ergebnis aus, 
wenn der Mensch lange Zeit nichts zu tun hat. Der Löwe im Zoo, 
wohlgenährt und in Sicherheit, verhält sich nicht wie der gesättigte 
Löwe auf freier Wildbahn. Wie der institutionalisierte Mensch ist 
auch er dem Freizeitproblem in seiner schlimmsten Form konfron- 

* Vgl. B. F. Skinner: <Contingencies of Reinforcement>. New York 1969, 
S. 67-71. 

182 



tiert: Er hat nichts zu tun. Freizeit ist ein Zustand, auf den die 
menschliche Spezies unzulänglich vorbereitet ist; denn bis vor noch 
gar nicht langer Zeit waren es nur wenige, die in ihren Genuß ka- 
men, und diese wenigen trugen kaum zu einer Erbanlage bei. Heute 
verfügen viele über reichliche Freizeit, doch Gelegenheit für die 
wirksame Auslese einer relevanten Erbanlage oder einer relevanten 
Kultur hat es nicht gegeben. 

Wenn intensive Verstärker nicht mehr wirksam sind, treten un- 
bedeutende Verstärker an ihre Stelle. Sexuelle Verstärkung über- 
dauert Wohlstand oder Überfluß, weil sie weniger auf die Er- 
haltung der Einzelperson als auf die der Spezies abzielt, und weil 
die Erlangung von sexueller Verstärkung nicht etwas ist, was man 
anderen überläßt. Daher nimmt sexuelles Verhalten in der Freizeit 
einen wichtigen Platz ein. Verstärkungen, die wirksam bleiben, kön- 
nen künstlich erzeugt oder entdeckt werden, zum Beispiel Nah- 
rungsmittel, die auch dann noch verstärken, wenn man nicht hung- 
rig ist, oder Drogen wie Alkohol, Marihuana oder Heroin, die aus 
irrelevanten Gründen zufällig verstärkend wirken, oder auch Mas- 
sage. Jeder schwache Verstärker wird, wenn richtig eingesetzt, 
wirksam, und der Ablauf eines variablen Verhältnisses, dem man 
in allen Spielunternehmen begegnet, kommt auch in der Freizeit 
zur Geltung. Dasselbe Muster erklärt die Hingabe des Jägers, des 
Fischers oder Sammlers, auch wenn das, was gefangen oder gesam- 
melt wird, keine besondere Bedeutung besitzt. In Sport und Spiel 
werden überaus künstliche Kontingenzen konstruiert, um triviale 
Ereignisse besonders wichtig erscheinen zu lassen. Müßiggänger 
werden Zuschauer, die das ernste Verhalten anderer beobachten, wie 
in den römischen Zirkus- oder den heutigen Fußballspielen oder wie 
im Theater oder Kino, oder sie lesen oder hören Berichte über das 
ernste Verhalten anderer, wobei es sich um Literatur oder Klatsch- 
geschichten handeln kann. Wenig an solchem Verhalten trägt zur 
Erhaltung einer Einzelperson oder einer Kultur bei. 

Man hat Muße lange Zeit in Verbindung mit künstlerischer, lite- 
rarischer oder wissenschaftlicher Produktivität gebracht. Man braucht 
freie Zeit, um sich solchen Tätigkeiten widmen zu können, und nur 
eine Gesellschaft, die sich eines angemessenen Wohlstands erfreut, 
kann sie auf einer breiten Basis unterstützen. Doch Freizeit selbst 


183 



führt nidit unbedingt zu Kunst, Literatur oder Wissenschaft. Dazu 
bedarf es besonderer kultureller Voraussetzungen. Menschen, denen 
die Erhaltung ihrer Kultur am Herzen liegt, werden sich deshalb 
eingehend mit den Kontingenzen auseinandersetzen, die bleiben, 
wenn die vordringlichen Kontingenzen des Alltags schwächer ge- 
worden sind. 

Es wird oft behauptet, eine Wohlstandsgesellschaft könne sich 
Freizeit leisten. Aber das ist nicht sicher. Wer hart arbeitet, ver- 
wechselt Freizeit leicht mit Verstärkung, zum Teil deshalb, weil 
jene häufig zusammen mit Verstärkung auftritt. Audi Glück wurde, 
ähnlich wie Freiheit, lange Zeit in Verbindung gebracht mit einem 
Zustand, in dem man tun und lassen kann, was man will. Doch die 
tatsächliche Auswirkung von Freizeit auf menschliches Verhalten 
kann den Bestand einer Kultur gefährden. Das gewaltige Potential 
jener, die nichts zu tun haben, darf nicht übersehen werden. Sie 
können produktiv oder destruktiv sein, sie können erhalten oder 
vernichten. Sie können die Grenzen ihrer Fähigkeiten erreichen oder 
in Maschinen verwandelt werden. Sie können die Kultur unterstüt- 
zen, wenn sie durch sie intensiv verstärkt werden, oder sie können 
sie im Stich lassen, wenn das Leben, das sie selbst führen, lang- 
weilig ist. Sie können nicht darauf vorbereitet sein, effektiv zu 
handeln, wenn die Freizeit zu Ende ist. 

Freizeit ist eine der großen Herausforderungen an jene, die sich 
mit der Erhaltung einer Kultur befassen: Jeder Versuch, das zu kon- 
trollieren, was eine Person tut, wenn sie nichts zu tun braucht, wird 
leicht als unberufene Einmischung verurteilt. Leben, Freiheit und 
das Streben nach Glück sind grundlegende Rechte. Doch sie sind die 
Rechte der Einzelperson, und als solche wurden sie auch zu einer 
Zeit festgehalten, als es der Literatur über die Freiheit und die Wür- 
de um die Erhöhung der Einzelperson ging. Für die Erhaltung einer 
Kultur haben sie nur geringere Bedeutung. 

Notwendigkeit von Planung und Kontrolle. Der Planer einer 
Kultur ist kein unbefugter Eindringling. Er greift nicht ein, um ei- 
nen natürlichen Prozeß zu stören, sondern er ist Teil eines natürli- 
chen Prozesses. Der Genetiker, der die Merkmale einer Spezies durch 
selektive Zucht oder durch die Modifizierung von Erbfaktoren ver- 


184 



ändert, mag den Eindruck erwecken, er greife unberufen in eine bio- 
logische Evolution ein; doch handelt er nur deshalb so, weil seine 
Spezies in ihrer Entwicklung den Punkt erreicht hat, von dem an 
es möglich war, sowohl eine Genetik als auch eine Kultur zu ent- 
wickeln, die ihre Angehörigen veranlaßt, die Zukunft dieser Spezies 
in Rechnung zu stellen. 

Diejenigen, die durch ihre Kultur veranlaßt worden sind, die Er- 
haltung eben dieser Kultur durch einen neuen Entwurf zu fördern, 
müssen die Tatsache akzeptieren, daß sie die Bedingungen verän- 
dern, unter denen Menschen leben. Folglich üben sie auch Kontrolle 
über menschliches Verhalten aus. Gutes Regieren ist genauso eine 
Frage der Kontrolle menschlichen Verhaltens wie schlechtes, und 
dasselbe gilt für positive Anreize wie für Ausbeutung, für gutes Leh- 
ren wie für scharfen Drill. Durch gemäßigtere Ausdrucksweise ist 
nichts zu gewinnen. Wenn wir uns damit begnügen, die Menschen 
lediglich zu beeinflussen >, entfernen wir uns auch nicht sonderlich 
von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes <Einfluß> - «ein 
ätherisches Fluidum, von dem angenommen wird, es entströme den 
Sternen und wirke auf die Handlungen des Menschen ein». 

Angriffe gegen Kontrollpraktiken sind natürlich eine Form der 
Gegenkontrolle. Sie können unschätzbare Vorteile haben, wenn da- 
durch bessere Kontrollpraktiken gefördert werden. Doch die Litera- 
tur der Freiheit und der Würde sprach sich zu, diese Kontrolle zu 
unterdrücken, nicht sie zu korrigieren. Dadurch aber wird die wech- 
selseitige Kontrolle, durch die sich eine Kultur entwickelt, gestört. 
Sich zu weigern, mögliche Kontrolle auszuüben, weil in gewisser 
Hinsicht alle Kontrolle falsch ist, bedeutet, möglicherweise wichti- 
ge Formen von Gegenkontrolle zu unterbinden. Einige der Folgen 
haben wir gesehen. Strafmaßnahmen, zu deren Ausschaltung die Li- 
teratur der Freiheit und der Würde sonst beigetragen hat, werden 
in diesem Fall gefördert. Eine Vorliebe für Methoden, die Kontrolle 
wenig auffallen lassen oder verschleiern, hat zu einer Verurteilung 
jener geführt, die in der Lage sind, konstruktive Gegenkontrolle 
- zusätzlich zu einer Anwendung schwächlicher Maßnahmen - 
auszuüben. 

Das könnte auf eine tödliche kulturelle Mutation hinauslaufen. 
Unsere Kultur hat die Wissenschaft und Technologie hervorge- 


185 



bradit, die sie benötigt, um sich selbst zu retten. Sie verfügt über 
den Wohlstand, der zu wirksamem Handeln nötig ist. Sie bedenkt 
auch in einem erheblichen Ausmaß ihre eigene Zukunft. Doch wenn 
sie auch weiterhin nicht ihre eigene Erhaltung, sondern Freiheit und 
Würde zum Hauptwert erhebt, ist es möglich, daß eine andere Kul- 
tur einen größeren Beitrag zur Zukunft leisten wird. Der Verfech- 
ter von Freiheit und Würde mag dann, wie John Miltons Satan 
(Paradise Lost, Buch 1), fortfahren, sich selbst einzureden, daß er 
«einen Geist besitzt, unwandelbar durch Raum und Zeit», sowie 
eine völlig ausreichende persönliche Identität («Was macht alles 
schon, wenn ich immer noch derselbe bin?»), doch wird er sich trotz- 
dem in der Hölle befinden, mit keinem anderen Trost als der Illu- 
sion, daß «wir hier zumindest frei sein werden». 


Eine Kultur ähnelt dem experimentellen Raum, der bei der Unter- 
suchung von Verhalten benutzt wird. Sie setzt sich zusammen aus 
einer Reihe von Kontingenzen der Verstärkung - eine Vorstellung, 
die man erst seit kurzem zu verstehen beginnt. Die Technologie 
des Verhaltens, die entsteht, ist ethisch neutral; doch angewandt auf 
die Planung einer Kultur fungiert hier die Erhaltung der Kultur als 
Wert. Jene, die dazu gebracht worden sind, sich für ihre Kultur ein- 
zusetzen, müssen einige der zu lösenden Probleme voraussehen; 
aber die Bedeutung vieler aktueller Merkmale einer Kultur für ihr 
Überleben ist ohnehin leicht einsehbar. Die Entwürfe, denen wir in 
der utopischen Literatur begegnen, halten sich an gewisse vereinfa- 
chende Grundsätze. Sie haben den Vorzug, den Erhaltungswert zu 
unterstreichen: Wird das Utopia funktionieren? Die Welt als Gan- 
zes ist natürlich wesentlich komplexer, doch die Prozesse sind die- 
selben, und die Praktiken funktionieren aus denselben Gründen. 
Vor allem aber haben wir hier denselben Vorteil: wir können Ziel- 
setzungen an Hand Verhaltens Wissenschaft lieber Begriffe formulie- 
ren. Die Anwendung einer Wissenschaft beim Entwurf einer Kultur 
stößt jedoch auf verbreiteten Widerstand. Man sagt, die Wissen- 
schaft sei unzulänglich, ihre Anwendung könne verheerende Folgen 
haben, sie würde keine Kultur hervorbringen, die Angehörige an- 


186 



derer Kulturen bejahen würden, und der Mensch würde es sowieso 
ablehnen, sich kontrollieren zu lassen. Der Mißbrauch einer Tech- 
nologie des Verhaltens ist ein schwerwiegendes Problem, dem wir 
jedoch am besten dadurch Vorbeugen können, daß wir nicht auf 
vermeintliche Kontrolleure achten, sondern auf die Kontingenzen, 
unter denen diese kontrollieren. Nicht das Wohlwollen eines Kon- 
trolleurs, sondern bestimmte Zusammenhänge von Verhalten und 
Folgewirkung, unter denen er wohlwollend kontrolliert, gilt es zu 
untersuchen. Alle Kontrolle ist wechselseitig, und ein Austausch 
zwischen Kontrolle und Gegenkontrolle ist für die Evolution einer 
Kultur wesentlich. Diesen Austausch stört die Literatur der Freiheit 
und der Würde, die Gegenkontrolle als Unterdrückung anstatt als 
Berechtigung von Kontrollverfahren interpretiert. Die Folge könn- 
te tödlich sein. Trotz ihrer bemerkenswerten Vorteile wird sich 
vielleicht heraussteilen, daß unsere Kultur von einer fatalen Brü- 
chigkeit gekennzeichnet ist. Dann aber kann es so weit kommen, daß 
eine andere Kultur einen größeren Beitrag zur Zukunft leistet. 



9 

Was ist der Mensch? 


Die frühe Umwelttheorie. Die Verhaltenswissenschaft bedient sich 
der Strategien von Physik und Biologie; so vermag sie die auto- 
nome Kraft, der Verhalten gewöhnlich zugeschrieben wird, durch 
den Begriff der Umwelt zu ersetzen - der Umwelt, in der sich die 
Spezies entwickelte und in der das Verhalten der Einzelperson ge- 
formt und aufrechterhalten wird. Die abwechslungsreiche Ge- 
schichte der <Umweltlehre> zeigt, wie schwierig dies ist. Daß das 
Verhalten des Menschen von vorausgegangenen Ereignissen beein- 
flußt wird und daß man besser bei der Umwelt als beim Menschen 
selbst ansetzt, um etwas zu erreichen, wurde schon früh erkannt. 
Wie Crane Brinton* bemerkt, bestand ein wesentlicher Teil der 
englischen, französischen und russischen Revolution in «einem 
Programm, das nicht bloß die Menschen bekehrte, sondern auch 
Dinge veränderte». Nach Trevelyan** war es Robert Owen, der 
als erster «klar erkannte und lehrte, daß die Umwelt den Charak- 
ter formt und daß die Umwelt der menschlichen Kontrolle unter- 
geordnet ist». Gilbert Sei des *** formulierte, «daß der Mensch ein 
durch die Verhältnisse bedingtes Lebewesen ist und daß, wenn man 
die Umwelt von dreißig kleinen Hottentotten und die von dreißig 
kleinen aristokratischen englischen Kindern gegeneinander austau- 
schen würde, aus den Aristokraten in jeder praktischen Hinsicht 
Hottentotten und aus den Hottentotten kleine Konservative wer- 
den würden». 

* Crane Brinton: <Anatomy of a Revolution. New York 1938, S. 195. 

** G. M. Trevelyan: <English Social History>. London 1942. 

*** Gilbert Seldes: <The Stammering Century >. New York 1928. 


188 



Die Gründe für eine grobe Milieutheorie liegen auf der Hand. 
Menschen, die an verschiedenen Orten leben, sind außerordentlich 
verschieden, und das vielleicht gerade wegen der unterschiedlichen 
Orte. Der Nomade zu Pferd in der Äußeren Mongolei und der 
Astronaut im äußeren Weltraum unterscheiden sich, doch, soweit 
wir wissen, würden sie jeder den Platz des anderen einnehmen 
können, wenn sie bei ihrer Geburt ausgetauscht worden wären. (Der 
Ausdruck <den Platz einnehmen> veranschaulicht, wie sehr wir das 
Verhalten einer Person mit der Umwelt identifizieren, in der es 
stattfindet.) Aber wir müssen noch viel mehr in Erfahrung bringen, 
bevor uns diese Tatsache etwas nützt. Welche Eigenschaften der 
Umwelt sind es, die einen Hottentotten her Vorbringen? Und was 
müßte verändert werden, um statt dessen einen englischen Kon- 
servativen hervorzubringen? 

Sowohl die Begeisterung des Milieutheoretikers als auch sein 
klägliches Scheitern werden durch Owens utopisches Experiment in 
New Harmony veranschaulicht. In der langen Geschichte der Mi- 
lieureform - sei es nun in der Erziehung, in der Strafrechtslehre, 
in der Industrie oder im Familienleben, von Religionen und Regie- 
rungen gar nicht zu reden - zeigt sich immer dasselbe Muster. Eine 
Umwelt wird nach dem Vorbild einer anderen Umwelt konstruiert, 
in der richtiges Verhalten beobachtet worden ist - doch nun bleibt 
dieses Verhalten aus. Zweihundert Jahre einer Umweltlehre dieser 
Art haben kaum etwas eingebracht, und zwar aus einem einfachen 
Grund: Wir müssen wissen, wie die Umwelt funktioniert, bevor 
wir sie verändern können, um damit Verhalten zu verändern. Eine 
bloße Verlagerung des Schwergewichts vom Menschen auf die Um- 
welt bedeutet sehr wenig. 

Aggression. Wenden wir uns nun einigen Beispielen zu, in denen 
die Umwelt die Rolle und Funktion des autonomen Menschen» 
übernimmt. Bei dem ersten Beispiel haben wir es mit der Aggression 
zu tun, von der häufig behauptet wird, sie sei ein Bestandteil der 
menschlichen Natur. Menschen handeln häufig so, daß sie andere 
schädigen, und häufig scheinen sie durch Anzeichen eines anderen 
zugefügten Schadens verstärkt zu werden. Die Ethologen haben 
Kontingenzen der Erhaltung herausgearbeitet, die solche Eigenschaf- 


189 



ten der Erbanlage der Spezies zuschreiben: doch fallen die Kontin- 
genzen der Verstärkung zur Lebenszeit der Einzelperson ebenfalls 
ins Gewicht, da jeder, der aggressiv handelt, um anderen zu scha- 
den, wahrscheinlich auch auf andere Weise verstärkt wird - zum 
Beispiel dadurch, daß er von Dingen Besitz ergreift. Jedenfalls er- 
klären die Kontingenzen das Verhalten und nicht irgendeine Ge- 
fühlslage der Aggression oder irgendein einleitender Akt seitens des 
<autonomen Menschen». 

Fleiß. Ein weiteres Beispiel, bei dem es um einen sogenannten 
<Charakterzug> geht, ist der Fleiß. Manche Leute sind in dem Sinne 
fleißig, daß sie über lange Zeitabschnitte hin viel arbeiten, während 
andere in dem Sinne faul und müßig sind, daß sie das nicht tun. 
<Fleiß> und <Faulheit> sind nur zwei unter tausenden solcher <Cha- 
rakterzüge». Das Verhalten, auf das sie Bezug nehmen, kann auf 
andere Weise erklärt werden. Einiges darunter läßt sich auf geneti- 
sche Eigenarten zurückführen (und daher nur durch genetische Maß- 
nahmen verändern), der Rest auf Umweltkontingenzen, die we- 
sentlich wichtiger sind, als gewöhnlich angenommen wird. Ungeach- 
tet irgendeiner normalen Erbanlage kann ein Organismus Verhal- 
ten auf einer Skala zwischen ausgeprägter Tatkraft und völliger Un- 
tätigkeit zeigen; das hängt von den Abläufen ab, durch die er ver- 
stärkt worden ist. Die Erklärung verlagert sich von einem Charak- 
terzug auf eine umweltbezogene Geschichte der Verstärkung. 

Aufmerksamkeit. Ein drittes Beispiel begegnet uns in einer ko- 
gnitiven» Tätigkeit, der Aufmerksamkeit. Eine Person reagiert nur 
auf einen kleinen Teil der Reize, denen sie ausgesetzt ist. Der tra- 
ditionellen Anschauung nach bestimmt sie selbst, welche Reize wirk- 
sam werden sollen, indem sie diesen <ihre Aufmerksamkeit zuwen- 
det». Eine Art von innerem Torhüter soll manchen Reizen Zutritt 
gestatten, andere aussperren. Ein plötzlich auftretender oder star- 
ker Reiz kann durchbrechen und die Aufmerksamkeit <fesseln», doch 
scheint die Person sich im übrigen beherrschen zu können. Die Ana- 
lyse der Umweltbedingungen kehrt diese Beziehung jedoch um. Die 
Reize, die durchbrechen, indem sie «üe Aufmerksamkeit fesseln», 
tun das, weil sie in der Evolutionsgeschichte der Spezies oder der 


190 



* 

persönlichen Geschichte der Einzelperson mit wichtigen - zum Bei- 
spiel gefährlichen - Dingen in Verbindung gebracht worden sind. 
Weniger starke Reize fesseln die Aufmerksamkeit nur insoweit, 
als sie in Kontingenzen der Verstärkung eine Rolle gespielt haben. 
Wir können Kontingenzen arrangieren, die dafür sorgen, daß ein 
Organismus - sogar ein so <einfa<her> Organismus wie der einer 
Taube - einen ganz bestimmten Gegenstand oder eine ganz be- 
stimmte Eigenschaft eines Gegenstands (zum Beispiel seine Farbe 
und nicht seine Form) beachtet wird. Den <inneren Torhüter> erset- 
zen wir also durch die Kontingenzen, denen der Organismus ausge- 
setzt worden ist, und die die Reize auswählen, auf die er reagiert. 

Wahrnehmung und Wissen. Der überkommenen Meinung nach 
nimmt ein Mensch die Welt, die ihn umgibt, wahr, und er reagiert 
auf sie, um sie kennenzulernen. Gewissermaßen greift er nach ihr, 
um sie zu begreifen. Er <einverleibt> sie sich und besitzt sie nun. Er 
<erkennt> sie in jenem biblischen Sinne, in dem ein Mann eine Frau 
<erkennt>. Es ist sogar behauptet worden, die Welt sei nicht existent, 
wenn niemand sie wahrnähme. In einer Umweltanalyse verkehrt 
sich dieser Handlungsablauf in sein Gegenteil. Natürlich gäbe es 
keine Wahrnehmung, wenn es keine wahrzunehmende Welt gäbe, 
doch würde eine existente Welt genausowenig wahrgenommen 
werden, wenn es keine entsprechenden Kontingenzen gäbe. Wir 
sagen, ein Säugling nähme das Gesicht seiner Mutter wahr und er- 
kenne es. Die Gewißheit dafür entnehmen wir daraus, daß der 
Säugling auf eine bestimmte Weise auf das Gesicht seiner Mutter 
reagiert, während er auf andere Gesichter oder andere Dinge anders 
reagiert. Er trifft diese Unterscheidung aber nicht durch einen geisti- 
gen Akt der Wahrnehmung, sondern auf Grund vorausgegangener 
Kontingenzen. Manche darunter können Kontingenzen der Erhal- 
tung sein. Physische Merkmale einer Spezies sind besonders stabile 
Bestandteile der Umwelt, in der sich eine Spezies entwickelt. (Das 
ist der Grund, warum Ethologen der Werbung um die Frau, den 
Geschlechtsbeziehungen und dem Verhältnis zwischen Eltern und 
Nachkommen einen so wichtigen Platz einräumen.) Das Gesicht 
und der Gesichtsausdruck der Menschenmutter wurden mit Sicher- 
heit, Wärme, Nahrung und anderen wichtigen Dingen assoziiert, so- 

191 



wohl während der Evolution der Spezies als auch während der 
Kindheit des Menschen. 

Wir lernen wahrzunehmen *, das heißt, wir lernen, auf Dinge in 
besonderer Weise zu reagieren auf Grund der Kontingenzen, zu de- 
nen sie gehören. Wir nehmen die Sonne vielleicht einfach deshalb 
wahr, weil sie ein äußerst intensiver Reiz ist; doch war sie auch ein 
ständiger Bestandteil der Umwelt während der ganzen Entwicklung 
des Menschen. So ist es möglich, daß Kontingenzen der Erhaltung 
hier spezifischeres Verhalten hervorgebracht haben (wie bei vielen 
anderen Arten). Die Sonne begegnet uns auch in vielen gegenwärti- 
gen Kontingenzen der Verstärkung: Wir gehen in die Sonne oder 
ziehen uns in den Schatten zurück, je nach der Temperatur; wir 
warten darauf, daß die Sonne auf- oder untergeht, um etwas zu un- 
ternehmen; wir unterhalten uns über die Sonne und ihre Wirkun- 
gen; und schließlich erforschen wir auch die Sonne mit dem Instru- 
mentarium und den Methoden der Wissenschaft. Unsere Wahrneh- 
mung der Sonne hängt davon ab, was wir mit Bezug auf sie unter- 
nehmen. Und was immer wir auch tun, das heißt, wie immer wir sie 
auch wahrnehmen, die Tatsache bleibt bestehen, daß es die Umwelt 
ist, die auf die wahrnehmende Person handelnd einwirkt, und nicht 
die wahrnehmende Person, die auf die Umwelt handelnd einwirkt. 

Wahrnehmung und Erkennen sind sogar noch deutlicher Produk- 
te der Umwelt, wenn sie sich aus verbalen Kontingenzen ergeben. 
Wir reagieren auf einen Gegenstand wegen seiner Farbe auf man- 
nigfache Weise; so pflücken und essen wir rote und nicht grüne Äp- 
fel einer bestimmten Sorte. Es ist klar, daß wir zwischen Rot und 
Grün unterscheiden können, doch es kommt noch etwas hinzu, 
wenn wir sagen, wir wüßten , daß der eine Apfel rot und der andere 
grün ist. Die Behauptung liegt nahe, Erkennen sei ein kognitiver 
Prozeß, der mit Handeln nichts zu tun habe, aber die Kontingen- 
zen liefern uns eine nützlichere Unterscheidung. Wenn sich jemand 
nach der Farbe eines Gegenstands erkundigt, den er nicht sehen 
kann, und wenn wir ihm sagender sei rot, tun wir in bezug auf 
diesen Gegenstand nur das und nichts anderes. Jener andere hat uns 

* Vgl. B. F. Skinner: <Contingencies of Reinforcement>. New York 1969, 
Kap. 8. 

192 



gefragt und unsere Antwort gehört, und er zeigt jetzt eine prakti- 
sche Reaktion, die von einer Farbe abhängt. Nur bei verbalen Kon- 
tingenzen kann ein Sprecher auf eine isolierte Eigenschaft reagieren, 
auf die es keine nicht-verbale Reaktion gibt. Eine Reaktion auf die 
Eigenschaft eines Gegenstands ohne irgendwelche andere Reaktio- 
nen auf diesen Gegenstand wird als abstrakt bezeichnet. Abstraktes 
Denken ist das Resultat einer besonderen Art von Umwelt und kei- 
ne kognitive Fähigkeit. 

Als Zuhörer ziehen wir aus dem verbalen Verhalten anderer eine 
Art von Wissen, das uns äußerst zweckdienlich sein kann, wenn es 
darum geht, eine direkte Konfrontation mit Kontingenzen zu ver- 
meiden. Wir lernen aus der Erfahrung anderer, indem wir auf das 
reagieren, was sie über Kontingenzen äußern. Wenn wir gewarnt 
werden, etwas zu tun oder wenn man uns rät, etwas zu tun, mag es 
verfehlt sein, von Wissen zu sprechen. Aber wenn wir uns mit dau- 
erhafteren Arten von Warnungen und Ratschlägen in Form von 
Maximen oder Regeln vertraut machen, können wir von uns sagen, 
wir besäßen ein besonderes Wissen über Verhaltensweisen und ihre 
Folgen, auf die diese Warnungen Bezug nehmen. 

Die Gesetze der Wissenschaft 4 beschreiben Kontingenzen der 
Verstärkung, und jemand, der ein solches wissenschaftliches Gesetz 
kennt, kann sich wirksam verhalten, ohne den Kontingenzen aus- 
gesetzt zu sein, die das Gesetz beschreibt. (Er wird natürlich sehr 
unterschiedliche Empfindungen hinsichtlich dieser Kontingenzen ha- 
ben, je nachdem, ob eine Person eine Vorschrift befolgt oder ihnen 
direkt ausgesetzt gewesen ist. Wissenschaftliches Wissen ist <kalt>, 
aber das Verhalten, das es hervorbringt, ist genauso wirksam wie je- 
nes <warme> Wissen, das der persönlichen Erfahrung entstammt.) 

Isaiah Berlin hat auf ein besonderes Wissen hingewiesen, das von 
Giambattista Vico entdeckt worden sein soll. Es ist «der Sinn, in 
dem ich weiß, was es heißt, arm zu sein, für eine Sache zu kämpfen, 
einer Nation anzugehören, in eine Kirche oder Partei ein- oder aus- 
zutreten, Schwermut, Entsetzen oder die Allgegenwart eines Gottes 
zu empfinden, eine Geste, ein Kunstwerk, einen Scherz oder den 

* Vgl. B. F. Skinner: <Contingencies of Reinforcement>. New York 1969, 
S. 123-125 und Kap. 6. 


193 



Charakter eines Mensdien zu verstehen oder zu begreifen, daß man 
verändert wird oder sich selbst belügt». Das sind die Dinge, die man 
wahrscheinlich eher durch einen direkten Kontakt mit Kontingen- 
zen als aus dem verbalen Verhalten anderer lernt. Zweifellos sind 
sie mit besonderen Gefühlen verbunden, doch heißt das noch lange 
nicht, daß das Wissen direkt vermittelt wird. Jemand kann erst 
dann wissen, was es heißt, für eine Sache zu kämpfen, wenn er im 
Verlauf einer langen Geschichte gelernt hat, jenen Zustand wahrzu- 
nehmen und zu erkennen, den man als den Kampf für eine Sache 
bezeichnet. 

Die Natur des Bewußtseins. Die Rolle der Umwelt ist besonders 
schwer durchschaubar, wenn das, was erkannt wird, der Erkennende 
selbst ist. Wenn es keine Außenwelt gibt, die Erkennen einleitet, 
heißt das dann nicht, daß der Erkennende selbst zuerst handelt? 
Wir befinden uns hier im Bereich des Bewußtseins oder der Bewußt- 
heit *, einem Bereich, den zu ignorieren man die wissenschaftliche 
Analyse von Verhalten häufig beschuldigt. Das ist ein schwerer Vor- 
wurf, der deshalb ernst genommen werden sollte. Man behauptet 
vom Menschen, er unterscheide sich von anderen Tieren hauptsäch- 
lich dadurch, daß er <sich seiner eigenen Existenz bewußt ist>. Er 
weiß, was er tut; er weiß, daß er eine Vergangenheit hinter sich 
und eine Zukunft vor sich hat; er reflektiert über seine eigene 
Natur>; und er allein folgt dem klassischen Rat des <Erkenne dich 
selbst>. Jede Analyse menschlichen Verhaltens, die diese Tatsache 
vernachlässigte, wäre in der Tat unzulänglich. Und manche Ana- 
lysen tun das tatsächlich. Der sogenannte <methodologische Behavio- 
rismus» beschränkt sich selbst auf das, was offen einsehbar ist; gei- 
stige Prozesse mag es geben, aber auf Grund ihrer Natur scheiden 
sie aus der wissenschaftlichen Untersuchung aus. Die <Behavioristen> 
der Politikwissenschaft und viele logische Positivsten der Philoso- 
phie haben eine ähnliche Linie verfolgt. Doch Selbstbeobachtung 
kann untersucht werden, und so muß sie einen Teil jener einigerma- 
ßen vollständigen Darstellung menschlichen Verhaltens bilden. An- 

* Vgl. B. F. Skinner: <Science and Human Bebavior>. New York 1953, 
Kap. 17. 

194 



statt das Bewußtsein zu ignorieren, hat die experimentelle Analyse 
von Verhalten gewisse entscheidende Kernfragen angeschnitten. Es 
dreht sich nicht darum, ob ein Mensch sich selbst erkennen kann, 
sondern darum, was er erkennt, wenn er das tut. 

Dieses Problem ergibt sidi zum Teil aus der unbestreitbaren Tat- 
sache einer gewissen Intimsphäre: Ein kleiner Teil des Universums 
ist umschlossen mit menschlicher Haut. Es wäre unsinnig, die Exi- 
stenz dieser privaten Welt ableugnen zu wollen, aber genauso un- 
sinnig ist es, zu behaupten, daß diese Welt anderer Natur als die 
Außenwelt sei, eben weil sie von ihr abgetrennt ist. Der Unterschied 
liegt nicht in der Substanz, aus der diese private Welt gemacht ist, 
sondern in ihrer Zu- beziehungsweise Unzulänglichkeit. Kopf- 
schmerzen, Herzweh oder ein stilles Selbstgespräch zeichnen sich 
durch eine exklusive Intimität aus. Diese Intimität ist manchmal be- 
drückend (man kann Kopfschmerzen nicht einfach unbeachtet las- 
sen), doch braucht sie das nicht zu sein; und sie hat anscheinend die 
Doktrin untermauert, daß Erkenntnisse eine Art von Besitz sind. 

Die Schwierigkeit besteht darin, daß jene innere Abgeschieden- 
heit den Erkennenden zwar dem, was er erkennt, näherbringen 
kann, daß sie jedoch mit dem Prozeß, durch den er zu Erkenntnis 
gelangt, in< Konflikt gerät. Wie wir im 6. Kapitel gesehen haben, 
sind die Kontingenzen, auf deren Grund ein Kind lernt, seine Emp- 
findungen zu beschreiben, notgedrungen unzulänglich; eine Sprach- 
gemeinschaft kann nicht dieselben Verfahren, mittels derer sie die 
Kinder etwas lehrt, dazu benutzen, Gegenstände zu bezeichnen. 
Selbstverständlich gibt es natürliche Kontingenzen, auf deren 
Grund wir lernen, auf private Reize zu reagieren. Sie bringen Ver- 
halten von großer Genauigkeit hervor; wir könnten nicht springen, 
gehen oder einen Handstandüberschlag machen, wenn wir nicht 
von Teilen unseres Körpers entsprechende Reize empfingen. Doch 
mit dieser Art von Verhalten verbindet sich nur wenig Bewußtsein: 
bei all diesen Verhaltensweisen sind wir uns zumeist der Reize gar 
nicht bewußt, auf die wir reagieren. Wir schreiben anderen Arten 
kein Bewußtsein zu, obgleich sie auf ähnliche private Reize rea- 
gieren. Privat Reize <erkennen> bedeutet mehr als auf sie zu rea- 
gieren. 

Sprachgemeinschaften spezialisieren sich auf Selbstbeschreibungen. 


195 



Sie stellen Fragen wie folgende: Was hast du gestern getan? Was 
tust du jetzt? Was wirst du morgen tun? Warum hast du das getan? 
Willst du das wirklich tun? Was denkst du darüber? Die Antworten 
helfen den Menschen, sich einander wirksam anzupassen. Und eben 
weil solche Fragen gestellt werden, reagiert eine Person auf sich 
selbst und ihr Verhalten auf jene besondere Weise, die als Erkennen 
oder Bewußt-Sein bezeidmet wird. Ohne die Unterstützung durch 
eine Sprachgemeinschaft wäre alles Verhalten unbewußt. Bewußt- 
sein ist ein soziales Produkt. Es ist nicht nur nicht der besondere 
Bereich des autonomen Menschern, sondern es liegt darüber hinaus 
gar nicht in der Reichweite eines einsamen Menschen. 

Außerdem liegt es nicht im Bereich der Genauigkeit. Jene Abge- 
schiedenheit, die die Selbsterkenntnis mit einer gewissen Intimität 
auszustatten scheint, macht es der Sprachgemeinschaft unmöglich, 
akkurate Kontingenzen aufrechtzuerhalten. Das Vokabular der In- 
trospektion ist von Natur ungenau; das ist ein Grund, warum ein 
solcher Wortschatz von einer philosophischen oder psychologischen 
Schule zur anderen so stark variiert. Sogar ein sorgsam geschulter 
Beobachter hat Mühe, wenn es neue private Reize zu untersuchen 
gilt. (Unabhängige, objektive Gewißheit für private Stimulierun- 
gen - zum Beispiel durch physiologische Messungen - würde es er- 
möglichen, die Kontingenzen schärfer herauszuarbeiten, die zur 
Selbstbetrachtung führen; sie würde auch die hier vorgebrachte In- 
terpretation bestätigen. Solche Gewißheit würde allerdings - wie 
bereits im 1. Kapitel bemerkt - jene Theorie nicht stützen, die 
menschliches Verhalten einem beobachtbaren inneren Agens zuschrei- 
ben möchte.) 

Theorien der Psychotherapie, die besonderen Wert auf das Be- 
wußtsein legen, schreiben dem autonomen Menschern eine Rolle zu, 
die in Wirklichkeit den Kontingenzen der Verstärkung zukommt. 
Bewußtsein mag von Nutzen sein, wenn es sich bei dem Problem 
zum Teil um einen Mangel an Bewußtsein handelt, und <Einsicht> in 
die eigene Verfassung kann von Nutzen sein, wenn man anschließend 
durch Handeln ein Problem löst. Doch Bewußtsein oder Selbster- 
kenntnis allein reichen nicht immer aus. Man braucht sich des eige- 
nen Verhaltens oder der Bedingungen, die es kontrollieren, nicht 
bewußt zu sein, um sich wirksam oder unwirksam zu verhalten. Im 


196 



Gegenteil, die Frage der Schildkröte an den Tausendfüßler beweist 
uns, daß ständige Selbstbetrachtung ein Handikap sein kann. Ein 
geübter Pianist würde schlecht spielen, wenn er sich seines Verhaltens 
genauso scharf bewußt wäre wie der Anfänger, der eben spielen 
lernt. 

Kulturen werden häufig danach beurteilt, in welchem Ausmaß sie 
zur Selbstbetrachtung ermutigen. Von manchen Kulturen wird be- 
hauptet, sie brächten denkunfähige Menschen hervor, und Sokra- 
tes ist bewundert worden, weil er die Menschen veranlaßte, ihre 
eigene Natur zu erforschen. Selbstbetrachtung ist aber lediglich eine 
Einleitung zum Handeln. Das Ausmaß, in dem ein Mensch sich sei- 
ner selbst bewußt sein sollte , hängt ab von der Bedeutung, die Selbst- 
betrachtung für wirksames Verhalten hat. Selbsterkenntnis ist wert- 
voll nur in dem Ausmaß, in dem sie hilft, mit den Bedingungen und 
Folgen zurechtzukommen, in deren Zusammenhang sie entstanden 
ist. 

Das Denken. Vielleicht das letzte Bollwerk des autonomen Men- 
schern ist die komplexe <kognitive> Tätigkeit, die <Denken> genannt 
wird. Weil sie komplex ist, gelang es nur langsam, sie mittels Kon- 
tingenzen der Verstärkung zu erklären. Wenn wir sagen, daß eine 
Person zwischen Rot und Orange unterscheidet , schließen wir ein, 
daß diese Unterscheidung ein geistiger Akt * ist. Die Person selbst 
scheint nichts zu tun; sie reagiert in verschiedener Weise auf rote 
oder orangefarbene Reize, doch ist das eher das Ergebnis einer Un- 
terscheidung als diese selbst. Ähnlich liegt der Fall, wenn wir sagen, 
daß jemand verallgemeinert - wenn er zum Beispiel von seiner ei- 
genen beschränkten Erfahrung auf die Welt im allgemeinen schließt-; 
doch alles, was wir sehen, ist, daß er auf die Welt im ganzen 
reagiert, weil er gelernt hat, auf seine eigene kleine Welt zu reagie- 
ren. Wir sagen, jemand mache sich einen Begriff oder abstrahiere , 
doch alles, was wir sehen, ist, daß gewisse Kontingenzen der Ver- 
stärkung eine Reaktion unter die Kontrolle einer einzigen Eigen- 
schaft eines Reizes gebracht haben. Wir sagen, jemand erinnere oder 

* Vgl. B. F. Skinner: <Contingencie$ of Reinforcement>. New York 1969, 
S. 274 ff.; ders.: <The Technology of Teaching>. New York 1968, S. 120. 


197 



entsinne sich dessen, was er gesehen oder gehört hat, doch alles, was 
wir sehen, ist, daß die gegebene Situation eine - möglicherweise 
abgeschwächte oder veränderte - Reaktion hervorruft, die bei ei- 
ner anderen Gelegenheit erworben worden ist. Wir sagen, jemand 
assoziiere gedanklich ein Wort mit einem anderen, doch alles, was 
wir sehen, ist, daß ein einzelner verbaler Reiz die Reaktion hervor- 
ruft, die früher auf einen anderen Reiz folgte. Anstatt also anzu- 
nehmen, daß es der autonome Mensch> ist, der unterscheidet, ver- 
allgemeinert, sich einen Begriff macht oder abstrahiert, sidi erinnert, 
entsinnt oder assoziiert, können wir eine klare Ordnung durch die 
Erkenntnis schaffen, daß diese Begriffe sich nicht auf die wirklichen 
Verhaltensformen beziehen. 

Zu praktischem Handeln kann einer schreiten, der ein Problem 
löst. 91 * Wenn er ein Puzzlespiel zusammensetzt, kann er die einzel- 
nen Teile hin- und herschieben und damit die Chance, eine passen- 
de Lücke zu finden, erhöhen. Bei der Lösung einer Gleichung kann 
er Werte austauschen, Brüche eliminieren und Wurzeln ziehen, um 
seine Chancen zu verbessern, eine Form der Gleichung zu finden, 
die er bereits zu lösen gelernt hat. Der schöpferische Künstler kann 
einen Werkstoff so lange bearbeiten, bis er auf etwas für ihn Inter- 
essantes stößt. Viele solcher Handlungsweisen treten nur verdeckt 
auf, und dann ist es wahrscheinlich, daß sie einem anderen System 
zugeordnet werden; doch können sie stets auch sichtbar praktiziert 
werden, was den Ablauf vielleicht verlangsamt, aber oft auch wirk- 
samer gestaltet, und abgesehen von seltenen Ausnahmen muß sol- 
ches Verhalten in offener Form erlernt worden sein. Die Kulturen 
fördern das Denken, indem sie besonders Kontingenzen konstruie- 
ren. Sie lehren, feine Unterscheidungen zu treffen, indem sie unter- 
schiedliche Verstärkungen präziser gestalten. Sie lehren Techniken 
zur Lösung von Problemen. Sie liefern Regeln, die es unnötig ma- 
chen, sich den Kontingenzen auszusetzen, von denen die Regeln ab- 
geleitet worden sind, und sie liefern Regeln, um Regeln zu finden. 

Selbstkontrolle oder Selbstmanagement ist eine besondere Weise, 


* Vgl. B. F. Skinner: <Science and Human Behavior>. New York 1953, 
S. 246-254; ders.: <Contingencies of Reinforcement>. New York 1969, 
Kap. 6. 


198 



um Probleme zu lösen, ein Verfahren, das, wie die Selbsterkenntnis 
auch, alle die Fragen aufwirft, die sich im Zusammenhang mit der 
Idee einer Privatsphäre stellen. Einige Techniken wurden in Ver- 
bindung mit dem Begriff der aversiven Kontrolle bereits im 4. Ka- 
pitel diskutiert. Es ist immer die Umwelt, die das Verhalten erzeugt, 
mit dem Probleme gelöst werden, auch dann, wenn die Probleme 
Teil jener von unserer eigenen Haut umschlossenen privaten Welt 
sind. Nichts von alldem ist bisher hinreichend untersucht worden; 
doch darf die Unzulänglichkeit unserer Analyse kein Grund sein, 
wieder auf den wunder wirkenden Geist zurückzugreifen! Wenn un- 
sere Deutung der Kontingenzen der Verstärkung noch nicht ausreicht, 
um alle Arten von Denkprozessen zu erklären, sollten wir nicht ver- 
gessen, daß überhaupt nichts erklärt wird, wenn man sich auf den 
Geist beruft. 

Die Rolle der Physiologie. Wenn wir die Kontrolle vom autono- 
men Menschern auf die wahrnehmbare Umwelt verlagern, bleibt 
kein leerer Organismus zurück. Auch dann geschieht immer noch viel 
innerhalb unserer eigenen Haut, und die Physiologie * wird uns mit 
der Zeit mehr darüber sagen können. Sie wird uns erklären, inwie- 
fern Verhalten in einem Bezug zu vorausgegangenen Ereignissen 
steht, von denen es eine Funktion ist. Diese Zuordnung wird nicht 
immer richtig verstanden. So wollen viele Physiologen immer noch 
nach den physiologischen Korrektem geistiger Vorgänge suchen. 
Die physiologische Forschung erscheint hier als starke wissenschaft- 
liche Version der Selbstbeobachtung. Doch physiologische Verfahren 
sind natürlich nicht dazu bestimmt, Ideen, Einstellungen, Gefühle, 
Impulse, Gedanken oder Absichten zu ermitteln oder zu messen. 
(Wenn dem so wäre, müßten wir zusätzlich zu den im 1. Kapitel 
aufgeworfenen Fragen eine dritte Frage beantworten: Wie kann 
eine Idee, Empfindung oder Absicht die Instrumente der Physiolo- 
gen affizieren?) Heute verhelfen uns weder die Introspektion noch 
die Physiologie zu hinreichenden Informationen über das, was in 
einem Menschen geschieht, wenn er Verhalten äußert; da sie beide 

* Nach Rene Dubos zitiert von John A. Osmundsen, in: The New York 
Times , 30 . 12 . 1964 . 


199 



nach innen gewandt sind, haben sie dieselbe Wirkung: die Aufmerk- 
samkeit wird von der äußeren Umwelt abgelenkt. 

Der Mensch - ein nackter Affe? Ein Großteil der Mißverständ- 
nisse, die auf einen «inneren Mensdien> zurückgehen, wird ausgelöst 
durch die Metapher von der Speicherung. Evolutionäre Entwick- 
lung und solche der Umwelt verändern einen Organismus, doch 
werden sie nicht in ihm gespeichert. Wir beobachten zwar, wie Säug- 
linge an der Mutterbrust saugen, und wir können uns leicht vorstel- 
len, daß eine starke Neigung zu solchem Verhalten Erhaltungswert 
besitzt; doch in dem Begriff <Sauginstinkt> ist wesentlich mehr ein- 
geschlossen: er gilt als etwas, was der Säugling besitzt und was ihn 
befähigt zu saugen. Die Idee einer «menschlichen Natur> oder einer 
«Erbanlage» wird bedenklich, wenn man sie in diesem Sinn interpre- 
tiert. Wir sind der menschlichen Natur nur in dem Sinn beim Säug- 
ling näher als bei einem Erwachsenen, bei einer primitiven Kultur 
näher als bei einer hochentwickelten, daß Umweltkontingenzen die 
Erbanlage wahrscheinlich nur geringfügig überdeckt haben. Es ist 
verführerisch, diese Anlage in Form jener These zu dramatisieren, 
daß frühere Stadien in versteckter Form erhalten geblieben seien: 
Der Mensch ist ein nackter Affe, und «der paläolitische Stier, der im 
inneren Ich des Menschen fortlebt, scharrt immer noch am Boden, 
wenn es auf dem sozialen Schauplatz zu einer drohenden Geste 
kommt»*. Doch Anatomen und Physiologen werden weder auf ei- 
nen Affen noch auf einen Stier und damit auch auf keine Instinkte 
stoßen. Sie werden anatomische und physiologische Merkmale ent- 
decken, die das Ergebnis der Evolutionsgeschichte sind. 

Gewohnheit. Auch von der Entwicklungsgeschichte der Einzelper- 
son wird häufig behauptet, sie würde in der Person gespeichert. An 
Stelle von «Instinkt» lese man hier aber «Gewohnheit»! Die Gewohn- 
heit des Rauchens ist vermutlich etwas mehr als das Verhalten, das 
diese Gewohnheit anzeigt; doch die einzige zusätzliche Information, 
über die wir verfügen, betrifft die Verstärker und die Verstärkungs- 
abläufe, die eine Person zu starkem Rauchen veranlassen. Die Kon- 

* Vgl. <Brain and Concious Experience>. New York 1966. 


200 



tingenzen werden nicht gespeichert; sie haben lediglich eine verän- 
derte Person hinterlassen. 

Erinnerung. Von der Umwelt wird häufig behauptet, sie werde in 
Form von Erinnerungen gespeichert: Um uns an einen Gegenstand 
zu erinnern, suchen wir nach einer Kopie dieses Gegenstands, die 
wir dann mit denselben Augen betrachten können wie den ur- 
sprünglichen Gegenstand. So weit wir jedoch wissen, gibt es nie der- 
artige Kopien der Umwelt * in der Einzelperson, sogar dann nicht, 
wenn ein Gegenstand unmittelbar gegenwärtig ist und beobachtet 
wird. Auch von den Resultaten komplexerer Kontingenzen heißt es, 
sie würden gespeichert; das Repertoire, das jemand sich aneignet, 
wenn er Französisch lernt, nennt man <Französischkenntnisse>. 

Charakter. Auch von Charakterzügen, ganz gleich, ob sie sich von 
Kontingenzen der Erhaltung oder von Kontingenzen der Verstär- 
kung herleiten, wird behauptet, sie würden gespeichert. Ein merk- 
würdiges Beispiel begegnet uns in Follets <Modern American 
Usage> **: «Wir sagen, <Er begegnet diesen Schwierigkeiten tapfer», 
wobei wir uns ohne viel Nachdenken dessen bewußt sind, daß die 
Tapferkeit eine Eigenschaft des Mannes ist und nicht des Begegnens; 
eine tapfere Handlung ist ein poetisches Kürzel für die Handlung 
einer Person, die Tapferkeit bei deren Ausführung zeigt.» Aber wir 
bezeichnen einen Mann als tapfer wegen seiner Handlungen, und er 
verhält sich tapfer, wenn ihn Umstände der Umwelt dazu veran- 
lassen. Die Umstände haben sein Verhalten geändert; dagegen ha- 
ben sie weder einen Charakterzug noch eine Tugend begründet. 

Philosophie. Auch von Philosophien spricht man wie von Besitz- 
tümern. Ein Mensch spricht oder handelt auf eine bestimmte Weise 
angeblich deshalb, weil er eine besondere Philosophie besitzt - sie 
mag Idealismus, dialektischer Materialismus oder Calvinismus hei- 
ßen. Begriffe dieser Art fassen die Folgen von Umweltbedingungen 


* Vgl. B. F. Skinner: <Contingencies of Reinforcement>. New York 1969, 
S. 247 ff. 

** William Follet: < Modem American Usage>. New York 1966. 


201 



zusammen, denen im Augenblick nachzugehen schwierig wäre; doch 
müssen diese Bedingungen existiert haben, und sie dürfen nicht 
übersehen werden. Eine Person, die eine Philosophie der Freiheit 
besitzt, ist eine Person, die durch die Literatur der Freiheit auf be- 
stimmte Weise verändert worden ist. 

Sünde und Sündhaftigkeit. Das hier behandelte Problem hat in 
der Technologie * eine merkwürdige Gestalt angenommen. Sündigt 
der Mensch, weil er sündhaft ist, oder ist er sündhaft, weil er sün- 
digt? Keine der beiden Fragen führt zu nützlichen Erkenntnissen. 
Zu sagen, ein Mensch sei sündhaft, weil er sündigt, heißt eine funk- 
tionelle Definition der Sünde geben. Zu sagen, er sündige, weil er 
sündhaft ist, heißt sein Verhalten auf einen vorausgesetzten inne- 
ren Wesenszug zurückführen. Aber ob sich eine Person auf die Art 
von Verhalten einläßt, die als sündhaft bezeichnet wird, oder ob sie 
das nicht tut, hängt von Umständen ab, die in keiner der beiden 
Fragen erwähnt werden. Sünde als ein innerer Besitz verstanden 
(also die Sünde, die jemand selbst <erkennt>), entsteht im Zusam- 
menhang einer Geschichte der Verstärkung. (Der Ausdruck <gottes- 
fürchtig> läßt auf eine solche Geschichte schließen, doch das gilt nicht 
für Begriffe wie Frömmigkeit, Tugendhaftigkeit, Immanenz, Got- 
tes, sittliches Empfinden oder Moral. Wie wir gesehen haben, ist 
der Mensch kein moralisches Lebewesen in dem Sinne, daß er sich 
durch einen besonderen Charakterzug oder durch eine besondere 
Tugend auszeichnet; er hat eine Art von sozialer Umwelt geschaffen, 
die ihn veranlaßt, sich auf moralische Weise zu unterhalten.) 

Diese Unterscheidungen haben praktische Auswirkungen. Bei ei- 
ner kürzlich durchgeführten Befragung von weißen Amerikanern 
wurde festgestellt, daß «mehr als die Hälfte den niedrigen Ausbil- 
dungsstand und den niedrigen wirtschaftlichen Status von Farbigen 
<etwas an den Negern selbst>** zuschreibt». Dieses <Etwas> wurde 
noch näher umrissen als «Mangel an Motivierung», der jedoch von 
genetischen und von Umwelt-Faktoren unterschieden werden sollte. 
Motivierung, hieß es, habe mit einem <freien Willem zu tun. Die 

* Vgl. Homer Smith: <Man and His Gods>. Boston 1952. 

** Vgl. Science News , 20. 12. 1969. 


202 



Rolle der Umwelt derart zu vernachlässigen bedeutet, jede Unter- 
suchung jener schwächlichen Kontingenzen zu entmutigen, die für 
einen <Mangel an Motivierung> verantwortlich sind. 

Das Ich. Es liegt in der Natur der experimentellen Analyse 
menschlichen Verhaltens, daß diese die bislang dem autonomen 
Menschern zugeschriebenen Funktionen eine nach der anderen der 
kontrollierenden Umwelt überträgt. Eine solche Analyse bewirkt, 
daß dem autonomen Menschen» immer weniger zu tun bleibt. Aber 
wie sieht es nun mit dem Menschen selbst aus? Gibt es am Menschen 
nichts, was mehr ist als nur ein lebender Körper? Wenn nicht etwas 
namens <Ich> überlebt, wie können wir dann von Selbsterkenntnis 
oder Selbstkontrolle sprechen? An wen richtet sich das Gebot <Er- 
kenne dich selbst»? 

Ein wesentlicher Teil der Kontingenzen, denen ein kleines Kind 
ausgesetzt ist, besteht darin, daß sein Körper der einzige Teil seiner 
Umwelt ist, der von einem Augenblick zum anderen und von Tag 
zu Tag derselbe {idem) bleibt. Wir sagen, das Kind entdecke seine 
Identität, wenn es zwischen seinem Körper und dem Rest der Welt 
unterscheiden lernt. Ein Kind tut das, lange bevor die Gemeinschaft 
es lehrt, Dinge zu bezeichnen und das <Ich» vom <Es» oder <Du» zu 
unterscheiden. 

Ein <Ich»* ist ein Verhaltensrepertoire, das einem gegebenen 
Komplex von Kontingenzen entspricht. Die Bedingungen, denen ei- 
ne Person ausgesetzt ist, können hier teilweise eine beherrschende 
Rolle spielen; unter anders gearteten Bedingungen, erklärt der Be- 
treffende vielleicht: <Ich bin außer mir», oder: <Was du da sagst, was 
ich getan hätte, hätte ich unmöglich tun können, weil es mir nicht 
gleichsieht.» Die Identität, die einem Ich zugeschrieben wird, ergibt 
sich aus den Kontingenzen, die für das Verhalten verantwortlich 
sind. Zwei oder mehr Repertoires, die von verschiedenen Komple- 
xen von Kontingenzen hervorgebracht werden, bilden zwei 
oder mehrere Ichs. Jemand kann ein Repertoire besitzen, das seinem 
Leben mit Freunden, und ein anderes, das seinem Leben mit der 

* Vgl. B. F. Skinner: <Science and Human Behavior>. New York 1953, 
Kap. 18. 


203 



Familie entspricht; ein Freund kann in ihm ein völlig anders gear- 
tetes Ich entdecken, wenn er ihn zusammen mit seiner Familie erlebt, 
und dasselbe kann der Familie zustoßen, wenn sie ihn zusammen 
mit Freunden erlebt. Das Problem der Identität entsteht, wenn sich 
Situationen vermischen, wenn zum Beispiel eine Person zugleich mit 
der Familie und Freunden zusammen ist. 

Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle deuten in diesem Sinne auf 
zwei Ichs hin. Der Sich-selbst-Er kennen de ist fast immer ein Pro- 
dukt von sozialen Kontingenzen, während das Ich, das erkannt 
wird, anderen Quellen entstammen kann. Das kontrollierende Ich 
(das Gewissen oder Über-Ich) ist sozialen Ursprungs, während das 
kontrollierte Ich das Produkt einer genetisch bedingten Empfäng- 
lichkeit für Verstärkung (das Es oder der alte Adam) sein dürfte. 
Das kontrollierende Ich vertritt gewöhnlich die Interessen anderer, 
während das kontrollierte Ich die Interessen der Einzelperson ver- 
tritt. 

Die Vorstellung, die sich aus einer wissenschaftlichen Analyse 
ergibt, ist nicht die eines Körpers mit einer Person darin, sondern 
die eines Körpers, der eine Person ist in dem Sinne, daß er ein kom- 
plexes Verhaltensrepertoire entfaltet. Diese Vorstellung ist natürlich 
ungewohnt. Stellt man den Menschen so dar, erscheint er als ein 
Fremder, und vom traditionellen Standpunkt aus gesehen hat er 
vielleicht überhaupt nichts Menschenähnliches an sich. «Mindestens 
hundert Jahre lang», meinte Joseph Wood Krutch*, «waren wir 
für Theorien voreingenommen gewesen (einschließlich der des wirt- 
schaftlichen Determinismus, des mechanistischen Behaviorismus und 
des Relativismus), welche die Größe des Menschen reduziert haben, 
bis dieser überhaupt aufhörte, ein Mensch im Sinne der Humanisten 
früherer Generationen zu sein». Matson** argumentiert, daß «der 
empirische Verhaltenswissenschaftler . . . und sei es nur mittels Im- 
plikation, bestreite, daß es ein einzigartiges Lebewesen namens 


* Joseph Wood Krutdi: < Epitaph for an Age>. In: New York Times Ma- 
gazine, 30. 6. 1967. 

** Floyd W. Matson: <The Broken Image: Man, Science and Society >. 
New York 1964; zitiert nach einer Rezension in Science (1964), S. 829- 
830. 


204 



Mensch gäbe». «Was jetzt angegriffen wird», so erklärte Maslow*, 
«ist das <Sein> des Menschen». C. S. Lewis ** drückte das sehr un- 
verblümt aus: Der Mensch sei im Begriff, abgeschafft zu werden. 

Abschaffung des «autonomen Menschen». Augenscheinlich ha- 
ben wir es mit Schwierigkeiten zu tun, wenn wir den Menschen iden- 
tifizieren wollen, auf den solche Bemerkungen zutreffen. Lewis kann 
nicht die Spezies Mensch gemeint haben, denn diese wird nicht nur 
nicht abgeschafft, sondern sie füllt zusehends unsere Erde. (Es ist 
möglich, daß sie sich als Folge davon schließlich durch Krankheiten, 
Hungersnöte, Umweltverschmutzung oder eine Atomkatastrophe 
selbst <abschafft>, aber das ist es nicht, was Lewis gemeint hat.) Und 
genausowenig verhält sich der Einzelmensch weniger wirksam oder 
produktiv. Man erklärt uns, daß das, was bedroht ist, der <Mensch 
qua Mensch> sei, der <Mensch in seiner Menschlichkeit^ der «Mensch 
als Du und nicht als Es> oder der «Mensch als Person und nicht als 
Ding>. Das sind nicht sonderlich hilfreiche Formulierungen, doch lie- 
fern sie uns einen Schlüssel. Was im Begriff ist, abgeschafft zu wer- 
den, ist der «autonome Mensch> - der innere Mensch, der Homun- 
kulus, der besitzer greif ende Dämon, der Mensch, der von der Lite- 
ratur der Freiheit und der Würde verteidigt wird. 

Seine Abschaffung ist seit langem überfällig. Der «autonome 
Mensch> ist ein Mittel, dessen wir uns bei der Erklärung jener 
Dinge bedienen, die wir nicht anders erklären können. Er ist ein 
Produkt unserer Unwissenheit, und während unser Wissen wächst, 
lost sich die Substanz, aus der er gemacht ist, immer mehr in Nichts 
auf. Die Wissenschaft entmenschlicht den Menschen nicht, sie <de- 
homunkulisiert> ihn, und es bleibt ihr nichts anderes übrig, wenn sie 
der Abschaffung der menschlichen Spezies Vorbeugen will: Wir kön- 
nen froh sein, wenn wir uns von diesem Menschen im Menschen 
befreit haben. Nur wenn wir ihn seiner Rechte entsetzen, können 
wir uns den echten Ursachen menschlichen Verhaltens zuwenden. 
Und nur dann können wir vom Abgeleiteten zum Beobachteten ge- 


* Abraham H. Maslow: <Religions> Values, and Peak-Experiencies>. 
Columbus 1964. 

** C. S. Lewis: <Tke Abolition of Man>. New York 1957. 


205 



langen, vom Wunderbaren zum Natürlichen, vom Unzulänglichen 
zum Beeinflußbaren. 

Es wird oft behauptet, daß wir, wenn wir das tun, den Menschen, 
der überlebt, als bloßes Tier behandeln müßten. <Tier> ist hier ein 
abwertender Begriff, aber nur, weil der Begriff <Mensch> fälschli- 
cherweise auf gewertet worden ist. Krutdi argumentiert, daß, wäh- 
rend die traditionelle Anschauung Hamlets Ausruf «Wie ein Gott!» 
unterstütze, Pawlow, der Verhaltens Wissenschaftler, dieses Zitat in 
den Ausspruch «Wie ein Hund!» umformuliert habe. Doch das war 
ein Schritt voran. Ein Gott ist das archetypische Muster einer Fik- 
tion, mit der etwas erklärt werden soll, eines wunderwirkenden 
Geistes, des Metaphysischen. Der Mensch ist wesentlich mehr als 
ein Hund, doch ebenso wie ein Hund ist auch er durch wissenschaft- 
liche Analyse erfaßbar. 

Sicher hat sich die experimentelle Analyse von Verhalten zum 
großen Teil mit niedrigeren Organismen befaßt. Genetische Unter- 
schiede verlieren an Bedeutung, wenn man besondere Stämme züch- 
tet; Einflüsse der Umwelt können, vielleicht sogar von Geburt an, 
kontrolliert werden; während langer Experimente lassen sich stren- 
ge Vorschriften einhalten - beim Menschen als Forschungsobjekt 
wären solche Möglichkeiten kaum gegeben. Darüber hinaus neigt 
der Wissenschaftler bei seiner Arbeit mit niedrigeren Gattungen we- 
niger dazu, seinen Daten die eigenen Reaktionen auf die experimen- 
tellen Bedingungen hinzuzufügen; oder dazu, Kontingenzen zu pla- 
nen, bei denen es ihm auf die Wirkung, auf ihn selbst ankommt, an- 
statt auf den Organismus, den er untersucht. Niemanden stört es, 
wenn Physiologen Atmung, Fortpflanzung, Ernährung oder endo- 
krine Systeme an Tieren untersuchen; sie tun das, um sich ausge- 
prägte Ähnlichkeiten zunutze zu machen. Man ist nun im Begriff, 
vergleichbare Ähnlichkeiten im Verhalten zu entdecken. Natürlich 
besteht immer die Gefahr, daß Methoden, die zur Erforschung nied- 
riger Organismen entwickelt wurden, nur jene Merkmale hervor- 
heben, die jene gemeinsam mit dem Menschen haben. Aber wir kön- 
nen nicht entdecken, was <wesentlich> menschlich ist, solange wir 
nicht-menschliche Organismen erforscht haben. Traditionelle Theo- 
rien über den autonomen Menschern haben Gattungsunterschiede 
übertrieben. Manche der komplexen Kontingenzen der Verstär- 


206 



kung, die heute erforscht werden, rufen in niedrigeren Organismen 
Verhalten hervor, das - wären die betreffenden Forschungsobjekte 
menschlich - nach überlieferter Meinung auf höhere geistige Pro- 
zesse hinweisen würde. 

Der Mensch als Maschine? - Der Mensch wird nicht zur Maschi- 
ne gemacht, wenn sein Verhalten mittels mechanischen Begriffen 
analysiert wird. Frühere Verhaltenstheorien stellten den Menschen, 
wie wir gesehen haben, als einen Zug-Druck-Automaten dar, der 
der Vorstellung des 19. Jahrhunderts von einer Maschine nahe 
kommt. Aber mittlerweile sind Fortschritte erzielt worden. Der 
Mensch ist insofern eine Maschine, als er ein komplexes System ist, 
das sich nach bestimmten Regeln verhält, seine Komplexität ist je- 
doch außergewöhnlich. Sein Vermögen, sich Kontingenzen der Ver- 
stärkung anzupassen, wird mit der Zeit vielleicht von Maschinen 
nachgeahmt werden, doch so weit ist es noch nicht. Allerdings wird 
das so nachgeahmte lebendige System auf andere Weise einzigartig 
bleiben. 

Genausowenig wird der Mensch zur Maschine gemacht, wenn man 
ihn veranlaßt, Maschinen zu benutzen. Manche Maschinen erfor- 
dern Verhalten, das ermüdend und monoton ist, und wir entziehen 
uns ihnen, wenn das möglich ist; andere Maschinen potenzieren je- 
doch unsere Fähigkeiten bei der Auseinandersetzung mit unserer 
Umwelt. Wer auf winzige Dinge mit Hilfe eines Elektronenmikro- 
skops und auf riesige mit Hilfe eines Radioteleskops zu reagieren in 
der Lage ist, wirkt vielleicht inhuman in den Augen jener, die sich 
nur ihrer Sinne bedienen. Wer auf die Umwelt mit der feinen Prä- 
zision eines Mikromanipulators oder mit der Kraft und Reichweite 
einer Weltraumrakete einzu wirken vermag, mag jenen inhuman er- 
scheinen, die sich nur auf ihre Muskelkraft verlassen. (Man hat ge- 
sagt, daß Laboreinrichtungen natürliches Verhalten verzerrten, weil 
sie externe Kraftquellen * einführten; doch auch der Mensch bedient 
sich externer Kraftquellen, wenn er Drachen steigen läßt, wenn er 


* Vgl. J. P. Scott: < Evolution and the Individual >. American Academy 
of Arts and Sciences Conferences on Evolutionary. Theory and Human 
Progress, 28. 11. 1960. 


207 



segelt oder Bogen schießt. Der Mensch müßte auf fast alle seine Lei- 
stungen verzichten, wenn er sich nur seiner Muskelkraft bedienen 
wollte.) Die Menschen zeichnen ihr Verhalten in Büchern mittels 
anderer Medien auf, und der Gebrauch, den sie von diesen Auf- 
zeichnungen machen, mag jenen als recht inhuman erscheinen, die 
nur das benutzen können, woran sie sich erinnern. Die Menschen 
beschreiben komplexe Wirkzusammenhänge in Form von Regeln, 
sie schaffen Regeln zum geschickten Umgang mit Regeln, und sie 
speisen damit elektronische Systeme, die mit einer Geschwindigkeit 
<denken>, welche dem Denker ohne Hilfsmittel sehr inhuman er- 
scheinen mag. Der Mensch schafft all dies mit Hilfe von Maschinen; 
er wäre alles andere als menschlich, wenn er das nicht täte. Was 
wir heute als maschinenartiges Verhalten betrachten, war in Wirk- 
lichkeit vor der Erfindung all dieser Dinge wesentlich verbreiteter. 
Der Sklave im Baumwollfeld, der Buchhalter auf seinem hohen 
Hocker, der Schüler, der vom Lehrer gedrillt wurde - das waren 
die maschinenartigen Menschen. 

Menschen werden durch Maschinen ersetzt, wenn diese das tun 
können, was bisher Menschen getan haben, und die sozialen Folgen 
können schwerwiegend sein. Je mehr sich die Technologie fortent- 
wickelt, desto mehr Funktionen des Menschen werden von Ma- 
schinen übernommen, allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. 
Wir bauen Maschinen, die einige der aversiven Merkmale unserer 
Umwelt ausschalten (zum Beispiel strapaziöse Arbeit) und die mehr 
positive Verstärker hervorbringen. Wir bauen sie deshalb, weil sie 
das tun. Wir haben keinen Grund, Maschinen zu bauen, damit 
die Maschinen selbst von diesen Folgen verstärkt werden; wenn wir 
das täten, hieße das, daß wir uns selbst einer Verstärkung berauben 
würden. Wenn die Maschinen, die der Mensch baut, ihn einmal völ- 
lig entbehrlich machen sollten, wird das dem Zufall und nicht einer 
Planung zuzuschreiben sein. 

Ziele und Zwecke. Eine wichtige Funktion des <autonomen Men- 
schen» bestand darin, dem menschlichen Verhalten eine Richtung 
zu weisen. Oft heißt es, daß der Mensch ohne Ziel und Zweck zu- 
rückbleibe, wenn wir ihn jeder inneren Kraft berauben würden. Ein 
Autor hat das folgendermaßen formuliert: «Da eine wissenschaftli- 


208 



che Psychologie menschliches Verhalten objektiv betrachten muß, als 
etwas, das von unumstößlichen Gesetzen beherrscht wird, muß sie 
menschliches Verhalten als nicht-intentional begreifen.» Aber un- 
umstößliche Gesetze> würden diese Wirkung nur haben, wenn sie 
sich ausschließlich auf vorausgegangene Bedingungen bezögen. Ab- 
sichten und Ziele verweisen auf selektive Folgen, deren Auswirkun- 
gen in Form von unumstößlichen Gesetzen» formuliert werden 
können. Hat das Leben, in allen seinen auf dieser Erde existieren- 
den Formen, einen Zweck, und ist das ein Beweis für die intentio- 
nale Planung? Die Hand des Primaten entwickelte sich, damit sie 
mit Dingen geschickter umgehen konnte, doch ihr Zweck ging nicht 
aus einer vorausgegangenen Planung hervor, sondern aus dem 
Ausleseprozeß. Ähnlich wird bei einer operativen Konditionierung 
der Zweck einer geschickten Handbewegung durch die Folgen erfüllt, 
die sich ihr anschließen. Ein Pianist erwirbt oder praktiziert das 
Verhalten, das darin besteht, daß er eine Tonleiter flüssig spielt, 
nicht auf Grund einer vorangegangenen Absicht, die in diese Rich- 
tung zielte. Flüssig gespielte Tonleitern wirken aus vielen Gründen 
verstärkend, und daher findet eine Auslese geschickter Bewegungen 
statt. Weder der Evolution der menschlichen Hand noch der erwor- 
benen Verwendung dieser Hand liegen irgendeine vorausgegangene 
Intention oder irgendein Zweck zugrunde. 

Argumente zugunsten von Zweckbestimmtheit und Zielgerichtet- 
heit scheinen untermauert zu werden, wenn wir in die dunklere Ver- 
gangenheit der Mutation Vordringen. Jacques Barzun zufolge haben 
Darwin und Marx nicht nur den Zweck des Menschen vernachläs- 
sigt, sondern auch den schöpferischen Zweck, der verantwortlich für 
die Abweichungen ist, derer sich die natürliche Auslese bedient. Viel- 
leicht erweist es sich als richtig, daß, wie einige Genetiker behaup- 
tet haben, Mutationen nicht völlig zufällig sind. Dennoch wäre eine 
Nicht-Zufälligkeit nicht unbedingt der Beweis für einen schöpferi- 
schen Geist. Mutationen werden nicht zufällig sein, wenn Genetiker 
sie vorsätzlich planen, damit ein Organismus auf spezifische Ausle- 
sebedingungen erforderlicher reagiert; dann werden es die Geneti- 
ker sein, die die Rolle jenes kreativen Geistes der prä-evolutionären 
Theorie zu spielen scheinen. Aber den Zweck ihres Handelns, den 
sie erkennen lassen, wird man in ihrer Kultur, wird man in der. 


209 



sozialen Umwelt suchen müssen. Diese hat sie dazu gebracht, gene- 
tische Veränderungen ins Werk zu setzen, die Kontingenzen des 
Überlebens entsprechen. 

Zwischen biologischer und individueller Zweckbestimmtheit be- 
steht insofern ein Unterschied, als die letztgenannten gefühlt wer- 
den kann. Niemand hat den Zweck bei der Entwicklung der 
menschlichen Hand fühlen können, wohingegen ein Mensch in einem 
gewissen Sinne den Zweck fühlen kann, der ihn veranlaßt, eine 
Tonleiter flüssig zu spielen. Doch er spielt die Tonleiter nicht flüssig, 
weil er den Zweck dieser Handlung fühlt; was er fühlt, ist ein Ne- 
benprodukt seines Verhaltens in Relation zu seinen Folgen. Die 
Relation der menschlichen Hand zu den Kontingenzen des Über- 
lebens, unter denen sie sich entwickelte, liegt natürlich außerhalb 
der Reichweite persönlicher Beobachtung; aber das ist nicht der Fall 
bei der Relation des Verhaltens zu Kontingenzen der Verstärkung, 
die es hervorgebracht haben. 

Die wissenschaftliche Analyse des Verhaltens entsetzt den auto- 
nomen Menschen seiner Rechte und schreibt die Kontrolle, die er 
angeblich ausgeübt hat, der Umwelt zu. Der einzelne mag dann be- 
sonders ungeschützt und angreifbar erscheinen. Er wird dieser Ana- 
lyse zufolge von seiner Umwelt und zum großen Teil von anderen 
Menschen kontrolliert: Wird er dadurch nicht einfach zum Opfer, 
zum Betrogenen? Menschen sind zweifellos Betrogene gewesen, ge- 
nauso wie sie Betrüger gewesen sind, doch der Ausdruck ist an die- 
ser Stelle zu scharf. Er deutet auf eine Beraubung hin, doch ist Be- 
raubung keinesfalls eine wesentliche Folge interpersoneller Kon- 
trolle. Aber ist der einzelne nicht auch unter gutgemeinter Kon- 
trolle im allerbesten Fall ein Zuschauer, der dem, was geschieht, 
zwar beiwohnen kann, aber zu ohnmächtig ist, um das Geschehen 
zu beeinflussen? Ist er nicht <in eine Sackgasse hineingeraten in 
seinem langen Kampf um die Kontrolle seines eigenen Schicksals»? 

Die Umwelt wird von Menschen geschaffen. Nur der autonome 
Mensch» ist in eine Sackgasse hineingeraten. Der Mensch selbst kann 
von seiner Umwelt kontrolliert werden, doch ist diese Umwelt fast 
durchweg von ihm selbst geschaffen. Die physische Umwelt der 


210 



meisten Menschen ist großenteils künstlich. Der Boden, den wir be- 
gehen, die Wände, die Schutz bieten, die Kleidung, ein Großteil der 
Nahrungsmittel, die Werkzeuge, die wir benutzen, die Fahrzeuge, 
mit denen wir uns fortbewegen, die meisten Dinge, denen wir zu- 
hören oder die wir betrachten, sind menschliche Erzeugnisse. Die 
soziale Umwelt ist ganz offensichtlich von Menschen gemacht - sie 
erzeugt die Sprache, die der Mensch spricht, die Sitten, denen er ge- 
horcht, das Verhalten, das er in Hinsicht auf ethische, politische, 
wirtschaftliche, erzieherische und psychotherapeutische Institutionen 
äußert, von denen er kontrolliert wird. Die Evolution einer Kultur 
ist in der Tat eine Art gigantische Einübung in Selbstkontrolle. So 
wie sich die Einzelperson selbst kontrolliert, indem sie die Welt, in 
der sie lebt, manipuliert, so hat auch der menschliche Spezies eine 
Umwelt geschaffen, in der sich ihre Angehörigen auf höchst effek- 
tive Weise verhalten. Natürlich sind Fehler gemacht worden, und 
wir besitzen keine Gewähr dafür, ob die Umwelt, die der Mensch 
geschaffen hat, ihm auch weiterhin Vorteile einbringen wird, die 
die Verluste aufwiegen werden. Doch der Mensch, so wie wir ihn 
kennen, ist das, was der Mensch aus dem Menschen gemacht hat. 

Jene, die da <Opfer> rufen, wird das kaum befriedigen. C. S. 
Lewis protestierte: «... die Macht des Menschen, aus sich selbst zu 
machen, was er will . . . läuft hinaus auf . . . die Macht einiger Men- 
schen, aus anderen Menschen das zu machen, was sie wollen.» Das 
liegt unvermeidlich in der Natur einer kulturellen Evolution. Das 
kontrollierende Ich muß unterschieden werden von dem kontrol- 
lierten Ich, auch wenn beide von derselben Haut umschlossen wer- 
den; und wenn Kontrolle durch die Planung einer externen Um- 
welt ausgeübt wird, sind diese Ichs, mit unwesentlichen Ausnahmen, 
voneinander unterschieden. Jemand, der intentional oder nicht 
intentional eine neue kulturelle Praxis einführt, ist nur einer unter 
möglicherweise Milliarden anderer, die dadurch beeinflußt werden. 
Wenn das nicht nach einem Akt von Selbstkontrolle aussieht, dann 
nur deshalb, weil wir die Natur der Selbstkontrolle in der Einzel- 
person mißverstanden haben. 

Wenn eine Person ihre physische oder soziale Umwelt <intentio- 
nal> verändert - das heißt, um menschliches Verhalten, möglicher- 
weise einschließlich ihres eigenen, zu verändern spielt sie zwei 


211 



Rollen: Als Planer einer kontrollierenden Kultur ist sie Kontrolleur 
und als das Produkt einer Kultur ist sie Kontrollierter. Wir haben 
es hier nidit mit einem inneren Widerspruch zu tun, da diese Dinge, 
gleidi ob mit oder ohne intentionale Planung, in der Natur kultu- 
reller Evolution begründet sind. 

Ändert sich der Mensch? Die menschliche Spezies hat sich in der 
Zeit, die durch Zeugnisse belegbar ist, genetisch wahrscheinlich nicht 
sehr verändert. Wir müssen nur etwa tausend Generationen zurück- 
gehen, um bei den Künstlern der Höhlen von Lascaux anzulangen. 
Merkmale, die von unmittelbarer Bedeutung für das Überleben 
sind (zum Beispiel Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten), ver- 
ändern sich zwar durch tausend Generationen hindurch ganz erheb- 
lich; doch wenn man das Kind eines der Lascaux-Künstler in die 
Welt von heute verpflanzen könnte, wäre es von einem unserer 
Kinder kaum zu unterscheiden. Es ist möglich, daß das Lascaux- 
Kind langsamer als sein modernes Gegenstück lernen würde, daß 
es nur ein kleineres Repertoire behalten könnte, ohne verwirrt zu 
werden, oder daß es rascher vergessen würde; das wissen wir nicht. 
Doch wir sind dessen sicher, daß ein Kind des 20. Jahrhunderts, 
wenn man es in die Zivilisation von Lascaux verpflanzen könnte, 
sich nicht besonders von den Kindern dort unterscheiden würde; 
denn wir haben gesehen, was geschieht, wenn ein Kind von heute in 
einer verarmten Umwelt aufwächst. 

Als Person hat sich der Mensch selbst erheblich verändert, indem 
er in derselben Zeit die Welt, in der er lebte, veränderte. Es dürften 
an die hundert Generationen sein, die zur Entwicklung des heutigen 
religiösen Brauchtums nötig waren, und eine ähnliche Zeitspanne 
können wir für Regierungs- und Rechtssysteme veranschlagen. 
Vielleicht sind es nicht mehr als zwanzig Generationen, die zur Ent- 
wicklung moderner industrieller Verfahren nötig waren, und zur 
Entfaltung des heutigen Erziehungswesens und der Psychotherapie 
waren wahrscheinlich nicht mehr als vier oder fünf Generationen nö- 
tig. Die physikalischen und biologischen Technologien, die die Reak- 
tionsfähigkeit des Menschen auf seine Umwelt und seine Fähigkeit, 
diese Umwelt zu verändern, erhöht haben, haben zu ihrer Entwick- 
lung auch kaum mehr als vier oder fünf Generationen gebraucht. 


212 



Der Mensch hat <sein eigenes Schicksal bestimmt^ wenn dieser 
Satz überhaupt etwas bedeutet. Der Mensch, den der Mensch ge- 
schaffen hat, ist das Erzeugnis der Kultur, die der Mensch ent- 
wickelt hat. Er ist aus zwei sehr unterschiedlichen Evolutionspro- 
zessen hervorgegangen: Aus der biologischen Evolution, verant- 
wortlich für die menschlichen Spezies, und aus der kulturellen Evo- 
lution, verwirklicht von dieser Spezies. Diese beiden Evolutions- 
prozesse beschleunigen sich heute, weil beide seiner intentionalen 
Planung unterworfen sind. Der Mensch hat bereits seine Erbanlage 
verändert, indem er sich selektiv fortpflanzte und indem er Kon- 
tingenzen des Überlebens verändert hat, und nun kann er sich 
daranmachen, Mutationen einzuführen, die in direktem Bezug zum 
Überleben stehen. Lange Zeit hat der Mensch neue Verfahren ein- 
geführt, die sich als kulturelle Mutationen auswirkten, und so hat 
er die Bedingungen verändert, unter denen Verfahren ausgelesen 
werden. Heute kann er damit beginnen, beides zu tun, allerdings 
mit einem wachsameren Auge auf die Folgen. 

Der Mensch wird wahrscheinlich fortfahren, sich zu verändern, 
doch wir können nicht sagen, in welche Richtung. Niemand hätte 
die Evolution der menschlichen Spezies zu irgendeinem Punkt ihrer 
Frühgeschichte Voraussagen können, und die Richtung, die eine in- 
tentionale genetische Planung nehmen wird, wird von der Evolu- 
tion einer Kultur abhängen, die aus ähnlichen Gründen ebenfalls 
nicht voraussagbar ist. «Die Grenzen der Vervollkommnung der 
menschlichen Spezies», erklärte fitienne Cabet 1848 in seiner 
<Voyage en Icarie>, «sind nach wie vor unbekannt.» Aber natürlich 
gibt es keine Grenzen. Die menschliche Spezies wird nie ein End- 
stadium der Vollkommenheit erreichen, bevor sie vernichtet wird 
- <manche sagen im Feuer, manche im Eis> und manche in radio- 
aktiver Strahlung. 

Der einzelne und die Kultur. Die Einzelperson nimmt in einer 
Kultur einen Platz ein, der dem Platz gleicht, den sie in der Spezies 
einnimmt"'. Dieser Platz war in den Anfängen der Evolutions- 

* Vgl. Ernst Mayr: <Agi$siz, Darwin and Evolution>. In: Harvard Li- 
brary Bulletin, 1959, Nr. 2. 


213 



theorie heftig umstritten. War die Spezies nichts als eine Art von 
Einzelperson, und wenn ja, in welchem Sinne konnte sie sich ent- 
wickeln? Darwin selbst meinte von den Arten, sie seien «rein sub- 
jektive Erfindungen des Systematikers». Eine Spezies hat keine 
Existenz außer der Existenz in Form einer Ansammlung von Ein- 
zelpersonen, und dasselbe gilt für die Familie, den Stamm, die 
Rasse, das Volk oder die Klasse. Eine Kultur existiert nur in Form 
jenes Verhaltens der Einzelpersonen, die ihre Praktiken aufrecht- 
erhalten. Es ist immer eine Einzelperson, die sich verhält, die auf 
die Umwelt reagiert und dabei von den Folgen ihres Handelns ver- 
ändert wird und die die sozialen Kontingenzen aufrechterhält, die 
eine Kultur sind. Die Einzelperson ist der Träger sowohl ihrer Spe- 
zies als auch ihrer Kultur. Kulturelle Praktiken werden, wie gene- 
tische Merkmale, von einer Einzelperson an die andere weitergege- 
ben. Eine neue Praxis, und dasselbe gilt für ein neues genetisches 
Merkmal, tritt zuerst in einer Einzelperson auf und wird am ehe- 
sten dann weitergegeben, wenn sie zu ihrer Erhaltung als Einzel- 
person beiträgt. 

Trotzdem ist die Einzelperson höchstens ein Ort, an dem sich 
viele Entwicklungslinien zu einem einzigartigen Komplex ver- 
flechten. Ihre Individualität ist unbestritten. Jede Zelle in ihrem 
Körper ist ein einzigartiges Ergebnis, genauso einzigartig wie jenes 
klassische Merkmal einer Individualität, der Fingerabdruck. Und 
sogar innerhalb einer überaus durchorganisierten Kultur ist jede 
persönliche Entwicklungsgeschichte einzigartig. Keine intentionale 
Kultur kann diese Einzigartigkeit zerstören, und, wie wir gesehen 
haben, würde jeder Versuch in diese Richtung auf schlechte Planung 
hinauslaufen. Trotzdem aber bleibt die Einzelperson bloß ein Sta- 
dium in einem Prozeß, der, lange bevor sie ins Leben trat, einsetzte 
und der sie bei weitem überdauern wird. Sie trägt nicht die letzte 
Verantwortung für ein Merkmal einer Spezies oder für eine kul- 
turelle Praxis, obgleich es sie war, die sich dieser Mutation unter- 
zogen hat oder die jene Praxis eingeführt hat, welche zu einem 
Bestandteil der Spezies beziehungsweise der Kultur geworden ist. 
Hätte Lamarck mit seiner Annahme recht gehabt, daß die Einzel- 
person ihre Erbstruktur durch persönliche Bemühung verändern 
konnte, müßten wir doch auf die Umweltbedingungen hinweisen, 


214 



die für diese Bemühungen verantwortlich wären, und dasselbe müs- 
sen wir tun, wenn Genetiker die menschliche Erbanlage zu verän- 
dern beginnen. Und wenn eine Einzelperson sich für die intentio- 
nale Planung einer kulturellen Praxis einsetzt, müssen wir uns mit 
der Kultur auseinandersetzen, die sie dazu veranlaßt und die ihr 
die Kunst oder Wissenschaft liefert, derer sie sich bedient. 

Der Tod. Eines der großen Probleme des Individualismus, das 
selten als solches erkannt wird, ist der Tod - das unentrinnbare 
Schicksal der Einzelperson, der letzte Angriff gegen Freiheit und 
Würde. Der Tod ist eines jener entlegenen Ereignisse, die sich auf 
Verhalten nur über kulturelle Praktiken auswirken. Was wir sehen, 
ist der Tod anderer, wie Pascals berühmte Metapher veranschau- 
licht: «Stellen sie sich eine Anzahl Männer in Ketten vor, alle zum 
Tode verurteilt, und jeden Tag werden einige von ihnen vor den 
Augen der anderen hingeschlachtet; jene, die Zurückbleiben, sehen 
ihre eigene Lage gespiegelt in der ihrer Gefährten, und indem sie 
einander anblicken in Kummer und Verzweiflung, warten sie, bis 
sie an die Reihe kommen. Das gibt uns eine Vorstellung von der 
menschlichen Lage.» Manche Religionen haben den Tod wichtiger 
erscheinen lassen, indem sie ein Leben danach im Himmel oder in 
der Hölle ausmalten; doch hat der Individualist einen besonderen 
Grund für seine Angst vor dem Tod, an dem nicht eine Religion, 
sondern die Literatur der Freiheit und der Würde die Schuld trägt. 
Wir meinen die Aussicht auf die Vernichtung der Person. Der Indi- 
vidualist kann keinen Trost in Reflexion über irgendeinen Beitrag 
finden, den er geleistet hat und der ihn überdauern wird. Er hat es 
abgelehnt, zum Wohl anderer zu handeln, und wird daher nicht 
durch die Tatsache verstärkt, daß ihn andere, denen er geholfen 
hat, überleben werden. Er hat es abgelehnt, sich für die Erhaltung 
seiner Kultur einzusetzen, und so wird er nicht durch die Tatsache 
verstärkt, daß ihn diese Kultur bei weitem überdauern wird. In 
der Verteidigung seiner eigenen Freiheit und Würde hat er die Lei- 
stungen der Vergangenheit abgelehnt, und so muß er jeden An- 
spruch auf die Zukunft aufgeben. 


215 



Widerstand der Traditionalisten. Die Wissenschaft hat wahr- 
scheinlich noch nie eine größere Veränderung der traditionellen 
Denkweise über einen gewissen Gegenstand gefordert; es hat auch 
noch nie einen so wichtigen Gegenstand gegeben. Der überkomme- 
nen Vorstellung nach nimmt ein Mensch die Welt um sich herum 
wahr, wählt die wahrzunehmenden Dinge aus, unterscheidet zwi- 
schen ihnen, beurteilt sie als gut oder schlecht, verändert sie, um sie 
zu verbessern (oder, wenn er unachtsam verfährt, zu verschlim- 
mern), und er kann für sein Handeln verantwortlich gemacht und 
zu Recht für die Folgen belohnt oder bestraft werden. Der wissen- 
schaftlichen Anschauung nach ist ein Mensch ein Einzelwesen aus 
einer bestimmten Spezies, das von evolutionären Kontingenzen des 
Überlebens geprägt ist und bestimmte Verhaltensprozesse verwirk- 
licht. Diese Verhaltensweisen bringen ihn unter die Kontrolle der 
Umwelt, in der er lebt, und großenteils auch unter die Kontrolle 
der sozialen Umwelt, die von ihm und Millionen seinesgleichen im 
Verlauf der Evolution von Kulturen hervorgebracht und erhalten 
wurde. Die Richtung der kontrollierenden Relation verkehrt sich: 
Eine Person wirkt nicht handelnd auf die Welt ein, sondern die 
Welt wirkt handelnd auf die Person ein. 

Es ist schwierig, eine solche Umwälzung vom intellektuellen 
Standpunkt aus einfach anzuerkennen. Fast unmöglich ist es, ihre 
Implikationen anzuerkennen. Die Reaktion des Traditionalisten 
wird gewöhnlich in Form von Empfindungen formuliert. Eine die- 
ser Empfindungen, mit der Freudianer den Widerstand gegen die 
Psychoanalyse zu erklären versuchten, heißt verletzte Eitelkeit. 
Wie Freuds Biograph Ernest Jones schreibt, hat Freud selbst jene 
«drei schweren Schläge [erläutert], die der Narzismus oder die 
Selbstliebe der Menschheit durch die Wissenschaft einstecken mußte. 
Der erste war kosmologischer Art und kam von Kopernikus; der 
zweite war biologischer Art und kam von Darwin; der dritte war 
psychologischer Art und kam von Freud.» (Diesen Schlag mußte 
jener Glaube erleiden, daß etwas im Kern des Menschen alles 
wisse, was in ihm vor sich geht, und daß ein Instrument namens 
Willenskraft den Rest seiner Persönlichkeit beherrsche und kon- 
trolliere.) Doch welcher Art sind die Anzeichen oder Symptome 
einer verletzten Eitelkeit, und wie sollen wir sie erklären? Was die 


216 



Menschen angesichts einer solchen wissenschaftlichen Vorstellung 
vom Menschen unternehmen , ist, daß sie sie als falsch, als erniedri- 
gend oder als gefährlich bezeichnen, daß sie gegen sie argumentie- 
ren und jene angreifen, die sie empfehlen oder verteidigen. Sie tun 
das nicht aus verletzter Eitelkeit, sondern weil die wissenschaftliche 
Formulierung altgewohnte Verstärker zerstört hat. Wenn eine Per- 
son nicht mehr für das, was sie tut, anerkannt oder bewundert wer- 
den kann, scheint sie zum Opfer eines Verlustes an Wert und Würde 
zu werden; Verhalten, das bis dahin durch Anerkennung und Be- 
wunderung verstärkt worden ist, wird ausgelöscht. Eine solche Aus- 
lÖschung aber führt häufig zu heftiger Gegenwehr. 

Eine andere Auswirkung dieser wissenschaftlichen Anschauung hat 
man als Verlust an Glaube oder <Seelenstärke> beschrieben, als ein 
Gefühl des Zweifels oder der Ohnmacht oder auch der Entmutigung, 
der Depression oder Mutlosigkeit. Der Mensch fühlte, so heißt es, 
daß er in bezug auf sein eigenes Schicksal nichts tun könne. Doch 
was er wirklich fühlt, ist eine Schwächung alter Reaktionen, die 
nicht mehr verstärkt werden. Die Menschen sind in der Tat <madit- 
los>, wenn sich eingefleischte verbale Repertoires als nutzlos erwei- 
sen. So hat sich zum Beispiel ein Historiker * beklagt, daß es nichts 
mehr gäbe, worüber man schreiben könnte, wenn die Taten der 
Menschen ad acta gelegt werden müßten «als das bloße Produkt 
einer materiellen und psychologischen Konditionierung»; «Verän- 
derung muß zumindest teilweise das Ergebnis einer bewußten Tätig- 
keit sein». 

Eine weitere Erklärung besteht in einer Art Sehnsucht nach Ver- 
gangenem. Alte Repertoires kommen wieder zum Vorschein, wenn 
Vergleiche zwischen Gegenwart und Vergangenheit übersteigert 
werden. Die alte Zeit wird zur guten alten Zeit, in der die dem 
Menschen eingeborene Würde und die Wichtigkeit geistiger Werte 
erkannt wurden. Solche Fragmente veralteten Verhaltens neigen 
dazu, sich wehmutsvoll zu gebärden - das heißt, in ihnen kommt 
zusehends erfolgloses Verhalten zum Ausdruck. 

Diese Reaktionen auf eine wissenschaftliche Sicht vom Menschen 
sind ohne Zweifel bedauerlich. Sie lähmen Menschen, die guten 

* H. Stuart Hughes: <Consciousness and Society >. New York 1958. 


217 



Willens sind, und jeder, dem die Zukunft seiner Kultur am Herzen 
liegt, wird alles tun, was er kann, um sie zu korrigieren. Keine 
Theorie verändert das, worüber sie als Theorie handelt. Ein Gegen- 
stand wird nicht verändert, wenn wir ihn unter einem neuen Ge- 
sichtspunkt sehen, wenn wir auf neue Weise über ihn diskutieren 
oder wenn wir ihn einer neuen Analyse unterziehen. Keats ergriff 
Verwirrung angesichts Newtons Analyse des Regenbogens, doch 
büßte der Regenbogen deshalb nicht seine Schönheit ein, und für 
viele Menschen wurde er sogar noch schöner. Der Mensch hat sich 
nicht verändert, weil wir uns mit ihm befassen, weil wir über ihn 
diskutieren und weil wir ihn wissenschaftlich analysieren. Seine 
Leistungen in der Wissenschaft, in der Politik, in der Religion, in 
der Kunst und in der Literatur bleiben das, was sie immer gewesen 
sind - so bewunderungswürdig wie ein Sturm zur See oder wie 
Herbstlaub oder wie ein Berggipfel. Das hat nichts mit den Ur- 
sprüngen und mit einer wissenschaftlichen Analyse dieser Leistun- 
gen zu tun. Was sich verändert, ist unsere Möglichkeit, im Hinblick 
auf den Gegenstand einer Theorie etwas zu unternehmen. Newtons 
Analyse des Regenbogens war ein Schritt in Richtung auf den 
Laser. 

Die traditionelle Vorstellung vom Menschen schmeichelt ihm; sie 
räumt ihm verstärkende Vorrechte ein. Daher läßt sie sich leicht 
verteidigen und nur mit Mühe verändern. Diese Vorstellung diente 
dazu, aus der Einzelperson ein Instrument der Gegenkontrolle zu 
machen, und das ist ihr auch gelungen, allerdings in einer Weise, 
die jeden Fortschritt einengt. Wir haben gesehen, wie die Literatur 
der Freiheit und der Würde, mit ihrer Besorgnis um den autono- 
men Menschern, den Gebrauch von Strafmaßnahmen perpetuiert 
und allenfalls noch die Benutzung von schwächlichen nicht-puniti- 
ven Techniken entschuldigt hat. Man könnte leicht die Verbindun- 
gen zwischen dem uneingeschränkten Recht der Einzelperson, nach 
Glück zu streben, und den uns durch unkontrollierte Fortpflanzung 
drohenden Katastrophen nachweisen; oder jene zwischen uneinge- 
schränkter Ausbeutung, die die Rohstoffvorräte erschöpft und die 
Umwelt verschmutzt, und der drohenden Gefahr eines Atomkrie- 
ges. 


218 



Hilfe durch Verhaitenstechnologie. Physikalische und biologi- 
sche Technologien haben uns befreit von Seuchen, Hungersnöten 
und vielen schmerzhaften, gefährlichen und kräftezehrenden Merk- 
malen des Alltags. Nun kann eine Verhaltens tedinologie beginnen, 
uns von anderen Arten von Übeln zu befreien. Bei der Analyse 
menschlichen Verhaltens befinden wir uns möglicherweise in einem 
Stadium, das demjenigen entspricht, in dem sich Newton bei der 
Analyse des Lichts befand; denn wir haben gerade erst angefangen, 
Technologien praktisch anzuwenden. Es gibt wunderbare Möglich- 
keiten - um so wunderbarer, weil traditionelle Versuche in diese 
Richtung so wirkungslos geblieben sind. Eine Welt ist zwar nur 
schwer vorstellbar, in der Menschen friedlich zusammen leben; in 
der sie sich selbst erhalten, indem sie die Nahrungsmittel, die Un- 
terkünfte und die Kleidung erzeugen, die sie benötigen; in der sie 
sich selbst unterhalten und zur Unterhaltung anderer beitragen, sei 
es nun in der Kunst, Musik, Literatur oder im Spiel; in der sie die 
Hilfsquellen der Natur nicht gedankenlos ausbeuten und der Um- 
weltverschmutzung steuern; in der sie nur so viel Kinder haben, 
wie sie vernünftigerweise großziehen können; in der sie fortfahren, 
die Welt, die sie umgibt, zu erforschen, und in der sie bessere Mög- 
lichkeiten entdecken, mit ihr zu Rande zu kommen; und in der sie 
sich selbst genau kennenlernen und dadurch lernen, mit sich selbst 
umzugehen. Doch all dies ist möglich, und sogar die geringfügigsten 
Anzeichen eines Fortschritts dürften bereits eine Veränderung zur 
Folge haben, von der in traditionellen Begriffen behauptet werden 
dürfte, daß sie die verletzte Eitelkeit lindere, daß sie ein Gefühl 
der Hoffnungslosigkeit oder der Sehnsucht nach Vergangenem auf- 
wiege, daß sie den Eindruck korrigiere, nach dem <wir für uns selbst 
weder etwas tun können noch brauchen>, und daß sie ein <Gefühl 
von Freiheit und Würde> fördere, indem <ein Gefühl des Vertrauens 
und des Verdiensts> entsteht. Anders ausgedrückt dürfte eine solche 
Veränderung jene Menschen verstärken, die durdi ihre Kultur ver- 
anlaßt worden sind, zu deren Erhaltung beizutragen. 


219 



Der experimentellen Analyse zufolge verlagert sich die Determina- 
tion des Verhaltens vom <autonomen Menschen» auf die Umwelt, 
die sowohl für die Evolution der Spezies als audi für das Repertoire, 
das jedes ihrer Mitglieder erworben hat, verantwortlich ist. Die 
ersten Entwürfe einer Umwelttheorie waren unzulänglich, weil sie 
nicht erklären konnten, wie die Umwelt funktioniert; so blieb noch 
vieles dem autonomen Menschen» überlassen. Heute übernehmen 
allerdings Umweltkontingenzen Funktionen, die einst dem auto- 
nomen Menschen» zugeschrieben worden sind. So stellen sich be- 
stimmte Fragen. Wird der Mensch <abgeschafft> werden? Er wird 
gewiß nicht abgeschafft werden als Spezies oder als Einzelperson, 
die bestimmte Dinge erstrebt und vollbringt. Es ist der autonome 
innere Mensch, der abgeschafft wird, und das ist ein guter Schritt 
voran. Aber wird der Mensch dadurch nicht zum Betrogenen oder 
zu einem passiven Beobachter dessen, was mit ihm geschieht? Er 
wird in der Tat von seiner Umwelt kontrolliert, doch dürfen wir 
nicht vergessen, daß dies eine Umwelt ist, die er großenteils selbst 
geschaffen hat. Die Evolution einer Kultur ist eine gewaltige Ein- 
übung in Selbstkontrolle. Viele behaupten, die wissenschaftliche 
Sicht des Menschen führe zu verletzter Eitelkeit, zu einem Gefühl 
der Hoffnungslosigkeit und zu einer Sehnsucht nach Vergangenem. 
Aber keine Theorie ändert das, worüber eine Theorie handelt; der 
Mensch bleibt, was er immer gewesen ist. Dagegen kann eine neue 
Theorie die Möglichkeit verändern, auf den Gegenstand einzuwir- 
ken. Die wissenschaftliche Sicht des Menschen bietet erregende Mög- 
lichkeiten. Wir haben noch nicht erkannt, was der Mensch aus dem 
Menschen machen kann. 



Danksagungen 


Die Entstehung dieses Buches wurde gefördert durch die National 
Institutes of Mental Health, Grant number K6-MH-21, 775-01. 

Einige Gegenstände dieses Buches wurden in früheren Darstellun- 
gen schon behandelt: «Freedom and the Control of Men», <The 
American Sdiolar> (Winter 1955/56); «The Control of Human Be- 
havior», <Transactions of the New York Avademy of Scienc es> 
(Mai 1955); «Some Issues concerning the Control of Human Be- 
havior> (zusammen mit Carl R. Rogers), <Science>, 1956, 124, 1057 
bis 1066; «The Design of Cultures», <Daedalus> (1961, Sommer- 
ausgabe); und Abschnitt VI von «Sciences and Human Behavior». 
Die Mead-Swing- Vorlesungen, die ich im Oktober 1959 am Ober- 
lin College gehalten habe, beschäftigten sich mit der gleichen The- 
matik. 

Für redaktionelle und andere Hilfe bei der Vorbereitung des Ma- 
nuskriptes bin ich Caroll L. Smith zu großem Dank verpflichtet so- 
wie George C. Homans für seine kritische Durchsicht.